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Oberschwaben



Oberschwaben ist das Land zwischen Donau und Bodensee, Alb und Alpen, sagt das Lexikon, und der Reisende: Es ist da, wo die Dörfer weiter gestreut sind als am Neckar, dafür fast jeder größere Ort eine frühere Freie Reichsstadt oder doch im Besitz einer stattlichen Barockkirche und auf jeden Fall eines sehr guten Gasthofs. So viel ist sicher, auch daß es als Gegenstück kein Niederschwaben gibt, obwohl es vor rund 130 Jahren noch hieß: »Der Niederschwabe ist bei sehr schmaler Kost ungemein thätig und zähe; dagegen der Oberschwabe bei guter Kost bequemer und weicher.« Damals gab es auch einen lokalpatriotischen Sängerwettstreit: Die einen priesen die Treue, den Wein, die Wärme von denen »Drunten im Unterland« - und das kam sogar in die Kommersbücher - worauf ein Hermann Georg Knapp mit dem Lob von »Droba im Oberland« entgegnete.

      Ober- und Unterland meinten nicht immer das gleiche wie Ober- und Niederschwaben, und auch heute, da eine »Region Bodensee-Oberschwaben« durch die Kreisreform geschaffen ist, mit den drei Kreisen Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis, lebt die Erinnerung an größere politische Zusammenhänge fort, von denen kulturell nicht nur die historischen Denkmale zeugen, von Ottobeuren bis Kloster Birnau. Auch die Lebens- und Menschenart erinnert daran, daß dies Gebiet einmal ein Stück Oberösterreich war, aber dabei dem Hause Habsburg nur sehr begrenzt gehörte, so wenig, daß 1755 ein Gelehrter klagte, aus dem Mittelalter sei »keine hinlängliche Nachricht« über die Grenzen von Oberschwaben überliefert. Daß die eingesetzten Landvögte in Altdorf, dem späteren Weingarten, sich nur sehr begrenzt als Herren fühlen konnten, ist aus dem klotzigen Turm, dem »Mehlsack«, abzulesen, den die Ravensburger ihnen fast vor die Tür setzten. Sie hatten es mit dreizehn Freien Reichsstädten zu tun, mit reichen Klöstern, adligen Herren, auch mit bäuerlichen Gemeinschaften, die ihre Sonderrechte hatten wie die »Freyen Leuth uf Leuthkircher Heyd«, kurz mit Freiheiten aller Art und Grade. Etwas von dieser Tradition blieb erhalten, als sich die Anlieger, Bayern und Württemberg, in die fette Beute teilten; noch heutzutage wecken Diskussionen, ob Oberschwaben »eigentlich« bis zur Hier oder bis zum Lech geht, ob das ganze Allgäu dazugehört, 700 Jahre alte Emotionen. Im Widerstand gegen die Vögte hat sich ein dauerhaftes Selbstbewußtsein gebildet.
      Gelegentlich wurden die Memminger als »richtige Zahler und gute Nachbarn« gelobt, aber sonst leistete das Land, auch wenn es keinen Wilhelm Teil hervorbrachte, das seine an zäher Aufsässigkeit. Und dabei gedieh es erstaunlich, wenn es nicht, wie im Dreißigjährigen Krieg, von Mordbanden überschwemmt wurde. Aber schon fünfzig Jahre später werden vom Kloster Weingarten, das damals die »hohe malefi-zische Gerichtsbarkeit« auf seinem Gebiet ausübte, in zwei Jahrzehnten nicht mehr als 27 Straftaten abgeurteilt, davon mehr als ein Viertel Ehebrüche, und als eine der schwersten ein »ohnglücklicher WurfF auffsein Weib, worab sie des todtes verblich«. Es gab auch hier Räuberbanden, aber nur hier wurde der böseste Räuberhauptmann, der Schwarze Vere, von der himmlischen Gerechtigkeit unmittelbar gestraft, durch einen Blitzschlag. Das geschah in Biberach, das ebenso wie Ravensburg in dem katholischen Land im Westfälischen Frieden einen paritätischen Status bekam, wie sonst nur noch Augsburg und Dinkelsbühl. Ohne einiges bürokratisches Tauziehen ging das nirgends ab, aber in Ravensburg teilten bis 1805 die Konfessionen eine Kirche, in Biberach tun sie es noch heute. In beiden Städten, die »in denen mittleren Zeiten« kräftig Handel trieben und früh, besonders Ravensburg, Papier produzierten, liebte man schon immer das Theater. Zeitweise gab es, wegen der Parität, je zwei bürgerliche Komödiengesellschaften und, da man in Oberschwaben Ehrbarkeit mit Vergnüglichkeit verbindet, auch strenge Ratsordnungen für die Schauspieler wie die von 1698: »Es sollen alle und jede Agenten sich fleißig vorsehen, daß sie mit keinem Rausch auf das Theatrum kommen und dadurch der Aktion keinen Schimpf zuziehen«, auch sollten sie »innerhalb des Hauses dess Tabak-Trinkens müßig stehen«. Direktor der »löblichen Evangelischen Komödiengesellschaft« in Biberach wurde 1760 der »Herr Kanzleiverwalter Wieland«, Christoph Martin mit Vornamen, von dessen Shakespeare-Ãobersetzungen hier viele aufgeführt wurden, zuerst »Der erstaunliche Schiffbruch oder die verzauberte Insel«, also »Der Sturm«.
      Aber weder Wieland noch die beiden künstlerisch begabtesten Biberacher hielt es auf die Dauer im oberschwäbischen Idyll. Der Maler Schönfeld ging erst nach Italien, dann nach Augsburg, den Goldschmied Dinglinger holte sich August der Starke nach Dresden, erst J. B. Pflug blieb daheim und nährte sich redlich von seinen amüsanten lokalen Genrebildern - alles zusammen und vieles mehr findet man im »Braith-Mali-Museum«, das »der Spital« beherbergt, eine mittelalterliche Stiftung, die so ungewöhnlich ist wie der Gebrauch des grammatischen Artikels. Ein eigenes Museum, sehr reizend, bekam Wieland, obwohl die Biberacher über seine »Abderiten«, eine recht böse Kleinstadtsatire, nicht gerade entzückt waren. Wer bauen wollte und konnte - und jeder, der konnte, wollte auch bauen -, holte sich den besten Architekten, gleichviel woher. So läßt sich auf kleinem Raum die ganze Entwicklung der Barockkirchen ablesen, vom frühen, kühlen Obermarchtal über das glänzende Weingarten, den größten zeitgenössischen Sakralbau in Deutschland, bis zur wieder kühleren, schon klassizistischen Stiftskirche in Buchau von dTxnard. Zu den schönsten Klosterbibliotheken gehören die von Schussenried und Wiblingen bei Ulm, zu den größten Ãoberraschungen in abgelegener dörflicher Umgebung die Wallfahrtskirche Steinhausen, die ältere Schwester der Wies. Baindt, Weissenau, Ochsenhausen, Rot an der Rot - Geburtsort des Holzschneiders HAP Grieshaber -, Zwiefalten: Es ist schwer aufzuhören, wenn man einmal mit dem Aufzählen angefangen hat. Und dabei sind noch nicht die Schlösser genannt wie Waldburg, Wolfegg und Tettnang, und nicht die Rathäuser und Türme.
      Dennoch ist Oberschwaben alles andere als eine museale Landschaft, die Neigung zu den Künsten und das Mäzenatentum sind nicht mit dem Grafen Stadion ausgestorben, auf dessen Schloß Wieland oft zu Besuch war. Bekannt sind die Ausstellungen der »Fähre Saulgau«, außerdem, auch das gehört zur oberschwäbischen Kultur, gibt es da einen Gasthof, der seit der Zeit der Thurn und Taxis der gleichen Familie gehört; in Bad Buchau, wo man im Museum alles über Pfahlbauten erfahren kann, hat ein geistlicher Herr eine schöne Privatsammlung moderner Malerei aufgebaut. Schließlich ist neben vielen einzelnen, meist eigenwilligen Künstlern die »Sezession Bodensee-Oberschwaben« bekannt, weit über die geschrumpften Grenzen Oberschwabens hinaus.
     

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