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Die Wetterau



Eine Vorrede, zur Entschuldigung. Als der Mensch auf die Welt kam, fand er unberührte Landschaften vor, einige berührte er, und es wurden Kulturlandschaften, und einige berührte er zu stark, und es wurden Industrielandschaften. Vollkommen ist eine Industrielandschaft, wenn die Landschaft vollkommen unter der Industrie begraben ist. Als ich auf die Welt kam, fand ich keine Landschaft vor, nicht die Spur. Was ich sagen will: wer Glück hat, wird in eine Landschaft hineingeboren und von ihr geprägt, wer Pech hat, wird in einen Ballungsraum hineingeboren und geformt von der Infrastruktur; nicht Heimaterde hat er unter den Füßen, sondern Pflastersteine - und was eine richtige Landschaft ist, lernt er vielleicht erst in der Schule.

      Ich erinnere mich eines Lehrers: sein Blick schweifte böse über die Wetterau, die unberührt in blauer Schönschrift vor ihm ausgebreitet lag, seine Hand zuckte, man sah direkt, wie ihm Blut und Tinte in Wallung kamen, sein Puls fiel auf fünf minus, und er verschandelte die ganze Landschaft, die ich mühsam erschaffen hatte, Strich für Strich, sie färbte sich rot, als sei die untergehende Sonne über der Wetterau ausgelaufen. Ausdrucksfehler unterstrich er doppelt: toll hohes Gras, wahnsinnig dicke Bäume, Wasser wetzt gurgelnd durch die Gegend, ritt ein Bauer mit prima Pferd und Bäuerin ... »Dir fehlen die rechten Worte«, stand darunter, »eine Landschaft bildhaft zu beschreiben.« Von Landschaften verstand ich eben nichts, kein Wunder, wenn man so eine bäum- und strauchlose Kindheit hat. Aber an rechten Worten sollte es nicht fehlen. Beim nächsten Aufsatz, Thema Odenwald, lieh ich mir ein paar passende Worte aus einem Heimatbuch, ich verteilte stille Wiesengründe, anmutig murmelnde Bäche, sanfte Hügel, liebliche Auen und reizvolle, idyllische, malerische, romantische, verträumte, weltferne Dörfer geschickt auf die vti-schiedenen Absätze, und der Lehrer freute sich riesig über meine Fortschritte. Eine Kleinigkeit gab er zu bedenken: die Beschreibung, sagte er, paßt eigentlich besser auf den Taunus. Als der Taunus drankam, verwendete ich dasselbe Vokabular. Wir hatten aber einen neuen Lehrer, einen kurzsichtigen, wenn auch weitblickenden Pädagogen, der meinte, mein Aufsatz sei in gewisser Weise gelungen, obwohl er eher auf den Vogelsberg zuträfe. Jedenfalls lernte ich, daß man mit einer Handvoll griffiger Worte jede Landschaft erschließen kann, befriedigend bis ausreichend. Im ganzen - haltet euch an Worte! Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Zitieren ist auch immer gut. In jeder Landschaft steckt ein wahrer Zitatenschatz, grabt nur danach! Immer findet sich ein berühmterer Autor, der goldene Worte gesät hat, die zu ernten ihm zur Ehre und uns zu einer besseren Note gereicht. - Ist eine Landschaft extrem platt oder gebirgig, so muß man noch raffinierter vorgehen und den ganz typischen, im Boden verwurzelten Menschenschlag würdigen, der nirgends sonst wächst und gedeiht. Aber das ist nicht schwer, denn auch Oberbayern und Ostfriesen haben viel Verwandtes. Damals in der Schule, auf dem Höhepunkt meiner Landschaftspflege, erlitt ich dennoch einen Schiffbruch, und zwar bei einem dritten Lehrer, dem ich vier Seiten Westerwald im bewährten Stil vorlegte. Er las und dachte lange nach. Dann sagte er: »Was du da geschrieben hast, ist Wort für Wort die Wetterau!«
Die Wetterau verfolgt mich wie den Fritz die Brücke in Gellerts Geschichte. Ich werde mich hüten, je wieder über eine Landschaft zu schreiben. Ausgerechnet die Wetterau : diese zurückhaltende, unaufdringliche Landschaft vor der Frankfurter Haustür. Da müßte einer mit feineren Mitteln ans Werk. Einer, der genau hinsieht und dem Leser erklärt, warum ein Kornfeld in der Wetterau anders wogt als im Hunsrück, warum die Winde anders wehen und die Scholle anders duftet. Ich merke so was einfach nicht. Die landschaftlichen Unterschiede: man muß ein Gespür dafür haben. Ich zum Beispiel würde steif und fest behaupten, der Regen nördlich des Mains sei ebenso naß wie südlich des Mains. Mir fehlen nicht nur die Worte, mir fehlt die innige Beziehung. Zugegeben, ich bin der Wetterau näher gekommen als irgendeiner anderen Landschaft. Oft lag ich in ihren - na ja: heblichen Auen, freilich ohne Lust, nur so lange, bis die Tiefflieger vorbei waren. Ich war sieben Jahre alt, ein verängstigtes Stadtkind, in die fremde Natur evakuiert, und erlebte zwischen Friedberg und Nauheim weniger Landschaft als Krieg. Bei Fliegeralarm flüchteten wir in eine Höhle am Johannisberg. Die Amerikaner eroberten Frankfurt mit Bomben, aber Bad Nauheim mit Bonbons, sie verteilten süße Sachen, als sie einmarschierten, doch ich hatte keine Skrupel, heimlich Benzin aus einem Jeep in eine Dose zu füllen, um es anzuzünden; nachher bekam ich drei Tage lang Umschläge mit Borwasser. In der Usa wäre ich um ein Haar ertrunken. Ich habe das Rinnsal neulich wiedergesehen: Man muß schon sehr klein sein, um darin ertrinken zu können. Vielleicht wäre es einfacher, über eine große Landschaft zu schreiben? Die einzigen persönlichen Beziehungen, die ich je zu einer Landschaft hatte, sind ungut gewesen, alles war Zufall - wo sollte ich sie denn überhaupt anpacken, die Wetterau? Der Kunstführer packt sie so an: »Jene weite hügelige Senke zwischen Taunus und Vogelsberg ist charakteristisch durch ihre ausgedehnten fruchtbaren Feldfluren, die nur wenige Waldstreifen unterbrechen, durch ihr warmes, südlichen Luftströmen aufgeschlossenes Klima und durch große Einzelgehöfte, reiche Dörfer und städtische Siedlungen.« Zu lesen ist auch: »seit der Steinzeit besiedelt«, »Wälle und Kastelle des Limes«, »kunstgeschichtlich reiches Land. Jedes Dorf fast hat eine alte Pfarrkirche und viele gepflegte Fachwerkhäuser. Es ist unmöglich, in diesem gedrängten Rahmen alles zu erwähnen. . .« Das klingt nun sehr verlockend. Ob ich's doch versuche? Aber es wird nichts daraus. Wie soll man jetzt noch in diesem gedrängten Rahmen der Wetterau gerecht werden! Was müßte da alles erwähnt und dargestellt werden: Bad Vilbel mit seinen Bitzelwasserquellen; das herrische Prämonstraten-serkloster Ilbenstadt über dem Niddatal; der kleine Fluß Wetter, der so bescheiden ist wie die ganze Au; das Dorf Ziegenberg, wo Goethe Tee trank und Hitler Bunker bauen ließ; die vielen Burgen, vielen Schlösser; die schönen Städte Butzbach und Lieh und Grünberg. Und Friedberg. Die Stadt Friedberg, der mittelalterliche Markt, mit einer Hauptstraße, breit wie ein Pariser Boulevard... Wirklich schade, daß nun der Platz für eine Landschaftsbeschreibüng nicht mehr ausreicht.
     

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