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Die Schlierseer Berge



In sechs Minuten schwebt die Gondel von der Talstation in Bayrischzell hinauf zum Wendelstein, 1840 Meter hoch. Zacken wie im Bilderbuch, eine dunkelfeuchte Grotte zum Gruseln und natürlich Kreuz, Kapelle und Bierausschank dicht beieinander. Ein echter Höhepunkt des Tourismus und der Heimatverehrung. Die letzten Meter bis zur Spitze erreicht man bequem über betonierte Stufen auch auf Stöckelschuhen. Hier nun läßt's sich überblicken: das Oberland, Bayern nach Prospekt, unter freiem Himmel. Im Rücken die berühmten Mehrtausender der Ostalpen - doch die liegen meistens schon jenseits der Landesgrenze - davor bewaldete Kuppen und grasgrüne Matten, die sich in die Ebene buckeln. Vereinzelt geranien- und nelkengeschmückte Hütten und Höfe, selten ein Schornstein, öfter schon ein Zwiebelturm. Braun-weiß geschecktes Miesbacher Fleckvieh macht die Almbauern nicht reich, aber angesehen, sprenkelt die Weiden und kaut nach guter Rinderart gelassen wieder. Hier läßt sich's leben.

      Hier möchten viele leben. München liegt, vom Wendelstein aus betrachtet, weit am Horizont, doch in einer Autostunde sind die Millionendörfler im Oberland. Der »Siedlungsdruck«, stöhnen die Bürgermeister in Bay-rischzell, Schliersee oder Fischbachau, nehme zu, sei geradezu lästig. Nicht immer können sie ihm widerstehen. Wo viel Geld lockt, werden die Prinzipien weich. Wo es schön ist, da scheint der Druck besonders stark, die Prinzipien haben dort einen schweren Stand. Was macht's? zwinkert der Bürgermeister, der gerade einen Südhang freigegeben hat als Bauland, die zugereisten Reichen passen sich an. Dirndl und Lodenjoppe, Kniehosen und Filzhütl gibt es schließlich schon im Supermarkt. Nur wenn die Fremden den Mund aufmachen, verraten sie sich: Bayrisch kann man nicht lernen wie eine exotische Fremdsprache, man muß damit aufwachsen.
      Die neuen Häuser an den Südhängen sehen aus, als hätten die Almbauern ihren Großeltern das Altenteil vergoldet. Ein bißchen viel Schmiedeeisernes, doch sonst in den gewohnten Maßen. Denn die Maße sind festgelegt, Stil muß sein, und hier ist er altbayrisch. Nur manchmal gibt es Ausnahmen und die sind dann fürchterlich.
      Wer hat zum Beispiel die Pläne zum Hotel am Spitzingsee genehmigt? Der fünfgeschossige Koloß fällt geradezu in den stillen kleinen See, erdrückt ihn, zerstört die einst verträumte Idylle. Das flachgeneigte Satteldach, die hölzernen Balkons — heimische Bauelemente — sind denaturiert, wirken wie Hohn. Arabella läßt grüßen, sagt der Mann, der am See Ruderboote vermietet, grimmig.
      Vom Spitzingsee aus, wo früher die Welt zu Ende war, geht es jetzt auch in die Höhe: die Taubensteinbahn macht es den Bergfreunden sommers wie winters leicht. Zu leicht, finden die Naturschützer und »echten« Heimatfreunde. Sie wiederum sehnen sich nach Gipfeln, die nur mit Schweiß und ohne den Anblick von Stahlmasten zu erobern sind. Der Skizirkus mit Schlepp- und Sessellifts und Kabinenbahnen ist ihnen ein Greuel. Doch eine Stunde von München entfernt, da hat man Verpflichtungen den Freizeitbedürfnissen der Großstädter gegenüber, entschuldigen sich die Bürgermeister, die für den Skizirkus plädieren, die Heimatfreunde aber nicht verärgern möchten. Der Alpenplan mit seiner bürokratischen Dreiteilung in Erschlie-ßungs-, Ruhe- und neutrale Zone hat ihnen viel Kopfzerbrechen gemacht. Leute, die Ruhe wollen, geben kein Geld aus, ist die Meinung.
      Im ii. Jahrhundert schickte die Ahnfrau der bayrischen Könige, Haziga von Istrien, ihren Mann Hermann von Castel mit wehrhaftem Gefolge in diese Gegend. Durch den Bau einer Blockhütte und das Anzünden eines Herdfeuers nahmen sie Besitz von Wäldern und Wiesen. So einfach war das. Allerdings soll es Drachen und anderes unheimliches Getier gegeben haben.
      Die Besitznahme von heute findet noch immer durch den Bau einer Hütte statt, einer komfortablen zumeist, zu der das Bier in der Kabinenbahn schwebt. Unheimliches Getier gibt es nicht mehr, wohl aber Schlangen, Autoschlangen auf den Straßen am See, Menschenschlangen an der Drahtseilbahn.
      Die Gräfin Haziga war übrigens eine fromme Kloster- und Kirchengründerin. Eine der schönsten im Kreis Miesbach, die ihren Ursprung der bayrischen Stammutter verdankt, ist die Pfarrkirche in Fischbachau: ein festlicher romanischer Raum, über und über bemalt und mit Stukkaturen verziert aus dem Hochbarock. Rosa und gelbliche Töne: Heiterkeit und Wärme.
      Von Fischbachau ist es nicht weit zum Breitenstein und zur Wallfahrtskirche des Sankt Martin, der neben der heiligen Margarethe am beliebtesten ist in diesem Landstrich. Wallfahrt, eine frühe Form des Tourismus, hat manche Orte bereits vor Jahrhunderten aufgeschlossen für Fremde. Andere wieder leben noch heute so, als gäbe es sie nicht, die Durchreisenden und Tagesgäste. Miesbach, die Kreisstadt zum Beispiel, nimmt sich vor, weiterhin Mittelpunkt für Ackerbau und Viehzucht zu bleiben, im übrigen aber den Fremden nur ein paar Souvenirs zu liefern. Handgezogene Kerzen etwa und die Erzeugnisse einer Lebzelterei, die sogar im Hochsommer würzig duften.
      Es gibt schließlich genug Orte im Kreis, die vorwiegend von ihrer Schönheit leben und mit mehr als einer deftigen Brotzeit locken. Schliersee etwa kann sich vor Gästen kaum retten. Selbst das »fernsehbeliebte« Bauerntheater, wie das Plakat an der Dorflinde ankündigt, mit seinem reichlich verstaubten Repertoire »Alimentenbremse« und »Liebe macht blind« wird meistens noch voll.
      Daß nur drei Kilometer entfernt ein richtiger Industrieort entstanden ist mit fast 8000 Einwohnern, paßt schlecht in die Landschaft. Pechkohle hat man in Hausham gefunden. Heute verarbeitet das größte Werk Edelstahl. Die Haushamer sind eine Sorte für sich, sagen die Miesbacher oder Schlierseer. Wir tranken Milch auf der Kreuzbergalm zwischen Tegernsee und Schliersee. Der Wirt war ein »Metaller« aus Hausham. Er machte Ferien bei den Kühen, während seine Frau, die sonst das Vieh versorgt, sich im Dorf erholte. Verreisen? Na, wo d'Leit doch von weit herkomma, wei's hier so schee is.
     

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