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Die Holsteinische Geest



Abschied von der Geest, vom einstigen Haus der Großeltern und Tanten. Soll es nun für immer vorbei sein? Die Wolken, die so schnell über den Himmel ziehen, die Historie, gestickt auf Sofakissen, der Nord-Ostsee-Kanal und die riesigen Schüsseln voller Erdbeeren, roter Grütze und Spargel, die Hängematte im Schutze der Knicks und die Kühe als Zaungäste unseres Bades in der Eider. Die Holsteinische Geest ist kein Urlaubsland; es ist wirklich das »Land dazwischen«, der Rücken zwischen Nord- und Ostsee. Keiner bleibt hier — jedenfalls kein Fremder. Die gehen alle an die Küsten.

      Andere bleiben ihr ganzes Leben. Die Tanten zum Beispiel, hier geboren, hier gestorben. »Es gibt kein besseres Land.« Wir wissen es besser, es gibt. Wir wissen es immer, wenn wir dort sind. Komisch ist nur, daß wir Sehnsucht nach der Geest haben, wenn wir fort sind. Wieder einmal richtig Wind in der Nase, rote Backsteinkirchen und Häuser, Rosenranken, Fichten, Buchen und Schwarzdorn, die wie Kulissen durch die Landschaft ziehen, welche, bewahre, gar nicht immer platt wie ein Bügelbrett, in sanften, ganz sanften Schwüngen die Geest durchzieht. Sehnsucht nach der sauberen Kleinstadt, in der alles wohlgeordnet ist und in der die Grundfesten des Lebens seit Kaiser Wilhelm, ja, seit den Dänen unverändert geblieben sind. Vielleicht angekratzt; aber den letzten Krieg hat es hier nur in der Verkörperung durch die Flüchtlinge aus dem Osten gegeben. Schmuddelig und arm waren sie damals, die Kinder mit laufenden Nasen. Jetzt sind sie Hotelbesitzer, haben typisch Holsteinisches aus der Vergessenheit gezogen und wieder aufgemöbelt.
      Größeren Eindruck haben dennoch die Dänen hinterlassen. In der Heimatkunde kann kein Kind den Düppeler Schanzen entrinnen. Wie war das noch? Sieg der Preußen und Österreicher im Jahre 1864. Dänemark mußte Schleswig, Holstein und Lauenburg aufgeben, die ihm in Personalunion verbunden waren. Gut hundert Jahre ist das her. Mehr nicht. Aber Dänemark ist immer noch da. Bauten, Geschichte, Könige, Sofakissen: »Up ewig ungedeelt« in Kreuzstichmuster.
      Noch mehr alter Plunder: die Rettungsmedaille des Großvaters. Um die Jahrhundertwende hat er einen aus dem Kaiser-Wilhelm-Kanal gezogen. Der Kanal, heute Nord-Ostsee- oder Kiel-Kanal, das Prunkstück Holsteins, Drehbrücke, Hochbrücke, Unterführung, ein Gewirr von Straßen- und Schienenschleifen bei Rendsburg, von weitem schon sichtbar, eine monströse Architektur, die der Landschaft aufgezwungen wurde und die doch jetzt vollkommen zu ihr gehört. Dies sind die Berge der Geest, Berge aus Eisen, mächtige Pfeiler und Bögen. Weiter draußen bleibt der Kanal unsichtbar. Die Schiffe, zum Staunen große Schiffe, werden hier wie von Geisterhand durch die Wiesen gezogen. Aber hinter den nächsten Hügeln nimmt das Herz Holsteins wieder durch Gleichmaß, durch ruhige Harmonie gefangen. Bis hin zu den fetten Marschen im Westen, bis zur holsteinischen Schweiz im Osten und bis hinunter über die Stör in Richtung Hamburg breitet sich wieder die Sonntagslandschaft der Geest aus. Sie ist einsam und leergefegt von Menschen wie eine Stadt am Wochenende. Geest, das ist Sand, Geröll, Lehm, aber Holstein hat liebevoll seinen grünen Mantel über sie gelegt. Waldflek-ken und Heidekleckse bilden die sorgfältig verteilten Dekorationen. Keine Landschaft zum Aufregen. Aber das ist es ja gerade: Die Weite, die Stille und die Freiheit, eine Welt, die man alleine besitzt. Man könnte den Himmel ansingen. Sprödigkeit, Kühle, Herbheit, ein Hauch von Wildnis. Das Moor zum Beispiel, das ist Safariland — und kein kleines. Das Gras ist hoch und gelb, man könnte sich in ihm verstecken. Und im Sommer, wenn es heiß ist und die Luft flirrt, zittern die Gräser, steigen zu einer großen gelben Fata Morgana auf, der Fata Morgana Ostafrikas.
      In der Nähe der Dörfer, der Städte freilich ist das Land wieder in saubere Kästchen eingeteilt. Felder und umzäunte Weiden. Ãœber die Straße rattert ein Traktor. Das ist ein Ereignis. Bis in die Ortschaften bleibt der Eindruck der Weite, der sonntäglichen Stille. Kellinghusen beispielsweise. Die Hauptstraße ist wie ausgestorben, dörfliche und städtische Häuser, deren Scheiben erblindet zu sein scheinen. Wohnt hier denn keiner mehr? Lebhafter dagegen, wohlgemerkt holsteinischen Maßen entsprechend, geht es in Bad Bramstedt zu, eben weil es ein Bad ist und die Fremden hier ihr Rheuma heilen wollen. Aber auch hier verschluckt die Weiträumigkeit des Marktplatzes jedes Anzeichen von Geschäftigkeit oder gar quirlendem Volksleben. Der Bleek, so heißt der Platz, ist ungewöhnlich groß. Er hat bereits als Thingstätte gedient. Das Gefühl für Raum muß es hier wohl schon immer gegeben haben.
      Die Geest haben wir mit dem Fahrrad kennengelernt, wenn wir hinaus ins Gartenhäuschen an der Eider fuhren. Sandiger Boden unter Stachelbeerbüschen und Erdbeerrabatten. Lange Reihen von Spargelbeeten. Vieles wurde verkauft, sehr viel selbst gegessen. Richtiges Essen, das gehört hier dazu. Auch die von der Geest fortziehen, denken noch so, backen drei Torten für einen Kaffeebesucher.
      Essen, ja, aber sonst nicht allzuviel Geld ausgeben! Im Hause der Großeltern ist es immer sparsam zugegangen. Im Geestgebiet, dort, wo der Boden weniger ertragreich als an den Küsten ist, Heide, Moor und Wald liefert, haben sich die Einwohner abrappeln müssen. Jetzt gibt es Industrie in Rendsburg und Neumünster. Das Geld kommt auch ohne fette Marschen herein — auch damals tat es das. Torfstechen, Honig, Spargel, Rosen, auch Viehwirtschaft. Aber keinen Schmuck, keinen Wein und keine Reisen. Auch bloß nicht zeigen, was man hat. Sinnlose Berge von Leinen wurden in Eichentruhen verstaut, die wir heute vergilbt wieder hervorziehen. Das Geld ist im Haus geblieben. Nicht so erfreulich, wenn Kinder auf das sommerliche Schützenfest wollten. Glücklicherweise hatten wir damals Freundin Ida, deren Mutter Kellnerin war und die infolgedessen immer Kleingeld besaß. Gar nicht holsteinisch. Vielleicht waren das vorverlegte Ostflüchtlinge. Ida indes ist nicht Hotelbesitzerin geworden. Was sie macht? »O, min Deern, die geht ja jetzt mit Männern.« Abschied von der Geest. Ob wir das je fertigbringen? Nie wieder Reetdächer, nie wieder die Stille über dem Moor, die Poesie der grünen Wellen, nie wieder die Weite der Landschaft mit den anmutigen Details von Waldflecken und Hainbuchen- und Holundersäumen, den sogenannten Knicks. Abschied von der Geest — ob wir das fertigbringen?

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