Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche landschaften

Index
» Deutsche landschaften
» Die Hardt

Die Hardt



Sie ist das älteste deutsche Weinland und eine der ältesten deutschen Kulturlandschaften. Wer von der fröhlichen Pfalz spricht, meint die Hardt, des »Heiligen Römischen Reiches Weinkeller«. Im Süden ist das Hardtgebirge noch Teil der Vogesen, im Norden endet es im Zellertal, vor dem rheinhessischen Rebenland. Zu Häupten der Hardt stehen die Ruinen von Burgen und Schlössern, dahinter breitet sich einer der größten deutschen Naturparks aus, der Pfälzer Wald. Die eigentliche Hardt ist der Gebirgsrand, der zu der Rheinebene abfällt, die sonnenreichste deutsche Landschaft mit südländischer Vegetation. Zu Füßen der Hardt zieht die Deutsche Weinstraße, achtzig Kilometer lang, an 150 Millionen Rebstöcken, an 269 Weinorten, an großen Weingütern, schönen Rathäusern, Gasthäusern und spitzgiebligen Fachwerkhäusern vorüber, vorbei an den hohen Bogen der Hoftore, an Freitreppen, an gewölbten Weinkellern und Gartenlauben. Im Frühling ist die Hardt in einem Meer von Blüten, im Herbst im bunten Laub der Reben und Edelkastanien, im Duft reifer Trauben und gärenden Mostes. Nicht nur wegen der Mandeln, der Zitronen und der Feigen, die hier blühen und manchmal auch bescheiden reifen, sondern auch wegen der städtischen Dörfer wird die Hardt »Italien in Deutschland« genannt.

      An der Hardt wird ein Drittel des deutschen Weines geerntet, 1,5 bis 2 Millionen Hektoliter Trollinger, Gutedel, Ruländer, Traminer, Silvaner, Muskateller und Riesling. Mit reblausfesten Reben und Mitteln gegen schädliche Pilze werden arge Mißernten, wie sie früher nicht selten waren, vermieden. An der Oberhardt, im Süden der Pfalz, wo die Schoppenweine gekeltert werden, und an der Unterhardt im Norden wird neben dem Weinbau auch Ackerbau betrieben, an der Mittelhardt von Neustadt bis Weisenheim wächst auf absolutem Weinboden der beste Weißwein, der den gemeinsamen Weinmarkt der EWG nicht zu fürchten braucht. Er wird aus der unscheinbaren Rieslingtraube im Keller zu weltberühmten Beerenauslesen ausgebaut. Der erste Napoleon soll trotz großer Not auf dem Rückzug aus Rußland der besten Lage an der Mittelhardt militärische Ehren erwiesen haben. Schade, daß die historische Bezeichnung Hardt verdrängt wurde von der »Deutschen Weinstraße«, die im Dritten Reich getauft wurde.
      Cäsars Legionen brachten die Reben an den Rhein, die blauen Trauben, die allmählich von den weißen zurückgedrängt wurden. Der Weinbau ist noch zum großen Teil Parzellenbetrieb. Motor und Maschinen dringen aber auch in den Wingert und zum Keller vor, Flurbereinigung fordernd, die für Rebland sehr schwierig ist, für die Mittelhardt, wo es unbezahlbare Lagen gibt, unmöglich. Wo Wein wächst, ist die Küche gut, die pfälzische hatte außerdem gute Lehrmeister, die Franzosen, die hier wiederholt die Herren waren. Die Pfälzer nannte man früher darum gern »Halbfranzosen«, heute gewiß kein Schimpfwort mehr. Die Pfalz, als Kurpfalz einst rechts und links des Rheins, hat eine sehr bewegte Geschichte, von Sagen und Poesie umwoben. Wo die Hardt beim Wasgau beginnt, endet das Waltharilied, wo sie im Norden endet, im Wonnegau bei Worms, beginnt das Nibelungenlied, beide mit dem historischen Hintergrund der Völkerwanderung, mit der die Hunnen über den Rhein kamen. Der Hardt entlang wanderten von Osten nach Westen und Süden germanische und fremde Völker, die ihre Lagerfeuer mit Rebenholz nährten. Chlodwig, der Frankenkönig, trieb am Ende des fünften Jahrhunderts die Alemannen ins Elsaß. Seither ist die Pfalz fränkisch, im Untergrund mit anderen Stämmen und fremden Völkern gemischt. Die Pfalz wurde oft geteilt durch Erbschaft, Kauf, Tausch und Eroberung. Zeitweise gab es an die vierzig Dominien und Kondominien. Die Pfalz hatte die größte Auswanderung und die größte Einwanderung. So wurde sie zur Kelter der Völker.
      Unsere Schulausflüge und Wanderungen führten immer zu geschichtlichen Erinnerungen, zu Römerstraßen, zu Trümmern von keltischen Lagern, römischen Siedlungen und Bädern, wo sich auch germanische Legionäre und Söldner mit Runen in den Steinen verewigt haben. Manche Familie und viele Orte suchten früher nach römischer Herkunft. Käshofen zum Beispiel könnte mit einiger Phantasie seinen Namen von aula Cäsaris ableiten. Auch Frankreich ist an der Hardt noch vertreten. Am Deutschen Tor in Landau, von 1679 bis 1814 französisch, ist heute noch »nee pluribus impar« zu lesen, zur Erinnerung an Ludwig X

I

V.

, der im Krieg um seiner Schwägerin Liselotte pfälzisches Erbe die Pfalz verwüsten ließ. Heute sind die noch sichtbaren Ruinen der Hardt Attraktionen für den Fremdenverkehr: der Trifels, wo Salier und Hohenstaufer die Reichskleinodien aufbewahrten, das Hambacher Schloß, alias Maxburg, wo die Pfälzer 1832 für die Demokratie und manche auch für die Freiheit des Weinhandels demonstrierten.
      Der Pfälzer ist laut und wird deshalb auch Krischer genannt; er singt und renommiert gern, aber er ist tolerant und gastfreundlich. Der Fremde, der zur Zeit des Federweißen in ein Gasthaus an der Hardt kommt, wird meinen, es sei der größte Streit im Gange. Weinselig wird diskutiert und geuzt aus vollem Hals. Von den alten Trachten ist nichts mehr, von den alten Bräuchen nicht viel mehr übrig. Die alten Volksfeste aber werden ausgiebig gefeiert: der Billigheimer Purzelmarkt, das von der Weinbrüderschaft der Pfalz veranstaltete Weinlesefest in Neustadt, wo der Kinderchor der Pfälzer Weinkehlchen singt, der Dürkheimer Wurstmarkt, das größte Weinfest der Welt.
     

 Tags:
Die  Hardt    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com