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Die Hallertau



Der Weintrinker betrachtet das Bierland, in das er einige Zeit verschlagen wird, mit leisem Mißtrauen. Bier war ihm bislang ein willkommener Durstlöscher, der Wein aber ein Genuß. Doch in der Hallertau, dem niederbayerischen Hopfenland, schlägt die Reserve um in Bewunderung. Das Land lebt gleichzeitig schwer und gut mit seinen hunderttausend Hopfengärten. Schwer, weil der Hopfen jeden Tag seinen Herrn sehen will, wie Hopfenbauern sagen, und gut, weil der Hopfen seinem Herrn sichtlich etwas einbringt.

      Die Hallertau, mundartlich Holledau, liegt südlich der Ingolstädter Donau und nördlich der Linie Frei-sing-Landshut. Die Gletscherwässer der Eiszeiten haben hier ein sanftes Hügelland von 60 Kilometer Länge und 30 Kilometer Breite hinterlassen, dessen Boden, eine Mischung aus Lehm und Sand, viel Wasser führt. Altertum und Mittelalter haben dieses versteckte Waldland gemieden. Deshalb heißt es auch Hallertau . Immer noch gibt es kaum Fremdenverkehr, obwohl heute die Autobahn den Westteil der Hallertau durchschneidet und die B 301, die Deutsche Hopfenstraße, vorzüglich ausgebaut ist.
      Deutliche Grenzen hat die Hallertau nicht. Sieben der kleinen bayerischen Landkreise, die nun zusammengelegt werden, sind an ihr beteiligt, so daß auf den geschwungenen Sträßchen die bunten Holztafeln, die den Eintritt in einen neuen Landkreis anzeigen, fast ebenso häufig sind wie die vielen Holzkreuze mit dem Christus, unter dem eine hölzerne Madonna trauert. In alten Zeiten wurden die Galgen von Freising, Moosburg, Abensberg und Pfaffenhofen als Grenzen der Hallertau bezeichnet, weil sie das Schelmenland der Spitzbuben und Roßdiebe sei, die dort ihre Verstecke hätten. Niemand wollte damals als Hallertauer angesehen werden. Heute ist das anders. Die Hallertau, das größte geschlossene Hopfenanbaugebiet der Welt, vergrößert sich, weil auch die Hopfenbauern am Rand den guten Ruf des Hallertauer Hopfens ausnützen.
      Zwei Rebhühner, der Herr prächtig und bunt, die Dame von eleganter Schlichtheit, wechseln gemütlich über das wenig befahrene Hopfensträßchen. Erst als der Wagen hält, rennen sie eilig in die Stangenreihen mit dem aufwachsenden Hopfen. Sie verharren, schauen sich um nach dem gefährlich Stillstehenden und fliehen dann weiter, tief in den grünen Hopfendom. »Hopfengärten« heißen die Felder mit den Tausenden von sorgfältig befestigten, sieben Meter hohen Stangen, die mit Querdrähten verbunden und verankert sind.
      Die Stöcke sitzen tief im Boden, im Frühjahr beginnen sie wild zu treiben. Sechs Reben werden an zwei Drähten hochgeleitet, die anderen abgeschnitten. Die sich hochhangelnden Reben müssen bis zur vollen Höhe von sieben Metern beschnitten, vielfach gespritzt und immer wieder um den Draht gewickelt werden, wenn der Wind sie losgelöst hat. Das Ziel der Mühe sind Dolden der weiblichen Pflanze, die sich, auch hierin dem Wein ähnlich, aus den Blüten entwickeln. Sie bergen Bitterstoffe und ätherische Ã-le von einer dem Laien großartig erscheinenden Würze. Jetzt weiß er, warum Bier so schmeckt. Ein wendischer Gefangener, so geht die Sage, oder auch ein Klosterbruder sei im frühen Mittelalter darauf gekommen, daß diese Pflanze den leicht verderblichen Met haltbar und leckerer mache. Aber noch fast ein Jahrtausend lang war die Hallertau - ein Weinland. Erst in neuerer Zeit, als Bayern im Bier zu ertrinken begann, das Klima etwas abkühlte und man in der Hallertau entdeckte, daß der eigene Hopfen so gut war wie der böhmische, der Wein aber sauer wurde, begann die Hallertau Hopfenland zu werden.
      Die Hopfendolde wird von riesigen Ungeheuern gepflückt, nachdem man die Reben mitsamt Draht im Hopfengarten geerntet hat. Und am Ende, diesmal ganz im Gegensatz zum Wein, der allzuoft noch feuchter wird, als er schon ist, wird die Hopfendolde geröstet, bis sie knistert wie Papier. In Säcke verpackt und mit einem Gütesiegel von einer der 13 Siegelgemeinden versehen, gelangt sie in die Brauereien der ganzen Welt.
      Siebentausend Betriebe bebauen etwa zehntausend Hektar und ernten 400000 Zentner getrockneten Hopfens. Qualität und Ertrag stehen an der Spitze, und auch verkauft wird schon vorher, auf Jahre hinaus. Mehrere hunderttausend Mark Investition sind notwendig für einen Betrieb. So verringert sich die Zahl der Hopfenbauern, aber die Anbaufläche wächst. Die aufstrebenden Hopfenstangen nehmen der Landschaft die Lieblichkeit, geben ihr ein geometrisches, fast gotisches Gepräge. Walter Höllerer hat diesem Land ein Gedichtbändchen gewidmet. Ein Drittel der Bewohner lebt direkt von Hopfen und Getreide. Das zweite Drittel sind die »Hopfenschmuser«, die Metzger, Bankiers und Maschinenbauer, denen der Hopfen indirekt das Geld bringt. Das letzte Drittel sind Pendler, die bei Gelsenberg oder in der Kleinindustrie des Landstriches arbeiten.
      Die Leute in dem hellen, stangenstacheligen Land sind Bajuwaren mit keltischen Einsprengseln. Hier lassen Land und Leute noch ahnen, wie ehedem Klöster und Grundherren herrschten und die Pflege der Kulturpflanzen geboten, sei es Wein oder Hopfen. Burgen gibt es nicht mehr viele, da hat der Dreißigjährige Krieg böse gehaust, aber schöne gotische und barocke Kirchen sind noch da, und sie sind sonntags voll. Zum Beispiel die Kirche von Geisenfeld ist mit Genuß anzusehen; unter dem Barock hat die Renovierung im Chor herrliche gotische Gewölbemalereien zutage gebracht.
      Das heimliche Zentrum der Hallertau, von Mainburg, Geisenfeld und Wolnzach heftig bestritten, ist die Hopfengemeinde Au, »Au in der Hallertau«. Das Hopfenzentrum aber ist Hüll, genau in der geographischen und klimatischen Mitte. Der Hopfenbau wird dort wissenschaftlich betrieben, und auch die Konkurrenz, Hopfen aus Tettnang, Belgien, England und der Tschechoslowakei, liegt schön und duftend in den Schubladen.
      Hopfenbauer Schwarz hat mich nach Hüll geschickt, dort holt er seine Ratschläge. Sein Hopfengarten liegt vor dem Hof, 2000 Stöcke hat er dort. Wenn er mit dem Schneiden der Triebe durch ist, wachsen in der anderen Ecke schon neue. Wer hier neu anfangen würde, sagt der Bauer, könnte wegen der Arbeit leicht verzweifeln. Er sieht auf und lächelt den Städter an. Sein Lieblingsgetränk? Wein von der Nahe.
     

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