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Die Goldene Meile



Der deutsche Soldatenfriedhof an der unteren Ahr mahnt und erinnert. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat 1200 Tote gebettet. Das 45er Jahr hier bei Remagen-Sinzig wäre sonst ganz aus den Augen. Im Schlamm eines Kriegsgefangenenlagers der Amerikaner sind hier deutsche Soldaten umgekommen. Die Ãœberlebenden haben es verdrängt, ausgelöscht oder eingeklammert. Aber es ist geschehen. Die Goldene Meile ist das Landschaftsstück zwischen Remagen und Bad Breisig, siebeneinhalb Kilometer lang, wie es der Meile entspricht, noch ein Stück ahraufwärts bis Bad Bodendorf, mittendrin das 13 000-Einwohner-Städtchen Sinzig. Hier mündet die Ahr - sie entspringt 444 Meter hoch in Blankenheim in der Eifel -nach einem 89 Kilometer langen Lauf in den Rhein. Das Ahrtal sei, so schreiben sie in ihren Prospekten, Europas größtes zusammenhängendes Rotweinbaugebiet. Ein Lexikon aus dem vorigen Jahrhundert: Der Wein ist rotblau, blumig, süß, voll, von Spätburgunderreben, durch vernünftige Behandlung schön dunkelfarbig. In England ist Walporzheimer Schaumwein beliebt . In der Goldenen Meile, deren Namensursprung auch die lokalen Heimatforscher nicht herausbekommen haben — es sei denn, man zöge sich auf die Erklärung zurück, gemeint sei der besonders gute Boden im Ahr-mündungsgebiet —, gibt es keinen Weinstock mehr, auch wenn sie in Remagen noch jedes Jahr je ein Wein-und Winzerfest feiern.

      Die Bundesstraße 9 hat man hier mit einer Art Straßenspinne und auf Stelzen führenden verqueren Hochbahnen, dem » Ahrkreuz«, mitten in die Goldene Meile gelegt. In den alten Karten aus Napoleons Zeiten ist sie als »Grande Route de Cologne ä Mayence« bezeichnet. Von ihr bog bei Sinzig die »Route d'Aix-la-Ghapelle ä Coblence par Düren« ab, eine zollfreie Reichsstraße ; über sie zogen die Soldaten aller Heere, die Ungarn-Pilger, die Kaleschen der Thurn-und-Taxisschen Post und jeglicher Verkehr. Aber die wichtigste Rheintalstraße, die von Italien über Straßburg, Mainz, Köln, Xanten und Nijmegen führte, war mit der jetzigen B 9, soweit sie den Mittelrhein betrifft, identisch. Sinzig und das Kastell Remagen beherrschten Rheinstrom und unteres Ahrtal.
      In der Mitte nun liegt also Sinzig, eine Stadt römischen Ursprungs . Zur phantasievollen Vermutung gehört, daß Barbarossa, der Hohenstaufe Friedrich I., in Frankfurt gewählt, in Aachen gekrönt, in der Türkei umgekommen, »der ruhmreiche und unbesiegte Rom. Kaiser«, im 12. Jahrhundert hier »geweilt« hat oder »Aufenthalt hat nehmen können«, wie es im Heimatbuch der Stadt festgehalten ist. Der heutige Heimatforscher, Herr Knippler, äußert Skepsis über Barbarossas Weilen in Sinzig, obgleich der Rom. Kaiser, von Stiefmütterchen umgeben, auf einem Postament unterhalb der alten Peterskirche steht. Doch in der Sinziger Pfalz nahm Barbarossa Wohnung, Urkunden belegen es. Wenn Friedrich der Rotbart nicht noch im Thüringer Kyffhäuser säße, die Raben ihn umkreisten und nicht von den DDR-Polit-Wissenschaftlern mit Beschlag belegt wäre, würde er gewiß gelegentlich an seine Sinziger noch einiges Wohlwollen verschwenden: Die Leute an Rhein und Ahr sind anhänglich geblieben.
      Sinzig zeigt noch heute den Grundriß einer alten Marktstadt. Es ist durch manche Phasen der Geschichte gegangen. Der Heimatforscher spricht von der Geburtsstätte des rheinischen Adels. In der Chronik findet man tatsächlich manche Geschlechternamen: die Burggrafen von Landskron, Rolmann, später von Arenthal, von Thurm, von Efferen, die Grafen von Hillesheim, die Grafen von Spee, von Dunrestein, von Hammerstein, von Gude, von Wolfskehl, von Butschert, von Metternich, von Plettenberg, von Pampus, von Hoven, von Österreich, von Bachoven, auch die Gräfin Franziska von Fürstenberg, die Witwe des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg wohnte hier. Zu Sinzig zählen neuerdings die Dörfer Bad Bodendorf, Westum, Löhndorf, Koisdorf und Franken. Die letzte Verwaltungsreform hat das Rheindörfchen Kripp zu Remagen geschlagen.
      Die katholische Pfarrkirche zum heiligen Peter , Diözese Trier, ist nicht nur das Wahrzeichen Sinzigs, sondern auch, wenn man die in der Ferne gelegene Erpeler Ley auf der rechten Rheinseite und die Landskron mit der Burgruine ahraufwärts einmal ausnimmt, das beherrschende Bauwerk für das Gebiet der Goldenen Meile überhaupt. Sie ist eine mit neuer Orgel ausgestattete spätromanische Basilika, in der viel moderne Kirchenmusik zu hören ist. In St. Peter liegt, eingesargt, eine Mumie, über dreihundert Jahre alt, ein Mann Mitte Dreißig. Die Franzosen nahmen sie 1797 als Kriegsbeute mit nach Paris, 1815 mußten sie die Mumie zurückgeben. Es sei, sagt der Volksmund, der Schloßvogt der heiligen Helena, Sinzigs sagenhafter Schutzherrin. So bleibt in einer solchen Figur Vergangenheit noch greifbar. Verschwunden hingegen ist die Schloßjungfrau, die, mit den Schlüsseln rasselnd, auf der Brücke zur Sinziger Königsburg erschien und der Loreley nachahmte.
      Das Ackerland der Goldenen Meile ist Schwemmland. Bei Kripp, einem Straßendorf, von wo es mit der Fähre über den Rhein nach Linz geht, sieht man Baumschulen. Von den Höhen rundum, vom Westerwald, von den Ahrbergen, kann man den bunten Reichtum der Erscheinungen gleichsam sortieren. Die Romantik hat an diesen Strecken und Streifen des Rheins nicht umsonst ihren Hauptsitz gehabt. Alte Kupferstiche Merians und Stahlstiche Janschas stammen zuhauf aus dieser Gegend, die »anmüthigen Jugendbildnisse« in unserem »teutschen Vatterland« . Sinzigs St.-Peter-Basilika steht immer mitten drin.
     

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