Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche landschaften

Index
» Deutsche landschaften
» Die Göbrde

Die Göbrde



Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Bei der ersten Begegnung zeigte die Göhrde ein Alltagsgesicht. Als wir im östlichen Zipfel der Lüneburger Heide, von Lüneburg und Dahlenburg kommend, durch ein langes Spalier von hochragenden Linden den Flecken erreichten, der wie der Wald ringsum Göhrde heißt, schien es nur ein Ausflugsort wie jeder andere im Grünen zu sein. Auf einer Gaststätten-Terrasse schnatterten Kaffeetanten vor übervollen Eisbechern und mächtigen Tortenstücken. Busse waren aufgefahren. Ringsherum drängten sich Personenwagen. Ausflügler ließen sich vom Duft eines starken Kaffees anlocken. Die Wildschweine, nebenan als Attraktion für Stadtmenschen ins Gehege gesetzt, blieben trotz des Andranges vor dem Maschendraht gelassen. Nur einige wegen ihrer gelblichen Streifen viel bestaunte Frischlinge waren noch verschüchtert und suchten Geborgenheit bei ihrer Mutter.
      Mit einem Trupp von Spaziergängern tauchten wir dann in der Göhrde unter. Wir waren im größten geschlossenen Waldgebiet Norddeutschlands mit einer Fläche von 60 Quadratkilometern. Zuerst noch plärrte hinter uns ein Kofferradio. Vor uns stieg Zigarettenqualm hoch. Doch an der nächsten Kreuzung begann für uns wirklich die Göhrde. Unsere Weggefährten hielten sich streng auf dem gelb ausgezeichneten kurzen Pfad. Uns lockte die Tiefe der Göhrde. Die Stimmen verhallten. Nach etwas mehr als hundert Meilen wurde es geheimnisvoll still. Plötzlich sah die Göhrde ganz anders aus. Zum Verlieben. Und diese Liebe dauerte fort. Liebhaber der Göhrde sagen: »Das ist ein Wald wie im Märchen. Hier kann man stundenlang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen.«
In der Tat trifft man fast eher als einen Zweibeiner ein Mufflon oder ein Reh, wenn es das Glück will, einen Rothirsch oder einen Damhirsch; auch ein Wildschwein kann es sein. Die wenigen Menschen, die sich tief in diese eigenständige Landschaft am Rande des Naturparks Elbufer-Drawehn wagen, sind freundlich, aber — durchweg nicht zum Reden aufgelegt. Man entdeckt sie zum Beispiel mit einem Buch oder einem Zeichenblock, auf einem Baumstumpf oder einem Stamm hockend. Im satten Grün liegt es sich weich. Ein junges Paar hat Bocciakugeln mitgeschleppt und vergnügt sich auf einer glatten Fläche unter hohen Tannen beim. Wettkampf. Sammler von Heidelbeeren, die in Norddeutschland Bickbeeren heißen, haben eine reiche Ernte. Hauptsächlich muß es jedoch immer wieder nimmermüde Wanderer in die Göhrde ziehen. Sie orientieren sich auf dem langen Marsch an durchnumerierten Ecksteinen der Jagen, der einzelnen Forstabschnitte, denn es findet sich kaum einer, den man nach dem Weg fragen könnte. Auch rund um den Wald ist dieser Landstrich, dessen Urbevölkerung wortkarge hannoversche Wenden sind, dünn besiedelt. Kleine Gruppen von Katen zwischen Wald und Feld könnte man für menschenleer halten, wären sie nicht so schmuck gepflegt und von liebevoll gehegten Gärten eingefaßt. In einen Golfplatz geht der Wald bei Braasche über. Der so naturfreundliche Sport wirkt in der Göhrde fast wie ein bäuerliches Spiel, und selbst ein beheiztes Freibad paßt sich in die Landschaft ein. Und dann wieder Wald. Laubbäume, die vor 250 Jahren allein in der Göhrde grünten, sind ergänzt worden durch Nadelgehölze; vielfältige Bodenpflanzen liefern Zwischentöne. In hügeliger Landschaft wechseln von Heidekraut durchsetzte parkartige Flächen mit romantischem Mischwald ab. Die Natur tauscht ständig die Bilder aus. Auf den besonders üppig mit Erika überzogenen Groitzer Bergen fühlt man sich in die Naturparks von Nordheide und Südheide versetzt. Eichen stehen im Breeser Grund, und knorrige alte Eichen haben auch den Coldasser Grund zu einem der beliebtesten Wanderziele in der Göhrde gemacht. Wenige Schritte weiter erinnert die Vegetation an den Schwarzwald. Zu einer Idylle vereinigen sich im Großen Spann Eichen, Buchen, Birken und Hainbuchen. Hellgrünes Blattfiligran mischt sich mit dem Weiß der Birkenstämme. Der Wald liegt auf einem nach der Eiszeit verbliebenen Höhenrücken zwischen den Tälern der Jeetze und Ilmenau: im Nordosten stark hügelig, auch mit schluchtenartigen Einschnitten, im Süden und Westen wellig oder flach. Die Pracht der Göhrde hat arg gelitten, als am 13. November 1972 vier Stunden lang ein Orkan den Wald durchschüttelte und auf langen Strecken entwurzelte. Vor rund hundertsechzig Jahren: Hörnerklang in der Göhrde - Lützows wilde verwegene Jagd. Mit den Lützower Jägern erscheint das »Heldenmädchen« Eleonore Prohaska in den Geschichtsbüchern. Eleonore hatte unter dem Namen August Renz den Uniformrock der Lützower Jäger angezogen und war in ihren Reihen tödlich getroffen worden, als 1813 während der Befreiungskriege die Franzosen in der Göhrde den verbündeten Truppen der Russen, Briten, Schweden und Deutschen unterlagen. Aber bald nach diesem kriegerischen Intermezzo ging in der Göhrde wieder die Hofjagd los. Die Weifen hegten und jagten hier. Auf das Hofjagdrevier Göhrde, so wird überliefert, geht ein gutes Stück Tradition des deutschen Weidwerks zurück. Als Hannover auf Preußen überging, kamen die preußischen Könige zur Jagd. Wilhelm

II.

schätzte dieses Jagdrevier. Auf dem Kellerberg, einem Mischwald aus Eichen, Birken und Fichten, verklang bei der letzten kaiserlichen Rothirschjagd das Halali.
      Das 1706 bis 1709 erbaute Jagdschloß Göhrde war nacheinander Beamten-Erholungsheim, Predigerseminar, Lehrerinnen-Bildungsanstalt, Lazarett und ist jetzt Heimvolkshochschule; dort werden in bunter internationaler Reihe Aussprachen über Themen der Zeit gefördert.
      Obwohl die Göhrde als »Erholungswald« immer mehr Urlauber und Kaffeeausflügler anlocken möchte, ist sie vorerst ein Refugium für alle geblieben, die vorübergehend den Menschenansammlungen der Städte entrinnen möchten. Zum Glück ist sie in den Ballungszentren im Norden und Süden, in Hamburg und Hannover, noch verhältnismäßig wenig bekannt. Ein Hamburger Familienvater, der am Wochenende und im Urlaub in der Göhrde ein zweites Zuhause findet und in unverdrossener Bastelarbeit eine etwas windschiefe, gepachtete Kate bewohnbar gemacht hat, will »seinen« Wald vor Unruhe bewahren, indem er unter Göhrde-Kennern die Parole ausgibt: »Am besten verschweigt man die Göhrde.«

 Tags:
Die  Göbrde    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com