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Die Frankenhöhe



Es ist zu unterscheiden zwischen der Frankenhöhe und der »eigentlichen« Frankenhöhe. Erstere läßt sich nicht leicht eingrenzen. Denn sie verläuft sich als Teil zwei des Fränkischen Stufenlands nach Osten hin in kaum mehr wahrnehmbaren Hügeln; sie reicht als südlicher Ausläufer der Fränkischen Platte mindestens bis zur geplanten Autobahn Heilbronn—Schwabach, aber vielleicht auch bis Dinkelsbühl oder gar bis zum Wallfahrtsort Ellwangen an der Jagst; und das Kartoffel und Roggen gestattende Keuperbergland wartet nur im Westen mit einem Steilrand auf, der wenigstens gegenüber dem Hohenloher Land für klare geographische Verhältnisse sorgt. Die »eigentliche« Frankenhöhe aber sei, so sagen die Schillingsfürster, das Gebiet um Schillingsfürst. Hier, 543 Meter über dem Meeresspiegel, sind wir auf dem Gipfel der Höhe, die eine europäische Wasserscheide zwischen Schwarzem Meer und Nordsee darstellt, wenn man Wörnitz, Sulzach oder Alt-mühl so weit verfolgen will.
      Nach Nordosten lassen einen die Schillingsfürster noch bis Burgbernheim, wo man, wie weiland General Tilly auf dem Kapellberg stehend, tatsächlich den Eindruck hat, hier sei Schluß mit der Höhe. Weit geht der Blick ins protestantische Land, und man kann sich schon vorstellen, daß der kaiserliche Feldherr hier oben — wie an einen Baum geschrieben steht - »aus Haß und Ingrimm« die St.-Wolfgangs-Kapelle mit seinen toten Pferden vollstopfte. Ein recht sinnfälliges Zeichen, denn schließlich verdankt das Wildbad Burgbernheim seinen sagenhaften Ursprung einem alten kranken Schimmel, der eine Heilquelle entdeckte und wieder gesund wurde.
      Nicht alles kam so leicht auf die Beine in dieser Gegend. Der Boden ist nicht sehr fruchtbar, Rohstoffe fehlen, mit der Industrialisierung ließ man sich Zeit, 1905 kam die erste Eisenbahn in den Sackbahnhof von Schillingsfürst. Tüchtige Orte am Rande der Frankenhöhe, Rothenburg und Dinkelsbühl, konnten sich immerhin zu freien Reichsstädten entwickeln; aber seit 1802 ihre bayerische Zukunft begann, leben auch sie weitgehend nur noch von der Vergangenheit. Ein paar Kleinstbauern, viele Handwerksbetriebe, kleinere metallverarbeitende Fabriken und vor allem die Aussicht auf noch mehr Fremdenverkehr helfen zum Ãœberleben. In Schopfloch, im Süden unserer »eigentlichen« Frankenhöhe, sollen siebzig Prozent aller Bauern weniger als fünf Hektar Land besitzen. 1958 gab es noch 24 Hausierer im Ort, der heute weniger Menschen zählt als im Jahr 1880. Und wer heißt nicht Grimm in Schopfloch? Die Isolation — so paradiesisch für Touristen — ist an den Namensschildern abzulesen. Die Ausnahme, Feuchtwangen, bestätigt die Regel. Das recht günstig an der Kreuzung der Romantischen Straße mit der ebenfalls seit dem Mittelalter wichtigen Verbindung zwischen Schwäbisch Hall und Nürnberg gelegene Landstädtchen wird immer größer und hat — dank seiner Teppich-und Kunststoff-Fabriken — vielleicht auch wirtschaftlich bald wieder eine ähnliche Bedeutung wie schon im 14. Jahrhundert, als sich Feuchtwangen für kurze Zeit sogar freie Reichsstadt nennen durfte. Geschichte ist viel auf der einsamen Frankenhöhe — und nicht nur im Schaukasten am Schillingsfürster Schloß, »in dem noch das Kaiserreich, wie es uns die Väter und Großväter schilderten, lebendig ist«. Auf weit über tausend Jahre blickt die erst vor vierzehn Jahren zur Stadt erhobene Frankenhöhen-Metropole Schillingsfürst zurück, bis auf den Frankenkönig Chlodwig, dem man vielleicht die Gründung des Ortsteils Frankenheim verdankt und das Christentum. Dreimal wurde die Burg zerstört - und das nun gut zweihundert Jahre alte Schloß läßt sich auch nicht leicht erhalten. Aber der Bürgermeister des jetzt zweieinhalbtausend Einwohner zählenden staatlich anerkannten Erholungsorts blickt von seiner prachtvollen Rathaus-Villa aus recht zuversichtlich in die Zukunft.
      Im Zuge einer neuen » Peuplierungspolitik« bietet die Gemeinde per Zeitungsinserat Grundstücke noch zum Quadratmeter-Traumpreis von zwölf Mark an. Und die Käufer müssen nicht einmal katholisch sein. Dies war noch die Grundbedingung, als der Schillings-Fürst Karl Albrecht 1.1757 mit einer ähnlichen Aktion Leute für sein »Neu-Frankenheim« warb. In einem in vielen Städten Süd- und Mitteldeutschlands verbreiteten Flugblatt versprach er sogar unentgeltliche Abgabe von Bauland und Steuerfreiheit, Vergünstigungen, die der Residenz wenigstens so lange Zustrom brachten, bis die Leute merkten, daß die Absatzchancen für ihre Erzeugnisse hier nicht sehr rosig waren. Als die Handwerker mit den guten Zeugnissen aber ausblieben, nahm der Fürst schließlich alles zuzugswillige Volk auf, wenn es nur die richtige Religion hatte. Da kamen die Vertriebenen des Siebenjährigen Krieges, die Obdachlosen, die Fahrenden und auch die »Gauner«, deren Sondersprache, das Rotwelsch, sich bis heute in vielen Ausdrücken und Wendungen in Schillingsfürst erhalten hat — auch unter den Honoratioren der Stadt. So kann es dem Fremden im Wirtshaus passieren, wenn der Gallach, der Duftschaller, der Schucker, der Specht und der Marodipink zusammensitzen, daß er kaum etwas versteht von dem, was da der Pfarrer, der Lehrer, der Polizist, der Förster und der Arzt diskutieren. Worüber reden sie? Ãœber die Ortsschilder an den schmalen Apfelbaumalleen vielleicht, auf denen der Landkreis Rothenburg noch über ein Jahr nach seiner Auflösung firmierte? Ob man noch Trimm-dich-Pfade an den gut markierten Wanderwegen durch die dichten Nadelwälder einrichten muß oder dafür einfach die umgestürzten Bäume liegen lassen soll? Was aus dem putzigen Heimatmuseum weit draußen im alten Wasserturm werden kann — mit der einmaligen Ochsentretanlage aus dem Jahre 1705? Ob man zur Belebung des Fremdenverkehrs die alten Bauerntrachten aus den alten Bauernschränken holen soll, schwarz in schwarz, wie das einem fränkischen Protestanten hart am Rande bayerisch-schwäbischer farbenprächtiger Folklore so gut ansteht? Auf solche Fragen kommt aber wahrscheinlich nur einer, der nicht Rotwelsch kann, der sich auf der Romantischen Straße gemächlich südwärts rollen läßt, der sich wundert über Milchkannen schwenkende Jungbäuerinnen in Nietenhosen und der im Dörfchen Wörnitz nicht weiß, ob das dumpfe Gebrüll aus einem Kuhmaul oder aus einem Mopedmotor kommt. Erst in Dinkelsbühl kann man wieder sicher sein: es sind Mopeds. Und in der mächtigen St.-Georgs-Kirche verläßt man im entsetzten Blick auf zwei Schilder vor dem Ostchor endgültig das Idyll Frankenhöhe. »Wegen Einsturzgefahr gesperrt«, stand da in schöner katholischer Deutlichkeit. »Zutritt nur für Beichtende.«

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