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Der Vogelsberg



Als ich vor Jahren zum erstenmal nach Büdingen kam und auf der Straße einen Jungen etwas fragte, meinte dieser treuherzig, ich solle doch aufs Schloß um die Ecke gehen und den Fürsten fragen, der wisse sicherlich Bescheid. Ein paar Kilometer weiter wollte ich in Ortenberg im dortigen Schloß des Fürsten Stolberg-Roßla das kleine Museum besichtigen. Das ginge nicht, hieß es, der Fürst sei verreist —und der Fürst allein führe seine Besucher. Da begann ich das Duodezländchen Vogelsberg in mein Herz zu schließen. Der Fürst als allwissender Landesvater in Büdingen, der Fürst als besorgter Gastgeber in Ortenberg — das wird verständlich, wenn man ein wenig die Geschichte dieses Mittelgebirges betrachtet, das vor den Toren des Rhein-Main-Gebietes liegt und sich dennoch eine eigene Physiognomie bewahrt hat. Zahlreiche Fürsten -geschlechter haben sich in den Vogelsberg geteilt und teilen sich ihn noch immer. Die Riedesel in Lauterbach, die Solms in Laubach, die Stolberg-Wernigerode in Hirzenhain, die Ysenburg in Büdingen, die Stolberg-Roßla in Ortenberg, die Solms-Hohensolms in Lieh - eine scheinbar heile Welt von gestern, die auch Einrichtungen des Staates liebevoll in ihre feudalen Arme nimmt wie das kleinste nichtprivate hessische Bad Salzhausen, das »Spielzeugschachtelbad« mit seinem Mini-Gradierwerk im Kurpark. Und auch das sei angemerkt: 1945 rettete der »Landesvater« Otto Friedrich Viktor Ferdinand Maximilian Gustav Richard Bogislav Fürst zu Ysenburg und Büdingen das mittelalterliche Kleinod Büdingen vor dem Beschuß durch die Amerikaner. Nicht nur im kleinen, auf höchster Verwaltungsebene war der Vogelsberg vor noch gar nicht langer Zeit aufgeteilt: der größere Brocken gehörte zum Großherzogtum Hessen, ein kleineres, im Südosten gelegenes Stück zum Kurfürstentum Hessen-Kassel, das, nachdem es sich im Krieg von 1866 auf die Seite Österreichs geschlagen hatte, vom siegreichen Preußen kassiert wurde. Und das wäre — ein historisches Kuriosum — vielleicht nicht so gekommen, wenn nicht ausgerechnet ein Sohn des Vogelsberges, nämlich der aus Gedern gebürtige General Eduard von Fransecky, entscheidend für Preußen dazu beigetragen hätte, die Schlacht von König-grätz zu gewinnen. Seine Heimatstadt freilich blieb hessisch, und heute erinnert dort der Fransecky-Brunnen an diese Marginalie deutscher Geschichte.
      Die Schulbücher lehren, daß der Vogelsberg, im Süden begrenzt von der hessischen Kinzig, im Osten von der Fulda, im Norden von der Autobahn Frankfurt—Kassel und im Westen von der Wetterau, aus einem Vulkan der Tertiärzeit entstanden sei, ein einziger mächtiger Basaltkegel. Trotzdem erweist er sich als außerordentlich abwechslungsreich. Zwar sind seine Täler nicht so tief eingeschnitten, seine Berge nicht so steil wie in anderen Mittelgebirgen, zwar treten überall ausgeglichene, flachgerundete Formen zutage, als hätte sich die zähflüssige Lava vor fünfzig Millionen Jahren wie ein Federbett über das Land gelegt. Aber dieser Mangel an topographischen Gegensätzen wird wettgemacht durch das häufigere Nebeneinander von Wiese und Wald. Es nimmt der Landschaft viel von der Herbheit, die ihr nachgesagt wird, macht sie lieblicher als die des Nachbarn Spessart, der sich mit dem rötlichen Buntsandstein als Bauelement hie und da in Erinnerung bringt. Die Landschaft des Vogelsberges dagegen wird vom grauschwarzen Basalt bestimmt. Auf dem 773 Meter hohen Taufstein, dem höchsten Berg, liegt er, wie von Riesenhand ausgestreut, in mächtigen Brocken umher. Der Aussichtsturm, von dessen Plattform man bei gutem Wetter bis zum Brocken im Harz, zur Wasserkuppe in der Rhön und zum Melibokus im Odenwald blicken kann, ist ebenso aus dem Gestein erbaut wie die Fassung des nahebei gelegenen, leider sehr verwahrlosten Bonifatius-Brunnens, aus dem der berühmte Missionar um das Jahr 750 die ersten Christen dieser Gegend getauft haben soll. Im sogenannten Oberwald, der vom Taufstein und seinem zehn Meter niedrigeren Zwillingsbruder Hoherodskopf gekrönt wird, liegt die Lava stellenweise in vielen Schichten bis zu 80 Meter dick übereinander und ist im Bilstein, im Geiselstein und an der Bonifatius-Kanzel zu bizarren Felsgebilden erstarrt.
      Der vulkanische Ursprung hat dem Vogelsberg zu einem außerordentlichen Wasserreichtum verholfen. Nach allen vier Himmelsrichtungen verströmt er seine Quellen: mit Lüder und Lauterbach nach Osten, mit der Schwalm nach Norden, mit Steinebach und Bracht nach Süden und mit Nidder und Nidda nach Westen bis hin zur großen Stadt Frankfurt, die zum Teil ihr Trinkwasser von ihm bezieht. So ist das seit Jahrhunderten mit ihm gewesen: er hat gegeben, ohne viel zu nehmen - in Büdingen fanden Hugenotten, Waldenser, Pietisten und Wiedertäufer Zuflucht -, er hat verströmt, ohne deshalb über Gebühr beachtet zu werden. Ob das der Steinmetz ausdrücken wollte, als er um 1650 in den Brunnen auf dem Marktplatz des Städtchens Nidda jenen unbeholfenen Spruch meißelte, den ich immer wieder mit Vergnügen lese? »Ich steh alhier auff offenem Marck, geb hin meine Wahr ohne Gelt, wer Lust hat trinck wans ihm gefeit. Ob ich schon werd gering geacht, so steht doch meine Kraft in Gottes Macht, welcher seine Brünnlein lest fliesen, die der Arm sowohl als der Reiche hat zu geniesen.«
Die Baulust der Landesherren muß wohl die Vogelsberger Bürger ihrerseits zum ständigen Wettstreit angespornt haben, denn das Gebirge steckt nicht nur voller Schlösser und Basalte, sondern auch voller unfeudaler Bauten im schönen mitteldeutschen Fachwerkstil. Die Rathäuser von Alsfeld und Schotten gehören dazu, die »Teufelsmühle« in Ilbeshausen, so benannt nach einer Sage, der Lukkische Hof in Büdingen, der Ankerturm in Lauterbach, die Altstadthäuser in Schlitz und mein ganz besonderer Liebling: das Kirchlein in Breunges-hain am Fuß des Hoherodskopfes mit seiner Orgel von 1879, in dessen Türgebälk sich der Zimmermann Hans Georg Haubbuch aus Herbstein unter dem Datum des 17. Juni 1708 verewigt hat. Bonifatius hat auf dem Taufstein getauft, Schotten verdankt seinen Namen der Gründung durch iroschotti-sche Mönche — ein paar Einflüsse von draußen hat es im Lauf der Jahrhunderte im Vogelsberg gegeben, aber nicht viele. Dagegen verströmt das Gebirge nicht nur seine Wasser in die vier Himmelsrichtungen, sondern exportiert eine heißbegehrte Sache in alle Welt: Aus Lauterbach kommen die deutschen Gartenzwerge.
     

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