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Der untere Niederrhein



Bei Kleve und Kranenburg, in der Nähe von Nijmegen, bildet der Rhein sozusagen einen spitzen Winkel mit der holländischen Grenze. Rechts des Rheins, hinter Rees oder Wesel, fängt, aus der Sicht des linken Niederrheiners, etwas ganz anderes an, das schon eher zu Westfalen gehört. Da erst beginnt das Binnenland. Denn der eigentliche Niederrhein, das ist nur die Landschaft links des unteren Rheins. Und südlich, irgendwo bei Köln oder Düsseldorf, nun ja, da fängt halt das Rheinland an, das auch etwas ganz anderes ist. Noch die zehn »Blagen« meines Großvaters, der sich im vorigen Jahrhundert, zur Zeit der Segelschiffe, bei der Auswanderung aus dem Kölschen ins Amerikanische in einem Kaff am Niederrhein niedergelassen hatte, nachdem ein Vortrupp seiner Sippe irgendwo zwischen den Kontinenten mit Sack und Pack verschollen geblieben war, mußten sich als Schulkinder das Schimpfwort »Bowerländer« gefallen lassen. Sie mußten beträchtliche Solidarität entwickeln, um nicht verprügelt zu werden. Denn hier wurde platt gesprochen, und nicht rheinisch.
      Oberländisch, das bedeutete im Mittelalter, für die Zeitgenossen des Thomas von Kempen oder des Erasmus von Rotterdam, soviel wie rheinisch, während »niederländisch« das Gebiet zwischen Köln und Dordrecht bezeichnete. Unser heutiger Niederrhein, nach dem Sprachgebrauch seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts, war also damals kein toter Winkel, sondern gehörte zu den ostniederländischen Gebieten an Jissel, Rhein, Wal und Maas, wo im 14. und 15. Jahrhundert die Tuchindustrie zur Blüte kam und religiöse Erwek-kungsbewegungen gediehen. Später, im Durcheinander der Territorial- und Konfessionskämpfe, wurde der Landstrich vom Hauch der Geschichte berührt, als Heinrich VI

II.

eine Anna von Kleve zur Frau nahm und in Kleve sich eine gewisse höfische Kultur entfaltete . Doch Staat, Geschichte und Kultur gewannen für diese Landschaft letztlich keine rechte Bedeutung. Die östlichen niederländischen Provinzen, mit den Städten Herzogenbosch, Nijmegen, Deventer, und der benachbarte Niederrhein lebten später im Schatten des eigentlichen Holland mit den großen Küstenstädten. Holländisch, dessen Gebrauch in den Schulen und Kirchen Kleves und Gelderns erst 18x7 verboten wurde, blieb hier weiter bis ins 19. Jahrhundert Geschäfts- und Umgangssprache. Holländische Architekten und Landschaftsmaler waren bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts am Niederrhein stilbestimmend. In Kleve lebten aus steuerlichen Gründen zahlreiche holländische Rentner , deren Wohn-, Park- und Alleenkultur die Stadt bis zu ihrer Vernichtung im letzten Krieg geprägt hat. Aber der Niederrhein, das ist in erster Linie die Landschaft. Nicht die Kultur, sondern die Natur gibt den Ton an, die — von Thomas von Kempen bis Josef Beuys — schon manchen zum Mystiker hat werden lassen. Um nicht selber zum Heimatdichter zu werden, zitiere ich einen: »Die niederrheinische Landschaft ist die des Nebels, und der Nebel ist durch den Strom, durch seine Altwässer, die Nebenflüßchen und die Sümpfe bedingt. Kaum ein Morgen, selbst im Sommer, an dem er nicht als feiner, bläulicher Schimmer über den Dingen hinge und die Umrisse verwischte; und der Nebel weckt in dem Wanderer ein Gefühl von hinterweltlichen, überweltlichen Kräften. Baum, Busch, Hof und Hecke sind nicht mehr sie selbst, können etwas anderes bedeuten, Geistergestalten, Unwesen, Ãœberwesen — und selbst wenn sie dem Auge bleiben, was sie sind, erscheinen sie doch verwandelt. Sie werden fragwürdig.« Um diese Sumpf- und Nebelmetaphysik zu verstehen, muß man wissen: Der Horizont ist flach, der Himmel weit, aber meist von ziehenden weißen Wolken verstellt. Es gibt hier kaum eine Stelle, wo der Rhein, dessen Lauf erst seit etwa 500 Jahren festliegt, nicht einmal sein Bett hatte. Ãœberall stößt man auf Altwässer, Kuhlen, sumpfige Brüche, sandige Hügel, Heidstriche, Wiesen und Schilf.
      Aber dies sind Einzelheiten, sozusagen die gemütliche Seite des Niederrheins, denn der Niederrheiner neigt wie der Holländer, zum Stilleben, denkt aus der Froschperspektive, schätzt Kaffee, Kuchen und Behaglichkeit, denkt nicht im großen, sondern im kleinen, richtet sich ein.
      Die ungemütliche Seite des Niederrheins indessen wird meist nur von Außenstehenden wahrgenommen oder solchen, die es geworden sind. Wer mal für ein paar Stunden dort unten war, dem dröhnt nachher der Schädel. Man ist erschlagen. Vielleicht macht es die Leere, die Kargheit, die absolute Schmucklosigkeit. Selbst die reichen Bauernhöfe, die hier wegen der fetten Scholle zahlreich sind, haben etwas Harsches und Abweisendes. Eine kunstsinnige Rheinländerin, die mit einem Niederrheiner verheiratet ist, äußerte geradezu Horror davor, in die Gegend ihres Mannes fahren zu müssen: »Dann muß ich schreien.« Jemand, der den Niederrhein im Regen erlebt hatte, meinte gar: »Eine Terrorlandschaft.«
Seitdem die preußischen Justiz- und Verwaltungsbehörden 182z von Kleve nach Düsseldorf verlegt wurden, lagen Welt und Staat noch weiter ab als ohnehin schon. Nicht von ungefähr hat der Niederrhein einige bedeutende Individualanarchisten hervorgebracht. Heinrich Böll wird wegen seines Naturells und seiner Herkunft von überzeugten Niederrheinern als einer der ihren reklamiert, denn sein Großvater war Küfer bei Xanten. Josef Beuys ist ohne die gewissermaßen vorgesellschaftliche, geologische Eigenart dieser Landschaft gar nicht denkbar. Hier hat der große skandinavische Gletscher in der Eiszeit seine Spuren hinterlassen: Gesteinsblöcke aus dem Norden, zusammengepreßte Ton- und Kiesschichten, eiszeitliche Hügel und einen fruchtbaren Lößboden, der vom eiszeitlichen Wind in die damals vegetationslose Landschaft gebracht wurde.
      Ein anderer Niederrheiner, Vigoleis Thelen, dichtender Privatanarchist mit humoristischer Weltbetrachtung, beteuert in seinem Roman »Die Insel des zweiten Gesichts« wiederholt, daß er keine Landschaften beschreiben könne. Das, so glaube ich, ist für einen Niederrheiner, sofern er nicht Heimatdichter ist, verständlich. Denn, als Mystiker, erlebt er die Welt mit geschlossenen Augen. Der Niederrhein, das ist eigentlich keine Landschaft, sondern ein Zustand. Wer von dort kommt, wird ihn nicht los.
     

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