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Der Sachsenwald



Schiffssirenen heulen im Hafen, von den Werften klingen Niethämmer und Schweißautomaten herüber, und der Straßenlärm liefert dazu die großstädtische Geräuschkulisse. Doch einer läßt sich gewiß nicht vom Zivilisationslärm beeindrucken: Hoheitsvoll blickt das steinerne Bild des ersten deutschen Reichskanzlers von der kleinen Anhöhe — Stintfang genannt — herab auf Verkehrsgetümmel und Hamburger Hafen.

Wohl kaum ein Besucher der Hansestadt wird ohne einen Blick auf das monumentale Bildnis Bismarcks fortfahren, denn schließlich markiert jener große Staatsmann aus dem vergangenen Jahrhundert den Anfang oder — wie man's nimmt —das Ende von Hamburgs Vergnügungsviertel: St. Pauli.
      Gut vierzig Autominuten von Hamburg und vom Denkmal entfernt findet sich jene Ruhe, die der Reichskanzler so sehr geschätzt hatte. Im wogenden Mischwald der Buchen, Eichen und Tannen findet der Spaziergänger mehr Muße, um an Bismarck zu denken. Dort im Sachsenwald atmet jeder Stein, jeder Baum, ja jeder Weg geschichtsträchtige Vergangenheit.
      Das mit siebzig Quadratkilometern größte Waldgebiet in Schleswig-Holstein öffnet sich nach rund fünfunddreißig Straßenkilometern in östlicher Richtung vom Bismarck-Denkmal aus. Das Altmoränengebiet des Waldes ist kalkarm und weist zahlreiche Moorflächen auf. Bei wenig gegliederter Bodenform erreichen die höchsten Erhebungen etwa fünfzig bis sechzig Meter, so dals von Bergsteigen nicht die Rede sein kann. Mit der benachbarten Hahnheide ist der Sachsenwald der Rest jenes großen Urwaldgebietes, das in frühgeschichtlicher Zeit altsächsisches und altwendisches Siedlungsgebiet trennte. In diesen Jahrhunderten hatte sich das Land völlig bewaldet. Die älteren Hügelgräber und viele andere Funde aus der jüngeren Steinzeit und der Bronzezeit zeigen, daß die Fläche des heutigen Sachsenwaldes bis in die Zeit der Völkerwanderung hinein dicht besiedelt gewesen sein muß. Erst danach verödete das Gebiet und bewaldete sich neu. Daraus ist zu schließen, daß der überwiegende Teil des Sachsenwaldes ein verhältnismäßig junges Waldgebiet ist.
      Nach der dänischen Herrschaft fiel der Wald 1228 an das Herzogtum Sachsen-Lauenburg. Seit dieser Zeit ist der kleine Fluß »Bille« die Grenze zwischen dem holsteinischen Stormarn und Lauenburg. Die Au, die bei Schwarzenbek entspringt und in die Elbe mündet, teilt das Waldgebiet fast zu gleichen Teilen in Nord und Süd. Um den Ursprung des Namens »Sachsenwald« streiten sich die Heimatforscher noch. Die einen fragen sich, ob tatsächlich die Sachsen die Namenspaten waren, da sie unter ihrem Führer Widukind mit Karl dem Großen in jener Gegend Fehden ausgetragen haben. Andere meinen, der Name stamme von den Herzögen Sachsen-Lauenburg oder einfach von den »Hintersassen«, also jenen, die »hinter dem Wald saßen«. Wie dem auch sei, der Volksmund sprach immer von dem Wald der Sachsen-Herzoge. Einer der Herzöge, Julius Heinrich, bezeichnete ihn in naiver Naturschwärmerei als »das vornehmste Kleinod in diesem Fürstentum«. Dieses Kleinod ist stets von den politischen Veränderungen des Herzogtums Lauenburg stark berührt worden. Nach Aussterben des askanischen Fürstenhauses kam der Sachsenwald 1689 an Hannover, 1815 an Dänemark und 1865 an Preußen. Sechs Jahre später schenkte Kaiser Wilhelm I. als Herzog von Lauenburg das Waldgebiet an seinen Reichskanzler Bismarck »in Anerkennung seiner Verdienste um die Gründung des Reiches«. Seitdem ist der gesamte Sachsenwald im Privatbesitz der Familie von Bismarck. Die sächsischen Herzöge, die damals den Wald nur zur Jagd nutzten, hatten den Bauern der angrenzenden Dörfer das Recht der freien Weide sowie Nutzung des Weichholzes ohne Eichen und Buchen zugestanden. Die Bauernvögte waren damals zugleich auch Hudemeister oder zu hochdeutsch: Hütemeister: Denn von Oktober bis Weihnachten durchzogen riesige Schweineherden mit ihren Hirten den Wald. Häufig wurden damals fünf- bis sechstausend Schweine im Sachsenwald gezählt. Dennoch zeigte sich das Waldareal auch mit Wildbeständen reich gesegnet. Mit zunehmender Bautätigkeit griff der Raubbau um sich. Erst landesherrliche Verordnungen stoppten ihn etwa von 1700 an. Nach und nach wurden immer größere Flächen zur Schonung bestimmt, durch Wall und Graben abgetrennt; die Bäume bis zum Alter von vierzig oder fünfzig Jahren wurden von der Viehwirtschaft freigehalten. Diese sogenannten wechselnden Zuschläge wuchsen auf fast ein Drittel der Forstfläche, bis die Rechte der Bauern vor etwa ioo Jahren abgelöst wurden. Der Baumbestand wechselt je nach Boden: Die Eichen stehen fast nur auf Lehm-, Nadelholz mehr auf Sandboden. Der bereits stärker ausgelaugte Altmoränenboden trägt inzwischen nicht mehr so stattliche Buchen wie in Ostholstein. Die moorigen Niederungen sind dagegen mit Erlen, Birken und Weiden besetzt. Bis heute sind einzelne Bezirke »zum Schutze von Wald und Wild« für Besucher gesperrt. Nicht zuletzt deshalb sah sich der Bismarck-Enkel und jetzige Familienchef vor einiger Zeit der öffentlichen Kritik ausgesetzt. Der sachliche Beobachter sieht indessen keinen Grund zur Klage, denn trotz des nahen Trubels der Großstadt findet hier der ruhesuchende Wanderer genügend Raum, um aufs Geratewohl durch die Bäume zu pirschen. Will er nicht die ausgeschilderten Wege benutzen, genügt ein Kompaß â€” und stundenlange Spazierwege führen ihn weg vom brausenden Alltag.
      Weithin bekanntgeworden sind der Sachsenwald und der Ort Friedrichsruh durch Bismarck, der hier auch Staatsbesucher empfangen hat. Ein Bismarck-Museum ist seit der Zerstörung des Schlosses in einer ehemaligen Gaststätte an der Hauptstraße untergebracht. Porträts der Fürstlichkeiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind dort ebenso zu sehen wie Modelle von Kriegsschiffen und Ehrengeschenke aus aller Welt. Eine ehemalige Gaststätte war es schließlich auch, die Bismarck zum Schloß umbauen ließ.
      Hannovers Statthalter Friedrich Graf zur Lippe stand Pate für die Namensgebung des jetzt rund 300 Einwohner zählenden Ortes Friedrichsruh. Er baute dort, im Zentrum des Sachsenwaldes, 1767 unweit der Försterei an der Au ein Jagdhaus, das er Friedrichsruh nannte. Nach Abbruch dieses Hauses entstand 1859 an dieser Stelle eine Sommerwirtschaft, und die nahe gelegene Häusergruppe behielt fortan diesen Namen. Das Sommerrestaurant hatte ein Türschild mit der Aufschrift »Frascati«, was der Volksmund in »Freßkate« umbenannte. Bismarck, der zunächst seinen Alterssitz in Schwarzenbek, 14 Kilometer von Friedrichsruh entfernt, geplant hatte, ließ sich davon nicht schrecken, kaufte das Waldlokal 1874 und ließ es umbauen. Aus dem Land an der Au wurde eine gepflegte Park- und Waldlandschaft.
     

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