Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche landschaften

Index
» Deutsche landschaften
» Der Oberpfälzer Wald

Der Oberpfälzer Wald



Wer sich in deutschen Landschaften nicht auskennt, verwechselt leicht den Oberpfälzer Wald mit dem Pfälzer Wald oder verlegt ihn zumindest in dessen Nähe. Beide liegen zwar, grob gesprochen, auf dem gleichen Breitengrad, aber der Pfälzer Wald hegt im Westen der Bundesrepublik, der Oberpfälzer Wald dagegen an der Ostgrenze: Das schmale Waldgebirge, im Westen von Naab und Waldnaab, im Süden von Schwarzach umflossen und durch die Cham-Further-Senke vom Bayerischen Wald getrennt, liegt hart an der tschechoslowakischen Grenze, von der mit Schildern viel Aufhebens gemacht wird. Schon einige Kilometer vorher werden die amerikanischen Streitkräfte gewarnt und zur sofortigen Umkehr aufgefordert. Die Grenze selbst ist kaum zu sehen. Wären nicht die bunten Schilder Bayerns und der Bundesrepublik, und würde nicht die Straße in einen holprigen Feldweg sich verlieren und vor einem Haufen Feldsteinen haltmachen, man käme nicht auf die Idee, daß dies das letzte Hindernis für viele Flüchtlinge war. Als wir an die Grenze fuhren, um zu sehen, wie eine Grenze aussieht, folgte uns in einem mausgrauen VW die bayerische Grenzpolizei. Nein, Stacheldraht und Minen gebe es hier nicht, dafür Wachtürme, zwischen denen Patrouillen mit Hunden wechselten. Da müsse man schon aufpassen. Wir versprachen's.
      Die Leute dort sind es gewohnt, Grenzlandbewohner zu sein. Das bayerisch-böhmische Grenzgebirge war immer umkämpft, mehr als 200 Burgen sollen hier im Mittelalter die tatsächlichen oder eingebildeten Feinde abgewehrt haben. Die Hussiteneinfälle, der Dreißigjährige Krieg, der österreichische Erbfolgekrieg ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Oberpfälzer Wald Zufluchtsort für viele Sudetendeutsche. In Waldmünchen spielt man in jedem Sommer das nächtliche Freilichtspiel »Trenck, der Pandur«, das die Ereignisse um 1742 schildert, als die Pandu-ren die Stadt verwüsteten. Von der kriegerischen Vergangenheit zeugen die Burgen und Ruinen. Zum Beispiel die Flossenbürg, die das wichtigste Glied in der Burgenkette Falkenberg, Leuchtenberg, Schellenberg, Obermurach war, »ein Vorposten gegen die Gefahr durch fremdes Volkstum«, wie es auf einer vom Dorfschullehrer verfaßten Tafel unterhalb der Ruine zu lesen steht. Von der schwindelerregend hohen Ruine hat man einen weiten Blick bis in die Tschechoslowakei, von dort sieht man auch den nächsten »Posten«, die Ruine Schellenberg.
      »Gefahr durch fremdes Volkstum«, sofern sie jemals bestand, gibt es heute nicht mehr. Die Gefahr kommt von anderer Seite: Das eigene Volkstum wandert ab, Industrie fehlt, die Landwirtschaft ist ein hartes Geschäft. Im Westen, im Naabtal, sieht es besser aus. Weiden, mit 40000 Einwohnern die größte Stadt , hat verarbeitende Industrie und wertvolle Arbeitsplätze. Der Oberpfälzer Wald ist mit Bodenschätzen nicht gesegnet, Feldspat gibt es und das für die Porzellanherstellung wichtige Kaolin. An Holz herrscht kein Mangel. Früher lebten die Glasmacher und Köhler davon, heute die Holzfäller und Sägewerke.
      »Bayerisches Sibirien« nennen die Bewohner des Oberpfälzer Waldes ihr Land. Da steckt Spott und Wahrheit drin. Sechs Monate im Jahr liegt dort der Schnee, die Winter sind voll scharfem Frost. Die Landschaft wirkt »sibirisch«, selbst im Sommer, ohne daß man genau sagen könnte, weshalb. Vielleicht ist es die Klarheit der Luft und die Kühle der Nächte, vielleicht sind es die unübersehbaren Wälder, die vielen Birken, die Hochmoore und Seen, von denen Vögel aufflattern, wenn man zwischen das Schilf tritt. Die Bauern haben es nicht leicht. Zwar ist der Boden besser als im weiter westlich gelegenen Oberpfälzer Jura, wo die Felder mit weißen Steinen übersät sind. Aber das Klima ist rauh. Gemüse und Obst gedeihen hier nicht. Milchwirtschaft lohnt sich noch am ehesten. An den Straßen und Wegen warten auf roh gezimmerten Holztischen die Milchkannen auf den Sammeltransport. Karg wie die Landschaft sind auch die Behausungen der Menschen. Während sonst die Bayern einen frohgemut-stämmigen, durchaus selbstbewußten und gewitzten Eindruck machen, sind die Oberpfälzer Waldbewohner eher verschwiegen und verschlossen. Die alte Frau, die wir nicht weit von der Grenze nach dem Weg fragten, starrte uns an, als kämen wir von einem anderen Stern, und war erst nach mehreren Anläufen zu einer Auskunft zu bewegen, die sie dann allerdings unermüdlich wiederholte. Der Oberpfälzer Wald sieht nicht recht wie eine deutsche Landschaft aus. Da gibt es nichts Verträumtes und Heimeliges, keine schnuckeligen Dörfer und geleckten Bauernpaläste. Unerwartet fremd wirkt die Landschaft, befreiend weiträumig und großartig. Das bietet sich für den Tourismus an. Warum auch nicht? Anziehungspunkte gibt es genug: etwa das Städtchen Pleystein, vielleicht einer der hübschesten Orte, mit dem berühmten, von einem Teich umgebenen Rosenquarzfelsen, auf dem eine Wallfahrtskirche steht. Oder nicht weit davon Vohenstrauß mit dem wuchtigen, von sechs runden Wehrtürmen flankierten Renaissanceschloß Friedrichsburg. Oder das am nördlichen Rand des Oberpfälzer Waldes gelegene Falkenberg mit seiner im 11. Jahrhundert gegründeten Burg. Von Falkenberg aus wandert man in das Naturschutzgebiet des Waldnaabtales, wo sich Granitplatten zu riesigen Säulen auftürmen, zwischen denen die Waldnaab sprudelt.
      Trotz solcher verlockenden Ziele ist der Fremdenverkehr nicht stark. Wanderlustige Sommergäste wohnen in den zu Pensionen umgebauten Höfen, im Winter ziehen Skiläufer ihre Spuren durch den Schnee. Pistenrummel findet im Bayerischen Wald statt, im Oberpfälzer Wald gibt es fast keine nennenswerten Abfahrten. Das Gelände bietet sich dazu nicht an; die höchste Erhebung, der Kreuzfelsen auf dem Gibacht mit seinen 936 Metern, ist ringsum bewaldet. Wer in den Oberpfälzer Wald reist, tut dies sicher nicht, weil er High Life am Abend will oder Hilton-Atmosphäre schnuppern möchte. Zwar bemühen sich die Fremdenverkehrsverbände und die Hoteliers nach Kräften, moderne Erholungszentren mit allem Komfort aus dem Boden zu stampfen. Aber das eigentlich Reizvolle an dieser Landschaft ist ihre von sanfter Melancholie erfüllte Einsamkeit. So etwas kann man nicht organisieren, allenfalls durch eine Forcierung von modischem Tourismus-Ambiente verderben. Im Oberpfälzer Wald sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Deshalb lohnt es sich, dort hinzufahren.
     

 Tags:
Der  Oberpfälzer  Wald    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com