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Der Mosel-Krampen



Was ihm denn einfalle, dem Herrn Landrat in Cochem, wenn er sage, der Krampen habe meist ein paar Grad öchsle mehr als die Mittelmosel. Der Winzer in Bernkastei sagt es, der von der Mittelmosel. Der Krampen habe, bitteschön, das Vorzeichen »Untermosel«, und die möchte wohl noch gute Kneipweine haben, aber die »großen« kämen von der Mittelmosel. Es gibt einige Konkurrenzgefühle, die auch nicht unterdrückt werden, wenn ein Landrat oder ein Winzer im Alltagsgewand daherkommt.

      Das Entree zum Moselkrampen ist auf der einen Seite die Kreisstadt Cochem, auf der anderen, wenn man moselabwärts kommt, Bullay. Der Krampen ist der schönste Schauplatz dieser Landschaft, denn es gibt hier eines nicht: die Eisenbahn. Vierundzwanzig Kilometer lang schlängelt sich der Fluß daher; der Moselkrampen wird vom Kaiser-Wilhelm-Tunnel, 4213 Meter lang, dem längsten Tunnel der Bundesbahn, abgekappt. Zwangsläufig muß der Krampen ohne die Bahn auskommen. So ist dann im Krampen das ewige Spiel der Kulisse: Landschaft, Luft und Licht, mal hell, doch meist dunkel, oft kühl und feindselig. Die Zwischentöne hoch im Kurs. Höchst zweckdienlich läuft das Echo durchs Tal, wenn ein Schiff tutet; an jeder Bergnase macht es nämlich halt und wirft seine Schallwellen zum Ufer gegenüber, und wieder her und wieder hin. Das Tal, an den beiden Ufern von den Automobilen nicht gerade schön bekränzt, wirkt etwas unglückselig pompös. Mehr als ein Dutzend Dörfer, meist von Walnußbäumen bestückt, bringen viele Nuancen und Facetten ins Bild. Linkes Ufer, flußabwärts: Eller, Ediger, Nehren, Senhals, Poltersdorf, Ellenz, Ernst, Cochem; rechtes Ufer, wieder flußabwärts: Senheim, Mesenich, Briedern, Beilstein, Fankel, Bruttig, Valwig, Cochem-Cond.
      Manchen Familiennamen von Winzern, die man im Vorbeigehen liest, kann man das Beiwort »latinisiert« geben. »Brixius« ist nicht nur der Hotelier der »Bnxiade« in Cond, sondern auch der Stadtpatron von Bernkastei, »Molitor« heißt Müller, »Jobelius« Goebel, »Laurentius« kommt von Laux, »Zenz« und »Zenzen« von Vincentius, und der »Tritenius« kommt aus Trittenheim, wo das weltberühmte »Altärchen« wächst. In Beilstein sitzen uns der Bürgermeister und Winzer Tony Bauer und der Karmeliten-Prior Pater Ferdinand gegenüber, der eine war zwar schon jahrelang in Sibirien, zu welchem Behufe, weiß man schon, aber er ist ein gebürtiger Beilsteiner; der andere, der Prior, ist der Sohn eines Müllers vom zwanzig Kilometer entfernten Springiersbach in der Eifel.
      Der Fremde stutzt. Die beiden Männer haben hellblaue, beide übrigens pfiffige Augen. Soweit man in die Moselgeschichte späht, in die Zeit des Ursprungs zurückgeht: Haben hier nicht ein halbes Jahrtausend die Römer gesessen, und müßten sie nicht dunkle Augen haben? Aber die Expedition in die Geschichte hilft nicht weit. Auch die Kelten und Franken haben hier gewohnt, sagt der Prior pfiffig. Nicht alle Moselaner hätten dunkle Augen. Sie sind drei Patres hier, die im alten Kloster wohnen, mit dem Provinzialrat in Bamberg. Der Prior und sein Pater Brokhard trinken Sonntag- und Donnerstagabend, das ist der Brauch, zusammen ein Fläschchen Mosel, Schloßberg oder Silberberg. Pater Michael ist Abstinenzler.
      In nächster Nähe der Beilsteiner Kirche ist der Friede zu Hause. R. I. P. — requiescat in pace — steht auf den Steinen des Friedhofs. Hier ruhen in Frieden die Kochems I, II und III, die Schilken, Sausen, Zenz, Porten, Jobelius, Tönges, Gietz und Höffgen. Und am Kirchengemäuer steht auch der Gedenkstein mit diesem Kürzel: I

II.

Pz. Art. Regt. 92, 20. Panzer-Division, Schwere Art. ABT. 648. Bürgermeister Tony Bauer war Hauptwachtmeister in diesem Regiment.
      Oben, oberhalb der Burgruine Metternich, die Weinstöcke kommen auf einige Meter heran, liegen, von einem Jägerzaun eingeschlossen, 105 Grabstätten eines anderen Friedhofs. In ihm waren einmal alle Grabsteine gewaltsam umgeworfen. »Im Zuge der Wiedergutmachung«, so der Landrat, »ist der Friedhof wieder instand gesetzt.« Hier ruhen die Rüben, Kaufmann, Isac, Marx, Lipmann, Koppel, Hirsch, Friedberg, Aron und Mayer. Und es ruht da Eva Simon geb. Hartmann, gestorben 1938. Und das Zugängliche und das Unzugängliche, das Erforschliche und Unerforschliche, ineinandergemengt, steht darunter: 1942 - Zum Andenken an unsere Kinder - Opfer ihres Glaubens - Theodor Simon und Valentine, geb. Lion, Ernst Simon und Meta, geb. Hartog. Sie waren Winzer und Metzger und Gastwirte in den Dörfern des Krampen gewesen. Eines Tages sind sie nach Frankfurt gebracht worden, sagt der Bürgermeister tonlos. Zwanzig deutsche Eichen stehen auf dem Judenfriedhof.
      Sechzig bis achtzig Schiffe kommen täglich moselaufwärts und moselabwärts, meist Güter-, manchmal Menschenfracht an Bord. Wir lesen »Lady Margret London«, »Maria von Beilstein« und »Traben-Trarbach« am Bug. Die Köln-Düsseldorfer Rheindampfschiffahrt fährt von Koblenz bis Trier. Oben, in Valwigerberg, im Wallfahrtskirchlein mit den vielen Votivtafeln und den zurückgelassenen Krücken, auf den Höhen des Krampen, läutet der Glöckner um 12 und um 18 Uhr, »von Hand«, wie er sagt. Ein Berliner Großindustrieller hat hier die Jagd, und ein spezieller Jäger auf den Hirsch heißt Franz Josef Strauß.
      In Beilstein zieht Tony Bauer, der Bürgermeister, sonntags um 12.30 Uhr, wie schon sein Vater, die Gemeindeglocke von Hand und »hält Gemeinde«. Höfers Schoppenrunde ist schuld, daß so wenige Männer kommen. Dann sagt er den drei Dutzend Bürgern und Kindern, die kommen, in den Ober- und Niederbach dürfe kein Unrat geworfen werden, »daß ma kaaner mi Zeuch reaschmeest, dat sech de Geröllfang net wedder verstoppt«.
      Viel Tourismus ist sommertags hier, im Herbst die Trauben und die Lese. In der engen Moselschlucht wird es mittags erst richtig hell und gleich danach wieder dunkel. Und das knabbert an den Herzen und am Gemüt der jungen Leute, die gehalten sind, hier ihr Dasein zu verbringen. Raus aus dieser Enge, sagt der junge Mann, der nie das Hotel des Vaters übernehmen will. Niemals, sagt er. Und der Vater sagt: Das sei seine Müh' und Plag', er sei in der vierten Generation hier.
      Das Dörfchen liegt, an die Mosel und in eine Hunsrückfalte geklemmt, wie in einer Demutsgebärde am Fuß der Burg Metternich, die den Mantel schleppend über die Häuser mit ihren 52 Haushalten und 35 schulpflichtigen Kindern gebreitet hat. Es könnte für alle Dörfchen im Krampen stehen.
     

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