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Der Goldene Grund



Es muß in der zweiten oder dritten Volksschulklasse gewesen sein: Der Lehrer skizzierte die Landschaft mit weißen Kreidestrichen an die Tafel, zeichnete den Emsbach ein, in Blau natürlich, markierte rot die Orte Esch, Walsdorf, Camberg, Niederselters, Niederbrechen und, ganz oben, die Kreisstadt Limburg, die zwar nicht mehr dazugehört, aber als Standort des Betrachters unbedingt mit auf die Tafel mußte. Schließlich, und das war das Wichtigste, schraffierte er die ganze Zeichnung mit dicken, goldgelben Strichen, um die Fruchtbarkeit der ganzen Region anzudeuten. Der Goldene Grund. Was der Lehrer zunächst über ihn erzählte, klang so ähnlich wie das, was als Vorwort in einem hessischen Schulbuch jener Zeit zu lesen war—an Rahmenrichtlinien hatte damals noch niemand gedacht: »Wer fühlt sein Herz nicht höher schlagen beim Wort Heimat? Nach der Hast und dem Jagen im Alltag tritt uns immer wieder die Heimat entgegen, alles verstehend, wie eine gütige Mutter. Wenn die Heimat spricht, schweigen die Gegensätze. Wenn die Heimat spricht, erkennt man das Gemeinsame, das Erbe der Väter.«

Der Siebenjährige konnte damit herzlich wenig anfangen. Heimat war für ihn ein leerer Begriff. Als Dreijähriger war er mit den Eltern aus Schlesien geflohen, durch Polen, die Tschechoslowakei und Österreich geirrt und schließlich nach etlichen Zwischenstationen in Limburg gestrandet. »Goldener Grund« war für ihn eher ein anderes Wort für den Garten Eden aus dem Religionsunterricht, auch wenn das gar nicht zu den Geschichten passen wollte, die der Lehrer schließlich noch über diese Gegend erzählte: von einer Bande, die vor rund zweihundert Jahren im Goldenen Grund den von Köln kommenden Postwagen plünderte; vom Räuberhauptmann Schinderhannes, der 1801 bei einem Ãœberfall auf die Posthalterei in Würges mit von der Partie war; und schließlich vom Brunnenstreit zwischen Oberselters und Niederselters. Diese Geschichten hätten eigentlich schon deutlich machen müssen, daß die Gegend zwischen der Kölner Autobahn und der Bundesstraße 8 kein Land ist, in dem Milch und Honig fließen, sondern auch nur Wasser, wenn auch weltbekanntes Mineralwasser. Selbst die Zeit, da im Goldenen Grund Wein angebaut wurde, war ja schon lange vorbei. Doch den Schüler irritierte das nicht. Sorgfältig malte er die ihm paradiesisch erscheinende Landschaft von der Tafel ab. Für lange Zeit blieb dies die einzige Begegnung mit dem Goldenen Grund.
      Die nächsten fanden erst rund zwanzig Jahre später statt. Von Frankfurt aus wurde bei Besuchen in Limburg wiederholt der Grund durchquert. Beim erstenmal drang es gar nicht ins Bewußtsein, daß jenes Schachbrettmuster der verschiedenen Grüntöne, das man, von Königstein und Glashütten kommend, oberhalb von Esch plötzlich vor sich liegen sieht, jene Landschaft der Kinderzeit sein mußte. Sie sieht nun einmal aus wie manche andere auch. Da steigt kein Autofahrer betäubt auf die Bremsen. Doch es besteht auch kein Anlaß, achtlos durch sie hindurchzujagen. Für den Schreiber hat sich der hartnäckige Versuch gelohnt, Phantasie und Realität in Ãœbereinstimmung zu bringen. Freilich, die Phantasie mußte schon etwas nachgeben.
      Nehmen wir Walsdorf. Das ist ein wehrhafter Flecken auf einer gestreckten Felserhebung im Süden des Goldenen Grunds. Die geschlossene Fachwerkfront fällt schon von weitem auf. Vom Hutturm aus, einem Rest der alten Stadtbefestigung, hat man einen herrlichen Rundblick. Man holt sich den Turmschlüssel im unmittelbar benachbarten Haus Nummer 13 und tastet sich hinter der Pforte eine Wendeltreppe hinauf. Nach der ersten Plattform geht es weiter über steile Holzleitern und schmale Stiegen im Innern der Außenmauer. Erst nachdem man noch eine eiserne Bodentür aufgestoßen hat, kann man einen weiten Blick über die Dächer der ehemals mauerumgürteten Stadt Walsdorf werfen und über das sanfte Auf und Ab der Felder und Wiesen im Goldenen Grund.
      Nördlich von Walsdorf sieht man Camberg liegen. Der alte Königshof Cagenberg wird bereits um das Jahr 1000 in Dokumenten erwähnt. Im 1 z. Jahrhundert war der Ort im Besitz der Diezer Grafen, die ihn 1365 durch Kaiser Karl

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zur Stadt erheben ließen. Camberg und Walsdorf waren einander im Mittelalter äußerst gram. Graf Adolf von Nassau-Idstein hatte Siedlung und Benediktinerkloster Walsdorf 1355 mit den Rechten einer Stadt ausgestattet. Kaum waren die Walsdorfer von der Leibeigenschaft befreit, befestigten sie ihre Liliputstadt und fingen Händel mit den Cambergern an. Bereits 1357 überfielen sie deren Ort, wurden jedoch zurückgeschlagen. Wie weiland die Gänse das Kapitol der Stadt Rom retteten, so kamen den Cambergern die Elstern durch ihr Geschrei zu Hilfe. Dieses Ereignis soll sie dann auch veranlaßt haben, die Elster in ihr Stadtwappen aufzunehmen.
      Camberg, die » Hauptstadt« des Goldenen Grundes, ist ein hübscher Ort, der viel Bausubstanz aus dem Mittelalter herübergerettet hat: im Stadtkern zwei rechteckige Tortürme als Reste der alten Befestigungsanlage, einen geschlossenen, wie eine Bühnenszenerie wirkenden Marktplatz mit schönen renovierten Fachwerkhäusern, reich verziert mit Schnitzereien und Erkern; dann vier ehemalige Burgmannensitze: der Riedeselsche Hof, der jetzt als Apotheke dient, der Hattsteiner Hof, das Grorodsche Haus und der alte Amtshof; nicht zu vergessen die katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul mit ihrer stuckierten Spiegeldecke und die zahlreichen winkligen Gäßchen.
      Im Fenster eines der Fachwerkhäuser findet man den Hinweis: Puppenklinik. In einem Vereinskasten wirbt der örtliche Schachclub um neue Mitglieder: »Dem immer wieder von Laien geäußerten Verdacht, zum Schachspiel seien nur Menschen mit unheimlicher Intelligenz' geeignet, soll bei dieser Gelegenheit strikt widersprochen werden. Um sich im Camberger Schachclub einen einigermaßen annehmbaren Platz auf der Turniertabelle zu sichern, genügt gesunder Menschenverstand durchaus. Jedenfalls ist keines unserer Clubmitglieder bisher in den Verdacht geraten, sich irgendwie als eine Art verkannten Genies zu fühlen.« Gesunder Menschenverstand — mit ihm meistern die Camberger ihr Schicksal. Systematisch bauen sie ihre Fünftausendseelengemeinde zum Kurort aus. Das milde Reizklima erleichtert es ihnen. Ein Prospekt zählt neben FKK-Abteilung und etlichem anderen auch Reiten und Schießen auf. Zwar haben die Camberger keine Quelle, doch die braucht man zum Kneippen ja nicht. Geruhsam kann man dort Wassertreten und weite Spaziergänge in den nahen Wäldern machen. Nicht nur vom Walsdorfer Hutturm hat man einen weiten Blick über den Goldenen Grund, der im Mittelalter als »Tractus aureus« auftaucht. Auch von der mit einer achteckigen Mauer umfriedeten Kreuzkapelle hoch über Camberg aus läßt sich das leicht gewellte, fruchtbare Land trefflich überschauen. Büsche und Bäume markieren den Emsbach, der auf dem Kleinen Feldberg entspringt, durch den Grund eilt, um schließlich in die Lahn zu münden. Eine ganze Reihe von Mühlen lag früher an seinem Lauf. Sie klappern schon lange nicht mehr, und rauschend ist der Bach wohl nie gewesen. Auf der Camberg gegenüber liegenden Seite des Grundes kriecht im Hundertkilometertempo die Zivilisation luftverpestend die Horizontlinie entlang. Die Kölner Autobahn macht den Bewohnern in doppelter Hinsicht die Grenzen ihres Landstriches deutlich. Die bäuerlichen Vollerwerbsstellen gingen in den letzten Jahren ständig weiter zurück. Die Bevölkerung pendelt über die Autostrada nach Limburg, Wiesbaden und Frankfurt zur Arbeit. Wenn er es jemals war: für sie ist der fruchtbare Grund so golden nicht mehr.
     

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