Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche landschaften

Index
» Deutsche landschaften
» Der Frankenwald

Der Frankenwald



Erinnern wir uns an eine D-Zug-Fahrt vor dem Krieg von München nach Berlin. Da gab es eine Station, winzig, der Zug hielt, doch niemand stieg hier aus: Pressig-Rothenkirchen. Einzig und allein eine schwere Schublokomotive setzte sich hinter die Waggons, um dem Zug nach Steinbach am Wald, fast sechshundert Meter über dem Meeresspiegel, hinaufzuhelfen. Vielleicht dachte einer der Reisenden daran, daß hier oben der »Rennsteig« erreicht war, diese Höhenstraße von der Werra bis zur Saale, die Gustav Frey tag die »Straße der Völkerwanderung« genannt hat.
      Der Frankenwald, vor vierzig Jahren noch das »unbekannte Land«, ist nach dem Krieg für die West-Berliner so etwas wie eine Vorstadt im Südwesten geworden: den Aufenthalt an der Grenze eingerechnet, können sie in vier Autostunden in die Stille dunkler Wälder gelangen. Eine Landschaft von ewigem Ernst, aber auch von einer schwer zu erfassenden Lieblichkeit, die sich auf den ersten Blick nur wenigen erschließt. Vierzig Kilometer lang und dreißig Kilometer breit ist die »Naturapotheke« Frankenwald. Das westliche Tor bildet der Landkreis Kronach. Hier fließen die drei Frankenwaldflüsse Haßlach, Kronach und Rodach zusammen, deren Täler sich nordwärts bis zum thüringisch-fränkischen Rennsteig schieben, einer dreifachen Trennungslinie: Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein, Sprachgrenze zwischen Fränkisch und Thüringisch und wohl auch Religionsgrenze. Denn südlich des Rennsteigs ist der Blick gen Bamberg gerichtet: siebenhundert Jahre war Kronach die nördlichste Bastion des Fürstbistums. Ãoberragt von der Festung Rosenberg bietet die Stadt mit ihrem altertümlichen Dächergewirr tatsächlich noch einen Anblick, den man gern »altfränkisch« nennt. Lucas Cranach der Ã"ltere wurde hier 147z geboren; drei seiner Originale hängen noch heute im historischen Rathaus. Die Festung selbst, die den Ruf genießt, niemals erstürmt worden zu sein, gehört zu den besterhaltendsten barocken Anlagen. Den letzten Ausbau besorgte Johann Balthasar Neumann, der den Halbmond der Contrescarpe ausmaß und die Waffenplätze absteckte. Er muß daneben Zeit gehabt haben, für befreundete Baumeister und Kunsthandwerker Zeichnungen und Risse anzufertigen, denn der Barock hält zu dieser Zeit Einzug in die Gegend, deren Kirchen und Häuser vielfach mit dunklem Schiefer gedeckt sind.
      Fast achthundert Jahre lang, seit dem iz. Jahrhundert, war die Flößerei der Haupterwerbszweig für die Bewohner des westlichen Frankenwalds; sie ist erst vor einigen Jahrzehnten zum Erliegen gekommen. Das langsam gewachsene Frankenwaldholz, die Stämme mit den engen Jahresringen, war in Holland zum Bau von Fünfmastern begehrt. Jahrhundertlang schwammen die Flöße rodachabwärts, um in Bischberg bei Bamberg zu den Mainflößen zusammengestellt zu werden; später ging es den Rhein hinunter bis Rotterdam. Den Rückweg legten die Flößer dann auf Schusters Rappen zurück. Es heißt, daß dieses Gewerbe den Menschenschlag hier geprägt hat: humorig, hilfsbereit, mutig und weltoffener, als es der Fremde von den Bewohnern dieser vielen kleinen Waldhufendörfer erwarten möchte.
      Obwohl seit dem Krieg die traditionellen Absatzmärkte im Osten verlorengegangen sind, ist der westliche Frankenwald ein Gebiet mit regsamer Wirtschaft: Glas- und Porzellanfabriken sorgen für einen guten Beschäftigungsstand. Die Landwirtschaft, die es in den Höhenlagen schon immer schwer hatte, wurde weiter zurückgedrängt. Man sieht es während einer Fahrt durch die enggewundenen Wiesentäler: die »Sozialbrache« nimmt zu; ungemähte, verlotterte Wiesen, welche die Bauern mit schnellwachsendem Holz »aufforsten«. Geht das so weiter, wird hier eine reizvolle Landschaft zerstört, die sich gerade dem Fremdenverkehr erschließen will. Inzwischen verhindert der Landschaftsschutzverband ungeplante Aufforstung, die wildwuchernden Wiesen werden mit einem Spezialgerät »gemulcht«, also nicht gemäht, sondern das Gras wird zerschlagen. Man versucht, Fehler zu vermeiden, die anderswo gemacht worden sind. Es gibt einen Naturpark-Einrichtungsplan, der echte Ruhezonen vorsieht. Sie sollen frei bleiben von allen Fremdenverkehrseinrichtungen; nur wandern wird man in ihnen können. Die Berliner wissen das zu schätzen. Vor allem an Wochenenden sieht man hier vor den vielen und gemütlichen Ausflugslokalen mehr Autos mit dem Kennzeichen B als in Frankfurt während einer Messe. Doch alles verläuft sich auf den hunderten Kilometer Wegen, auf denen man stundenlang keinem Menschen begegnet. Mit der sechzig Kilometer langen Frankenwaldhochstraße hat die Schwarzwaldhochstraße inzwischen eine reizvolle Namensschwester bekommen. Sie führt zwischen sechsund siebenhundert Metern Höhe von Steinwiesen oder Nordhalben nach Rothenkirchen, vorbei an der neuen Ködeltalsperre, vorbei auch an der tausendjährigen fränkisch-thüringischen Grenzwarte, Burg Lauenstein, von König Konrad

II.

um 915 erbaut. Unweit davon liegt die Thüringer Warte. Von hier oben blickt man direkt in die Straßen von Probstzella. Das ist schon »drüben«. Stacheldraht und Minenfelder sind von gnädigen blauen Wäldern verborgen. Unten wieder: in Falkenstein, dem Bahnübergang nach Probstzella, liegt eine kleine Gastwirtschaft mit einem Kinderkarussell. Zum Berg hin hat es eine Blende. Zwei Meter dahinter versperrt ein Draht den Weg in ein anderes Land. Der Schnellzug München-Berlin hat seinen Halt woandershin verlegen müssen.
     

 Tags:
Der  Frankenwald    



Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com