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Der Aischgrund



Wer nicht parierte, mußte sich über die Bank legen. Und der Rohrstock des Oberlehrers sauste auf den Hosen-boden nieder. Eine Strafgepflogenheit, die aber auch für den Strafenden ihre Tücken hatte. Etwa bei der Abendandacht, wenn der schlagfertige Schulmeister die Orgel im Kirchlein Maria Schnee bediente und der Delinquent vom Vormittag dazu den Blasebalg trat. Dann kippte in schöner Regelmäßigkeit die Tonfolge ab, ein klägliches Gequake entrang sich den Pfeifen, und in die plötzliche Stille platzte ein verzweifelter Schrei: »Luft!« Der 13jährige »Hochdeitsche«, just von »drüben« importiert, fühlte sich vielleicht auch wegen solcher Streiche hier in und um Groß-Dechsendorf so schnell heimisch. Im Sommer war der Bischofsweiher — ein attraktiver Badesee — unser Revier zum Schwimmen und Bootfahren. Per Drahtesel radelten wir durch die ausgedehnten Föhrenwälder der Mark zum versteckten »Försterhäusla« oder zum »Hohlen Stein«, einem frühgeschichtlichen Grab, stießen nach Osten bis ins Regnitztal vor und strampelten sonntags zur Messe hinauf nach Hannberg bis zur trutzigen Wehrkirche.
      Natürlich ging uns erst später-aus zoo Kilometern Entfernung—auf, was wir am Aischgrund hatten. Die meisten rasen ohnehin nach Süden daran vorbei, und wer hier kurz vor Erlangen und Nürnberg die Autobahn verläßt, der will allenfalls rasten oder in den Steigerwald oder in die Fränkische Schweiz fahren. Daran haben der Menschenschlag wie die Landschaft selbst ein wenig schuld. Beide sind bedächtig. Sie blenden nicht. Sie gewinnen erst, wenn man auf sie zugeht. Die kleinen vertrauten Landstädte bestechen nicht durch Ansichtskartenidylle, und doch sind sie malerisch genug: Neustadt an der Aisch mit seinem prächtigen Rathaus und Marktplatz, Herzogenaurach mit seinen Stadttoren, Höchstadt an der Aisch mit Schloß, alter Steinbrücke und verwittertem Kommunbrauhaus, wo immer noch jeder Bürger selbst sein Bier brauen darf und außer in den Genuß seines Gesöffs dadurch in den von Steuerbegünstigungen kommt. Wer solcherart das Hausbraurecht pflegt, hat meist auch Besitzanteil an einem der achtzehn »Kellerhäusla«, wo an Wochenenden oder nach Feierabend gemeinschaftlich verzehrt wird, was in den tiefen Kellern darunter lagert. Allenfalls Pommersfelden mit seinem barocken Schloß Weißenstein vermag einen Aha-Effekt zu erzielen.
Sanft wellt sich die Landschaft, sattgrüne Auen ziehen entlang Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach. Felder, deren sandige Böden nicht allzuviel hergeben , wechseln mit Kiefernwäldern ab. Doch Aischgrund, das sind in erster Linie Weiher und Karpfen. Ãœber 2000 Weiher finden sich auf engem Raum, vor allem im Viereck Herzogenaurach, Dechsendorf, Weisendorf, Höchstadt. Am Rande dieses Gebiets sind sie fein säuberlich in Ketten aufgereiht. Zur Mitte hin drängen sie sich in Gruppen aneinander. Zwanzig Prozent sind » Quellweiher«, die einen natürlichen Zufluß haben, der Rest »Himmelsweiher«, die auf die hier manchmal recht spärlichen Niederschläge angewiesen sind. Nicht nur die Einheimischen halten den Aischgründer Karpfen für den besten in Deutschland. Die warmen Temperaturen beeinflussen Wachstum und Geschmack günstig. 20 000 bis 25 000 Zentner Karpfen Jahresertrag lassen sich aus den Aischgrund-Weihern — von denen viele aus dem Mittelalter stammen, viele aber auch neu angelegt wurden—holen; ein Drittel der Gesamtkarpfenernte der Bundesrepublik. In allen Monaten mit einem »r« kommt der Aischgründer Karpfen frisch gebacken auf den Tisch. Fast jedes Haus hat sein streng gehütetes Karpfenrezept. Im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten wird im Aischgrund Bier zum Karpfen getrunken. Im September ist die hohe Zeit des Karpfenschmauses. Die Gasthäuserweisen dann in Kleinanzeigen auf diese Festessen hin-und viele, viele kommen. Der Speisekarpfen soll zwischen zwei und drei Pfund wiegen. Doch gelegentlich werden kapitale Burschen bis zu 40 Pfund zutage gefördert. Unbestrittener Höhepunkt ist das »Weiherabfischen«. Im Herbst werden alle Weiher »gezogen «, das heißt, der Holzschlegel, der den Abfluß verschließt, wird in die Höhe gehievt, und der Weiher läuft aus. Die Fischernte kann eingebracht werden. Haben die offiziellen Fischer ihre Arbeit getan, dann stürzen sich die »Sackfischer« in das schlammige Revier, voran die Buben, die noch allerhand Zappelndes in dem modrigen Untergrund ergattern, bis hin zu Hecht und Schleie.
      Die Karpfenzucht ist ein guter Nebenerwerb für die Leute im Aischgrund, wo die Frauen heute weitgehend die Landwirtschaft übernommen haben und viele Männer in die Fabrik fahren. Die Aisch selbst hat einen beziehungsreichen Namen. Ihre keltische Sprachwurzel »esk« besagt schlicht »fischreiches Gewässer«, was in begrenztem Umfang auf das Flüßchen selbst ebenfalls noch zutrifft. Die Franken rund um die Aisch sind ein ungemein fleißiges Völkchen. Sie verstehen aber auch, gut zu leben, schätzen zu manch festlichem Anlaß, von der Kindtaufe bis zur »Kerwa«, ihren Karpfen oder ihre »Küchla«, ein köstliches Hohlgebäck, dessen Teig manche Hausfrauen heute noch auf dem Knie ausrollen.
      Doch die landschaftlichen halten den lukullischen Genüssen durchaus die Waage. Nicht umsonst hat der Fremdenverkehr den Dechsendorfer Weiher für sich entdeckt. Doch typischer für den Aischgrund ist der stille Reiz der Weiherlandschaft etwa bei Membach oder zwischen Poppenwind und Biengarten, wo ein Fünftel der Gemeindefläche von Weihern eingenommen wird. Ganz in der Nähe liegt der Moorhof, der dem Vogelschutzgebiet seinen Namen gibt. Im Frühjahr ist die Luft hier erfüllt von hellem Geschnatter, das im Kontrast eine geradezu abrupte Ruhe fast greifbar macht. Kleine Weiler ducken sich zwischen die Wasserflächen, bisweilen nur durch Schotterstraßen erreichbar und somit vor Autotouristen sicher. Manche Empfehlung verdient der Aischgrund. Doch aus egoistischen Motiven will sie nicht so recht von den Lippen oder nur mit der Einschränkung: ganz allmählich und, bitte, einzeln eintreten. Und das nicht so sehr darum, weil diese Landschaft auch durch den Magen geht. PS: Der Autor mag keinen Fisch — Aischgründer Karpfen ausgenommen.
     

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