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Das Tegernseer Tal



Gmünd ist erste Bahnstation am See und gleichzeitig der Eingang zum Tegernseer Tal. Hier, vom Nordrand des Tegernsees, überschaut man das Tal in seiner ganzen Weite und Geschlossenheit. Unmittelbar vor Augen liegt eine schier unübersehbare Wasserfläche. Während sich rechts und links sanft die bewaldeten Berge anheben, zieht bei klarer Sicht gegenüber der Wallberg, das Wahrzeichen des Tegernseer Tals, die Blicke an. Dahinter, in der Ferne, erhebt sich schon die Hochgebirgswelt mit den auch im Sommer nicht selten schneebedeckten Gipfeln.
      Trotz seiner belebten Bahnhofstraße ist Gmünd eine ländliche Gemeinde geblieben. Doch am mittleren und südlichen Teil des Tegernsees haben sich die Dörfer in urbane Siedlungen verwandelt. In manchen Orten hat der Bauboom der fünfziger Jahre die Neubauten - meist im traditionell oberbayerischen Landschaftsstil - bis zur unteren Baumgrenze des Tales hinaufgeschoben. In den Ansiedlungen des Tegernseer Tales leben heute rund zwanzigtausend Menschen. Dreiviertel von ihnen haben hier allerdings nur ihren Zweitwohnsitz. Das Tegernseer Schloß war dem Historiker Treitschke offenbar der Inbegriff des Bayerischen überhaupt, weil hier » alles, was altbayerische Herzen liebten, unter einem Dach vereinigt lag: ein Königsschloß, eine Kirche und ein Bräu«. Seit dem 8. Jahrhundert hatte der Vorläufer des Schlosses, die Benediktiner-Abtei Tega-rinseo, für die Geistes- und Kulturgeschichte Bayerns hervorragende Bedeutung. Die Reste der Abtei wurden nach der Säkularisierung auf Anweisung des ersten Bayernkönigs Max I. Josef von Leo von Klenze zu einem klassizistischen Schloß umgebaut und als Sommerresidenz benutzt. Damals begann die Entwicklung des Ortes Tegernsee. Denn schon bald zog der Adel nach. Später fanden sich russische Fürsten hier ein. Heute ist der Fremdenverkehr die Haupterwerbsquelle der Talbewohner. Eine regelrechte Tourismus-Industrie hat die Landwirtschaft abgelöst. Rottach und Egern mit ihren Luxusherbergen und repräsentativen Villen bieten Liegewiesen und Schwimmbecken, Segelhäfen, aber auch Filmtheater und Nachtklubs an. Bad Wiessee, mit heilkräftiger Jodqüelle gesegnet, offeriert neben Kurbädern und dem schon fast obligatorischen Konzertplatz auch noch eine Spielbank. Tiefgaragen fehlen nicht.
      Dennoch hat der Fremdenverkehrsrummel die Landschaft bisher noch nicht grundlegend verändert, wenn auch Einheimische sagen, daß sie »verbaut und verkauft« sei. Noch ist sie von Wasser und Wald, Bergen und Himmel geprägt, sobald man aus den Gassen der Ortschaften tritt. Im Sommer ist der See ganz der Mittelpunkt. Zahllose Boote bevölkern und beleben ihn, ihre weißen Segel heben sich vom grünen Hintergrund der bewaldeten Berge ab. Aus den Kehlen fröhlicher Ruderer dringt Lachen herüber zur Uferpromenade. Das klare Wasser des Sees spendet Badefreudigen Erfrischung. Im Herbst aber schieben sich nur vereinzelt Fährboote über das Wasser, die die Verbindung mit dem gegenüberliegenden Ufer aufrechterhalten. Jetzt bieten die den See umkreisenden Fußwege Gelegenheit, in Ruhe das Spiel von Sonne, Wolken und Wasser zu beobachten. Wir wandern nach Alt Wiessee. Hier stehen noch alte Bauernhöfe, davor mitunter Brunnen mit geschnitztem und bemaltem Holzaufsatz. Jauchewagen verbreiten den herben Geruch von Mist und Stall. Die Sommerfrischler wandern gern an diesen Höfen vorbei und kehren dann im 15 Minuten entfernten Bad Wiessee ein, zu Kaffee und »Tegernseer Wellentorte«.
      Bäuerlichen Charakter hat auch das Kreuther Tal bewahrt. Kreuth, das sich rühmt, flächenmäßig die zweitgrößte Gemeinde Deutschlands zu sein, setzt sich aus vielen kleinen Ortschaften zusammen. In manchen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. In dieser Gegend wurde einst der Tegernseer Marmor gebrochen. Im äußersten Süden des Tals liegt in stiller Abgeschlossenheit das Wildbad Kreuth.
      Urwüchsig und heiter zugleich sind die Menschen im Tegernseer Tal. Einheimische erklären dies gern mit dem heiteren Charakter der Landschaft. Zwar ist die Mehrzahl der Talbewohner nicht hier geboren, aber viele haben sich der bayerischen Wesensart angepaßt. Den wahren Tegernseer Dialekt, eine kultiviert wirkende Variante des derben Oberbayrischen können freilich nur die Alteingesessenen sprechen. Mehrere Bauernbühnen - die bekannteste ist wohl das Tegernseer Volkstheater, das sich heute ausschließlich aus Berufsschauspielern rekrutiert - bemühen sich um die Pflege der Volkssprache und des Brauchtums. Auch die Trachtenvereine spielen noch eine Rolle.
      Immer wieder hat diese Landschaft Fremde angezogen, die dann heimisch geworden sind. So wurde das Tegernseer Tal die Wahlheimat von Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Karl Stieler, dem späteren Heimatdichter, und Olaf Gulbransson, dessen Werke heute ein Museum in Tegernsee zeigt. Auch Hedwig Courths-Mahler und Leo Slezak lebten und starben hier. In neuerer Zeit haben sich Inhaber bekannter Namen aus der Bundes- und Landespolitik hier niedergelassen.
      Die Talbewohner lieben Musik und Feste. Höhepunkte des Jahres sind zwei »Seefeste«, die Sonnwendfeier, zu der auf allen Bergen Feuer angezündet werden, der Almabtrieb, bei dem das Vieh geschmückt aus den Bergen zurückkehrt, und schließlich die Nikolaus-Regatta. Ein Spaß freilich, der in zwanzig- bis dreißigtausend Jahren ein Ende haben wird. Denn bis dahin, so ist zu befürchten, könnte die Weißach den »Großen See«, so wird der Name »Tegernsee« gedeutet, zugeschüttet haben. Doch daran denkt heute noch niemand im Tal.
     

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