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Das Rheiderland



Weil es die platte Heimat gar so innig liebte, war das Mönchlein aus seinem fränkischen Kloster geflohen, zurück an die Emsmündung. Das war ein würdiges Thema für »Heimatliches Schrifttum aus Marsch, Geest und Moor«, erschienen anno 1936. Zu Hause freilich fand der Dominikaner das Dorf seiner Eltern vom Meer verschlungen, und fortan wanderte er, alttestamentarische Drohungen auf den Lippen, durch Stadt und Dorf, die Leute aufzurütteln, daß sie ihre verfallenen Deiche ausbessern sollten. Doch im Rheiderland lagen die Häuptlinge, die ostfriesischen Landesfürsten, in Fehde und überließen es der See, die alte Hansestadt Torum, das berühmte Kloster Reiderwold, Fletum, Saxum, dreißig Siedlungen insgesamt, dem Watt-Boden gleichzumachen. Zum Schluß aber gibt der Mönch Philippus in dieser erbaulichen Geschichte das Predigen auf, greift zur Schaufel. Deich um Deich, Polder um Polder, ist es dem Menschen in den letzten vierhundert Jahren gelungen, einiges von dem zurückzugewinnen, was Naturkatastrophen im Verein mit - so jedenfalls die mahnende Erzählung des Dichters vom »Verdrunken Land« - menschlicher Gleichgültigkeit ihm entrissen hatten.
      Außer Kriegen, immer wieder auch von fremden Mächten ins Land getragen, hat der Kampf gegen den »Erbfeind« Wasser die ziemlich genau tausendjährige Geschichte des Rheiderlandes bestimmt. Als um das Jahr tausend mit dem systematischen Deichbau begonnen wurde, brauchte man dazu kleine überschaubare Verwaltungseinheiten. Der Emsgau wurde unterteilt in »terrae«, das größte Landstück unter ihnen war das Rheiderland. Dem alten Emsgau entspricht heute wieder in etwa der Landkreis Leer, in den der Rheiderland-Kreis Weener mit der Verwaltungsreform der zwanziger Jahre aufging. Doch im Jahre 1970 ist der Name auch amtlich wiedererstanden mit der »Sielacht Rheiderland«, wiederum also aus dem gemeinsamen Bemühen dieses Landstriches heraus, sich des überreichlichen Wassers zu entledigen. Mehr noch als die anderen Landschaften Ostfrieslands besteht das Rheiderland aus stets überschwem-mungsgefährdeter Marsch; nur vom Süden schiebt sich ein Keil Geest und Moor wenig über Weener und Bunde hinaus, Wald ist fast unbekannt. Bunde ist einmal Seehafen gewesen, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als der Dollart seine größte Ausdehnung hatte. Diesen Wattenmeer-Busen zwischen Unterer und Außen-Ems hatte es noch 150 Jahre vorher nicht gegeben. Das Emsufer verlief damals von Pogum westwärts nach Holland. Zwischen der »großen Manntränke«, der Marcellusflut von 1362, und dem Beginn der Dollart-Eindeichung verlor das Rheiderland die Hälfte seiner ursprünglichen Größe, nicht gerechnet »Waterlande« fern der Küste, die andere Einbrüche am Emsufer überschwemmt hatten, bis sie nach sorgfältiger Eindeichung wieder verlandeten.
      Wenn das Rheiderland heute auch ringsum durch meterhohe Deiche an Dollart und Ems gegen Gefahren von außen gefeit ist: das feine Netz von Sieltiefen und Kanälen im Innern der gefällelosen Ebene unter einem überschwemmungsträchtigen Pegelstand zu halten, blieb ein heikles Jonglierspiel mit Schleusen und Sielzug. »Wassermühlen« wurden in dieser Gegend keineswegs durch Wasser angetrieben, sie trieben es vielmehr selbst, mit Windmühlenkraft und einer großen Holzschraube von einem Tief in den Hochkanal; so jedenfalls noch bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein. Mit der Flügelstellung konnten die »Windmüller« einander über die weite Ebene hinweg Nachricht von nachdrängenden Wassermassen geben. Doch wie man dazu heute Telefon hat, zieren allenthalben elektrisch betriebene Siele und Schöpfwerke die Deiche, deren unromantische Architektur Kraftwerken im Gebirge nicht unähnlich ist, nur eben wiederum unter umgekehrtem Vorzeichen.
      Wie das Wasser von innen und von außen, so bedrängten auch die politischen Zeitläufe das Rheiderland mit inneren Unruhen und dem Durchzug fremder Heere. Zweimal gab es die »Schlacht bei Jemgum«. 1534 schlugen die in Ostfriesland herrschenden Cirkensa die Truppen ihres Widersachers Balthasar von Esens, der das Rheiderland kontrollierte, in die Flucht. Gut dreißig Jahre später war das Rheiderland in die Unabhängigkeitskämpfe der benachbarten Niederlande verstrickt; zweitausend Tote gab es, als der Herzog Alba bei Jemgum Ludwig von Nassau schlug, und der »Blutherzog« konnte nur mit Mühe von seinem Sohn daran gehindert werden, Frauen und Kinder, die ins Kloster geflohen waren, dort zu verbrennen. Ausgrabungen bei Jemgum haben nicht nur Zeugnisse steinzeitlicher Siedlungen zutage gefördert, es fanden sich auch ein Morgenstern und ein Schädel mit passendem Loch darin, beides im Heimatmuseum von Weener zu besichtigen.
      Die Religionskriege zausten das Rheiderland, aber schon vor der Reformation hatte es immer wieder Ã"rger mit dem Bischof von Münster gegeben. Im Dreißigjährigen Krieg waren es die Mansfeldschen Söldner und die Truppen des Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel, die das Land jahrelang ausplünderten. Ein abgedankter hessischer Unteroffizier entfachte später einen blutigen Zwischenfall, weil man seinen Leuten, die sich um Weener und Holthausen angesiedelt hatten, das Weiderecht auf den Meentelanden verweigerte. Dann wieder suchten sich Streitigkeiten zwischen Fürsten und Ständen das Rheiderland als Schauplatz aus. Der Siebenjährige Krieg hinterließ das Schimpfwort »Komflander« als Erinnerung an den brandschatzenden General des Comflans, der Koalitionskrieg 1795 gar französische Besatzung, Napoleon I. schlug das Rheiderland dem Königreich Holland und später seinem Kaiserreich zu.
      Bei solchen Zeitläuften und der den sprichwörtlichen ostfriesischen Freiheitswillen noch übertreffenden Renitenz der Rheiderländer nimmt es kaum wunder, daß man in der tausendjährigen Stadt Weener kein mittelalterliches Haus mehr findet. Doch die einzige und »Haupt«-Stadt des Rheiderlandes hat sich den Phönix aus der Asche ins Wappen gesetzt. So bietet sich dem Betrachter heute ein im Sommer blühender, im Winter herb-reizvoller Landstrich. Das grüne oder graue Land ist mit ziegelroten Siedlungen gesprenkelt. Der Mensch nährt sich von Ackerbau und Viehzucht - Rheiderländer Pferde waren einst ein Begriff -, von traditionsreichem Handwerk wie Schiffsbau in Ditzum, Ziegeleien um Jemgum, und von der Arbeitsplatzbeschaffung eines regionalen Förderungsprogramms. Den Besucher freilich wird das weit weniger berühren als manch mittelalterliches Backsteinkirchlein, in denen es Kleinodien zu entdecken gibt wie die mußmaßliche Arp-Schnitger-Orgel in Weener oder den niederländischen Schnitzaltar aus Holtgaste, das herrschaftliche »Steenhus« zu Bunderhee und allenthalben geschichts-trächtige Bürgerhäuser.
     

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