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Das Donauried



Zwischen Günzburg und Donauwörth bleibt der Reiz der Landschaft im Verborgenen, wenn die Autofahrer die Bundesstraße 16 benutzen, um möglichst schnell die Autobahnen nach Stuttgart, München und Nürnberg zu erreichen. Im Herbst aber, wenn Rauch aus den Feldern aufsteigt, muß sich der Zauber der Landschaft auch den Eiligen aufdrängen. Dann zweigen manche unweit von Donauwörth in das Ried ab und verweilen. Oft kommen sie wieder, wenn die Balzzeit der Bekassinen beginnt, die im Zickzackflug über die Schilfwiesen, in denen das Moorwasser glitzert, streichen. Dieses frühere Torfstichgebiet befindet sich im nordöstlichen Bereich des Donauriedes, das sich zwischen Donauwörth und Gundremmingen auf einer Fläche von rund 300 Quadratkilometern ausdehnt. Im Nordwesten wird es begrenzt durch die Donau und im Südosten durch eine Straße, die dem Verlauf einer römischen Heerstraße folgt. Im Nordosten des Donauriedes hat die Natur ihre Ursprünglichkeit bewahrt. Dort ist das Zentrum der Sumpfvögel, ihr Refugium in einem enger werdenden Lebensraum. Für die sehr seltene Wiesenweihe ist dieser Teil des Donauriedes der letzte Brutplatz in Bayern, den sie noch regelmäßig aufsucht. Ringsum auf den Feldern glänzt die Erde schwarz. Wenn der Abend kommt, nehmen die Kopfweiden am Rande der nassen Wiesen zyklopische Gestalt an. Sie sind Wegweiser zu den Schwaigen, jenen Bauernhöfen, die in einem von der Donau und Zusam gebildeten Winkel liegen und deren Gründung zum Teil bis in das 13. Jahrhundert zurückgeht. Ein Damm soll sie vor dem Hochwasser der Donau schützen.
      Die Menschen — wortkarg, behäbig und nachdenklich — hängen an diesem Landstrich. Der Sailer Alois kann gut wiedergeben, was sie empfinden. Er hat in Lauterbach dreißig Tagwerk unter dem Pflug; er ist zugleich Kreisheimatpfleger, Bauer und Schriftsteller. Als erstes Buch erschien von ihm 1969 ein Band mit Erzählungen, bald werden Mundartgedichte von schwäbischer Doppelsinnigkeit folgen. So manches Gedicht hat er dem Ried gewidmet. Zwischen den Lichtern wachse der Morgen, schreibt er. »Doch der Wald ist noch dunkel. Nur über den Fichten verfächert sich ein dumpfes Leuchten und fließt an den Höfen vorbei zu den Moorwiesen hinunter.«
Der 38 Jahre alte mittelgroße Mann hat sich hinter den Stallungen eine Dichterklause in der Art eines barok-ken Gartenschlößchens errichtet. Es wirkt, als wolle es die Zeit anhalten. Viele versuchen so wie Sailer, sich gegen die zunehmende Trockenlegung der Niederungsebene mit ihren nassen Wiesen und Torfmooren und die fortschreitende Technisierung und Industrialisierung zu wehren. Im südwestlichen Zipfel des Donauriedes werden die Gegensätze sichtbar. Da erhebt sich das Kernkraftwerk von Gundremmingen. Es steht am Rande einer Fläche, die von der Melioration verändert worden ist. Von einem Aussichtspunkt nahe Aislingen mutet es fast an, als sei die Landschaft hier von neuem nach der Art der französischen Gartenarchitekten des 18. Jahrhunderts gestaltet worden. An die Iller-Lech-Platte, die steil zur Ebene des Donauriedes abfällt, reihen sich Felder an, die in ihren scheinbar mathematisch genauen Abmessungen von schnurgeraden Straßen und Wegen durchzogen werden. Die Teiche in dieser Anhäufung von rechtwinkligen Teilflächen sind alte Kiesgruben, die sich mit Grundwasser gefüllt haben. Eine übergeordnete Planung hat sie, ungeachtet mancher Zufälligkeit ihrer Entstehung, harmonisch in die Landschaft eingefügt.
      Die fortschreitende Kultivierung des Bodens bringt aber Fauna und Flora in Bedrängnis. Noch vor fünf Jahren blühte der Frauenschuh an den Auwaldrändern. Jetzt hat sich Ackerland bis an die Wälder vorgeschoben. Die Trockenlegung der Wiesen verdrängt den Brachvogel ebenso wie die Störche, von denen es in diesem Jahr nur noch ein Paar geben soll, und zwar in Fristingen, das zusammen mit der Gemeinde Kicklingen die eigentliche bäuerliche Siedlung mitten im Donauried darstellt.
      Eine ganze Bevölkerungsgruppe, die einst die Gegend kulturell geprägt hat, ist verschwunden. Wiegt das nicht noch viel schwerer als die Eingriffe in die Natur? Von der großen israelitischen Gemeinde künden in Binswangen und Buttenwiesen nur noch wenige Häuser, deren eigenwillige Giebelformen besonders auffallen. Die frühere Synagoge der Binswanger Juden, die vor Jahrhunderten als angebliche Pestüberträger aus Augsburg vertrieben worden sein sollen, ist aber keine Gedenkstätte geworden. Vielmehr diente sie zeitweise als Kohlenlager; seit 1967 ist das Gebäude an einen Betrieb verpachtet. Der Friedhof der Juden liegt abseits vom Ort. Das von einer Mauer umgebene Gelände steigt leicht an. Ãœber Reste von Stufen geht man durch Unkraut. Eine zerbrochene Säule liegt im Gras, Wege und Gräber sind nicht mehr zu erkennen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg erneuerten Grabsteine stehen vermutlich nicht an ihren alten Plätzen. Der Besucher erfährt, daß hier der Dillinger Bankier Lazarus Häutemann begraben ist und der am 31. Juli 1910 verstorbene Moses Leiter. Die letzte noch lesbare Jahreszahl, die auf den Grabsteinen erscheint, ist 1938. Auf einigen Steinen ist nur noch der eingemeißelte Davidstern zu erkennen, und es ist, als schwebe er über der untergehenden Stätte. Die Verwahrlosung des Friedhofs versetzt das Herz in Unruhe.
      Das Bild der Ebene zwischen Donauwörth und Gundremmingen wird sich verändern. Die Technik der Hochleistungsschnellbahnen — geplant ist eine 77 Kilometer lange Versuchsstrecke — wird das Ried verwandeln. Nicht einmal Landschaftsschutzgebiete können immer geschont werden. Die Teststrecke wird sich in ihrem nordöstlichen Rundverlauf wie eine Schlinge um das Vogelschutzgebiet legen. Die elektromagnetischen Fahrzeuge werden auf der Versuchsstrecke mit einer Geschwindigkeit bis zu 500 Kilometern in der Stunde das Donauried durchrasen. Rund fünf Millionen Kubikmeter Kies werden für die Fundamente der Anlage benötigt. Das lockt die Kiesgrubenbesitzer im Ried und verspricht ihnen ein gutes Geschäft. Ob es dabei gelingt, das Absinken des Grundwasserspiegels zu verhindern und damit zusätzlichen Schaden von der Landschaft abzuwenden, bleibt abzuwarten.

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