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Das Alte Land



Wer das Alte Land von Hamburg aus kennengelernt hat, für den bedeutet es zuerst einmal eine Wirtschafts-, dann eine Ausflugsregion. Die Wirtschaftsfaktoren werden gerne auf das Stichwort Obstplantagen reduziert. Gewiß, es gibt dort Kühe, Schafherden, Pferde... Aber selbst in den Erzählungen alter Hamburger schrumpft das Alte Land schnell zu einer einzigen großen Apfelplantage. Der Grund für diese im Kern richtige, dennoch etwas vereinfachende Raffung beruht auf der Assoziation, die sich beim Alten Land einstellt, noch ehe man es selbst kennengelernt hat: den touristischen Reiz. Für den Hamburger ist der Besuch des Alten Landes zur Zeit der Apfel- und auch Kirschblüte eine Art profaner Wallfahrt, die im Mai und Juni stattfindet und in ihrer ritualisierten Form ein typisches Produkt großstädtischer Natursehnsucht ist: vergleichbar dem, was die Berliner zur Kirschblüte nach Werder oder zur Baumblüte nach Britz zog und zieht.
      Diese Natursehnsucht der Großstadt allerdings verzerrt etwas die Proportionen. Sie macht attraktiv, was kaum attraktiv zu nennen wäre, würde es nicht in unzähligen grauen Hinterhöfen als Sonntagsausflug geplant. Im Gegensatz zum städtischen Park, zum Hund oder Kanarienvogel ist das Ausflugsziel eben nicht domestiziertes Symbol der Natur, sondern »echte« Natur. Was aber jenes Gefühl des Echten, Befreienden vermittelt, ist vor allem negativ bestimmt: durch die Flucht aus der Stadt. Und so flüchten sie denn, fahren mit dem Linienboot über die Elbe, mit Bahn und Bus über den Vorort Harburg oder entsprechend mit dem Auto. Ziel ist meist die Deichwanderung mit dem Blick über das flache Land mit seinen Obstplantagen, in denen die schnurgerade Reihung der Bäume freilich oft schon wieder die geheime Geometrie der Großstadt mit ihren gezirkelten Straßenzügen ins Gedächtnis ruft. Aber der Blick kann hier weiter schweifen. Anders als in der Stadt wird er nicht in enge Perspektiven gezwängt, stößt nicht auf Grenzen, sondern begegnet in der niedrigen Horizontlinie einen Moment lang tatsächlich der Suggestion von Grenzenlosigkeit und Freiheit. Der niedrige Horizont freilich, ebenso wie die Gleichförmigkeit der Farbe, haben in ihrer puritanischen Geometrie etwas, das oft mehr an Holland als an Deutschland erinnert - was die Besucher von außerhalb denn oft auch relativ schnell in den etwas bunten und »anheimelnden« Oasen landen läßt, die das Alte Land auch zu bieten hat; in den Windmühlen und Fachwerkhäusern, oder gar, schon auf der Grenzlinie des Alten Landes, in der Stadt Stade, wo die zahlreichen Baudenkmäler aus der Zeit der schwedischen Besetzung einen Hauch von Architekturgeschichte vermitteln, den - leider - selbst Hamburgs Altstadt nicht mehr zu bieten hat. So bleibt das Alte Land - obwohl es, größtenteils niedersächsisch, seit der Schaffung von Groß-Hamburg teilweise der Stadt eingemeindet wurde - für den Bewohner Hamburgs in der Regel das Ziel nur des alljährlichen Ausflugs. Dennoch ist es im Unterbewußtsein fester verankert als Sylt oder Travemünde, als Timmendorferstrand oder Westerland. Denn der Besuch des Großstädters am Badeort, mag er auch noch so häufig dorthin fahren, unterliegt doch stets den Gesetzen des Massentourismus, demgegenüber der Ausflug ins Alte Land etwas rührend Antiquiertes bekommt. Er ist fast unzeitgemäß geworden -eine Form, in der eine melancholische Identität sich herstellt beispielsweise mit jenem Berliner Großvater, von dem die Mutter zu berichten weiß, er sei mit den Worten gestorben, jetzt ginge es »ins Grüne«: ein Häuschen mit Garten vor den Toren der Stadt war sein - unerreichter - Lebenstraum gewesen.
      Dieses Hamburger »Grüne«, das Altes Land genannt wird, ist paradoxerweise gerade nicht alt, sondern dem Wasser abgewonnenes Neuland. Genauer: es ist eine kultivierte Eibmarsch. Die jetzige Erscheinung einer Marsch hängt freilich von zivilisatorischen mehr als von geographischen Faktoren ab. Insofern hat das Alte Land eine kurze, aber imponierende Geschichte. Sie berichtet von holländischen Deichbauern, die, im Mittelalter ins Land gerufen, das ursprünglich wäßrige Gebiet zum Kulturland machten. Die dabei eingehaltenen arbeitstechnischen Vorgänge waren in ungewöhnlich präzise juristische Formen gefaßt: nicht nur zur Absicherung der Besitzverhältnisse, sondern wohl auch zur Definition der Pflichten, insbesondere der Deichwartung. So war die ganze Region denn in »Meilen« eingeteilt: geographischer Begriff für das Stück Land zwischen zwei Flüssen, rechtliche Formel für einen Deichverband. Und dem verdankt das Alte Land seinen Namen: Nicht auf einmal wurde ja die ganze rund 175 qkm große Gegend durch Deiche landwirtschaftlich erschlossen, sondern eben von »Meile« zu »Meile«. Stolz hat man die dabei zuerst erschlossenen Bezirke das »alte« Land genannt, dann erst begann die »nova terra«. Und der zuerst eingedeichte - und größte - Gebietsanteil gab dann bald den Namen für das Ganze her. Der Blick vom Hamburger Eibufer hinüber zum Alten Land legt es nahe, auch seitwärts zu blicken: Ich sehe einen Gedenkstein an die Flutkatastrophe von 1962, die auch das Alte Land verwüstet hatte. Beispielsweise war damals ein einziger Deich an 48 Stellen vom Wasser durchbrochen worden. Blindes Walten der Natur oder fehlende Vorsorgemaßnahmen ? Wer, der damals in Hamburg gelebt hat, hätte sich diese Frage nicht gestellt? Wer könnte heute beim Blick über die Elbe vermeiden, sich ihrer wieder zu erinnern?
Dennoch kennzeichnet dieser Blick hinüber zum »Grünen« noch immer jene Naturverklärung, die zum Großstädter gehört und die genausoviel über die Großstadt wie über das Objekt der von ihr ausgelösten Verklärung sagt. Beides ist untrennbar: insofern bleibt die Tatsache, daß eine Millionenstadt ihre Sehnsüchte in diese Gegend projizieren konnte, eine der gewaltigsten Liebeserklärungen, die je eine deutsche Landschaft erhalten hat.
     

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