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Am Hellweg



Vom Bahnhof, der leer und verschlafen dalag, wurde ich in der einstigen Hansestadt Soest am Hellweg mit dem Auto abgeholt. Auf der Fahrt durch die abendliche Stadt starrten uns an den Straßenkreuzungen nur hin und wieder die Fassaden alter Fachwerkhäuser durch den Nebel entgegen. Die Gassen waren menschenleer. Die Stadt schien bereits zu schlafen. Wenig später saßen wir in einer gemütlichen westfälischen Stube. Doch aus diesem einen Besuch in Soest sind mittlerweile viele geworden; aber die Stadt ist heute nicht mehr mein Endziel, sondern Ausgangspunkt zu immer neuen Orten am Hellweg.
      Das Land am Hellweg ist jener Raum, der zwischen der Lippe im Norden und der Mohne im Süden, zwischen dem Nordwestrand der Paderborner Hochfläche und der Emscher-Lippe-Wasserscheide im Westen liegt. Den Namen hat die Landschaft von der ehemaligen Heeres- und Handelsstraße, dem alten Hellweg, der sich von Dortmund über die Städte Unna, Werl, Soest, Erwitte nach Paderborn zieht und der mit der heutigen Bundesstraße 1 über weite Strecken hinweg identisch ist. Viele der hier Ansässigen, vor allem jene, die nach dem Krieg hierher verschlagen wurden, kennen den Unterschied kaum noch und verweisen den Fremden, wenn er nach dem Hellweg fragt, immer direkt auf die lärmende Fernstraße. Aber nicht selten zieht sich noch, in wechselnder Entfernung vom breiten Asphaltband, wie beispielsweise in Lohne, der alte Hellweg dahin.
      Wann genau der Hellweg - diese große alte West-Ost-Verbindung - als eine richtige Straße angelegt wurde, ist ungewiß, doch wird seine Entstehung schon weit in vorkarolingische Zeit hinein datiert. Mit Karl dem Großen beginnt bereits die Blütezeit des Hcllwegs. Der Kaiser hat Königshöfe, Burgen und Missionskirchen an ihm angelegt, Kerne der später an dieser Straße entstehenden Kette von Städten. Insofern war der Hellweg eine alte Königsstraße. Audi Kaiser Friedrich Barbarossa und Napoleon sollen über sie gezogen sein. Als »Kunststraße« wurde der Hellweg erst um 1820 fest ausgebaut. Die genaue Bedeutung des Namens »Hellweg« läßt sich bis heute noch nicht ausmachen. Die Deutungen gehen über »Heller Weg«, »Hallweg« , »Hoher Weg«, »Haldenweg« bis hin zu »Heerweg«. Der Name wurde sogar mit dem »Hallen« der Rufe von Königshof zu Königshof in Verbindung gebracht. Mit Sicherheit war der Hellweg jedoch ein Quellweg. Er ist es bis heute noch. Die zahlreichen Solquellen in vielen Städten und Ortschaften am Hellweg bezeugen dies ebenso wie die Teiche und Tümpel. Eine Stadt wie Werl lebte jahrhundertelang von der Salzgewinnung, und selbst die Bauern der Soester Börde waren häufig Sälzer. Dank der Gabe der Natur konnte in jüngerer Zeit die Ortschaft Sassendorf, eine knappe Stunde Fußweges östlich von Soest, zum Kur- und Heilbad avancieren.
      Kaum hat man Soest, das Herzstück des Hellwegs, verlassen, ist man mitten in seiner typischen Landschaft drin. In leichten Erdwellen dahinlaufend, breitet sich zunächst die fruchtbare Flachlandschaft der Börde aus. Rechts und links der lärmenden Straße sind Ã"cker, auf denen zur Sommerszeit das Getreide wogt, dann wieder Wiesen, Kohl- und Rübenfelder. Im Herbst begegnet man alle paar Minuten einem Traktor, der einen hoch mit Rüben beladenen Anhänger zieht; die Zuckerfabrik ist in Soest. Von der Hauptstraße biegt hin und wieder ein Feldweg ab, an dessen Rand häufig die hier beheimatete Birke steht. Nach Süden hin findet der Blick seine Begrenzung an den flachen Hängen des Haarstranges, hinter dessen Rücken der Möhnesee - der größte touristische Anziehungspunkt der näheren und weiteren Umgebung während der Sommerszeit - liegt. Buschwerk und Windhecken, zwischen die Ã"cker eingestreut, sollen gegen die Erosion des in der Oberbörde ohnehin weniger fruchtbaren Bodens schützen. Nach Norden hin fällt das Land sanft zur Lippe hin ab. Deshalb kann man auch weit in die Unterbörde hineinsehen. Ab und zu bleibt der Blick an kleinen Baumgruppen in der sonst offenen Landschaft haften - nicht selten ein Hinweis auf ein Gehöft oder einen Tümpel.
      Trotz der ländlichen Idylle ist der Hellweg bis auf den heutigen Tag eine Straßenlandschaft geblieben, denn noch immer bestimmen die an diesem Asphaltband liegenden Städte und Ortschaften die Gegend. Allerdings sind es heute nicht mehr solche Ereignisse wie die historische »Soester Fehde«, sondern eher fröhliche, zum Beispiel die jedes Jahr im Herbst stattfindende Allerheiligenkirmes in Soest. Dann tummelt sich in den Straßen der kirchenreichen Stadt die Bevölkerung des Hellwegs, und die Gaststätte »Zum Wilden Mann« scheint noch einmal zu Recht diesen Namen zu tragen. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und anderer Unheilsepochen, die sich hier am Hellweg abspielten, leben nur noch in Erzählungen und Sagen fort. Elemente der Geschichte dieses Wegs, so wird vermutet, sind auch Bestandteile der Sage von der Schlacht am Birkenbaum, mit der die Menschen hier schon seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden leben. Mit dieser Endschlacht aller Zeiten, die einstens nahe dem Ort Büderich stattfinden soll, wird auch der »ungeheure Heereszug« in Verbindung gebracht, der am 22. Januar 1854 am Schaff hauser Holz gesichtet worden sein soll. Kein Geringerer als Alexander von Humboldt interessierte sich seinerzeit für dieses Phänomen. Doch die Wissenschaft kam schließlich zu dem Ergebnis, daß es nur Nebelschwaden waren, die im Licht der untergehenden Sonne für Fuß-und Reitervolk gehalten wurden.
      Zum Gnadenbild der Frau von Werl, in die einstige Sälzerstadt mit ihren hohen Kirchen und niedrigen Gäßchen, die abends vom Licht der Gaslampen erhellt werden, pilgern jährlich Hunderttausende Katholiken. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Werl auch ein Treffpunkt der Heimatvertriebenen aus dem Osten geworden. Doch das geschäftige Treiben der Stadt währt nur wenige Wochen im Jahr und an den Markttagen. Dann fällt Werl wieder in seine stille Verträumtheit zurück. Nur Unna, wohl dank seiner Nähe zum Ruhrgebiet, hat es verstanden, sich weitgehend von der Vergangenheit abzuwenden und mit der Gegenwart Schritt zu halten. Mit einer beachtlichen Eisen- und Stahlindustrie, großen Banken und einer Fußgängerzone im Zentrum hat die »Kreisstadt am Hellweg«, wie Unna sich gern nennt, mit ihren Schwestergemeinden an dieser großen Straße nur noch wenig gemein. Aber das Bewußtsein, an einem großen, historischen Weg zu leben, verbindet noch die Menschen von Unna, Soest oder Erwitte. Als ich in Unna dem Bahnhof zueile, leuchtet mir als letzter Gruß die Neonreklame der hiesigen Lokalzeitung nach - »Hellweger Anzeiger«.
     

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