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Derrida: dekonstruktion, philosophie und literaturtheorie

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» Kritik des Strukturalismus und der Sprechakttheorie: differance und iterabilite

Kritik des Strukturalismus und der Sprechakttheorie: differance und iterabilite



In mancher Hinsicht könnte der von Ferdinand de Saussures Semiologie beeinflußte Strukturalismus als Antipode der Dekonstruktion aufgefaßt werden. Im Gegensatz zu dieser geht Saussure von festen phonetischen oder semantischen Gegensätzen wie b/p, d/t, s/z, männlich/weiblich, Signifikant/Signifikat aus, die er für unproblematisch hält. Die Differenzen und Gegensätze, die Derrida zu dekonstruieren sucht, werden von Saussure und seinen strukturalistischen Erben als Grundgegebenheiten der Sprache und der Sprachwissenschaft behandelt.

      Saussure selbst erscheinen die Differenzen zwischen phonetischen oder semantischen Einheiten als Grundvoraussetzungen für das reibungslose Funktionieren der Sprache. Denn die einzelnen Funktionen des Sprachsystems können nicht unabhängig voneinander definiert werden, sondern nur im Hinblick auf ihre Wechselbeziehungen. So kann Saussure beispielsweise behaupten, daß »es in der Sprache nur Differenzen gibt«. Er erklärt: »Innerhalb einer und derselben Sprache begrenzen sich gegenseitig alle Worte, welche verwandte Vorstellungen ausdrücken: Synonyma wie denken, meinen, glauben haben ihren besonderen Wert nur durch ihre Gegenüberstellung; wenn meinen nicht vorhanden wäre, würde sein ganzer Inhalt seinen Konkurrenten zufallen.«
Obwohl er Saussures These über die wechselseitige Bedingtheit der linguistischen Einheiten akzeptiert, lehnt Derrida die komplementäre These des Genfer Linguisten ab, derzufolge ein Wort wie denken im Zusammenhang mit den differierenden Einheiten, die sein semantisches Feld bilden, eindeutig bestimmbar ist. Dem Dekonstruktivisten erscheint diese These als ein zugleich rationalistischer und logozentristischer Versuch, die Sinngegenwart als transzendentales Signifikat zuretten.
      Derrida vertritt nun die den meisten Rationalisten nicht ganz geheuere Ansicht, daß die Sinnpräsenz nicht zu verwirklichen ist, weil jedes Zeichen unablässig auf andere, vorausgegangene oder nachfolgende Zeichen verweist und dadurch den Zerfall der eigenen Identität und der Sinnpräsenz bewirkt. Anders ausgedrückt: Der Sinn kann nie gegenwärtig sein, weil er sich in einem stets offenen Verweisungszusammenhang verschiebt und dadurch einem Bedeutungswandel unterliegt, den Derrida in Anlehnung an das französische Verb diffe'rer als differance bezeichnet. Diese Diffe-ronce oder Differenz wohnt einer jeden Differenz inne, die auf dem illusorischen Gedanken gründet, daß jeder der beiden Terme - etwa in Saussures Gegensatz signifianti'signifie' - eindeutig bestimmbar, identifizierbar ist: »Die Differenzen werden also von der Differänz hervorgebracht - verschoben .« Derrida fügt erläuternd hinzu: »Die Differänz ist dafür verantwortlich, daß die Bewegung der Bedeutung nur dann möglich ist, wenn jedes der sog. >gegenwärtigen< Elemente, die im Bereich der Präsenz erscheinen, sich auf etwas anderes als sich selbst bezieht, dabei die Markierung des vergangenen Elements bewahrt und sich zugleich schon von seiner Beziehung zum künftigen Element prägen läßt.« Er bezeichnet diese Markierung durch vergangene und zukünftige Elemente als trace oder Spur und behauptet, sie verhindere die Identifizierung, die Definition oder »Vergegenwärtigung« eines sprachlichen Zeichens.
      Im philosophischen Kontext erscheint die Differänz als ein Aspekt der extremen, der unaufhebbaren Ambivalenz, die aus der dialektischen Einheit der Gegensätze ohne Synthese hervorgeht. Zum Verhältnis von Hegelscher Aufhebung und differance bemerkt Derrida: »Könnte man die differance definieren, so müßte man sagen, daß sie sich der Hegeischen Aufhebung überall, wo sie wirkt, als Grenze, Unterbrechung und Zerstörung entgegenstellt.« Die Differänz erscheint sowohl im philosophischen als auch im semiotisch-linguistischen Kontext als das Negative, das Unabschließbare, das weder durch dialektische Synthesen noch durch rationalistische Definitionen zu bändigen ist. Diese Negati-vität hängt mit der - auch in der Linguistik, vor allem in der Semantik und der Pragmatik - bekannten Tatsache zusammen, daß es in einem bestimmten Diskurs oder in verschiedenen pragmatischen Kontexten zu Sinnverschiebungen bei einem und demselben Wort kommen kann . Allerdings hat diese Tatsache weder bei Linguisten noch bei Philosophen einen grundsätzlichen Zweifel an der Definierbarkeit von lexikalischen Einheiten aufkommen lassen.
      Der Saussureschen Linguistik, deren im Rationalismus verankerten Logozentrismus und Phonozentrismus er kritisiert, wirft Derrida vor, die metaphysische Tradition fortzusetzen und das gesprochene Wort zu privilegieren, das für die Gegenwart des Sinnes und des transzendentalen Signifikats, d. h. der platonischen Idee, bürgt. In seiner Polemik gegen diese Linguistik des Signifikats betont Derrida den vieldeutigen Signifikanten und die Ausdrucksebene.
      Er scheint sich dem Sprachduktus des späten Barthes zu nähern, der sich ebenfalls auf Nietzsche berief, um den interpretierbaren und »schreibbaren« Signifikanten vom Joch des eindeutigen Begriffs zu befreien, und prägt den Neologismus diffärance, der die endlose Verschiebung der Sinnpräsenz evoziert. Von ihr ist, zumindest indirekt, schon bei Heidegger die Rede, der in Identität und Differenz von der »Lichtung des sich verhüllend Verschließenden« spricht. Im semiotischen Kontext kann die diffirance demnach als ein offenes Zusammenspiel der Signifikanten aufgefaßt werden, das Derrida in seiner Kritik an Jean Roussets »Strukturalismus« beschreibt: »Und wenn die Bedeutung des Sinns unendliches Einbegriffensein ist? Die unbestimmte Rückverweisung eines Signifikanten auf einen Signifikanten? Wenn seine Kraft eine gewisse reine und unendliche Mehrdeutigkeit ist, die dem bezeichneten Sinn keinen Aufschub und keine Ruhe läßt, die ihn in seiner eigenen Ã-konomie auffordert, zum Zeichen zu werden und sich selbst aufzuschieben! Außer im Livre irrialisi von Mallarme gibt es keine Selbstidentität des Geschriebenen.« Differänz könnte also global als »endlose Aufschiebung des Sinns oder der Sinnpräsenz und als Negation der Identität des Zeichens« definiert werden .

     
Derridas letzter Satz verweist sowohl auf Mallarmes negativutopisches Projekt als auch auf zwei komplementäre Probleme der Dekonstruktion, die bereits weiter oben angeschnitten wurden und an dieser Stelle konkretisiert werden können: das Problem der Schrift und das der Identität. Sie ergänzen einander insofern, als - nach Derrida - die Schrift von »logozentristischen« Philosophen beschuldigt wurde, den Sinn zu zersetzen oder gar aufzulösen. Diese Zersetzung der Sinnpräsenz hängt mit der Tatsache zusammen, daß der geschriebene Text in verschiedenen Kontexten rezipiert werden kann, von denen ein jeder Sinnverschiebungen zeitigt, die wiederum die von Derrida beschriebene differance bewirken. Anders gesagt: Die Schrift bringt den Zerfall der semantischen Identität des Zeichens mit sich. Dessen Wiederholung in heterogenen kommunikativen Kontexten hat unvereinbare Sinnzuordnungen zur Folge, welche die Identität eines Wortes oder Begriffs erschüttern können.
      Derrida bezeichnet diese dekonstruierende Wiederholung als Iterabilität und widerspricht der anglo-amerikanischen Sprechakttheorie sowie dem französischen Strukturalismus , die in der Ansicht übereinstimmen, daß die Wiederholung eines Zeichens als Rekurrenz oder Iterativität die Sinnkonstruktion und den semantischen Kontext des Zeichens konsolidiert und weit davon entfernt ist, diese beiden Komponenten zu zersetzen. Derrida kehrt diese These um, wenn er in seinem berühmt gewordenen Artikel »Signature, evenement, con-texte« Austins Sprechakttheorie kritisiert und von »Einheiten von Iterierbarkeit« spricht, von »Einheiten, die von ihrem inneren oder äußeren Kontext trennbar sind und von sich selbst trennbar sind, sofern die Iterierbarkeit selbst, die ihre Identität konstituiert, es ihnen nie gestattet, eine Identitätseinheil für sich zu sein«. Den Prozeß der Iterabilität faßt Manfred Frank in aller Knappheit zusammen: »Der Sinn eines Zeichens/riner Ã"ußerung wird durch jeden Gebrauch von sich getrennt, er wird entstellt .«

   Mit anderen Worten, die Iterabilität als Wiederholung oder Rekurrenz eines Zeichens hat den Zerfall der semantischen Identität dieses Zeichens zur Folge: zunächst aus pragmatischen Gründen , dann aus semantischen Gründen . Derrida geht nur implizit auf diese beiden Ebenen ein, wenn er vom »inneren oder äußeren Kontext« spricht. Hier erscheint es jedoch wichtig, sie explizit zu unterscheiden, da Austins und Searles Sprechakttheorie vor allem auf die pragmatisch-kommunikative Ebene ausgerichtet ist, während Greimas' Semiotik eher die semantische Ebene anvisiert.
      John R. Searle, der zeitgenössische Vertreter der Sprechakttheorie, fühlt sich von Derridas Kritik herausgefordert, zumal er sich nicht mit dem häretischen Gedanken der Dekonstruktion abfinden kann, daß die Intention eines Autors in dessen Text nie völlig präsent ist und daß John L. Austin eine Theorie entwarf, die auf illusorischen Abstraktionen gründet. Tatsächlich wirft Derrida Austin vor, daß er die »Zitatfunktionen« der Sprache vernachlässigt und die Transparenz der Autorintention, die Eindeutigkeit der Aussage sowie die Vergegenwärtigung eines Gesamtzusammenhangs voraussetzt.
      Nun ist aber dieser Gesamtkontext - es geht hier um ein He-gelsches und hegelianisches Problem par excellence - nicht zu fassen, nicht zu vergegenwärtigen, da sich nach dem Scheitern des »absoluten Wissens« die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß alle Kontexte im Prinzip offen sind. Diese Erkenntnis beschreibt Jonathan Culler: »Da die Bedeutung kontextgebunden ist, reichen Intentionen nicht aus, um Bedeutungen zu determinieren; der

Kontext muß hinzugezogen werden. Der Kontext selbst jedoch ist unbegrenzt, so daß Erklärungen durch den Kontext die Bedeutung niemals ganz determinieren können.«

   Zu diesem Problem bemerkt Derrida selbst in M6moires - Pour Paul de Man, daß »alles von stets offenen, nicht saturierbaren Kontexten abhängt« . In dem von Searle kommentierten Artikel erklärt er: »Damit sich ein Kontext in dem von Austin geforderten Sinne erschöpfend bestimmen läßt, ist es zumindest notwendig, daß die bewußte Intention sich selbst und den anderen vollkommen gegenwärtig und wirklich transparent sei, da sie ein bestimmender Mittelpunkt des Kontextes ist.« Man könnte dieses Argument umkehren und behaupten, daß die bewußte Intention nicht völlig gegenwärtig und wirklich transparent sein kann, solange der Gesamtkontext nicht erschöpfend bestimmt wurde.
      Kurzum, die Sprechakttheorie erscheint Derrida als eine pho-nozentristische Idealisierung der Kommunikationsverhältnisse, die nur deshalb die Präsenz der Autorintention und die Identität des sich wiederholenden Sprechaktes postulieren kann, weil sie einerseits von den stets offenen und unabschließbaren Kontexten abstrahiert und andererseits die Zitatfunktionen der Sprache als Anomalien ausklammert. Nur aufgrund dieser Abstraktion oder Idealisierung kann Austin die sog. infelicities oder gescheiterten Sprechakte an der Peripherie seines Kommunikationssystems ansiedeln. Derrida hingegen, der schon immer versucht hat, die metaphysischen Gegensätze zwischen zentral und marginal, Haupt- und Nebensache zu dekonstruieren, schenkt seine ganze Aufmerksamkeit den infelicities, den »mißlungenen« Sprechakten, die seiner Ansicht nach durch die Sinnverschiebungen der Iterabilität verursacht werden. Weit davon entfernt, Anomalien zu sein, beherrschen sie die Ereignisse der Alltagssprache. Im Grunde, sagt Derrida, dekonstruiert Austin seine Theorie selbst, indem er eine lange Liste von Ausnahmefällen oder infelicities vorlegt, dieim Mittelpunkt der Betrachtung stehen und nicht an den Rand des Geschehens verbannt werden sollten.
      Hier muß allerdings angemerkt werden, daß es Derrida kaum gelingt, das metaphysisch-hierarchische Verhältnis von Haupt- und Nebensache, zentralen und marginalen Elementen aufzulösen, zu dekonstruieren. Denn er kehrt es lediglich um, indem er das, was Austin für eine Randerscheinung hielt, nämlich die infelicities, zur Hauptsache erklärt. Diese Umkehrung mag durchaus eine karneva-listisch-kritische Wirkung im Sinne von Bachtin haben53, die hierarchische Ordnung zerstört sie jedoch nicht, sondern stellt eher eine neue her - wie die meisten Revolutionen.
      Wichtiger als dieser Versuch, sprachliche Hierarchien abzuschaffen, ist wohl Derridas Kritik an Austins Unterscheidung von konstativen und performativen Sprechakten. Wie sehr konstative und performative Sprechakte ineinandergreifen und miteinander verschmelzen können, veranschaulicht Culler: »Die Unterscheidung von performativen und konstativen Ã"ußerungen hat sich für die Sprachanalyse als sehr fruchtbar erwiesen; aber indem Austin seine Beschreibung der distinktiven Merkmale verschiedener performativer Ã"ußerungen weitertreibt, kommt er zu einer überraschenden Schlußfolgerung. Eine Ã"ußerung wie >Hiermit bestätige ich, daß die Katze auf der Matte ist< scheint auch die wesentlichen Merkmale des Vollzugs der Handlung aufzuweisen, auf die sie sich bezieht.« Cullers Beispielsatz hat die Form einer performativen Ã"ußerung, weil »ich bestätige« analog zu »ich verspreche« eine Handlung vollzieht. Zugleich kann jedoch der Satz »Die Katze ist auf der Matte« als verkürzte Form des Satzes »Hiermit bestätige ich, daß die Katze auf der Matte ist«, angesehen und als konstative Ã"ußerung definiert werden. Derrida beruft sich auf diese Schwierigkeit,

Sprechakttypen sauber zu unterscheiden, und kommentiert: »Austin hat nicht berücksichtigt , was alle späteren Oppositionen, deren Triftigkeit, Reinheit und Strenge Austin vergebens festzumachen sucht, in Verwirrung bringt.« Vernachlässigt hat Austin die Iterabilität, die dafür verantwortlich ist, daß ein bestimmter Sprechakt im Kontext A konstativ und im Kontext B performativ sein kann.
      Searles Antwort auf Derridas polemische Kritik ist lang, und ein ausführlicher Kommentar würde die Grenzen dieser Darstellung sprengen. Das Wesentliche kann jedoch in einigen Sätzen zusammengefaßt werden: Die Intentionalität des geschriebenen Textes unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Intentionalität des gesprochenen Wortes, und die Sinnpräsenz wird von beiden Kommunikationsformen gewährleistet; die Sprechakte oder Sätze artikulieren eindeutig die ihnen zugrundeliegenden Absichten, und: »Insofern als der Autor sagt, was er sagen will, drückt der Text seine Intentionen aus.«

   In seinem Kernargument kehrt Searle Derridas These, derzu-folge die Iterabilität die Identität des Zeichens und die semantische Kohärenz des Diskurses zersetzt, um und schließt: »So setzen die verschiedenen Merkmale der Intentionalität, die wir in den Sprechakten vorfinden, eine Iterabilität voraus, die sich nicht nur auf den Typ bezieht, den wir untersucht haben, nämlich auf die Wiederholung eines und desselben Wortes in verschiedenen Kontexten, sondern auch auf die Iterabilität der Anwendung syntaktischer Regeln.« Dieses Argument ist zweifellos plausibel, insofern es die linguistische Regel bestätigt, daß Redundanz oder Rekurrenz die semantische und syntaktische Kohärenz des Diskurses stärkt. Allerdings macht sich eine gewisse Naivität bemerkbar, wenn Searle unbekümmert behauptet, daß ein Text im allgemeinen die Intention des Autors ausdrückt. Wäre dies der Fall, hätten die Werke Kants, Hegels und Marxens, Prousts, Kafkas und Mallarmes nicht Anlaß zu endlosen Kontroversengegeben, und es wäre nicht zu so vielen Mißverständnissen zwischen Searle und Derrida gekommen.
      Auf einige dieser Mißverständnisse geht Derrida in seiner rund 130 Seiten langen Antwort auf Searles Kritik ein. Sie trägt den polemischen Titel Limited Inc., der andeuten soll, daß John Searles Urheberschaft ungewiß ist, weil der amerikanische Autor sich in seiner Antwort »Reiterating the Differences: A Reply to Derrida« auf H. Dreyfus und D. Searle beruft, mit denen er Derridas Artikel diskutiert hat. Da Derrida von einer dialogischen Betrachtungsweise in der Philosophie nicht viel zu halten scheint, nimmt er ein solches Vorgehen übel, wirft Searle vor, er verstecke sich hinter einem anonymen Kollektiv, und verwandelt seinen Namen auf spielerisch-polemische Art in Sari: »Societe ä responsabilite limitee« .
      Obwohl diese zugleich dekonstruktive und rhetorisch-polemische Geste in Limited Inc. eine ganze Reihe von Anspielungen, Wortspielen und rhetorischen Figuren zeitigt, die der nüchterne und Klarheit suchende Leser mit einer Mischung von Heiterkeit und Befremden zur Kenntnis nimmt, wirft die Streitschrift eine dialektische Frage auf, die bei Searle nicht aufkam: Ist Iterabilität nicht ein zugleich konstruktiver und dekonstruktiver Prozeß? Dazu bemerkt Derrida: »Die Iterabilität verändert und kontaminiert auf parasitäre Art gerade das, was sie identifiziert und wiederholt; sie bewirkt, daß man etwas anderes sagen will, als man sagen will, etwas anderes sagt, als man sagt und sagen möchte, etwas anders versteht... usw.«

   Derrida hat wohl recht, wenn er behauptet, daß jede Aussage »mehr« sagt, als das sprechende Subjekt sagen will, und daß ein jedes Zeichen bei Wiederholung einen Bedeutungswandel durchmachen kann. Fast jeder Autor hat die teils unangenehme, teils überraschend-kreative Erfahrung gemacht, daß seine Aussagen nicht in Ãobereinstimmung mit seinen Intentionen rezipiert und verstanden wurden. Dies bedeutet jedoch nicht in allen Fällen, daß er mißverstanden wurde. Er wurde einfach anders verstanden, als er sich selbst versteht.

     
Die Intention, an deren Eindeutigkeit und Transparenz Searle nicht zu zweifeln scheint, ist in Wirklichkeit ein komplexes Phänomen, dessen Komplexität unmittelbar mit der Iterabilität zusammenhängt, die die semantische Kohärenz des Diskurses bald stärken, bald schwächen kann. Derrida hat in jeder Hinsicht recht, wenn er auf diese Ambivalenz und Dialektik der sprachlichen Wiederholung aufmerksam macht und die gesamte cartesianisch-rationalistische Tradition von Saussure bis Greimas mit der These herausfordert, daß die kohärenzstiftende Redundanz oder Rekurrenz die Kohärenz zugleich zersetzt: »Die Iterabilität setzt einen minimalen Rest voraus , damit die Identität des Selben in und durch, ja sogar im Hinblick auf die Veränderung wiederholbar und identifizierbar bleibt. Denn die Struktur der Wiederholung impliziert - und dies ist ein weiteres entscheidendes Faktum - sowohl die Identität als auch die Differenz.« Mit anderen Worten, es gibt keine Wiederholung ohne Sinnverschiebung, ohne differance, ohne Vereitelung der metaphysischen Sinnpräsenz. Derrida erläutert diesen Gedanken in »Vers une ethique de la discussion« : »Vergessen wir nicht, daß >Iterabilität< nicht einfach, wie Searle anzunehmen scheint, die Wiederholbarkeit des Selben bedeutet, sondern Veränderlichkeit dieses Selben .«

   An dieser Stelle wird auch klar, weshalb Derrida die Iterabilität - ähnlich wie die Differänz - als »Begriff ohne Begriff oder eine andere Art von Begriff, der sich vom philosophischen Begriff des Begriffs unterscheidet«61, auffaßt. Es geht um provisorische oder heuristische Bezeichnungen, die Grenzfälle der Begrifflichkeit erfassen sollen. Sie sollen z. B. erklären, weshalb nahezu alle
Schlüsselbegriffe philosophischer und sozialwissenschaftlicher Theorien schillernde Vokabeln sind, die endlos diskutiert und gedeutet werden. Nicht nur Thomas Hobbes' »moral Obligation« und Karl Marx' »Mehrwert«-Begriff, sondern auch der »Charis-ma«-Begriff Max Webers und der »Differenzierungsbegriff« Niklas Luhmanns können Anlaß zu Diskussionen, Differenzierungen und »Differierungen« im Sinne der differance geben. Ihre Fixierungen in philosophischen und soziologischen Nachschlagewerken sind durchaus nützliche »Idealisierungen« , die ihrer polymorphen Dynamik nicht ganz gerecht werden.
      Die Dekonstruktion erscheint hier nicht so sehr als philosophischer Bildersturm, in dem es primär darauf ankommt, Vertreter der institutionalisierten Philosophie vor den Kopf zu stoßen, sondern als Korrektiv eines Philosophierens, das auf der naiven Annahme gründet, seine Begriffe seien ein für allemal festgelegt worden. Es fragt sich allerdings, ob nur die Dekonstruktion in der Lage ist, der Historizität und dem Bedeutungswandel der Begriffe Rechnung zu tragen. Als Alternative zu dekonstruktivistischen Lösungen zeichnet sich eine Metatheorie ab, die von dem Gedanken ausgeht, daß alle theoretischen Diskurse in dialogischen Kontexten entstehen und daß Begriffe sowohl zwischen heterogenen Diskursen als auch innerhalb ein und desselben Diskurses, der stets eine dialogische Struktur aufweist, einen Bedeutungswandel durchmachen können .
      Nun könnte ein Anhänger der Wissenschaftstheorie Thomas Kuhns oder ein Vertreter des Kritischen Rationalismus einwenden, man brauche nur »obskuren« Denkern wie Hegel, Heidegger oder Derrida den Rücken zu kehren, um sogleich wieder festen - d. h. begrifflichen - Boden unter den Füßen zu spüren.
      Daß dieser Einwand auf illusorischen Vorstellungen gründet, läßt eine andere Diskussion erkennen, die ebenso berühmt ist wie die Auseinandersetzung zwischen Derrida und Searle. Sie fand zwischen Karl R. Popper, Thomas S. Kuhn und anderen Wissenschaftstheoretikern statt, die sich für den von Kuhn eingeführten und von Popper heftig bekämpften Paradigmabegriff interessierten. Hier geht es weder um die Probleme dieser Debatte noch um den Paradigmabegriff als solchen, sondern um die Tatsache, daßdie Definition dieses Begriffs in Kuhns Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen den meisten Diskussionsteilnehmern, vor allem aber Margaret Masterman, problematisch erschien. Sie fand 21 divergierende Definitionen von Paradigma in Kuhns Werk, d. h. auf der Ebene des Kotexts.
      Geht es hier um beabsichtigte Abweichungen? Sicherlich nicht. Man kann aber davon ausgehen, daß diese Divergenzen oder Differenzen nicht einfach Mängel sind, die der Autor in späteren Auflagen beseitigen sollte, sondern daß sie den ideellen Reichtum von Kuhns Buch ausmachen, das möglicherweise ungenießbar und indiskutabel wäre, wenn Kuhn seinen Schlüsselbegriff eindeutig definiert und für immer fixiert hätte. Der Dekonstruktivist hat nicht ganz unrecht, wenn er die Produktivität der Sprache und die Fruchtbarkeit des Denkens schlechthin mit der Iterabilität und der Differänz als Begleiterscheinung dieser Iterabilität in Verbindung bringt.
      Derrida schätzt die Lage ganz richtig ein, wenn er Searle gegenüber einerseits die dekonstruktive Wirkung der Iterabilität, andererseits deren Fruchtbarkeit betont. Er übertreibt jedoch die semantischen Hindernisse, die das Aussagesubjekt eines Diskurses zu überwinden hat. Greimas und Courtes haben nicht völlig unrecht, wenn sie als gute Strukturalisten die semantische Isotopie als »wiederholtes Auftreten von Klassemen auf einer syntagmatischen Axe, das die Homogenität des Diskurses als Aussage gewährleistet« definieren. Seine Homogenität also und nicht seine

Zersetzung oder Dekonstruktion ... Iterativität als Garantie für Sinnkonstitution und Kohärenz oder Iterabilität als Sinnzersetzung und Verschiebung? Wo ist die Wahrheit?
Sie ist nicht »irgendwo in der Mitte«, sondern in einem zugleich dialektischen und dialogischen Verhältnis zwischen den beiden extremen Positionen: zwischen Strukturalismus und Dekonstruktion. Einerseits ist klar, daß die Rekurrenz oder Iterativität von semantischen Einheiten die Textkohärenz gewährleistet, andernfalls wäre jedes didaktische Vorhaben sinnlos, anhand von Definitionen und Beispielen etwas zu erklären, und auch Derridas eigene Bemühungen, in zahlreichen Interviews die Anliegen der Dekonstruktion zu erläutern, wären vergeblich. Andererseits ist die Tatsache zu berücksichtigen, daß Rekurrenz oder Iterativität unbeabsichtigte Sinnverschiebungen zeitigen können. Auch Falsifizierbarkeit, ein Schlüsselbegriff des kritischen Rationalisten Popper, hat inzwischen Bedeutungen angenommen, die in der ursprünglichen Definition des Jahres 1936 nicht aufgehen - ebenso wie Greimas' Begriffe Isotopie und Aktant, die heute nicht mehr mit denen der Strukturellen Semantik deckungsgleich sind. Paradoxes Fazit: Theorien verdanken ihre Ãoberlebenschance der Unmöglichkeit der endgültigen Begriffsbestimmung, d. h. dem Scheitern der Sinnpräsenz.
      Greimas' Bemerkung in der Strukturalen Semantik, daß »es in der Sprache keine Geheimnisse gibt« 65, ist wahrscheinlich eine rationalistische Illusion. Aber Derridas Gedanke, daß sich jeder Diskurs selbst dekonstruiert, weil die Dekonstruktion nicht ein den Texten äußeres Verfahren ist, sondern »immer schon am Werk im Werk« 66, wird von seinem eigenen Werk desavouiert.
      Denn der Dekonstruktion selbst liegt eine relativ stabile semantische Taxonomie zugrunde, die von Grundgegensätzen wie parole/icriture, Sinnpräsenz/Differänz und Logozentrismus/Dekon-struktion strukturiert wird. Fehlte diese Taxonomie, wäre die
Dekonstruktion als Theorie und Verfahren weder darstellbar noch kritisierbar. Außerdem setzt Derrida in allen seinen Kommentaren die Möglichkeit voraus, Texte wie Limited Inc. oder L 'Ecriture et la diffe'rence eindeutig zu identifizieren. Wären diese Werke nicht als besondere Texte, die bestimmte definierbare Gedanken ausdrücken, identifizierbar und wiederholbar, wäre es unmöglich, sich auf sie zu beziehen, sie zu zitieren und zu übersetzen. Derrida setzt jedoch die Identifizierbarkeit von Werken voraus: etwa wenn er Searles Vorwurf, er habe Austins Text bis zur Unkenntlichkeit entstellt, mit der rhetorischen Frage zu entkräften sucht, wie denn Searle Austins entstellten und fehlgedeuteten Text schließlich doch erkannt habe.
     
   Daß die Dekonstruktion nicht umhin kann, relativ stabile Strukturen und Identitäten vorauszusetzen, fiel Bertil Malmberg in seinem Kommentar zu Derridas Sprachauffassung auf: »In Wirklichkeit ist es also das Prinzip der allgemeinen Strukturen und der sprachlichen Universalien, das sowohl die Möglichkeit der Ãobersetzungen als auch die der Transformationen innerhalb einzelner Sprachen erklärt.« Im letzten Abschnitt dieses Kapitels wird sich zeigen, daß Derrida auch im Bereich der Ãobersetzungstheorie dem Rationalismus der Tiefenstrukturen opponiert und eine Position bezieht, die von der Walter Benjamins und Franz Kafkas nicht allzu weit entfernt ist.
      Wie Kafka ist Derrida von dem Unübersetzbaren, dem Nicht-erzählbaren, dem Unzugänglichen fasziniert. Dies ist wohl der Grund, weshalb er ausführlich die Parabel Vor dem Gesetz kommentiert hat, die auch als eine Erzählung der differance gedeutet werden könnte. Derrida liest Kafkas Parabel als eine »Erzählung der Unzugänglichkeit«: »recit de cette inaccessibilite, de cette inaccessibilite au recit«. Zugleich erscheint sie ihm als eine
Suche nach dem Wesen oder dem Gesetz, das sich dem Zugriff des Suchenden unablässig entzieht: »Was für immer, bis zum Tod verschoben wird, das ist der Eintritt in das Gesetz selbst .« 7° Endlos verschoben wird auch die Wahrheit des Kafkaschen Textes, dessen Leser mit dem Protagonisten K. von Deutung zu Deutung eilt, ohne jemals die wahre Bedeutung zu finden, ohne in das Gesetz des Textes eindringen zu können. Vom Gesetz sagt Derrida, es habe kein Wesen: »Es entzieht sich dem Wesen des Seins, das die Präsenz wäre. Seine >Wahrheit< ist jene Nichtwahrheit, von der Heidegger sagt, daß sie die Wahrheit der Wahrheit ist.« Insofern könnte Kafkas Parabel, von der Derrida sagt, sie sei »unberührbar« und »unzugänglich« , als eine Allegorie der Dekonstruktion gelesen werden, die als exemplarische und »wahre« Geschichte den Leser mit dem paradoxen Gesetz konfrontiert, daß er ihre Wahrheit nie erfassen wird ...
     

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