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Derrida: dekonstruktion, philosophie und literaturtheorie

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Dissemination und Dialektik der Totalität: Derrida, Jean-Pierre Richard und Mallarme



Die Konfrontation zwischen Strukturalismus und Dekonstruktion im vorigen Abschnitt könnte als eine theoretische Einleitung zu Derridas Kritik an Jean-Pierre Richards thematischer Interpretation von Mallarmes Dichtung gelesen werden. Obwohl Richard kein Vertreter des linguistisch-semiotischen Strukturalismus im Sinne von Greimas oder Bremond ist, wendet er in seiner umfangreichen Studie über Mallarme systematisch den Begriff der semantischen Rekurrenz an und wirft somit die »strukturalistische« Frage nach der Textkohärenz auf. Er versucht nachzuweisen, daß die wichtigsten Themen in Mallarmes Werk ein zusammenhängendes Ganzes bilden und stützt sich dabei nicht nur auf den semantischen Begriff der Iterativität , sondern auch auf Hegels Kategorie der Totalität. Mallarmes Texteerscheinen ihm als ein Bedeutungszusammenhang, dessen Einheiten einander in ihrer dialektischen Interdependenz wechselseitig erhellen.

      In diesem Kontext, der, wie Dietmar Fricke richtig bemerkt, von der Suche nach einer »einheitlichen Vision« beherrscht wird, verwendet Jean-Pierre Richard zum ersten Mal das Wort dissemination. Es stammt aus Mallarmes Werk, aus der »Preface ä Vathek«, wo es einen eindeutig pejorativen Sinn annimmt: Mallarme rügt dort im Zusammenhang mit den Anglizismen von William Beckfords »indischem« Roman Vathek den Satz, der »in Schatten und Vagheit zergeht« , lobt jedoch »das Aufleuchten der Wörter« .
      In L 'Univers imaginaire de Mallarme' beruft sich Richard auf diese wertende Gegenüberstellung von Schatten und Licht bei Mallarme und führt das Substantiv dissemination ein, das Derrida später für die Dekonstruktion fruchtbar machen wird: »Gegen die Streuung des Sinnes wird das glückliche Wort die Wahrheit mit einem festen Schutzwall umgeben.« Der umstrittene Begriff erscheint hier also zum ersten Mal in einem logozentristischen, platonischhegelianischen Zusammenhang, dessen vereinheitlichende und totalisierende Tendenzen den Zorn des Dekonstruktivisten heraufbeschworen haben. Ein Kapitel in Richards Buch trägt gar den ominösen Titel »Vers une dialectique de la totalite«. Was ist aber genau unter Richards »Hegelianismus« zu verstehen?
Zunächst sein Versuch, Mallarme als einen Dichter zu deuten, der den Sinn gegen die »sprachlichen Angriffe des Zufalls« verteidigt und darauf abzielt, ein zusammenhängendes Ganzes zu konstruieren, das von einemsubjektiv gesetzten Sinn zusammengehalten wird. Richard beruft sich explizit auf Hegel, wenn er auf Mallarmes Lektüre zu sprechen kommt und wenn er Mallarmes Synthese zwischen dem »Sinnlichen« und dem »abstrakten Begriff« in der »Idee« hervorhebt. Diese sei keine einfache Abstraktion, sondern »eher dem ähnlich, was die Philosophen heute als konkretes Wesen bezeichnen«. Es kann sich nur um hegelianische Philosophen handeln.
      In Richards Augen nimmt Mallarmes »Idee« die Gestalt einer Hegeischen Synthese an. In seinem indischen Märchen Le Mort vivant beispielsweise versuche der Dichter, »feindliche Gegensätze« wie Tag und Nacht, Leben und Tod zu versöhnen. Um diese Versöhnung herbeizuführen, bediene er sich der Metapher, die bei Richard als ein Instrument der dialektischen Aufhebung erscheint: »Bei Mallarme geht das ideale Gleichgewicht aus dem Gegensatz zwischen zwei Elementen hervor. So ist die Metapher eine Vereinigung und die Synthese eine dialektische Reduktion des Doppelten auf das Eine.«

   Insgesamt erinnert die von Richard in seinem Mallarme-Buch entwickelte thematische Analyse an den genetischen Strukturalismus des Hegelianers und Marxisten Luden Goldmann, der die einzelnen Textteile im Gesamtzusammenhang und diesen im Verhältnis zu den Teilen zu verstehen sucht. Richard scheint dieser hermeneutischen Bewegung zu folgen, wenn er von »der dialektischen Bestätigung des Ganzen durch den Teil und des Teils durchs Ganze« spricht. Die Gewähr für den Gesamtzusammenhang übernimmt Hegels Geist, und Richard erblickt in Mallarmes Idee »ein oberstes Zentrum, das der Geist ist« .

     
Auf semantischer Ebene garantiere »die Wiederholung der Motive« »die Strenge der thematischen Entwicklung«. An anderer Stelle hebt Richard die Bedeutung der Rekurrenz für die Textkonstitution hervor. Obwohl sie einen eher intuitiven Charakter hat, stützt sich seine thematische Analyse auf Begriffe, die in abgewandelter Form in Greimas' strukturaler Semiotik verwendet werden. Seine Art, die semantische Kohärenz von Mallarmes Text darzustellen, erinnert an Greimas' Isotopie-Begnü: »Eine Flamme beispielsweise wird zum Haar in Beziehung gesetzt, um in uns die Vorstellung eines feurigen Aufblühens zu wecken. Die Verbindung von Gletscher und Keuschheit teilt uns das Wesen jungfräulicher Kälte mit.« Wir haben es hier mit Analysen einer hegelianischen und »struk-turalistischen« Ã"sthetik zu tun, die darauf abzielt, die begrifflichen Inhalte oder die Inhaltsebene eines literarischen Werks bloßzulegen.
      Es ist daher nicht erstaunlich, daß der Philosoph der Dekon-struktion sich von Jean-Pierre Richards Buch provoziert fühlte. In einem langen Artikel, der zunächst in Tel Quel mit dem Titel »La Double seance« erschien und später in La Disstmination wieder abgedruckt wurde, versucht Derrida zu zeigen, wie Mallarmes Dichtung sowohl Piatos als auch Hegels Begrifflichkeit zersetzt. Mallarme, sagt Derrida, greift zwar Piatos Mimesis-begriff wieder auf, ohne aber die platonisch-metaphysische Auffassung dieses Begriffs zu übernehmen, nach der »irgendwo das Sein eines Seienden imitiert werde« . Laut Derrida gibt es bei Mallarme zwar die Mimesis, die imitatio, nicht jedoch das von Plato bis Hegel postulierte ideelle Wesen: das nachgeahmte Sein oder das transzendentale Signifikat. Mallarmes Textexperiment erscheint aus dieser nietzscheanisch-dekonstruktiven Sicht als ein Zusammenspiel von Signifikanten ohne Wahrheit, ohne begriffliche Verankerung.
      »Dies ist der Grund«, schreibt Christopher Norris, »weshalb Derrida betont, daß die Dekonstruktion ein Prozeß der >Verschie-bung< einzudämmen oder zu beherrschen, um sein Vorhaben der Vereinheitlichung verwirklichen zu können. Dabei geht es Derrida primär darum, Mallarmes Verb »disseminer« vom platonisch-hegelianischen Joch zu befreien, es vor dem Zugriff einer neuen Metaphysik der Totalität zu bewahren, um es in einen Begriff der Dekonstruktion verwandeln zu können.
      Zunächst versucht er - wie erwartet - nachzuweisen, daß es bei Mallarme »kein endgültiges Signifikat« und auch keinen »endgültigen Referenten« gibt. Zum Beweis zitiert er zahlreiche ambivalente und vieldeutige Passagen aus Mallarmes Werk und zeigt, wie sehr eine genaue Lektüre dieses Werks die thematische oder strukturale Iterativität, auf die sich Richard beruft, in Iterabi-lität, in semantische Vielfalt, d. h. Dissemination verwandelt.
      So zerlegt Derrida beispielsweise das von Jean-Pierre Richard beschriebene Thema der Falte , das in verschiedenen Gedichten Mallarmes eine wichtige Rolle spielt und das Richard zum Bestandteil einer semantischen Totalität macht, die vom Begriff der intimite zusammengehalten wird. Derrida stellt diese hegelianische Konstruktion radikal in Frage, indem er all das betont, »was in der Falte auch Ã-ffnung, Streuung, räumliches und zeitliches Auseinandertreten usw. bedeutet«. In dem hier entworfenen Zusammenhang ist das Wort »auch« nicht ganz unwichtig: denn Derrida leugnet nicht die Existenz der von Richard kommentierten Themen , sondern die Möglichkeit, sie zu einer begrifflichen Totalität zu bündeln, die als die »Wahrheit« von Mallarmes Dichtung aufzufassen wäre.
      Im Gegensatz zur totalisierenden Hermeneutik Richards schließt die von Derrida eingeführte Dissemination oder Streuung jede Art von begrifflicher Fixierung aus. Sie macht sogar die herkömmliche Unterscheidung von »eigentlichem« und »metaphorischem Sinn« unmöglich. In einer sprachlichen Situation, in der die Wahrheit als solche sich in einem »beweglichen Heer von Metaphern« auflöst, ist jeder Versuch, die Metapher begrifflich zu bestimmen, vorab zum Scheitern verurteilt. Es gibt nur die Figur, und die Philosophie verwandelt sich in Rhetorik im Sinne von Nietzsche: »Die Dissemination von Weiß bringt eine Struktur von Tropen hervor, die unablässig um sich selbst kreist, weil sie ständig einen Dreh zuviel vollbringt: keine Metapher mehr, keine Metonymie. Wo alles metaphorisch wird, gibt es keinen eigentlichen Sinn und folglich auch keine Metapher mehr.«

   Ein Wort wie Falte ist nicht aus dem Begriff der Metapher ableitbar: nicht nur weil sich der eigentliche Sinn verflüchtigt, sondern auch deshalb, weil Mallarmes Signifikant pli wider-sprüchliche Bedeutungen annimmt. Laut Derrida bedeutet er sowohl »Jungfräulichkeit« als auch das, was sie zerstört, vergewaltigt. Bisweilen bedeutet er aber weder das eine noch das andere, so daß seine Bedeutung unentscheidbar oder extrem ambivalent wird.
      Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß Derridas Dissemi-nation oder Streuung nicht mit dem semiotischen Begriff der Polysemie identisch ist, der von Greimas und Courtes als Pluri-Isotopie definiert wird: als Zusammenwirken von zwei oder mehreren heterogenen Isotopien. Denn im Kontext der Polysemie ist die Bedeutung insofern definierbar, als ein Wort oder Semem auf einer bestimmten Isotopie angesiedelt werden kann. Es hat also keinen radikal ambivalenten Charakter; es ist nicht »unentscheidbar« . Die Dekonstruktion unterscheidet sich dadurch von der rationalistischen Semiotik eines Greimas, daß sie Nietzsches extreme Ambivalenz in die Diskussion einbringt, die eine eindeutige Definition linguistischer Einheiten vereitelt. Aus dieser Ambivalenz geht die Aporie hervor, die vor allem bei dem amerikanischen Dekonstruktivisten Paul de Man eine entscheidende Rolle spielt.
      Die Ambivalenz im Sinne von Derrida bringt den Versuch mit sich, die institutionalisierte Unterscheidung von Literatur und Philosophie zu überwinden. »Meine Texte«, erklärt Derrida, »gehören weder dem philosophischem noch dem >literarischen< Register an.« In einem späteren Gespräch, das in Points de Suspension abgedruckt wurde, geht er nochmals auf seine zwiespältige Haltung sowohl der Philosophie als auch der Literatur gegenüber ein und erklärt, er sei weder Schriftsteller noch Philosoph: »Je ne suis sans doute ni l'un ni Pautre...«
Es ist daher prekär, im Zusammenhang mit der Dekonstruktion von Ã"sthetik zu sprechen, da ja die Ã"sthetik im allgemeinen als Bestandteil der Philosophie betrachtet wird. Trotz dieser Schwierigkeit kann Derridas Literatur- und Kunsttheorie als eine nietz-scheanische Ã"sthetik des Signifikanten, der Ausdrucksebene aufgefaßt werden: als eine Ã"sthetik, die über die Grenzen der semiotischen Polysemie hinausgehen möchte, um die Streuung des Sinns, die dissömination, beschreiben zu können.
      Trotz seiner subtilen Kritik an Jean-Pierre Richard hat Derrida nicht zu zeigen vermocht, daß alle Schlüsselwörter von Mallarmes Dichtung unentscheidbar, »indecidables«, sind. Man könnte einwenden, daß die Texte dieses französischen Dichters durchaus als heterogene, »pluriisotope« Einheiten im semiotischen Sinne gelesen werden können, deren Bedeutung sich von Epoche zu Epoche und von Gesellschaft zu Gesellschaft ändert.
      Seine Kritik an Richard ist insofern berechtigt, als die thematische Analyse dazu neigt, die Monosemie der Texte zu privile-gieren und die semantische Heterogenität von Mallarmes Dichtung sowie deren Fähigkeit, in einem offenen historischen Kontext neue Bedeutungen anzunehmen, zu vernachlässigen. Schließlich zeigen einige Schwierigkeiten der strukturalen Semiotik, daß die Entscheidung, ein Semem wie pli auf einer bestimmten Isotopie oder auf mehreren Isotopien anzusiedeln, bisweilen willkürlich ist und daß es in einigen extremen Fällen »unent-scheidbare« Wörter geben könnte. Schon deshalb erscheint es sinnvoll, den Dialog zwischen den beiden Positionen - zwischen strukturaler Semiotik und Dekonstruktion - zu intensivieren.

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