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Derrida: dekonstruktion, philosophie und literaturtheorie

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Derrida als Baudelaire-Leser: La Fausse monnaie



In seinen Kommentaren zu Baudelaires Prosagedicht La Fausse monnaie/Das falsche Geldstück greift Derrida einige Argumentationsstränge aus »La Double seance« wieder auf und veranschaulicht seine Vorstellung von der

Streuung oder Dissemination anhand von linguistischen und anthropologischen Beispielen. Es geht darum, diesen zentralen Begriff, der an der Grenze der Begrifflichkeit zu orten ist und über sie hinausweist, auf das Wort don/Gabe anzuwenden und nachzuweisen, daß der Sinn dieses Wortes unentscheidbar ist: in Marcel Mauss' Essai sur le don , in der Linguistik von Emile Benveniste und in Baudelaires Prosagedicht, das hier in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt wird. Dessen Interpretation in Derridas Donner le temps 1. La Fausse monnaie wird einen Brückenschlag von der französischen zur amerikanischen Dekonstruktion ermöglichen.
      Baudelaires Text ist von einem unerwarteten Wendepunkt gekennzeichnet: Beim Verlassen eines Tabakladens beobachtet der Erzähler, wie sein Freund beginnt, sein Geld »sorgfältig zu sondern«, und dabei vor allem »ein silbernes Zweifrankenstück« betrachtet. Die zwei Gefährten treffen einen Bettler, dessen Blick den Erzähler mit Mitleid erfüllt. Sie geben ihm einige Münzen. Der Erzähler stellt fest, daß die Spende seines Freundes wesentlich großzügiger ist als seine eigene, und sagt: »>Nächst dem Vergnügen, sich überraschen zu lassen, gibt es kein größeres, als einem anderen eine Überraschung zu bereiten. < >Es war das falsche GeldstückGabedonAporetik< der Gabe« und setzt sie zum Begriff der difföran-ce in Beziehung. Die Münze, die der Freund des Erzählers dem Armen schenkt, kann nur dann als Gabe im positiven Sinne des Wortes aufgefaßt werden, wenn sie sich »in echten Geldstücken vervielfältigt« und dadurch die Fortune des Beschenkten herbeiführt. Noch in dieser entscheidenden Phase ist die letzte Wirkung der Gabe ungewiß, da dem glücklichen Augenblick die Entlarvung des Falschmünzers und seine Verhaftung folgen können. Kurzum, die falsche Münze läßt den Doppelcharakter der Gabe zutage treten, die dem Beschenkten sowohl Glückals auch Unglück, sowohl Leben als auch Tod bringen kann -oder beides, wenn man ihre zeitliche Dimension mitberücksichtigt.
      An dieser Stelle könnte man freilich mit einigen Vertretern der analytischen Philosophie einwenden, daß jedes Geschenk im Leben eines Menschen zum Zeitpunkt Tl Glück und Euphorie, zum Zeitpunkt T jedoch Unglück und Dysphorie zur Folge haben kann. Eine Flasche Wein kann jemanden anfangs beglücken, zugleich aber eine Neigung zum Alkoholismus in ihm wecken, die sich später bemerkbar macht. Ein Buch von Derrida kann einen Beschenkten zunächst in eine euphorische Stimmung versetzen, weil es ihm neue Einsichten vermittelt; es kann ihn aber zu einem späteren Zeitpunkt in tiefe Depressionen stürzen, weil es seinen Glauben an bestimmte trostbringende Wahrheiten zerstört. Vor dem Zeitpunkt T ist also niemand sicher...
      Dies ist aber kein Grund, vom aporetischen Charakter der Gabe zu sprechen, denn von einer Aporie kann nur dann die Rede sein, wenn sich zwei unvereinbare Elemente manifestieren: etwa in einer tragischen Situation, in der ein Held zwei unvereinbare Handlungen vollbringen muß. Die falsche Münze kann dem Bettler zwar sowohl Glück als auch Unglück bringen, aber nicht beides gleichzeitig, sondern nur in einer bestimmten Reihenfolge, wobei die Sequenz Glück-Unglück wahrscheinlicher ist als die umgekehrte Sequenz. Deshalb ist Derridas Grundthese, die falsche Münze illustriere den prinzipiell aporetischen Charakter einer jeden Gabe, nicht plausibel.
      Es könnte allenfalls behauptet werden, daß die falsche Münze in Baudelaires Erzählung ambivalent ist, weil sie einen bestimmten Wert hat, wenn sie unerkannt bleibt, zugleich aber - unabhängig von allen irrigen Annahmen - wertlos ist. Ambivalent ist in diesem Fall auch die Absicht des Freundes, der als »böser Wohltäter« charakterisiert werden könnte. Diese Ambivalenz bringt jedoch keine Aporie hervor, und die »Aporetik der Gabe« allgemein, d. h. die aporetische Struktur aller Gaben, illustriert sie mitnichten. Denn die meisten Geschenke werden von guten Absichten begleitet, sind weder »unecht« noch »falsch« und haben daher keinen aporetischen, sondern höchstens einen polyfunktionalen Charakter: Sie können positiv oder negativ wirken, und ihre
Wirkung hängt von der Veranlagung des Einzelnen und den Umständen ab.
      Weiterhin plausibel und anregend bleibt jedoch Derridas These über die zeitliche Ambivalenz der Gabe, die nie sauber von einer wirtschaftlichen Transaktion zu unterscheiden ist, weil sie ein Tauschverhältnis begründet. Derrida behält auch recht, wenn er den ambivalenten und paradoxen Charakter der falschen Münze betont und ihn zu der paradoxen Struktur von Baudelaires Prosagedicht in Beziehung setzt. Dabei erwähnt er das Vorhaben des Dichters, eine Novelle mit dem Titel Le Paradoxe de l'aumone zu schreiben, und erinnert daran, »daß einige seiner Herausgeber geneigt sind, darin den ersten Titel von Das falsche Geldstück zu sehen«.1

   Er projiziert das Problem der Ambivalenz und der Paradoxie auf die narrative Ebene, wenn er hinzufügt, daß die paradoxe Gabe des Freundes »zugleich die Möglichkeit der Erzählung einfordert und ausschließt« . Denn der Doppelcharakter der falschen Münze ermöglicht mindestens zwei konkurrierende Erzählungen, die der Erzähler als Hypothesen konstruiert, die sich gegenseitig ausschließen: die Geschichte des Glücks und die Geschichte des Unglücks. Hier wird klar, daß die semantische Ambivalenz der Gabe und des Gebenden eine Unentscheidbarkeü auf narrativer Ebene zur Folge hat: Baudelaires Erzähler kann sich weder für die eine noch die andere Geschichte entscheiden und gelangt über Mutmaßungen und Hypothesen nicht himms.

     
   Anders als in »La Double seance« verläßt Derrida in seinen Kommentaren zu La Fausse monnaie den semantischen und narrativen Bereich des Prosagedichts und setzt seine Argumentation auf pragmatischer Ebene fort: auf der Ebene der Kommunikation zwischen Text und Leser. Er hat durchaus recht, wenn erden Autor von dessen fiktivem Icherzähler unterscheidet. Im Zusammenhang mit der Erzählung in Baudelaires Prosagedicht stellt er fest: »Sie ist wahrhaft fiktiv, wird aber in der von Baudelaire signierten und ersonnenen Fiktion als wahre Erzählung durch den fiktiven Erzähler vorgebracht: So erzählt sie uns die Geschichte einer anderen Fiktion, eines fiktiven Geldstücks.« Im französischen Original steht an der Stelle von »ersonnenen« das Wort »forge« , das von negativen Konnotationen begleitet wird. Denn es bedeutet nicht nur »geschmiedet« , »ersonnen« oder »erfunden«, sondern auch »gefälscht« .
      Aus diesen Konnotationen leitet nun Derrida die folgende Hypothese über den Titel Das falsche Geldstück ab: »Er besagt nicht allein: Hier ist eine Geschichte von Falschgeld. Sondern: Die Geschichte ist - vielleicht - selbst als Literatur Falschgeld, eine Fiktion, über die man sich - letztlich immer bereit, sich in abwegigen Vermutungen zu ergehen - all das sagen kann, was der Erzähler über das falsche Geldstück seines Freundes wird gesagt haben können, über die Intentionen, die er seinem Freund zuschreibt, über die Berechnung und all die Tauschverhältnisse, die so durch das Ereignis angestiftet werden, das sein Freund selbst mit seinem falschen Geldstück hervorgerufen hat.«

   Die Literatur ist jedoch nicht mit einer falschen Münze, mit falschen Aussagen oder mit irgendeiner anderen Falschheit zu vergleichen. Indem er von einer falschen Analogie zwischen literarischer Fiktion und der gefälschten Münze ausgeht, setzt sich Derrida über den wesentlichen Unterschied zwischen einer ästhetischen Illusion und dem, was schlicht falsch, widerlegbar oder unecht ist, hinweg. Ein ganzer Sammelband setzt sich mit diesem Unterschied auseinander, der ganz zu Recht zu einem Gemeinplatz der Literaturwissenschaft wurde.

     
   Indem er all das vernachlässigt, was die ästhetische Illusion als Konstruktion einer zweiten Realität, einer möglichen Welt , von falschen Münzen oder Behauptungen unterscheidet, kann Derrida auch die semantischen und narrativen Tatsachen in Baudelaires Text vernachlässigen und sich auf pragmatischer Ebene Spekulationen hingeben, die man mit Eco als »Überinterpretationen« bezeichnen könnte, weil sie über die »Grenzen der Interpretation« hinausgehen.
      Im Zusammenhang mit dem Freund des Erzählers fragt er beispielsweise: »Und wenn er noch mehr Falschmünzerei betriebe, als es der Erzähler glaubt? Und wenn er - als Trugbild von Geständnis - echtes Geld als falsches in Umlauf brächte?« Aber ist es sinnvoll, am Wissen eines Erzählers zu zweifeln, wenn es im Text selbst nicht in Frage gestellt wird? An anderer Stelle behauptet Derrida: »Die Antwort des Freundes kann auch Falschgeld sein.« Er scheint mit Baudelaires Erzähler wetteifern zu wollen, wenn er anfängt, über die versteckten Absichten des Freundes nachzudenken, der trotz seines Betrugs dem Bettler gegenüber möglicherweise keinerlei Schuldgefühle verspüre, denn: »Man kann dem Freund auch zugute halten, daß er sich unschuldig fühlt, ein falsches Geldstück gegeben zu haben - in dem Punkt, daß er es dem Erzähler gegenüber nicht verheimlicht -, sobald er durch dieses falsche Geldstück dem Zyklus der Gabe als Gewaltsamkeit gegenüber dem Armen entzogen ist.« Die Ambivalenz der Gabe nimmt hier neue Dimensionen an: Man gibt eine falsche Münze, um den Armen von den Zwängen einer Gabe zu befreien, die im Rahmen des Tauschmechanismus zu etwas verpflichtet.
      Ebensogut könnte man über die ehrlichen oder unehrlichen Absichten einer Romanfigur wie Madame de Bargeton in Balzacs Illusionsperdues spekulieren. Von ihr berichtet der Erzähler u. a., sie habe sich »in einen Adeligen, einen einfachen Unterleutnant verliebt« .

     
Wenn derselbe Erzähler im Zusammenhang mit Madame de Bargeton von »den Resten eines himmlischen Jerusalems, das heißt einer Liebe ohne Geliebten« spricht und diese Einschätzung mit den Worten »c'etait vrai« als »wahr« bestätigt, so schafft er eine ästhetische Illusion oder eine mögliche Welt, die mit der dem Leser bekannten Welt konkurriert, weil sie ihre eigenen Tatsachen und Wahrheitskriterien hervorbringt. Diese können nicht denen eines oder mehrerer Rezipienten angeglichen werden.
      Ähnliches könnte von Baudelaires Prosagedicht gesagt werden, dessen Erzähler feststellt, daß sein Freund in die rechte Hosentasche »ein silbernes Zweifrankenstück« gleiten ließ, »das er einer besonderen Prüfung unterzogen hatte«. Wir haben es hier insofern mit einem fiktionalen Faktum zu tun, als uns mitgeteilt wird, daß der Freund das Zweifrankenstück nach eingehender Prüfung von seinem übrigen Geld trennt. Ein weiteres Faktum entsteht, wenn der Freund dem Erzähler erklärt: »Es war das falsche Geldstück.« Um diese Aussage als »Lüge«, »List« oder »Witz« in Frage stellen zu können, müßte man in der Lage sein, sich auf ganz bestimmte Textelemente zu stützen: etwa eine Bemerkung des Erzählers oder des Freundes. Solche Elemente fehlen jedoch in dem Prosagedicht, und das Interpretationsverfahren der Dekonstruktion geht in Leerlauf über, wenn Derrida -gleichsam jenseits des Textes - Mutmaßungen über die Textaktanten anstellt, als wären sie Personen seiner Umgebung.
      Es geht hier keineswegs darum, die Dekonstruktion als Interpretationsverfahren zu diskreditieren oder gar die rationalistischen Pauschalurteile über Derrida zu bestätigen. Denn bisher hat sich gezeigt, daß die Dekonstruktion ein wichtiges Korrektiv innerhalb der modernen Sprach- und Literaturwissenschaft ist, die sich immer wieder die rationalistische und hegelianische Forderung nach einer Monosem ierung der Texte zu eigen macht.1

   Derrida hat gezeigt, daß Ambivalenz und Iterabilität nicht nur in literarischen, sondern auch in philosophischen Texten vorkommen können und daß keine semantische oder dialektische Theorie alle »unentscheidbaren« Textstellen zu tilgen vermag. Allerdings neigt er dazu, die prinzipielle Schwierigkeit, einen Text als kohärente oder heterogene Struktur zu verstehen, in eine Unmöglichkeit zu verwandeln. Der von Greimas geprägte Begriff der Pluri-Isotopie zeigt indessen, daß die strukturale Semiotik nicht auf Gedeih und Verderb mit dem Kohärenzpostulat liiert ist und daß Widersprüchlichkeit und Inkohärenz im Strukturalismus keine Fremdwörter sind. Derrida hat sich in seinen Kommentaren zu verschiedenen strukturalistischen Theorien mit dieser Tatsache nie befaßt. Schließlich kann ihm nicht der Vorwurf erspart bleiben, daß er - z. B. in seiner Analyse von La Fausse monnaie - nicht sauber zwischen Textstrukturen und den eigenen Leseerfahrungen unterscheidet. Man wird sehen, daß diese beiden hier kritisierten Tendenzen in den Arbeiten der amerikanischen Dekonstruktivisten, die danach streben, die Kluft zwischen Literatur und Theorie rhetorisch zu überbrücken, verstärkt in Erscheinung treten.

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