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Der literaturbetrieb der höfischen zeit

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» Die Literatur des Kaiserhofs von Konrad III. bis Friedrich II.

Die Literatur des Kaiserhofs von Konrad III. bis Friedrich II.



Aus der Zeit Konrads I

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, des ersten Stauferkö-nigs, ist über den literarischen Betrieb am Kaiserhof nicht viel bekannt. Das intellektuelle Klima am Hof wurde von den Geistlichen geprägt, die die leitenden Ã"mter innehatten: von dem Kanzler Arnold von Wied , dem Erbauer der für die Entwicklung der romanischen Architektur im Rheinland so bedeutsamen Kirche in Schwarzrheindorf ; von Arnold von Sclenhofen , dem Leiter der Hofkapelle und 1151 Nachfolger Arnolds von Wied im Kanzleramt, der später Erzbischof von Mainz wurde; von dem Bischof Anselm von Havelberg , der zu den engsten Ratgebern des Königs gehörte und der berühmt geworden ist durch seine gelehrten Disputationen mit den oströmischen Theologen im Jahr 1146; und vor allem von Wibald , dem Abt der beiden Reichsklöster Stablo und Corvey, der sich häufig am Hof aufgehalten hat - nicht wenige Urkunden und Briefe Konrads I

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sind von ihm verfaßt worden - und der den größten Einfluß auf die auswärtige Politik, zumal auf das Verhältnis zur Kurie, besaß. Während des Kreuzzugs Konrads I

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hat Wibald, als Erzieher des damals erst zehnjährigen Königs Heinrich , praktisch die Aufgaben eines Reichsverwesers erfüllt. Das Ausmaß seiner Tätigkeit dokumentiert sein umfangreiches >Briefbuch< , das Wibald zum großen Teil selber angelegt hat und das neben seiner eigenen Korrespondenz auch zahlreiche offizielle Schriftstücke enthält . Aus seinen Briefen ist auch die Weite seiner gelehrten Interessen erkennbar und die hohe Achtung, deren er sich unter den Gebildeten seiner Zeit erfreute. Besonders interessant ist der Briefwechsel mit Rainald von Dassel , der damals Dompropst in Hildesheim war. Wibald hatte sich an ihn mit der Bitte um Ãobersendung der in Hildesheim vorhandenen Cicero-Handschriften gewandt. In seiner Antwort erbat Rainald, als Sicherung für die Ausleihe der Handschriften ein Exemplar von Genius' >Attischen Nächten< sowie den Hoheliedkommentar von Origenes. Da ihm das Werk von Gellius gerade nicht zur Verfü-gung stand, schickte Wibald statt dessen die >Kriegslisten< von Frontin, ein damals sehr seltenes Werk. Wie gut Wibald von Stablo über die moderne Wissenschaft an den französischen Schulen informiert war, bezeugt sein Schreiben an Manegold von Paderborn . In diesem Brief hat Wibald auch eine Szene geschildert, die sich bei einem Gastmahl am Königshof zutrug und die erkennen läßt, daß König Konrad I

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die Gelehrsamkeit seiner Mitarbeiter nicht ohne persönliches Interesse verfolgte. »Unser Herr, König Konrad, staunte über das, was von den Gebildeten Schlaues gesagt wurde, und versicherte, es könnte nicht bewiesen werden, daß der Mensch ein Esel sei. Fröhlich waren wir bei dem Gastmahl, und die meisten, die mit uns waren, waren nicht ungebildet. Ich sagte zu ihm, daß dies bei der natürlichen Beschaffenheit der Dinge nicht zustandegebracht werden könne; wohl aber könne es durch einen falschen Schluß gefolgert werden, indem unter einer unzulässigen Prämisse aus einer Wahrheit eine Lüge werde. Als er das nicht verstand, setzte ich ihm mit einem scherzhaften Trugschluß zu. Ich fragte: >Habt ihr ein Auge?< Als er dies zugestand, fügte ich hinzu: >Habt ihr zwei Augen?< Als er dem durchaus zustimmte, sagte ich: >Eins und zwei sind drei. Also habt ihr drei Augen. < Geblendet von dem Spiel der Worte schwor er, daß er nicht mehr als zwei habe. Aber als er durch viele ähnliche Beispiele gelernt hatte, genau zu unterscheiden, sagte er, daß die Gelehrten ein fröhliches Leben führten.«


Während der Regierungszeit Konrads I

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ist das bedeutendste Geschichtswerk entstanden, das Deutschland im 12. Jahrhundert hervorgebracht hat. Der Verfasser war der Halbbruder des Königs, Otto von Freising , aus der zweiten Ehe ihrer Mutter Agnes mit dem Markgrafen Leopold I

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von Ã-sterreich . Otto hat als Bischof von Freising persönlich und politisch in enger Verbindung mit Konrad I

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ge-standen; aber es ist zu bezweifeln, daß sein großes Werk, >Die Geschichte der zwei Staaten< , auch >Chronica< genannt, die Otto 1146 beendet und dem Abt Isingrim von Ottobeuren gewidmet hat, dem König je zu Gesicht gekommen ist. Erst elf Jahre später - 1157, inzwischen regierte Friedrich I. - hat Otto von Freising eine überarbeitete Fassung seiner Weltchronik am Hof überreichen lassen. Die Anregung dazu ist angeblich vom Kaiser ausgegangen. Ob allerdings Friedrich I. sich persönlich damit befaßt hat, ist nicht zu erkennen. Der entscheidende Anstoß kam offenbar von Rainald von Dassel, der seit 1156 als Reichskanzler und auch später als Erzbischof von Köln, bis zu seinem Tod im Jahr 1167, einen bestimmenden Einfluß nicht nur auf die Italienpolitik Friedrichs I. gehabt hat, sondern auch auf das geistige Leben am Kaiserhof. An ihn wandte sich Otto von Freising 1157 in einem besonderen Schreiben mit der Bitte um eine wohlwollende Aufnahme seines Geschichtswerks am Hof. Wahrscheinlich hat der Kanzler Rainald von Dassel auch die Anregung gegeben, Otto von Freising zu beauftragen, in einem neuen Werk die Taten Friedrichs I. darzustellen. Jedenfalls kann der Abriß der historischen Ereignisse aus den ersten Regierungsjahren Friedrichs I., der am Kaiserhof verfaßt wurde und der Otto von Freising für sein neues Werk als Grundlage dienen sollte, nicht ohne Wissen und Billigung des Kanzlers aus der kaiserlichen Kanzlei herausgegangen sein. Das neue Werk, die > Taten Friedrichs« , das Otto von Freising nur noch zur Hälfte schreiben konnte und das von seinem Kaplan Rahewin fortgesetzt und 1160 abgeschlossen wurde, bezeugt in seiner ganz auf die Verherrlichung des Kaisers ausgerichteten Perspektive gegenüber der Weltchronik ein neues Konzept der Geschichtsschreibung. Daß dieses von der Reichskanzlei entwickelt oder jedenfalls gefördert worden ist, kann man daraus schließen, daß in den Jahren, in denen Rainald von Dassel den größten Einfluß am Kaiserhof hatte, mehrere historische Werke ähnlichen Charakters entstanden sind, die die Kriegszüge Kaiser Friedrichs in Italien poetisch verherrlichten, speziell seinen Sieg über Mailand. Dazu gehörte das große Kaisergedicht >Gegrüßt seist du, Herr der Welt< {Salve mundi dominE) des Archipoeta, der als Hofdichter Rainalds von Dassel tätig war, sowie das Geschichtsepos >Ãober die Taten Friedrichs in der Lombardei« eines unbekannten Autors, der nach 1160 gedichtet hat und der indirektem Kontakt zum Kaiserhof gestanden haben muß, wie sich aus der Tatsache ergibt, daß er die Briefe Kaiser Friedrichs an Otto von Freising und an Wibald von Stablo kannte.
      Auch nach dem Tod Rainalds von Dassel behielt die staufische Hofgeschichtsschreibung einen höfisch-dynastischen Grundzug. Das bezeugen die > Taten Friedrichs« von Gottfried von Viterbo und der >Ligurinus< von Günther von Pairis, die beide in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre entstanden sind und beide hauptsächlich die Kriege Friedrichs I. in Italien in poetischer Form behandelten. Gottfried von Viterbo gehörte als kaiserlicher Kaplan zur Hofgesellschaft, und auch Günther von Pairis scheint, wenigstens vorübergehend, am Kaiserhof tätig gewesen zu sein, und zwar als Erzieher Konrads , des jüngeren Sohns des Kaisers, wenn man seinen eigenen Angaben Glauben schenken kann. Seinem »adligen Zögling« hatte Günther von Pairis bereits seinen >So-lymarius«, ein Epos über den Ersten Kreuzzug, gewidmet, während der >Ligurinus< zugleich dem Kaiser und seinen fünf Söhnen zugeeignet war, denen der Verfasser im Prolog zu seinem Epos ein großartiges Herrscherlob dargebracht hat. Seine Hauptquelle waren die >Gesta Frederici« von Otto von Freising und Rahewin; er hat aber auch das >Carmen de gestis Frederici« benutzt; wahrscheinlich waren ihm diese Texte am Kaiserhof oder durch Vermittlung des Hofs zugänglich gemacht worden.
      Es ist nicht sicher, ob es auch ein Epos in deutscher Sprache über die Taten Kaiser Friedrichs I. gegeben hat. Rudolf von Ems hat im >Wilhelm von Orlens« einen sonst unbekannten Dichter namens Absolon erwähnt , der von den Taten und dem Tod Kaiser Friedrichs erzählt haben soll. Rudolf von Ems war in seinen literarhistorischen Angaben sehr zuverlässig; daher wird man auch die Information über Absolon nicht ohne Grund verwerfen. Das deutsche Kaiser-Friedrich-Epos gehörte jedoch eher dem frühen 13. als dem 12. Jahrhundert an.
      Wenn man der Aussage Gottfrieds von Viterbo Glauben schenken darf, hat Friedrich I. eine umfangreiche Bibliothek besessen, die in der Kaiserpfalz Hagenau untergebracht war. In einem Lobgedicht Gottfrieds von Viterbo auf diese Pfalz hieß es: »Die Bücherschränke des Kaisers sind voll der besten [römischen] Autoren und der besten christlichen Schriftsteller. Wenn du Geschichtswerke verlangst, bietetder Hof einen ganzen Markt. Rechtstexte und -wissenschaftliche Schriften sind da und alle Dichter. Der große Aristoteles, Hy-pocrates, die Heilkunde Galens erteilen dort passende Ratschläge und sagen, wovor man sich hüten soll. « Falls diese Angaben den Tatsachen entsprachen, gehörte die Büchersammlung in Hagenau zu den bedeutendsten Hofbibliotheken, die es im hohen Mittelalter gegeben hat. Der Kaiser selber kann allerdings, da er nicht lateinisch gebildet war, keinen direkten Gebrauch davon gemacht haben.
      Auch die von Friedrich I. in Auftrag gegebenen Werke der Goldschmiedekunst zeigten die Tendenz zur Verherrlichung des Kaisertums und der Person des Herrschers. Dazu gehörte der riesige Radleuchter im Aachener Münster, den die Widmungsinschrift als ein Geschenk des Kaisers und seiner Gemahlin Beatrix ausweist; ferner das kostbare Armreliquiar Karls des Großen , an dessen Längswänden Friedrich I. selber mit seiner Gemahlin Beatrix, seinem Vater, Friedrich

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von Schwaben, und seinem Onkel, König Konrad I

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, dargestellt ist; außerdem der berühmte Cappenberger Barbarossakopf , eine silberne Bildnisbüste, die der Kaiser seinem Taufpaten, Graf Otto von Cappenberg, zum Geschenk gemacht hat. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Verbindung zwischen dem Kaiserhof und den Goldschmieden des Maas- und Rheinlandes von Wibald von Stablo hergestellt worden ist. Einem Brief Wibalds an den kaiserlichen Notar Heinrich von Wiesenbach ist zu entnehmen, daß Wibald nach der Königskrönung Friedrichs I. in Aachen am 9. März 1152 beauftragt worden ist, die Prägestempel für die neuen Königssiegel zu beschaffen. Bereits vierzehn Tage später konnte er »das eiserne Prägegerät für die Goldbullen« zusammen mit einem Zinnsiegel und zwei fertigen Goldbullen an den Hof schicken. Ein Stilvergleich hat ergeben, daß die Goldbullen von demselben Meister angefertigt worden sind, der auch das Armreliquiar Karls des Großen geschaffen hat und der - sein Name ist nicht bekannt - zu den größten Künstlern seiner Zeit gezählt werden muß. Im Zusammenhang mit den künstlerischen Unternehmungendes Kaiserhofs sind auch die großartigen Burg- und Pfalzanlagen zu sehen, die Kaiser Friedrich I. errichten ließ . Die hohe Qualität der Schmuckformen, die die in Gelnhausen und anderswo erhaltenen Stücke auszeichnet, und ihr Zusammenhang mit dem kirchlichen Bauschmuck lassen erkennen, daß der Kaiser auch für seine architektonischen Projekte die besten Künstler herangezogen hat.
      Unklar ist, welche Rolle der Kaiserhof für die Ausbildung der höfischen Literatur in deutscher Sprache gespielt hat, die sich in den vier Jahrzehnten der Regierungszeit Friedrichs I. von den ersten Anfängen bis zur vollen Blüte entwickelt hat. Die Staufer haben bei der Rezeption der französischen Gesellschaftskultur eine wichtige Rolle gespielt; und es ist anzunehmen, daß die Ehe des Kaisers mit Beatrix von Bur-gund den literarischen Austausch gefördert hat. Wir wissen, daß Beatrix noch nach ihrer Krönung zur Kaiserin als Gönnerin französischer Dichter hervorgetreten ist . Diesen günstigen Umständen zum Trotz läßt sich auffallend wenig von der modernen höfischen Literatur mit dem Kaiserhof in Verbindung bringen. Vielfach wird damit gerechnet, daß der Hof Friedrichs I. ein Sammelpunkt der Minnesänger war. Dafür kann man geltend machen, daß Friedrich von Hausen, der als einer der ersten im romanischen Stil gedichtet hat, seit 1186/87 zu den engsten Vertrauten und Ratgebern des Kaisers gehörte. Er hat den Kaiser 1189 auf den Kreuzzug begleitet und ist unterwegs gestorben, nur wenige Wochen vor dem Tod Friedrichs I. Die Kreuzzugsthematik nimmt in Hausens Lyrik breiten Raum ein; das bedeutet wohl, daß diese Lieder erst in den letzten Jahren seines Lebens entstanden sind. Der Ruf nach einem neuen Kreuzzug ist zwar nach dem gescheiterten Unternehmen von 1147 bis 1149 nicht mehr verstummt; aber erst die Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1187 hat die Kreuzzugsbewegung im Westen neu entflammt. Hausens Lieder hatten einen großen Einfluß auf die Lyrik einer ganzen Gruppe von Dichtern, die man als Hausen-Schule bezeichnet. Dazu gehörten Ulrich von Gutenburg, Heinrich von Rugge, Bligger von Steinach und Bernger von Horheim, die alle in der einen oder anderen Weise mit Mitgliedern des staufischen Herrscherhauses in Verbindung standen. Es ist möglich, daß der Hof Friedrichs I. der gesellschaftliche Bezugspunkt des ganzen Dichterkreises war. Die urkundlichen Zeugnisse weisen jedoch fast alle nach Italien. An den norditalienischen Höfen blühtedamals die provenzalische Lyrik, und dort konnten die deutschen Dichter ihre provenzalischen Vorbilder kennenlernen.
      Noch mehr Gewicht besitzt die Tatsache, daß kein höfisches Epos mit dem staufischen Hof in unmittelbaren Zusammenhang gebracht werden kann. Nur einmal ist der Name Kaiser Friedrichs I. zu seinen Lebzeiten von einem deutschen Epiker genannt worden, von Heinrich von Veldeke, der im letzten Teil der >Eneit< das Mainzer Hoffest von 1184 erwähnt und im Anschluß daran den Ruhm des Kaisers gefeiert hat . Man nimmt an, daß Veldeke 1184 in Mainz war; in welcher Funktion und in wessen Gefolge, ist unbekannt. Der Landgraf von Thüringen, Ludwig I

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, war mit zahlreicher Ritterschaft nach Mainz gekommen. Wahrscheinlich arbeitete Veldeke 1184 bereits im Auftrag der Thüringer Fürsten an der Vollendung seines Werks. Ein literarisches Verhältnis zum Kaiserhof ist bei dieser Sachlage unwahrscheinlich.
      Unter Kaiser Heinrich

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hat sich der Stil der lateinischen Hofliteratur kaum verändert. Gottfried von Viter-bo und Petrus de Ebulo haben ihm ihre Werke gewidmet. Von dem >Buch zu Ehren des Kaisers< des süditalienischen Geistlichen Petrus de Ebulo, das in der Hauptsache die Kämpfe Heinrichs

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um das sizilianische Erbe seiner Gemahlin Konstanze verherrlichte, ist eine reich bebilderte Handschrift erhalten, wahrscheinlich das Widmungsexemplar . Die Dichtung ist in 51 Abschnitte eingeteilt, und jeder Abschnitt ist mit einem ganzseitigen kolorierten Bild geschmückt. Die künstlerische Qualität der Bilder ist nicht überragend; sie geben jedoch einen sehr interessanten Einblick in viele Einzelheiten des Hoflebens. Auch in diesem Fall hat die Hofkapelle mehr als der Kaiser selbst die literarische Produktion bestimmt. Der Auftrag zur Abfassung des Werkes ist von Konrad von Querfurt , dem Reichskanzler Heinrichs

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, ausgegangen. Das Widmungsbild der Berner Handschrift zeigt den geistlichen Dichter, auf den Stufen des Kaiserthrons kniend, von Konrad von Querfurt dem Herrscher zugeführt, bei der Ãobergabe seines Werks.
      Petrus de Ebulo berichtete, daß Heinrich

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seinen Palas mit einem großen Zyklus gemalter Wandbilder schmücken ließ. In fünf Räumen waren Szenen aus dem Alten Testament dargestellt, von der Schöpfung bis zur Geschichte Davids. Der sechste Raum 'war einem zeitgeschichtlichen Thema vorbehalten:dem Kreuzzug und Tod Kaiser Friedrichs I. »Im sechsten Gemach ist Friedrich in frommem Gewand dargestellt, die greise Gestalt umgeben von den kaiserlichen Nachkommen. Hier war Friedrich gemalt, wie er, inmitten von Tausenden, frohgemut und zuversichtlich aufbrach, voll Verlangen, für Christus zu kämpfen. Hier war ein uralter Hain gemalt, in dem zahlreiche Eichen standen, ein Wald, durch den nur mit dem Schwert ein Weg zu bahnen war. Gegen den ganzen Wald wütet das Eisen, legt ihn völlig in Asche und schafft einen Weg, wo vorher kein Durchkommen war. Hier waren deine erheuchelten Gelöbnisse gemalt, treuloser Ungar, und wie Friedrich dir zum Trotz die Reise fortsetzt.« Mehrere Bilder waren der Belagerung und Eroberung von Konstantinopel gewidmet. »Nachdem sie sich aber an den Schätzen und dem Gold Ikonions gesättigt haben, ziehen sie weiter; sie wollen keine Ruhe. O Jammer, bei Tarsus schlagen sie an einem Fluß die Zelte auf, und dort teilt Friedrich schwimmend die brausenden Wogen. Er gerät in gefährliche Wasser, wird fortgerissen von den Wellen und verliert sein Leben. Jetzt dient er vor Gott und lebt in Ewigkeit, Friedrich, der niemals eine Lanze gesenkt hat, ohne daß ihre Spitze traf.« In der Berner Handschrift gibt es dazu eine Bildseite, auf der die Gemälde im Kaisersaal nach der Beschreibung des Textes abgebildet sind . Oben, nach Zimmern geordnet: »Erstes Zimmer: Gott erschafft alles. Zweites Zimmer: Arche No-ah. Drittes Zimmer: Abraham. Viertes Zimmer: Moses, Das Rote Meer. Fünftes Zimmer: König David.« Die mittlere und die untere Bildleiste stellen die Gemälde des sechsten Zimmers dar. In der Mitte thront Kaiser Friedrich und segnet seine beiden Söhne Heinrich und Philipp. Die Inschrift dazu lautet: »Sechstes Reichszimmer: Kaiser Friedrich. Heinrich. Philipp.«

Das untere Bild zeigt den Kaiser auf dem Weg ins heilige Land. »Kaiser Friedrich gibt den Befehl, den ungarischen Wald zu fällen.« Man sieht den Kaiser an der Spitze des Heeres; davor zwei Soldaten, die Bäume schlagen.
      Anders als sein Vater Friedrich I. war Heinrich

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ein gebildeter Mann, »ausgezeichnet durch die Gaben einer wissenschaftlichen Erziehung und bekränzt von den Blumen der Beredsamkeit und gelehrt in kirchlichem Recht wie in den Gesetzen kaiserlicher Hoheit«12. In der Widmungsvorrede seines >Königsspiegels< hat Gottfried von Viterbo der Bildung seines königlichen Zöglings das höchste Lob gezollt: »Die wissenschaftliche Erziehung, in der ich deine Hoheit, Heinrich, glücklichster aller Könige, gebildet sehe, verleiht mir bei meiner

Arbeit über die Geschlechterfolgen der Kaiser große Zuversicht. Ich freue mich, einen philosophierenden König zu haben, dessen Majestät sich seine Kenntnisse in Staatsangelegenheiten nicht von anderen zu erbetteln braucht.« Es ist bezeugt, daß Heinrich

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mit dem großen Propheten seiner Zeit, dem Abt Joachim von Fiore in Verbindung stand und ihn mit einer Auslegung der Prophezeihungen Merlins und der sibylli-nischen Schriften beauftragte: »Deine Hoheit befiehlt, den britischen Propheten Merlin und die Babylonische Sibylle zu interpretieren.« Die Prophezeihungen des alten keltischen Sängers Merlin, die in enger Beziehung zum Stoffkreis um König Artus standen, waren im 12. Jahrhundert durch Geoffrey von Monmouth bekannt geworden.
      Für die deutsche Literaturgeschichte ist vor allem wichtig, daß Heinrich

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selber als Dichter hervorgetreten ist. Die Lieder, die in der Weingartner Liederhandschrift und in der Großen Heidelberger Liederhandschrift unter dem Namen »Keiser Heinrich« stehen, sind nach heute herrschender Ansicht von ihm verfaßt. Dafür gibt es zwar keinen eigentlichen Beweis; aber die Zweifel, die früher an seiner Autorschaft erhoben wurden, besaßen ebensowenig durchschlagende Kraft. Wenn Heinrich

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der Verfasser war, kann man sich die Lieder am besten in den Jahren nach 1186 entstanden denken. Nach seiner Hochzeit mit Konstanze von Sizilien und seiner Krönung zum König von Italien hat sich der junge Heinrich - er war damals 21 Jahre alt - längere Zeit in Italien aufgehalten, und in seiner Umgebung befanden sich die Minnesänger Friedrich von Hausen und Ulrich von Gutenburg, die beide 1186 in italienischen Urkunden bezeugt sind. Heinrich

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hatte in dieser Zeit lebhaften Kontakt mit den norditalienischen Fürsten und Herren, an deren Höfen damals der provenzalische Minnesang eine Heimstätte gefunden hatte.
      Aus der Zeit seiner Kaiserherrschaft gibt es keine deutschsprachigen Gönnerzeugnisse. Unklar ist, welche Rolle der Hof Heinrichs

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bei der Abfassung des ersten deutschen Lancelot-epos von Ulrich von Zatzikhoven gespielt hat. Die französische Vorlage dafür stammte aus dem Besitz eines englischen Hochadligen, der 1194 als eine der Geiseln für Richard Löwenherz nach Deutschland gekommen war. »Die befahl Kaiser Heinrich zu sich nach Deutschland, denn er wollte es so. Hugo von Morville hieß eine dieser Geiseln, in dessen Besitz sich das französische Buch von Lancelot befand, als wir es kennenlernten.« Offensichtlich hatte der normannische Herr sich französische Lektüre mitgebracht, um sich die Zeit der Geiselhaft in Deutschland zu verkürzen. Es ist recht wahrscheinlich, daß Ulrich von Zatzikhoven seine Vorlage am Hof des Kaisers erhielt. Ob jedoch der Kaiser oder sein Hof an der Verdeutschung der französischen Dichtung interessiert waren, ist unbekannt. Einen Gönner oder Auftraggeber hat Ulrich von Zatzikhoven nicht genannt.
      Aus der Zeit des Bürgerkriegs zwischen Staufern und Weifen nach der Doppelwahl von 1198 ist von literarischen Aktivitäten des Kaiserhofs nicht viel bekannt. Der Staufer Philipp von Schwaben , der jüngere Bruder Heinrichs

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, war geistlich erzogen worden und hatte bereits hohe kirchliche Würdenstellungen bekleidet, bevor er, auf Wunsch seines Bruders, in den weltlichen Stand zurückgetreten war. Der Weife Otto

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scheint dagegen ungebildet gewesen zu sein. Beide sind von Walther von der Vogelweide besungen worden. Daß Walther 1198 am Hof Philipps von Schwaben war, ist durch ihn selbst bezeugt: »Ich habe einen guten Platz am Feuer gefunden: das Reich und der König haben mich bei sich aufgenommen.« Dort wird er die drei Strophen im Reichston und den Spruch auf die alte Krone und den jungen König gedichtet haben. Wie lange Walther im Dienst des Stauferkönigs gestanden hat, ist nicht sicher. Der Spruch 19,5 auf die feierliche Prozession des Königspaares in Magdeburg am Weihnachtstag des Jahres 1199 scheint bereits eher die politischen Interessen des Landgrafen Hermann von Thüringen als die des Königshofs zu spiegeln. -Noch geringer sind die Anhaltspunkte für eine Verbindung zum Hof Ottos

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Die feierliche Begrüßung des Kaisers beiseiner Rückkehr aus Italien: »Herr Kaiser, seid willkommen!«17, ist vielleicht auf dem Frankfurter Hoftag im Frühling 1212 von Walther vorgetragen worden; Anspielungen auf die politische Situation in dieser Strophe lassen jedoch vermuten, daß Walther von der Vogelweide zu dieser Zeit im Dienst des Markgrafen Dietrich von Meißen stand.
      Auch Kaiser Friedrich

II.

ist von deutschen Spruchdichtern besungen worden, von Walther von der Vogelweide, von Reinmar von Zweter, vielleicht auch von Bruder Wernher. Unter Friedrich IL ist der Kaiserhof ein Zentrum der Wissenschaften und Künste gewesen, und der Kaiser selber hat, als Verfasser des lateinischen Jagdbuchs >Ãober die Kunst, mit Vögeln zu jagen< und als Dichter volkssprachlicher italienischer Lieder, einen bestimmenden Einfluß auf den Literatur- und Kunstbetrieb seines Hofes ausgeübt. Das gehört jedoch nicht in den Rahmen einer deutschen Literaturgeschichte; denn das Zentrum seiner Herrschaft lag in Italien, und nach seiner Kaiserkrönung 1220 hat Friedrich IL Deutschland nur noch selten besucht. Dagegen haben seine Söhne Heinrich und Konrad

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, die seit 1220 beziehungsweise seit 1237 im Namen ihres Vaters in Deutschland die Regierung führten, die höfische Dichtung gefördert. Zwischen 1230 und 1250 war ihr Hof der Mittelpunkt eines ganzen Kreises von lyrischen und epischen Dichtern. Rudolf von Ems und Ulrich von Türheim haben dort den Auftrag zur Abfassung verschiedener Epen erhalten, und die Minnesänger Gottfried von Neifen, Burkhart von Hohenfels, Ulrich von Winterstet-ten, Hiltbold von Schwangau, vielleicht auch der Schenke von Limburg, gehörten wahrscheinlich zur adligen Gesellschaft am staufischen Hof. Der persönliche Anteil der beiden Könige an dieser Literatur bleibt jedoch weitgehend unklar. Heinrich war erst neun Jahre alt, als er 1220 formell die Regierung übernahm, und genauso alt war sein Halbbruder Konrad

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V.

im Jahr 1237. Wir kennen den Kreis der Ratgeber, die die Richtung der Politik bestimmten und die faktisch die Regierungsgewalt ausgeübt haben. Sie waren es auch, von denen die literarischen Bestrebungen des Hofs getragen wurden, allen voran der Reichsschenke Konrad von Winterstetten, der sowohl von Rudolf von Ems als auch von Ulrich von Türheim als Auftraggeber genannt wurde. Später, wahrscheinlich nach dem Tod
Friedrichs IL, ist Konrad

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auch selbständig als Gönner hervorgetreten. In seinem Auftrag hat Rudolf von Ems seine Weltchronik verfaßt. »Das ist der König Konrad, der Sohn des Kaisers, der mir befohlen und mich gnädig beauftragt hat, für ihn dieses Werk zu dichten.«' Konrad

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V.

ist jedoch schon vier Jahre nach seinem Vater gestorben, und Rudolfs Weltchronik blieb Fragment.
      Die Könige aus der Zeit des Interregnums haben für die deutsche Literaturgeschichte keine Rolle gespielt. Auch Rudolf von Habsburg war allem Anschein nach kein Freund der Dichter. Die Spruchdichter haben seine Knausrigkeit verspottet, und von epischer Dichtung an seinem Hof ist nichts bekannt. Erst im 14. Jahrhundert, unter Ludwig dem Bayern und Karl

I

V.

, ist der Kaiserhof wieder zu einem bedeutenden Zentrum der Literatur geworden.
     

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Die  Literatur  Kaiserhofs  Konrad  III.  bis  Friedrich  II.    





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