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Der literaturbetrieb der höfischen zeit

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Die Einrichtung eigener Kanzleien



Der entscheidende Schritt zur Schriftlichkeit wurde vollzogen durch die Einrichtung eigener Kanzleien an den weltlichen Fürstenhöfen. Heinrich der Löwe war der erste Laienfürst, der an seinem Hof in Braunschweig Urkunden ausstellen ließ. Bis dahin hatten die Fürsten ohne eigene Urkundenschreiber regiert. Die meisten Hoheitsakte bedurften keiner schriftlichen Bestätigungen. Gerichtsurteile wurden grundsätzlich mündlich ausgesprochen; auch Belehnungen wurden in Deutschland herkömmlicherweise durch rechtlich bindende Gebärden vollzogen und sind selten urkundlich beglaubigt worden, anders als in Italien, wo die Ausfertigung von Belehnungsbriefen üblich war. Bevor die Verschriftlichung der Verwaltung einsetzte, wurden Urkunden hauptsächlich geschrieben, um Privilegien und Schenkungen festzuhalten. Daran waren naturgemäß vor allem die davon Begünstigten interessiert, in erster Linie Klöster und Kirchen. Die ältesten Fürstenurkunden sind daher alle von den Empfängern oder von Dritten geschrieben worden.


      Daß es dennoch seit der Mitte des 12. Jahrhunderts zur Ausbildung eigener weltlicher Kanzleien kam, hängt sicherlich damit zusammen, daß die modernen Formen der Landesherr-schaft überall eine neue Organisation der Verwaltung notwendig machten, die sich in zunehmendem Maß der Schriftlichkeit bediente. Zu derselben Zeit, als die Kanzleien weltlicher Fürsten entstanden, hat auch der Schriftverkehr der Reichskanzlei stark zugenommen. Während in der Regierungszeit König Konrads I

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weniger als 300 Urkunden von der Reichskanzlei ausgestellt wurden, beträgt die Zahl für seinen Nachfolger Friedrich I. bereits etwa 1400. Auch wenn man die längere Regierungszeit Friedrichs I. berücksichtigt, bedeutet das eine Vermehrung um das Doppelte. Unter Friedrich IL zählt man schon über 5000 Schriftstücke aus seiner Kanzlei. Im Vergleich zu diesen Zahlen nehmen sich die Anfänge der fürstlichen Kanzleien sehr bescheiden aus. Erst im 14. Jahrhundert wurden auch dort vierstellige Zahlen erreicht.
      Als die weltlichen Fürsten anfingen, selber Urkunden auszustellen, nahmen ihre Notare sich königliche Urkunden zum Vorbild. Das läßt sich am Protokoll ablesen, am Aufbau des Textes und auch an der äußeren Ausstattung. Ein gutes Beispiel dafür ist die Urkunde, die der Weifenherzog Heinrich der Schwarze von Bayern im Jahr 1125 zugunsten des Chorherrenstifts Ranshofen ausstellen ließ. Die Urkunde besitzt ein repräsentatives Format von 44 X 30 cm und ist in einer diplomatischen Minuskel geschrieben, wie sie ähnlich in der Reichskanzlei benutzt wurde. Auch die Schmuckformen sind den Kaiserurkunden nachgebildet: ein »Chrismon« vor dem Text, littera elongata in der ersten Zeile, und am Schluß sogar ein Monogramm des Herzogs. Ausgefertigt wurde die Urkunde »durch die Hand des Notars Wernhard«57. Daß dieser Wernhard ein Notar des Herzogs war und daß Heinrich der Schwarze bereits eine eigene Kanzlei hatte, ist unwahrscheinlich. Vielleicht hat der Herzog die Hilfe eines benachbarten geistlichen Fürsten dafür in Anspruch genommen. Die ältesten Urkunden, die in den weltlichen Kanzleien geschrieben wurden, waren durch ihre unscheinbare Form und ihre bescheidene Aussstattung gekennzeichnet. Es waren häufig kleine, unregelmäßig beschnittene Pergamentstücke, in einfacher Buchschrift, manchmal von unbeholfener Hand, bis an die Ränderbeschrieben, in vielen Fällen ohne die in großen Urkunden üblichen Formeln und Hervorhebungen. In manchen Fällen hatten die ältesten Fürstenurkunden die einfache Form von undatierten Traditionsnotizen, in denen der Aussteller nicht in der ersten Person sprach, sondern in schlichter Erzählung von der Verfügung berichtete, die getroffen worden war. Die erste Urkunde, die Heinrich der Löwe 1144 in eigenem Namen ausstellen ließ, war als ein Brief des Herzogs an den Erzbischof von Mainz abgefaßt, mit der Bitte um eine Bestätigung der herzoglichen Verfügung zugunsten des Klosters Bursfelde. Der Mainzer Bestätigungsvermerk steht am unteren Rand des Pergamentblatts, auf dem die Siegel des Herzogs und des Erzbischofs eingedrückt sind. Protokollarische Unsicherheiten und Schmucklosigkeit der äußeren Form blieben noch lange ein Kennzeichen vieler fürstlicher Urkunden. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts bahnte sich ein Wandel an: das Format der Urkunden 'wurde normiert, und die Beschriftung wurde festen Regeln unterworfen. Dieser langwierige Prozeß belegt, wie schwer es war, eine geregelte Schriftlichkeit in der Laiengesellschaft durchzusetzen.
      Die Fürstenkanzleien des 12. und 13. Jahrhunderts darf man sich nicht als gut organisierte Behörden vorstellen. In den meisten Fällen gab es dort nur einen einzigen Notar , der nicht selten auch als Schreiber tätig war oder ein bis zwei Schreiber beschäftigte. Erst das Auftreten eines Protonotars deutet darauf, daß regelmäßig mehrere Personen in der Kanzlei arbeiteten und daß erste Ansätze zu einer festen Organisation getroffen wurden. Es ist aber sehr bezeichnend, daß noch im 13. Jahrhundert die Titel notarius und protonotarius vielfach wechselten.
      Die Notare waren in der Regel Geistliche. Der erste Laie ist 1296 in der niederbayerischen Kanzlei bezeugt. Bei der Auswahl und Bestellung ihrer Notare konnten die Fürsten vielfach auf ihre Hofkapläne zurückgreifen. Ebenso wie die Kanzler am Kaiserhof, in deren Händen die Leitung der Reichskanzlei lag, überwachten auch die Notare an den Fürstenhöfen nicht nur den gesamten Schriftverkehr, sondern wurden auch zu anderen vertrauensvollen Diensten herangezogen, vor allem zu diplomatischen Missionen. Dafür wurden sie dann mit hohen kirchlichen Ã"mtern belohnt. Hartwig von Utlede , der Notar Heinrichs des Löwen, wurde Erzbischof von Bremen; sein Notar Gerold wurde Bischof von Osnabrück; sein Notar

Heinrich wurde Propst des Stiftes St. Stephan und Willehad in Bremen.
      Die sächsische Kanzlei Heinrichs des Löwen in Braunschweig ist seit 1144 nachweisbar. Sechs Notare sind namentlich bekannt; vier davon waren zugleich als Hofkapläne tätig, und diese stammten alle, bis auf einen, aus dem Blasiusstift. Zeitweilig haben mehrere Notare gleichzeitig in der Kanzlei gearbeitet; der Notar Heinrich trug im Jahr 1168 den Titel protonotarius. Die Notare haben die Urkunden geprüft und beglaubigt; die am Hof ausgestellten Stücke wurden von ihnen diktiert und zum Teil auch selbst geschrieben. Etwa die Hälfte der Urkunden Heinrichs des Löwen ist in seiner Kanzlei geschrieben worden; die übrigen waren Empfängerausstellungen. Gelegentlich wurden großformatige Privilegien mit graphischen Zierformen und feierlicher Diktion hergestellt; daneben schmucklose Bestätigungsurkunden in einfacher Buchschrift auf kleinem Pergament. Heinrich der Löwe hat auch nach seiner Absetzung und nach seiner Rückkehr aus dem Exil noch Notare beschäftigt. Aber seine Kanzlei hatte keinen Bestand. Erst nach der Erhebung Braunschweig-Lüneburgs zum Reichsfürstentum im Jahr 1235 begann dort eine neue Entwicklung.
      Für Thüringen fehlt eine gründliche Untersuchung der ältesten Kanzleigeschichte. Die Briefsammlungen des Klosters Reinhardsbrunn lassen erkennen, daß die Landgrafen bis nach der Mitte des 12. Jahrhunderts die Schreibstube ihres Hausklosters in Anspruch nahmen. Die Kanzleigeschichte des landgräflichen Hofs begann 1168 mit einer Urkunde Ludwigs IL , die von seinem Notar Gumbert ausgefertigt wurde. Gumbert war zugleich Hofkaplan und magister und blieb bis 1189 als Notar tätig. 1186 arbeiteten bereits zwei Notare in der Thüringer Kanzlei. Der Notar Eckehard war Propst von Goslar und leitete die Kanzlei wahrscheinlich bis 1211. Sein Nachfolger war Heinrich von Weißensee, der die Geschäfte der Kanzlei mehrere Jahrzehnte lang, bis 1244, geführt hat. Er kommt in zahlreichen Urkunden als notarius oder scriptor vor. Aus den Anfängen der wissenschaftlichen Germanistik stammt die Vermutung, daß er identisch sei mit dem Tugendhaften Schreiber, einem Minnesänger, von dem die Große Heidelberger Liederhandschrift zwölf Lieder überliefert. Das bleibt jedoch ganz unsicher. Unter Heinrich Raspe, der 1246 zum deutschen König gewählt wurde, ist das Personal der Thüringer Kanzlei ver-mehrt worden. Fünf Notare sind aus dieser Zeit namentlich bekannt.
      In Ã-sterreich hat es bereits seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts einen lebhaften Urkunden- und Siegelbetrieb gegeben, ohne daß sich die Existenz einer markgräflichen Kanzlei nachweisen ließe. Die erste von einem Babenberger besiegelte Urkunde stammt vom Jahr 1115. Markgraf Leopold I

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hat sie für das Kloster St. Florian ausgestellt. Enge Beziehungen bestanden zur Passauer Kirche und zu der dortigen Kanzlei. Später waren mehrere österreichische Notare gleichzeitig Domkanoniker in Passau, und einmal ist sogar belegt, daß ein Passauer Notar in den Dienst der Babenberger übergetreten ist. Daneben hatten die Klöster einen großen Einfluß auf das Urkundenwesen in Ã-sterreich. Ohne Parallele in anderen Territorien war das Urkundenarchiv im Stift Klosterneuburg. Hier wurden im 12. Jahrhundert die wichtigsten Urkunden der Babenberger - die großen Privilegien von 1058 und 1156, Kaiserdiplome, Verträge, Stiftungen und Schenkungen - gesammelt und chronologisch registriert. Nach dem Tod Herzog Friedrichs

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im Jahr 1246 haben die Klosterneuburger Urkunden große politische Bedeutung bekommen. Die Herzogin Margarete , die Schwester Friedrichs IL, hat der Sammlung einige wichtige Stücke entnommen und hat anläßlich ihrer Eheschließung mit König Ottokar IL von Böhmen im Jahr 1252 in einer öffentlichen Zeremonie und im Beisein des gesamten Adels aus Ã-sterreich und der Steiermark »die Privilegien des Landes ihrem Mann übergeben«58. Neben Klosterneuburg hatte auch das Schottenkloster in Wien Einfluß auf die Urkundenpraxis des Hofs im 12. Jahrhundert. Das zeigt sich in den dort ausgestellten Urkunden Herzog Heinrichs IL , in denen antikisierende und byzantinische Namen vorkommen, die offensichtlich zur Verherrlichung des Fürstenhauses dienten und speziell als preisende Anspielung auf die byzantinische Herkunft der Herzogin Theodora Komnena gemeint waren. Zur Einrichtung einer eigenen Kanzlei scheint es erst unter Leopold

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gekommen zu sein. Seit etwa 1180 vereinheitlichte sich die Form der herzoglichen Urkunden so weit, daß man eine zentrale Kontrolle vermuten kann. Der erste herzogliche Notar ist jedoch erst im Jahr 1193 bezeugt; in einer Urkun-de Leopolds

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für das Kloster Seitenstetten führte er sich mit den Worten ein: »Ich Ulrich habe das Siegel angebracht«59. Ulrich behielt die Leitung der Kanzlei auch unter den Herzögen Friedrich I. und Leopold

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, bis er 1215 Bischof von Passau wurde. Bereits seit 1203 waren mehrere Notare in der Kanzlei beschäftigt, wahrscheinlich auch Heinrich, der nach Ulrichs Ausscheiden die Leitung der Kanzlei übernahm und ihr bis 1227 vorstand. Er war auch als Leibarzt des Herzogs tätig und war, wie alle Babenberger Protonotare, ein einflußreicher und begüterter Mann. Die größte Karriere hat Ulrich von Kirchberg gemacht, der 1241 als Protonotar bezeugt ist. Er wurde 1244 Bischof von Seckau und 1256 Erzbischof von Salzburg.
      In Bayern wurde die Ausbildung einer eigenen Kanzlei durch den mehrfachen Herrschaftswechsel im 12. Jahrhundert verzögert. Die älteren Weifenherzöge haben offenbar auf eigene Urkundenausstellungen weitgehend verzichtet; die schon erwähnte Urkunde Herzog Heinrichs des Schwarzen vom Jahr 1125 steht ganz alleine. Dagegen haben die Babenberger, die von 1139 bis 1156 Herzöge von Bayern waren, öfter in dieser Funktion geurkundet. Besonders interessant ist eine Urkunde Leopolds

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für das Kloster Prüfening vom Jahr 1140. Die Urkunde wurde in der Kanzlei König Konrads I

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geschrieben und in Regensburg ausgefertigt mit dem Vermerk: »Gegeben in Regensburg durch die Hand des Kanonikers Rupert, des Kaplans Herzog Leopolds«60. Ob das der erste Schritt zu einer bayerischen Kanzlei der Babenberger war, ist unklar. Der Kanoniker Rupert scheint später an der Urkundenherstellung der Bischöfe von Regensburg beteiligt gewesen zu sein. Heinrich der Löwe, der das Herzogtum Bayern von 1156 bis 1180 regierte, hat in Regensburg mit seinen Braunschweiger Notaren geurkundet und hat auf die Einrichtung einer eigenen Kanzlei für Bayern verzichtet. So erklärt es sich, daß die Witteisbacher, die 1180 Herzöge von Bayern wurden, ganz von vorne anfangen mußten. Die Einrichtung einer bayerischen Kanzlei fiel in die Regierungszeit Herzog Ludwigs I. . Die ersten sicheren Belege für eine eigene Urkundenherstellung stammen aus den Jahren 1209 und 1

  

  
. Der Notar Ulrich, aus der Witteisbacher Ministerialenfamilie der Losenaphe, war Propst von Illmünster und erscheint 1228 als herzoglicher Protonotar, neben seinem Bruder Konrad, der der pfälzischen Kanzlei als Protonotar vorstand. Die Witteisbacher besaßen seit 1214 auch die Pfalzgrafschaft bei Rhein und haben dort eine eigene Kanzlei aufgebaut. Unter Herzog Otto IL nahm der Kanzleibetrieb allmählich festere Formen an. Während die Ludowinger in Thüringen und die Babenberger in Ã-sterreich um die Mitte des 13. Jahrhunderts ausstarben, zeigt die Urkundenüberlieferung aus Bayern, wie eine fürstliche Kanzlei im Verlauf des 13. Jahrhunderts ausgebaut wurde. Nach der Teilung Bayerns im Jahr 1255 gab es dort zwei Kanzleien. Unter Ludwig IL von Oberbayern arbeiteten bereits vier Notare unter der Leitung eines Protonotars. Die Urkunden wurden jetzt in ihrer äußeren Erscheinungsform wie auch im Stil und im Aufbau immer einheitlicher. Die alten Zierformen verschwanden, die Arenga verkümmerte, als neue Eingangsformel setzte sich das dem Ausstellernamen vorangestellte Nos durch. Kanzlei- und Archivvermerke auf der Rückseite der Urkunden waren der Ansatz zu einer geregelten Registratur. In Niederbayern lief die Entwicklung unter Herzog Heinrich XI

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zunächst langsamer an. Erst als der Protonotar Heinrich im Jahr 1270 seine Tätigkeit begann, hat auch dort der Kanzleibetrieb einen raschen Aufschwung genommen.
      Die Jahreszahlen aus der Frühgeschichte der fürstlichen Kanzleien sind auch für die Literaturgeschichte von großer Bedeutung. Den Daten ist zu entnehmen, ab wann mit einem geregelten Schriftbetrieb an den einzelnen Höfen zu rechnen ist. Die Chronologie der literarischen Texte läßt sich gut damit vereinbaren. Als erster Auftraggeber von volkssprachigen Literaturwerken ist Heinrich der Löwe hervorgetreten. Nach 1170 begann der Literaturbetrieb in Thüringen, wenig später in Ã-sterreich. Die späte Entwicklung einer eigenen Schriftlichkeit am bayerischen Hof hat sich auch literarhistorisch ausgewirkt. Man müßte noch die Anfänge des Kanzleiwesens der Wettiner in Meißen, der Andechs-Meranier in Bayern, der Zähringer im Südwesten verfolgen, um das chronologisch-geographische Gerüst für die höfische Literatur um 1200 zu vervollständigen.
      Die Ausstellung von Urkunden bildete nur einen Teil des Aufgabenbereichs der neu eingerichteten Kanzleien, und wohl nicht den wichtigsten. Das System der Empfängerausfertigun-gen und der Ausstellungen durch Dritte hatte sich gut bewährt und blieb auch nach der Einrichtung eigener Kanzleien noch in Ãobung. Die neuen Formen der Verwaltung des Landes waren es in erster Linie, die nach Schriftlichkeit verlangten. Ãoberall erwies es sich als notwendig, genaue Verzeichnisse der Besitzungen und Einkünfte anzulegen, auf Grund derer eine geregelte Güter- und Finanzverwaltung aufgebaut wurde. Die umfangreichsten Schriftstücke, die aus den fürstlichen Kanzleien hervorgegangen sind, waren Urbare, Lehnsbücher, Amts- und Geschäftsbücher, später auch Rechnungsbücher und Steuerverzeichnisse. Das erste landesfürstliche Urbar scheint in Ã-sterreich bereits unter Herzog Leopold

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angefertigt worden zu sein. Die erhaltenen österreichischen Urbare stammen allerdings erst aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts. Um dieselbe Zeit, wahrscheinlich zwischen 1231 und 1237, wurde das erste Urbar in Bayern geschrieben, und zwar in deutscher Sprache. Im Zusammenhang mit der Teilung des Landes wurde im Jahr 1255 ein weiteres Güterverzeichnis angelegt. Es folgte um 1280 das große Oberbayerische Gesamturbar in zwei Bänden. Aus den Jahren 1291-1294 ist das erste bayerische Rechnungsbuch erhalten. Im Jahr 1288 begann in der Grafschaft Tirol, unter Meinhard

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, die Führung umfangreicher Rechnungsbücher. Tirol besaß am Ende des 13. Jahrhunderts die modernste Landesverwaltung in Deutschland.
      In welchem Umfang die Fürsten persönlichen Anteil an dem Kanzleibetrieb ihrer Höfe genommen haben, läßt sich nicht feststellen. Unterschriften des Herrschers hat es seit der Mero-wingerzeit nicht mehr gegeben. Ein sehr merkwürdiger Einzelfall ist die Signatur Kaiser Heinrichs

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unter dem Vertrag, den er am 10. Juni 1196 mit dem Bischof von Worms und dem Wormser Martinsstift geschlossen hat: Henrichus Ro[mano-rum] imp[e]r[ator] . Die Eigenhändigkeit der Unterschrift ist zwar nicht zu beweisen, ist aber wahrscheinlich. Warum der Kaiser - er war schriftkundig -in diesem einen Fall so gehandelt hat, ist unbekannt. Erst Kaiser Karl

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hat wieder eigenhändig unterschrieben. Unter Friedrich I

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und Maximilian I. haben diese Unterschriften eine besondere rechtliche Bedeutung erlangt.
      Auch der jahrhundertelang geübte Brauch, daß der Herrscher die in seinem Namen ausgefertigte Urkunde durch einen Vollziehungsstrich im Monogramm seines Namens gültig machte,wurde am Anfang des 12. Jahrhunderts aufgegeben, wahrscheinlich weil sich inzwischen die Auffassung durchgesetzt hatte, daß die Beglaubigung der Urkunde durch die Anfügung des Siegels geschah. Eine gesiegelte Urkunde galt als vom Herrscher persönlich bestätigtes Dokument, auch wenn die Siegelung nur in seinem Auftrag vorgenommen wurde. Noch gegen Ende des 13. Jahrhunderts hat Konrad von Mure in seiner Urkundenlehre die Auffassung vertreten: »Keine Urkunden, außer den ganz einfachen, sollen ohne besondere Anordnung des Fürsten mit dem Siegel des Herrn bestätigt werden.«
In einigen Fällen ist durch den Wortlaut der Urkunde der Eindruck erweckt worden, daß der fürstliche Aussteller persönlich an dem Beglaubigungsvorgang beteiligt war. So hieß es zum Beispiel in einer Urkunde Heinrichs des Löwen zugunsten des Moritzstifts in Hildesheim vom Jahr 1164: »Wir haben das vorliegende Blatt mit unserer Hand bestätigt und haben es durch den Aufdruck unseres Siegels kennzeichnen lassen.« Die Formulierung »mit unserer Hand« {manu nostrA) kann jedoch nicht wörtlich genommen werden: Die Urkunde wurde von dem Notar Hartwig ausgefertigt, der noch in einer anderen Urkunde eine ähnliche Formulierung benutzt hat. Ebenso formelhaft war der Hinweis auf die eigene Unterschrift des Fürsten, zum Beispiel in einer Urkunde Herzog Leopolds

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von Ã-sterreich vom Jahr 1211: »Ich, Leopold, von Gottes Gnaden Herzog von Ã-sterreich und Steiermark, unterschreibe.« Tatsächlich hat die Beglaubigung und Besiegelung der Urkunden in den Händen des Notars gelegen, der die von ihm ausgefertigten Stücke nicht selten mit seinem eigenen Namen gezeichnet hat. In Empfängerausstellungen ist manchmal vor der Datumszeile Platz gelassen worden, damit der Notar sich dort mit der Formel datum per manum eintragen konnte.
      Die Siegelführung war kein Vorrecht der Fürsten. Gräfliche Siegel sind schon aus dem 11. Jahrhundert erhalten ; im 12. Jahrhundert haben die Städte begonnen, eigene Siegel zu führen; im 13. Jahrhundert hat derganze niedere Adel gesiegelt. Es gab auch Handwerkssiegel, Schreibersiegel und Bauernsiegel. An den großen Höfen begann die Siegelführung lange vor der Einrichtung eigener Kanzleien. Die von den Empfängern oder von Dritten ausgestellten Urkunden wurden mit dem fürstlichen Siegel beglaubigt. Die österreichischen Quellen bezeugen eine ausgedehnte Siegelpraxis im 12. Jahrhundert: Markgraf Leopold I

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hat bereits vier verschiedene Siegelstempel benutzt; von seinem Sohn Heinrich IL sind aus der Zeit nach 1156 sechs Siegelstempel bekannt. Wir wissen nicht, in wessen Händen die Siegelführung lag, solange es noch keine Kanzleien gab; später hat der Protonotar das fürstliche Siegel verwaltet. Die Siegel besaßen in aller Regel Umschriften, die den Namen und den Herrschertitel des Siegelinhabers in lateinischer Sprache nannten. Diese Siegelinschriften sind tatsächlich die ersten Schriftzeugnisse - abgesehen von den liturgischen Büchern -, die sich an den weltlichen Fürstenhöfen nachweisen lassen.
     

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