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Der literaturbetrieb der höfischen zeit

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Der Codex Falkensteinensis



Zur Hofliteratur gehörten auch Lehnsbücher, Urbare und Besitzverzeichnisse in lateinischer Sprache, die im Auftrag weltlicher Herrschaften angelegt wurden, und die von den Fürsten, die diese Schriftstücke selber nicht lesen konnten, in den Dienst ihrer Regierungs- und Verwaltungstätigkeit gestellt wurden. Das eindrucksvollste Dokument ist der Codex Falkensteinensis , das älteste Traditionsbuch einer deutschen Hochadelsfamilie, das zwischen 1164 und 1170 auf Geheiß des bayerischen Grafen Sibo-to

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von Neuburg-Falkenstein angelegt wurde. Graf Siboto ließ das Buch im Kanonikerstift Herrenchiemsee schreiben, über das er seit 1158 die Vogtei besaß: Eigene gräfli-che Kanzleien hat es zu dieser Zeit noch nirgends in Deutschland gegeben. Der Anlaß zur Niederschrift war offenbar die Sorge des Grafen um den Fortbestand des Familienbesitzes nach seinem Tod. Daher stand am Anfang eine Vormundschaftsbestellung: Im Fall seines Ablebens sollte sein Schwiegervater, Graf Kuno

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von Mödling, die Rechte seiner beiden noch unmündigen Söhne wahrnehmen. Den eigentlichen Inhalt des Kodex bildeten ein Lehnsverzeichnis und ein Urbar, das heißt eine Aufstellung der Einkünfte und Besitztümer der gräflichen Herrschaft. Diese beiden Teile sind für die Rechtsgeschichte von ebenso großer Bedeutung wie für die Wirtschaftsgeschichte. Denn das Lehnsverzeichnis im Codex Falkenstei-nensis ist neben dem Lehnsbuch des Reichsministerialen Werner von Bolanden, das wahrscheinlich nach 1180 verfaßt wurde, die älteste Aufzeichnung dieser Art, die es aus Deutschland gibt; und das Urbar ist in dieser Zeit ohne Parallele. Es gestattet Einblicke in die innere Organisation einer weltlichen Herrschaft, wie sie für das 12. Jahrhundert sonst nirgends zu gewinnen sind. Besonders interessant ist, daß die Auflistung der Besitztümer bereits Ansätze zur Ausbildung von Verwaltungseinheiten erkennen läßt. Das Urbar ist nämlich nach den vier Burgen gegliedert, die im Besitz der Grafen von Falkenstein waren und die die Funktion von Herrschafts- und Verwaltungsmittelpunkten für den weitgestreuten Grundbesitz der gräflichen Familie erfüllten. Dem Verzeichnis sind auch viele Einzelinformationen über die materielle Kultur und das gesellschaftliche Leben am Grafenhof zu entnehmen.
      Welchen Wert Graf Siboto diesen Aufzeichnungen zugemessen hat, ist nicht zuletzt an dem kostbaren Bildschmuck der Handschrift abzulesen. Der Kodex enthält fünf große farbige Bilder und zahlreiche Randzeichnungen. Auf dem ersten Blatt befindet sich eine in drei Farben kolorierte Federzeichnung, die die halbe Seite füllt und den Grafen selbst und seine Gemahlin, beide in festlichen Gewändern, zusammen mit ihren beiden Söhnen darstellt . Es ist dies das erste weltliche Familienbild, das wir aus Deutschland kennen. Die vier Personen halten ein Sprechband, dessen gut lesbare rechte Hälfte die Worte aufweist: »Wir bitten dich, Lieber, wenn du dies liest, unser zu gedenken. Das gilt für alle; am meisten für dich, liebster Sohn.« Auf der linken Hälfte ist die Schrift kleiner undblasser und kaum zu entziffern. Hier soll der Text lauten: »Sag zu dem Vater: fahr wohl! Redet Gutes von eurer Mutter, ihr Söhne!« Offensichtlich stand die Inschrift und die ganze Bildkomposition in einem direkten Zusammenhang mit der ursprünglichen Zweckbestimmung des Codex Falkensteinensis, der Vormundschaftsbestellung für die unmündigen Söhne Graf Sibotos

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für den Fall seines Todes. Wenn die Lesung der linken Hälfte authentisch ist, könnte der Aufbruch des Grafen zu einer längeren Reise den Anlaß für die Vorsorge gegeben haben. Man hat vermutet, daß die Teilnahme Sibotos am vierten Italienzug Kaiser Friedrichs I. im Jahr 1166 den konkreten Anlaß gebildet hat. Die Sorge erwies sich jedoch als gegenstandslos: Graf Siboto hat noch etwa dreißig Jahre länger gelebt. In diesen dreißig Jahren ist der Kodex im Stift Herren-chiemsee als Traditionsbuch weiterbenutzt worden. Auch dieser Teil der Handschrift ist in seiner Art einzigartig, denn esgibt sonst keine Traditionsbücher von weltlichen Herrschaften aus dieser Zeit. Wie in den klösterlichen Traditionsbüchern wurden vor allem Eigentumsübertragungen schriftlich festgehalten.
      Im Codex Falkensteinensis begegnen auch einzelne deutsche Wörter und Sätze, und zwei Textstücke sind ganz in deutscher Sprache abgefaßt. Aus Eintragungen und Angaben von Benutzern der Handschrift aus dem 16. und 17. Jahrhundert wird geschlossen, daß schon bald nach dem Abschluß der Aufzeichnungen eine vollständige deutsche Ãobersetzung hergestellt worden ist. Wenn sich die Existenz dieser frühen deutschen Fassung sichern ließe, wäre der Codex Falkensteinensis von noch größerer Bedeutung für die Ausbildung eines Schriftbetriebs an den weltlichen Höfen; denn man würde vermuten dürfen, daß es die Rücksicht auf die mangelnde Lateinkenntnis der gräflichen Auftraggeber war, die die Ãobersetzung der ganzen Sammlung ins Deutsche motiviert hat. Eine erneute Untersuchung der Handschrift könnte vielleicht genaueren Aufschluß geben.
     

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