Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Der kontrapunktische dialog -im grenzbereich von literaturwissenschaft und essayistik
 
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Vaterland Wort - Horizonte der deutschen Sprache



1988: Friedrichstraße Berlin-Ost. Ein Endpunkt. Dort kam der Interzonen-zug an, von Deutschland-West über die Transitstrecke in den Teil Deutschlands, der fast 40 Jahre lang 'Hauptstadt der DDR" hieß. Friedrichstraße: Grau gekittelte VOPO's schon im Gestänge der Bahnhofsarchitektur, und dann alle zehn Meter nach dem Aussteigen aus den grünen Waggons mit der Aufschrift RB, das Kürzel für 'Reichsbahn". Uniformierte Ãoberwacher und Weganweiser markierten die Schritte zu den Abfertigungshallen des Zolls. Abgefertigt wurde man nach allen Regeln deutscher Gründlichkeit, die Westtouristen, die aus Neugier oder Heimweh gekommen waren, und die älteren Herrschaften, die mit ihrem kleinen Gepäck vom Westbesuch zurückkehrten in den Bereich der Stadt, der ihnen Zuhause war. Wer kann das vergessen, das endlose Warten in langen Schlangen, das Ansteigen des Pulses, bis man endlich - von oben und unten gespiegelt - in dem Durchlass stand, in dem die hochnot peinliche Untersuchung der Personalien des Passes erfolgte, der kopiert, der registriert, der nachjustiert wurde, in dem sich das ganze Menschsein reduzierte, eine Prozedur, mit der sich die Staatsmacht der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Staatsorgane manifestierte: Hier bin ich Staat, hier darf ich's sein. Dann endlich draußen, das Suchen nach den anderen Reisenden, die in anderen Schlangen noch länger warten mussten und schließlich mit hochrotem Kopf aus der Zollschleuse kamen. Nach den ersten Schritten auf der Friedrichstraße das Aufatmen.
      Der Bahnhof ist heute der Ausgangspunkt einer noblen Geschäftsstraße, eines Boulevards vielleicht, fast würde man vergessen, dass das Wort Boulevard zum Wort Bollwerk hinüberweist. Der ehemalige Grenzbahnhof liegt mitten in Berlin, modern ausgebaut, voller Geschäfte, Schnellimbissbuden, fliegender Händler, ausgestattet mit allen Insignien eines modernen Großstadtbahnhofs. Kaum 100 Meter entfernt eines der größten Medienkaufhäuser, in dem es nicht nur Bücher auf vielen Etagen gibt, sondern genauso auch CD's und andere Medienträger. Die Friedrichstraße hat Geschichte und ist Geschichte, die man nicht vergisst. Ich bin auf der Suche nach dem Deutschen, nach Büchern, die Auskunft geben nach dem, was sich als genuin in dieses Adjektiv hineinlegen lässt. Schon Friedrich Nietzsche wusste, dass solches Suchen die Deutschen kennzeichnet, dass nämlich bei ihnen die Frage 'Was ist Deutsch?" niemals ausstirbt. Wenn dem so ist, werde ich schnell fündig werden in diesem hochmodernen Medienhaus. Also frage ich, ob es dort etwas gäbe, eine Anthologie oder dergleichen, die sich mit dem Thema Deutsch und Deutschland befasst. Wir schauen nach in allen Regalen sowie im PC, jedoch die freundliche Mittezwanzigerin und ausgebildete Buchhändlerin und ich finden nichts. Ich erkläre ihr mein Anliegen näher, worauf sie mir entgegnet, mein Fragen sei ein wenig bizarr. Ihr sei es eher peinlich, sich als Deutsche zu definieren und als solche erkannt zu werden, vor allem im Ausland, Gott sei Dank habe sie dunkle Haare und falle so nicht zu schnell auf. Sind das irrelevante Fragen im Schatten der Bahnhofshalle der Friedrichstraße, oder ist die Vereinigung von Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik am 3. Oktober 1990 schon so weit weg, dass sie als Ausgangspunkt für deutsche Selbstbefragungen schon aus dem Blick geraten ist?
Was bleibet aber, stiften die Dichter, sagt Friedrich Hölderlin. Das klingt ein wenig gravitätisch, kann uns heute vielleicht nicht mehr ganz erreichen. A-ber es gibt Texte, es gibt Gedichte, die Geschichte in den Fingerhut nehmen und die zu diesem Thema hinführen und vielleicht zur Relevanz, sich seiner selbst bewusst zu werden.

      Verbotenes Lied
O Vaterland, o Vaterland. Laß uns dir zum Guten dienen. Einigkeit und Recht und Freiheit. Brüderlich mit Herz und Hand. Und das liebste mag's uns scheinen, So wie anderen Völkern ihrs. Und der Zukunft zugewandt.
      Dieses Gedicht schrieb Bernd Jentzsch, der 1940 in Plauen im Vogtland geboren wurde und lange Zeit in Ost-Berlin lebte. Er war Initiator und Herausgeber der Lyrikreihe 'Poesiealbum"' in den Jahren 1967 und 1976. Als Gründungsdirektor des Deutschen Literaturinstituts an der Universität Leipzig hat er lange Zeit Schriftsteller ausgebildet. Als er dieses Gedicht veröffentlichte, lebte er jedoch in Zürich. Er musste dort bleiben, denn nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR schrieb er, dagegen protestierend, 1976 einen offenen Brief an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, was die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR zur Folge hatte. Wie viele Dichter musste er bleiben, wo er nicht wollte, eben 'im Fremden ungewollt zu Haus", wie Max Herrmann-Neiße in London dichtete, der vor den Nazis floh und dann mit anderen geflüchteten und vertriebenen Dichtern an der Themse den deutschen Exil-PEN gründete.
      Das Jentzsch-Gedicht ist eine Montage aus drei Gedichten, die unterschiedliche Deutschland-Bilder zeichnen, nämlich aus dem Lied der Deutschen, das Hoffmann von Fallers leben 1841 auf Helgoland schrieb, sowie aus Textteilen der Nationalhymne der DDR, die der einstige Dichter des Expressionismus Johannes R. Becher verfasste, der als der erste Kulturminister der DDR später zum Staatshymniker des Arbeiter- und Bauernstaates mutierte, sowie aus der so genannten Kinderhymne von Bertolt Brecht, dessen Verse nach dem Zweiten Weltkrieg in Konsequenz des nationalen Wahns der Nationalsozialisten ein Weichbild von Deutschland zeichnete, mit den Worten: 'Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand ..." Brecht dichtete in dem Rhythmus, der die Melodie von Joseph Haydn aufnimmt, dessen Kaiserquartett zunächst der Habsburger Monarchie und später den Deutschen der kleindeutschen Reichsgründung von 1871 die weichen Töne lieferte.
      Die Liedervereinigung des so montierten Textes von Bernd Jentzsch war 1978, als er veröffentlicht wurde, verboten und so unsingbar wie die beiden Staaten unvereinigbar zu sein schienen. Aber dieser Dichter wusste oder hoffte mehr und vertraute den dichterischen Projektionen. Gezeichnet von den real-sozialistischen Verhältnissen dichtete Jentzsch über das DDR-Deutschland, das ihn und andere verfolgte:
Ich bin der Weggehetzte. Nicht der erste, nicht der letzte.

      Von keiner Mine zerrissen.
      Vorm Zaun nicht ins Gras gebissen.
      Keine blaue Bohne in der Lunge. Nichtmal Blut auf der Zunge. [...]und nannte dieses Stück deutscher Wirklichkeit ironisch Arioso. Wie kann man über Deutschland schreiben, ohne dass Pathos anschwillt, das unangenehm berührt? Wie kann man sich diesem Thema nähern und den Begriff Deutschland so in Worte fassen, dass er uns nicht erschreckt, sondern eher Wärme denn Kälte vermittelt? Einer der wenigen, die es in der Gegenwart geschafft haben, sprachlich und inhaltlich nationale Ideen aufzulösen, ist Reiner Kunze. Sein 1998 veröffentlichter Gedichtband ein tag auf dieser erde enthält folgenden Text:
Mit dieser Fahne schon Für Heinrich Oberreuter

Manche hätten ihr den wind am liebsten ausgeredet
Wir aber hatten gesetzt auf ihn

Wir hatten gehofft auf das eine land mit der einen fahne
Auf das land, das nicht leugnet, mit der fahne, die in frieden läßt.
      Die deutsche Trikolore also sollte in Frieden lassen und nichts einfordern. Sie ist für Kunze nicht imperiales und bevormundendes Zeichen des Staates, sondern sie soll für Wahrhaftigkeit für und in Deutschland stehen. Darauf, d. h. auf den freiheitlichen und friedfertigen Verfassungsstaat Bundesrepublik Deutschland, hatten die Menschen in der DDR gehofft, auf dieses dreifarbige Symbol, das sie als Bild eines freiheitlichen Atemraumes erkannten. Für Kunze und für viele andere Menschen in der DDR war die Einheit der beiden deutschen Staaten deshalb so existenziell, da die Grundfreiheiten und -rechte, die Menschenwürde, die Meinungs- , Religions- oder Vereinigungsfreiheit nur dann erreichbar waren, wenn das Grundgesetz auch jenseits der Elbe Geltung bekommen würde. Darauf hatten sie gehofft. Einheit war Freiheit; aus dieser Erkenntnis entstand 1989 die Losung Wir sind ein Volk. Deshalb hatten sie auf die Fahne, auf Schwarz-rot-gold gesetzt. Unprätentiös, genau und fast zurückhaltend arrangiert Kunze die Zeilen. Verse ohne jegliches nationales Pathos und dennoch präzise das bezeichnend, was Signum ist und für was es steht. Kunze schrieb mir, dass er diesen Text der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , die doch immer wieder Gedichte veröffentlicht, im zeitlichen Zusammenhang mit dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 zur Veröffentlichung angeboten habe, was aber unverständlicherweise unterblieben sei.
      Aber vielleicht ist ja in der NichtVeröffentlichung in der sich häufig staatstragend gierenden FAZ etwas zum Ausdruck gebracht, das zu den Schwiengkeiten hinführt, als Deutscher über sich selbst und über das Selbst unserer Nation zu sprechen.
      Auch nach 1990 hat eine unverkrampfte und engagierte nationale Selbstbefragung noch nicht stattgefunden; deutsche Sonderwege werden zwar als gefährlich bezeichnet, aber die Wege der Deutschen nach innen und außen, ihre Begründungen und Voraussetzungen, bleiben diffus. Die Frage 'Was gilt und warum?" verlangt nach Wertekonsens, der nur durch Anstrengungen der Politik und der so genannten gesellschaftlichen Kräfte zu erreichen ist.
      Wir weichen uns bei der nationalen Selbstbefragung aus. Wir meinen inzwischen, dieses Ausweichen sei politisch hoch gebildet, Ausdruck einer besonderen Weltwahrnehmung, die uns als Deutsche in besonderer Weise zu Gesicht stünde. Manche flüchten sich in neue Begrifflichkeiten. Modern geworden ist der Begriff der 'Zivilgesellschaft", der für Deutschland und die Nachbarstaaten ein einigendes Band sei und die Weltherrschaft der Citoyen in Anlehnung an die Ideen der Französischen Revolution entwickeln könne. Aber Dichter kommen mit diesem Begriff so nicht weiter. Einer, der sich immer wieder und so auch hier politisch zu Wort meldet, ist Günter Grass. Im März 2002 hielt er eine bemerkenswerte Rede anlässlich der Gründung der Bundeskulturstiftung. In den Franckeschen Stiftungen in Halle legte er dar, dass mit der Stiftung seine Träume Wirklichkeit geworden seien; er habe nämlich vor dreißig Jahren mit Willy Brandt, dem sozialdemokratischen Bundeskanzler, die Idee erörtert, eine 'der Kulturnation verpflichtende Nationalstiftung ins Leben zu rufen". Dies habe Willy Brandt sofort aufgegriffen und in der Regierungserklärung verankert. Dreißig Jahre, der langsame Lauf einer Schnecke, hätten zum Ziel geführt, und nun könne eben eine 'Nationalstiftung" entstehen. Er verwies auf den Aufklärer Johann Gottfried Herder, der vor über zweihundert Jahren in Weimar, in der Hauptstadt der Deutschen Klassik, zu Grabe getragen wurde. Grass meinte, der Begriff Kulturnation, so wie ihn Herder verstanden habe, könne fortentwickelt werden. Deshalb habe er den 'missachteten Begriff Nation" in Besitz genommen und mit dieser Kulturstiftung verbinden wollen.
      Das Propagieren einer National Stiftung, das die Philosophie Herders bemüht, ist für Günter Grass nur dann möglich, wenn man sich dem Begriff Nation zuwendet, wenn man ihn nicht leugnet, sondern wahrnimmt. Internationalismus kann ja auch erst dann gelingen, wenn der Begriff Nation mit Inhalt gefüllt wird und darüber ein Konsens innerhalb der Gesellschaft besteht. Grass sagte in Halle, dass bei der politischen Linken, abgesehen von Kurt Schumacher, die Auffassung bestanden habe, dass das Wort Nation durch das 'beliebig zu deutende Wort Gesellschaft" ersetzt werden könne, oder man habe sich notfalls in den Europagedanken geflüchtet, nach dem Motto: 'Europa, das zukünftige, werde alles richten", dann werde es 'keine Nationen mehr geben", nur noch 'ein einiges, grenzloses Europa". So Grass. Ihm ist zuzustimmen, dass Gesellschaft nicht das Synonym für Nation ist. Zivilgesellschaft oder Bürgergesellschaft, wie interessant und wie funkelnd solche Begriffe auch sein mögen, können uns nicht die Anstrengung ersparen, den Begriff Nation zu erfassen. Bemerkenswert ist, dass die dreißigjährige Idee des Nobelpreisträgers so auch gar nicht Gestalt angenommen hat, denn eine Nationalstiftung ist doch etwas anderes als die danach gegründete Bundeskulturstiftung. 'Gesamtstaatliches Interesse", dieser unbestimmte Rechtsbegriff soll verpflichten, jedoch nicht 'Nationalkultur", Begriffe die nicht synonym sind. Zudem stellt sich die Frage, welchem Oberbegriff die Kulturanstrengungen der Kommunen, Länder und privaten Stiftungen, Vereinigungen und Organisationen unterfallen. Dass die zunächst lange favorisierte Bennennung 'Nationalstiftung" doch aufgegeben wurde zu Gunsten des Bürokratenbegriffes 'Kulturstiftung" des Bundes , lässt erkennen, dass nicht wenigen Meinungsbildnern Begriffe wie 'national" und 'deutsch" unheimlich sind. Grass wird sich gewundert haben, wie langsam eine politische Schnecke läuft. Trotz Schumacher und Herder kein Fortschritt. Dabei ist die Frage nach Selbstdefinition und Identität an sich eine Selbstverständlichkeit, und steht bei vielen Nachbarn, so bei den Tschechen, den Slowaken, den Russen, ja bei fast allen europäischen und auch außereuropäischen Völkern und Nationen auf der politischen Agenda. Dass es den US-Amerikanern so leicht fällt, zu einem nationalen Konsens und zu dessen Chiffrierung zu kommen, erstaunt und irritiert, ist indes wenig typisch für das kulturhistorische Selbstverständnis der Nationen auf dem , Alten Kontinent'.
      Dass die für 2004 erwartete Fusion der Kulturstiftung der Länder mit der des Bundes zu einer Nationalstiftung - es wurde der Name Deutsche Kulturstiftung genannt - gescheitert ist, resultiert aus der Ã"ngstlichkeit, Deutschland als eine europäisch gewachsene Kulturnation zu verstehen, sowie aus deutscher Krähwinkelei zwischen München und Berlin. Die Diskussionen in den Sommermonaten des vergangenen Jahres zeigen die Mühen der Ebenen, Michael Naumann hat dabei in der ZEIT mehr Schiida als Chance erkannt. Auch im Zusammenhang mit der im Deutschen Bundestag zu erörternden Novelle zum Deutsche Welle-Gesetz, mit der auch der Programmauftrag des deutschen Auslandssenders neu gefasst werden soll, wird es um die Frage gehen, welches Bild wir Deutschen von uns selbst haben und welches wir von anderen im Ausland erhoffen, denn für das Imago Deutschlands in der Welt lässt sich nur dann werben, wenn wir auf uns selbst zugehen, wenn wir das Eigenbild dem Fremdbild entgegenhalten können.
      Das politische Deutschland ist nicht kongruent mit dem kulturellen, mit dem gelehrten Deutschland im Sinne Schillers. Die geistigen Dimensionen, die kulturgeschichtlichen und auch emotionalen, greifen weiter aus - so wie auch bei anderen Nationen. Und deshalb ist es kein Ausdruck von altem Denken, sondern eher wahrhaftig und Aufkündigung von Unmündigkeit, wenn Autoren wie Grass den Blick auch nach Königs- berg richten, zum Ausgangspunkt der deutschen Aufklärung, zu Immanuel
Kant, wenn auf eine deutsche Vergangenheit hingewiesen wird, die unwie-
derbringlich verloren ist wie die Städte und Provinzen im historischen Ost-
deutschland wie eben Ostpreußen, Pommern oder Schlesien. Sie gehören
seit 1945 faktisch und seit 1990/91 völkerrechtlich verbindlich zu Polenbzw. zu Russland, sind aber ein integraler Bestandteil der deutschen Geistesund Kulturgeschichte geblieben und nunmehr Gegenstand gemeinsamen In- teresses von Deutschen und ihrer östlichen Nachbarn.
      Vom Danziger Philosophen Arthur Schopenhauer beziehen wir die Erkenntnis, dass erst durch die Geschichte ein Volk seiner selbst vollständig be-wusst wird. Geschichte - oder in noch größerem Kontext Kulturgeschichte -zieht Linien um das, was wir Kulturnation nennen können. Manche meinen, der Blick nach innen, zu den Vorläufern des jetzigen
Deutschlands und insbesondere zur Frage, 'Was ist deutsch?", würde unsere europäische Kompetenz unterlaufen und wäre nicht angemessen im Hinblick auf die Todesschatten, welche die Shoa und Auschwitz werfen, denn ein Volk, das diese Verbrechen begannen habe oder habe begehen lassen, könne sich nicht auf diese Weise selbst befragen. Die Nation sei und bleibe tabu. Ist das richtig? Ist die Selbstwahrnehmung der Deutschen erst seit 1945 so schwierig? Bleibt der 'Tod ein Meister aus Deutschland", wie Paul Celan in seinem so herzergreifenden Gedicht Todesfuge dichtete? Der Bogen muss wohl weiter gezogen werden.
      Im Angesicht der nationalsozialistischen Sprach- und Menschenverrohung dichtete Bertolt Brecht emphatisch - 'O Deutschland, bleiche Mutter! Wie haben deine Söhne dich zugerichtet ..." Wer dächte nicht an die Allegorien von Käthe Kollwitz, an das Mahnmal in Schinkels Neuer Wache in Berlin? Aber welches Deutschland ist gemeint, von wem spricht Brecht, von einem geistigen Gefilde dieses Namens, von den politischen Verhältnissen, oder ist ihm Deutschland nur ein elegischer Begriff, der sich eher zum Poetisieren denn zum Politisieren eignet?
Die eingangs erinnerte Begegnung im Medienhaus der Friedrichstraße in Berlin bezeichnet einen typischen Sachverhalt der Selbstverweigerung vieler Deutscher. Heinz Schlaffer stellte im Jahre 2002 fest, dass sich der Germanistikstudent heute diesem Fach keinesfalls aus Neigung zum vergangenen oder gegenwärtigen Deutschland zuwende, quasi als Liebeserklärung an die deutsche Kultur, denn erstens gäbe es ,das Deutsche' nicht , und zweitens könne ,das Deutsche' nur von Ãobel sein. Deshalb ist der Wunsch nahe liegend, als Deutscher oder als Deutsche nicht erkannt zu werden, seine nationale Identität zu minimieren oder gar zu verleugnen und sich eher in ein europäisches Elysium zu flüchten, falls ein kräftiger Regionalismus als Surrogat nicht ausreicht. Viele sind der Meinung, dass die komplette Inversion allen humanistischen Denkens und Handelns der Deutschen in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht auf diese zwölf Jahre begrenzt werden könne, sondern die Geschichte davor eine Vorgeschichte des Nationalsozialismus sei, was u. a. ja auch dadurch zum Ausdruck komme, dass 1922 der Vers von Hoffmann von Fal-lersleben vom Deutschland, Deutschland über alles zur offiziellen Nationalhymne erklärt worden und damit zum Programmsatz nationalen Wahns geworden sei. Deutschland: das ist also ein zersplitterter Spiegel, in den wir nicht hineinschauen wollen, auch nicht nach 1990, als viele meinten, dass mit 'Deutschland einig Vaterland" aus dem Staatslied der DDR alles neu beginnen könne. Der Prozess der Selbstwahrnehmung ist jedoch wieder stecken geblieben, Deutschland ist eine verspätete Nation, die nicht aufholen will. Wir haben uns immer noch nicht zu uns selbst aufgemacht und überlassen es gerne anderen, uns als Gemeinwesen in einem Staat von 82 Millionen Menschen zu definieren. Die Ãober-alles-These erschreckt immer noch so sehr, dass auch der Gegenstand, der unverdächtig sein könnte, mit dem Adjektiv deutsch belegt zu werden, zunehmend zersplittert wird: nämlich die Sprache. In der Germanistik der letzten Jahrzehnte ist zunehmend üblich geworden, von 'deutschsprachiger Literatur" zu sprechen, wo doch die deutsche Literatur gemeint sein müsste. Und so gibt es deutschsprachige österreichische Literatur, sogar deutschsprachige Südtiroler Literatur, deutschsprachige Schweizer Literatur und - so konsequent muss man sein - deutsche deutschsprachige Literatur, also eine eigene Unterabteilung in dem Land, wo die Sprache das Land bezeichnet. Die so genannte DDR-Literatur ist aus dieser Begrifflichkeit entschwunden, kehrt indes in Ansätzen langsam wieder zurück.
      In Ã-sterreich ist es, da dieses stets um Abgrenzung bemüht, üblich, als Fach in den Schulen nicht von 'Deutsch" zu sprechen, sondern von 'Landessprache". Und doch führen solche Abgrenzungsbemühungen nicht von der Erkenntnis fort, dass sich Deutschland wie auch andere Staaten und Nationen primär nach seinen Hauptkulturträgern definiert, nämlich nach seiner Sprache und Literatur. Diese Frage mit Gelassenheit diskutieren, fällt in Ã-sterreich besonders schwer, denn man will sich nicht der deutschen Kulturnation zurechnen. Ungern erinnert man daran, dass sich die 'Provisorische Nationalversammlung" in Wien am 12. November 1918 auf das von Präsident Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker berief und den Beschluss fasste, 'Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik", dem der Beschluss der Weimarer Nationalversammlung, 'Deutschösterreich tritt als Ganzes als ein Gliedstaat dem Deutschen Reich bei", entsprach. Im September 1918 wurde dieses Einigwerden durch Cle-menceau verboten. Der Zwangsanschluss des NS-Deutschland im Jahre 1938 hatte also eine Vorgeschichte, die auch deutsch-österreichische Gedanken nach 1945 erklären. Und nunmehr seit fast 60 Jahren österreichischer Nationalidentität - möglichst weit weg von der deutschen ! Die philologischen Ãoberlegungen zur umarmenden Wirkung der deutschen Sprache, wie sie Hugo von Hofmannsthal einst anstellte, gelten heute eher als bizarr denn als Beitrag zur Fundamentierung des Begriffes Kulturnation, der Ã-sterreich und Deutschland verbinden könnte.
      Wenn die deutsche Literatur entscheidend ist, sich mit dem Deutschen zurecht zu finden, muss überlegt werden, wie weit der Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu ziehen ist. Heinz Schlaffer hat die germanistische Philologie aufgeschreckt mit seiner Feststellung, die Geschichte der deutschen Literatur bestehe aus einer Serie verlorener Anfänge; die ältesten deutschen Werke, die das literarische Gedächtnis der Gebildeten ohne Unterbrechung bis heute erhalten hätten, seien Lessings Dramen, Goethes 'Werther, einige Gedichte Klopstocks, Bürgers, Claudius' und des jungen Goethe. Er kommt zu der Feststellung, dass der von der Literaturgeschichte suggerierte Zusammenhang einer deutschen Literatur vom 8. Jahrhundert bis zur Gegenwart eine 'erfundene" Tradition sei. Diese Ansicht zerstört Illusionen, rekurrieren wir doch gerne auf die Sprachwerdung der Deutschen etwa in der Zeit Karls des Großen. Nicht 1200 Jahre deutsche Literatur hat es nach Schlaffer gegeben, sondern maximal 250, Ausgangspunkt sei das Jahr 1750. In der klassisch-romantischen Periode der deutschen Literatur, also im 19. Jahrhundert, habe man also eher politisch motiviert als historisch genau argumentiert, um einen nationalen Anspruch auf ein uraltes Fundament zu stützen. Man muss diesen Thesen nicht zustimmen, und die germanistische Diskussion ist auch noch im Gang, ja wird wohl nie aufhören, bemerkenswert ist jedoch, dass in der Zeit von 1750 bis 1848 vielen Dichtern die deutsche Sprache das Verbindende über die territorialen Grenzen hinweg gewesen ist, da sich poetische und politische Weltsicht ergänzten. Wenn Brecht später von Deutschland als bleicher Mutter spricht, klingt etwas nach aus dieser romantisch-idealistischen Sinnsuche.
      In der philologischen Begründung des Deutschen bezog man sich auf Walther von der Vogelweide, besonders auf sein Preislied Ir sult sprechen wille-komen, das man zu Unrecht zu einer deutschen Nationalhymne des Mittelalters stilisierte. Die deutsche Sprache bildete sich durch die Emanzipation gegenüber dem Lateinischen, der Klostersprache und lingua franca des gebildeten Mittelalters, sowie des Französischen, der höfischen Sprache Europas. Das Buch von der Teutschen Poeterey, das Martin Opitz aus dem schle-sischen Bunzlau 1624 herausbrachte, war eine poetologische Meisterleistung, um sich eine eigene Stimme gegenüber der Vorherrschaft des Lateinischen zu verschaffen. Bemerkenswert ist, dass er in seinen Gedichten insbesondere den Alexandriner als Versmaß in Abgrenzung zum Hexameter propagierte und damit Bezug nahm auf die französischen Dichter. Seine Zeitgenossen feierten Opitz, der gleichermaßen Poet wie Gelehrter war - man hielt beides für Synonyme im Zeitalter des Barock. Der Königsberger Simon Dach reimte dem Kollegen aus Schlesien entgegen
Ja, Herr Opitz, Eurer Kunst Mag es Deutschland einig danken, Dass der fremden Sprachen Gunst Merklich schon beginnt zu wanken Und man nunmehr ins geheim Lieber deutsch begehrt zu sein.
      Wenn darüber hinaus auch Friedrich von Logau in seinen Sinngedichten feststellt, 'wer von Hertzen redet deutsch, wird der beste Deutsche sein!", wird damit eine Tradition beschworen, die eine deutsche Sprachgesellschaft meint, noch frei von nationalem Impetus, jedoch Deutsch als geistige Größe erfassen möchte. Als Gewährsmann des Deutschen galt der Dichter - eine Rolle, die ihm auch die Romantik zuschrieb und dem Poeten manch bedenkliche Weihen erteilte. Sind auch bei Klopstock, Lessing und Herder unterschiedliche Auffassungen vom Dichter in Deutschland gegeben, ist auffällig, dass der Sprache identifikationsstiftende Wirkung zugemessen wird. Der Dichter ist ein Mittler, ein Kommunikator, der seinerseits Bezugspunkte in anderen Kulturen sucht, vornehmlich in der griechischen Antike und sich auch mit Shakespeare und der französischen Klassik auseinander setzt. Eine nationale Fokussierung wird deutlich bei Johann Gottfried Herder, dessen Nationalerziehung stets ausgerichtet ist auf die Gewinnung von Humanität, denn das ist das herderische Programm: 'Je besser ein Staat ist, desto angelegentlicher und glücklicher wird in ihm die Humanität gepflegt." Dies macht deutlich, dass Nationswerdung integraler Bestandteil des Humanitätsideals ist. Die Idee von der Volkskultur, die durch die Sprache entsteht, ist kein Selbstzweck, sondern in ihr liegt eine transistorische Innentendenz des Nationalen hin zum Aufgehen in einem globalen Humanismus. Die deutsche Volkskultur sollte also nicht etwas Abgrenzendes haben - in gleicher Weise sprach sich Herder auch für die Kulturen anderer Völker und Nationen aus. und es ist bemerkenswert, dass er bis in die Gegenwart hinein als Sinnstifter zur eigenen Selbstwahrnehmung in Anspruch genommen wird. Nationale und internationale Aufklärung verschränken sich in einem Prozess. Und so verweist Herder in seinen Schriften darauf, dass die verschiedenen kulturell gefassten Nationen auf Austausch und Gespräch angelegt sind und eben nicht darauf, dass eine Nation Anspruch auf eine andere erheben dürfe. Das herderische Weltbürgertum ist das Movens seines aufgeklärten Patriotismus, der in den humanisierten Staatsnationen wurzeln sollte. Nur so ist das Dik-tum Herders zu verstehen, wonach 'Vaterländer gegen Vaterländer der ärgste Barbarismus der menschlichen Sprache" sei.
      Man könnte sagen, bei Herder ist Nation geronnene Humanität, anders bei Schiller und Hölderlin, die - aus dem Blickwinkel der Antike formulierend - einen Kontrast zwischen Nationalitätentum und Humanität sehen. Nationale Emanzipation war in Deutschland auch stets mit der religiösen Selbstbehauptung verbunden. Die Sprachwerdung des Deutschen durch die Lutherübersetzung der Bibel verbindet sich mit der Abgrenzung und der Selbstbehauptung gegenüber dem Papsttum. Luthers Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation spricht denn auch deutlich von den Deutschen, die sich gegenüber dem Papsttum zu erwehren haben . Dies sind Gedanken, die dem Prediger Herder nicht fremd sind und die er seinem Deutschlandbild zuordnet, welches Selbstbestimmung und Selbstwahrnehmung mit einem fast religiösen Sen-dungsbewusstsein färbt und dabei Mythisierungen und Stereotypen aufgreift, die bereits von den deutschen Humanisten im 15. und 16. Jahrhundert angewandt wurden, um Minderwertigkeitsgefühle aufzufangen und ins Gegenteil zu verkehren. Die idealistischen Deutschlandvorstellungen Herders enthalten einen Freiheitsbegriff, der dem Friedrich Schillers und vor allem Novalis' sehr nahe ist, der meint, die innere Welt - gemeint ist die innere Freiheit - sei die 'eigentlich vaterländische Welt". Deutsche Innen- und Außenwelt begründen einander und befestigen sich durch ein christlichhumanistisches Gefüge. Dieses fordert - so Herder -, von jeder Nation zu lernen, und führt zu der Erkenntnis, dass 'der Nationalruhm ein täuschender Verführer" ist.
      Das Bild, das die Deutschen und insbesondere die Dichter von Deutschland zeichnen, ist abhängig vom Grad der Emanzipation von äußeren Einflüssen. Die Reformation - und in deren Nachfeld -, der Dreißigjährige Krieg waren religiös angelegte, jedoch im Kern politische Emanzipationen der deutschen Fürsten gegenüber dem religiös-weltlichen Machtanspruch des Papstes. Wenn auch die Formel deutsch = protestantisch zu kurz greifen mag und sich eher auf die norddeutschen Länder und Preußen als auf die süddeutschen Regionen bezieht sowie in Rumänien auf Siebenbürgen, wird dennoch damit ein Sachverhalt bezeichnet, der auch Ausdruck gefunden hat in Bauwerken wie dem Berliner Dom, der mit seiner imposanten Kuppel als Ge-gen-Rom angelegt wurde. Alle Reformatoren schauen aus lichter Höhe in den Kirchenraum: neben Luther auch Melanchton, Zwingli und Calvin. Die von Preußen ausgehende Vollendung des Kölner Doms im Jahre 1888 war weniger eine religiöse denn eine politische Tat, die Deutschlands Länder und Stämme in einem Nationalkunstwerk zusammenbringen und ihnen ein kulturelles Symbol geben sollte. Das 19. Jahrhundert ist wie kaum ein anderes als das 'deutsche" bezeichnet worden, da Aufklärung und Romantik sich verbinden und der Vormärz eine bürgerliche Selbstfindung in Gang setzte, die erst 1848/49 ihr trauriges Ende fand.
      Zu diesen Emanzipationsbewegungen gehörten auch die diejenigen der Juden. Im Zentrum stand der Düsseldorfer Heinrich Heine, mit dem wir Deutschen nie so recht zu Rande gekommen sind. Die immer wieder verzögerte Benennung der Düsseldorfer Universität zur Heinrich Heine Universität ist ein Ausdruck für die Probleme der Deutschen mit dem deutschen Juden Heine. Theodor W. Adorno sprach einmal von der 'Wunde Heine". Der Germanist Walter Hinck dreht diesen Ausdruck um und spricht von der 'Wunde Deutschland" in der Dichtung Heines. Für Heine ist Herder ein maßgeblicher Denker und Philosoph, dem er zuschreibt, er betrachte die ganze Menschheit als eine große Harfe in der Hand des großen Meisters. Herder habe die 'Universal-Harmonie" der verschiedenen Klänge der Völker begriffen. In seinem Essay Ueber Polen bezeichnet Heine Herder neben Lessing und Schiller als einen 'unserer edelsten Volkssprecher". Auch wenn Heine als 18-Jähriger im Sog militanter Nationalgefühle und im Nachklang zu den Befreiungskriegen im Jahre 1815 das Gedicht Deutschland schrieb, dessen Deutschtümelei noch wenig 'heinisch" geriet, werden in den wirklich dichterischen Schaffensjahrzehnten von Heine facettenreiche Deutschland-Bilder entworfen, die Bruchstücke einer Konfession und der Liebe zu Deutschland sind.
      Der als Harry 1797 geborene Heine wurde am 28. Juni 1825 protestantisch getauft auf den Namen Heinrich. Einen Monat später, am 20. Juli, wurde er zum Doktor jur. an der Universität Göttingen promoviert. Der damalige Dekan der juristischen Fakultät, Prof. Gustav Hugo, der auch der Doktorvater Heinrich Heines war, sagte anlässlich der Promotionsfeier, dass Heine 'in unserer Muttersprache" so 'anziehende Gedichte" herausgegeben habe, dass nicht 'einmal Goethe sich ihrer schämen" müsste. Das Jahr 1825 hat den Dichter also zwei Mal emanzipiert und auch zugleich assimiliert. Beide Ereignisse sind Ausgangspunkt für die Deutschlandlyrik des wohl wichtigsten deutschen Dichters des 19. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, dass Heinrich Heine sich poetisch zu Deutschland erst dann wieder zu Wort meldete, nachdem er im französischen Exil gelandet war. Zuvor äußert er sich essayistisch zu Deutschland und nimmt, ausgehend vom Ãobertritt zum evangelischen Glauben Martin Luthers und ihm folgend Gotthold Ephraim Lessing zu seinen Vorbildern der vorrangig deutschen Emanzipation. Mit beiden seien Geistes- und Denkfreiheit in Deutschland entstanden. Auffallend ist der religionsnahe Duktus seiner Schriften. So sind ihm Luther und Lessing 'Propheten" und 'Erlöser Deutschlands". Das Deutschlandbild wird also religiös politisiert und poetisch überhöht. Heine war ein Außenseiter, der durch sein Dichten und durch verschiedene Lebensentscheidungen versuchte, diesen Status zu überwinden. Das lutherische Deutsch ließ ihn sein Judesein - zumindest in Frankreich -vergessen.
      Wie kaum ein anderer vertraute sich Heinrich Heine der Sprachwelt an. Er sah die 'höchste Blüte des deutschen Geistes in Philosophie und Lied", wie er in seinen Aufzeichnungen, die sich im Nachlass fanden, vermerkte. Das war das Leitmotiv, welches bereits im Jahre 1820 in seinem Aufsatz Die Romantik anklingt, wo der junge Heine ausführt, das deutsche Wort sei 'ein Vaterland selbst demjenigen, dem Torheit und Arglist ein Vaterland verweigern".
      Die emotionale Bindung an Deutschland ist von Heimweh durchwirkt. Das in der Anfangszeit des Exils im Jahre 1834 entstandene Gedicht heißt denn auch:

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
      Der Eichenbaum

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
      Es war ein Traum. [...]

Das küsste mich auf Deutsch, und sprach auf Deutsch
das Wort: 'Ich liebe dich!"

Es war ein Traum.
      Also gilt: Deutschland ein Wort aus dem Ausland? Das könnte dazu verleiten, sich nicht selbst quasi von innen heraus zu definieren als Nation, sondern es anderen, den Nachbarn, eben dem Ausland zu überlassen und es so aufzugeben, sich selbst auf die Spur zu kommen bzw. ein Selbstbild zu entwerfen, um damit in den internationalen Dialog zu treten. Von Frankreich, von Paris aus dichtet Heine 1843 seine berühmtesten Deutschlandverse:
Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, und meine heißen Tränen fließen.
      Für den Dichter ist Deutschland nicht nur ein Vaterland, das er - wie Jürgen Habermas konstatierte - immer zu verbergen suchte, sondern auch das Mutterland, nämlich das Land der kranken Mutter in Hamburg. Deshalb ist das Wintermärchen nicht nur ein politisches, sondern ein sehr persönliches Gedicht:
Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr, wenn nicht die Mutter dorten war; Das Vaterland wird nie verderben, jedoch die alte Frau kann sterben.
      Wie sehr Heine in der Lage ist, Pathos ironisch zu brechen und zugleich die deutsch-französische Verschwisterung deutlich zu machen, nicht ohne auch gleichzeitig Klischees zu bemühen, zeigt die Strophe:
Gottlob! Durch meine Fenster bricht Französisch heiteres Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
      Heines Deutschlandlyrik wie auch seine Essays sind frei von Provinzialismus und rheinseliger Tümelei. Bei ihm verschwistern sich Politisches und Poetisches, immer wieder gebrochen durch Enttäuschungen, der er durch I-ronie Ausdruck gibt. Er steht in der Reihe von Ferdinand Freiligrath, Georg Herwegh und anderen Dichtern des Vormärz. Deutschland: das ist für ihn das Sprachland, der geistige Besitz, der nicht kongruent sein muss mit dem Politischen. Es ist das Land der Freiheit und der Bürgerrechte. Eine geistige Emanzipation ist nur mittels der Sprache möglich. Wenn Heine meint, ..unsere Sprache ist das beste, was wir Deutschen besitzen, sie ist das Vaterland selbst...", so weist er Deutschland - darin verwandt mit Novalis - als pulsierende Kulturnation aus, die er wie Herder europäisch verankert.
      Die Wirkung Heines ist bis in die Gegenwart geblieben. Seine Dichtungen haben Bindungswirkung; mit dieser könnte es gelingen, den mehrfach zerbrochenen Spiegel des Selbstbildnisses neu zusammenzufügen. Bert Brecht und sein allmählich wieder bekannter werdender wichtiger Zeitgenosse Max Hermann-Neiße haben den heinischen Duktus aufgegriffen in Zeiten der völliger Verrohung der deutschen Sprache, in den dunkelsten Abgründen der deutschen Geschichte. Wenngleich Heine in seiner Tragödie Almansor schreibt: 'Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher / Verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen", ist die Shoa nicht der Endpunkt deutscher Literatur. Auch Adorno hat dies so nicht gemeint. Die Dichtung in deutscher Sprache nimmt alle ihr zugefügten Verwundungen mit, aber sie bleibt ein weiter Mantel, der immer noch wärmen kann.
      Die nationale Ich-Schwäche der Deutschen hat viele Gründe. Friedrich Dieckmann nimmt Gedanken Schillers und Heines auf, wenn er 2003 in seiner Schrift Was ist deutsch? darlegt, wo Vielfalt ein nationales Spezifikum bezeichne, werde die Frage nach dem Verbindenden um so dringlicher, indem sie sich ausdrücke. Und dieses 'medial Verbindende" sei eben die deutsche Sprache; diese konstituiere die deutsche Nation, die deutsche Kultur in einem fundamentalen Sinn. Insofern, weil es um Sprache und Literatur geht, kann das Zeichnen von Deutschlandbildern nur dann Erkennbarkeit fördern, wenn die Kultur- und besonders die Literaturgeschichte in die Gegenwart einbezogen wird, nicht als Ballast, sondern eher als Echolot in die Tiefen der Nationalbesinnung und Selbstverständigung.
      In der deutschen Lyrik der Gegenwart ist allerdings von euphorischen Deutschlandbildern wenig die Rede. Nimmt man Anthologien zur Hand, die nach der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR entstanden sind, so z. B. die von Karl Otto Conrady herausgegebene Sammlung Von einem Land und vom andern. Gedichte zur deutschen Wende aus dem Jahre 1993, sind in diesen Texten eher Ratlosigkeit, Angst und nicht selten Ablehnung eines jeglichen Deutschlandbildes erkennbar. Bemerkenswert ist, dass viele Autoren dieses Sammelbandes die Begriffe deutsch und Deutschland völlig vermeiden, sich also bewusst aus der Tradition Heines und auch Brechts herausschreiben. Es ist überwiegend den Altmeistern der deutschen Lyrik nach 1945, Reiner Kunze und Karl Krolow vorbehalten, überhaupt ein Bild zu zeichnen. Das dem Band den Titel gebende Gedicht von Karl Krolow führt zurück zu den Grenzen und Zersplitterungen deutscher Geschichte und Selbstwahrnehmung, die sich mir zwischen 1988 und 2004 u. a. in der Friedrichstraße in Berlin mitgeteilt haben. Was weiß man von sich, von seinem Land und vom anderen, was von den geistigen Dimensionen Deutschlands in seiner Geschichte, was will man wissen, will man wirklich, Günter Grass folgend, dem Begriff nationale Identität und nationale Kultur eine weichere, geradezu heinische Begrifflichkeit geben? Wer macht sich auf? Die Politik? Die Medien? Wenn schon die Dichter sich verweigern! Karl Krolow schrieb:
Man glaubt's nicht, besieht seine Hände, im Spiegel sein Gesicht: Deutschland am anderen Ende und hier - denn man glaubt es nicht -ÃoBER ALLES, hieß es. Man fändeden Reim heute ohne Gewicht. Es reimt sich doch alles nicht!
Auf was ist zu hoffen, auf bessere Dichter oder auf ein besser wahrnehmbares und so annehmbares Deutschland? Oder bedingt das eine das andere? Also doch: Deutschland ein Wort aus dem Ausland. Heine liegt in Paris begraben, Eichendorff und Opitz in Polen, Max Herrmann-Neiße in London. Und die deutschen Dichter aus Rumänien, aus der Bukowina, aus Siebenbürgen und dem Banat, die Dichter aus Böhmen und Mähren, aus Prag und Pressburg - zu welcher Kultur gehören sie, wem geben sie Halt und Geländer? Ihre Sprache und Dichtung und somit das Sprachland Deutschland zirkeln keine politischen Grenzen, sie lassen in Frieden wie alle Literatur. Es lässt sich das geistige Gefilde, das sich mit dem Begriff deutsch auch verbindet, erkunden, das freiheitliche, das Atem schaffende, das weltbürgerliche Deutschland im Sinne Heinrich Heines, Thomas Manns und Reiner Kunzes, jenes, das vielleicht dann weniger ein Vaterland ist, sondern eher ein Mutterland, voller Anmut und Aufnahmefähigkeit für andere. Rose Ausländer , dichtete:
Mutterland

Mein Vaterland ist tot Sie haben es begraben Im Feuer
Ich lebe

In meinem Mutterland Wort.
     

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Vaterland  Wort  -  Horizonte  der  deutschen  Sprache    


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