Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Der kontrapunktische dialog -im grenzbereich von literaturwissenschaft und essayistik

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Einen Halt suchen - Episoden siebenbürgisch-deutscher Erzählliteratur (I950-2000)



In unserer Betrachtung zur neueren Prosaliteratur siebenbürgischer Autoren wollen wir ein Motiv hervorstellen, das zu den Grunderfahrungen menschlicher Existenz und Sinndeutung gehört.
      Dieses Motiv hatte in Siebenbürgen bereits im Zeitalter des Humanismus Kontur gewonnen: Der Gelehrte und Kirchenreformator Johannes , Sohn eines Lederers, nannte sich - einer bekannten Sage zufolge -Honterus, weil er in jungen Jahren, beim Baden in einem reißenden Gewässer, nur durch den Griff nach einem Holunderstrauch vor dem Ertrinken bewahrt wurde. Die Geschichte wird im Honterus-Schrifttum zwar vermerkt, Historiker bestreiten allerdings ihren Wahrheitsgehalt. So misst ihr auch Johann Seiveit in seinen Nachrichten von Siebenbürgischen Gelehrten wenig Bedeutung bei. Diese "Erzählung bleibe bey ihrem Wehrte", das heißt im Bereich mündlicher Überlieferung, "wie man sagt", im Gelände ungewisser Angaben; unzweifelhaft ist für Seivert bloß die Tatsache, dass die für Genealogien "schädliche Gewohnheit", "Namen in Griechische und Lateinische zu verwandeln oder ganz unbekannte anzunehmen [...] unsern Vätern [...] nicht ungewöhnlich war".
      Auch Georg Daniel Teutsch unterlässt es nicht, bei dem ins Auge gefassten biographischen Detail - Errettung aus "Wassersgefahr" - zu verzeichnen, die Auskunft sei nicht mehr als eine erfabelte kleine Geschichte: "wie die Sage geht".
      In neueren Zeiten widmete sich Hans Dehmel der "erstarrten Namenslegende", bemüht, die ihm als unstichhaltig erscheinende Überlieferung anhand wenig beachteter bzw. hypothetischer Zusammenhänge zu ersetzen und dabei einen anderen geographischen Raum - Flandern - in die Untersuchung einzubeziehen.' Die Sage vom hilfreichen Holunderstrauch und Theorien zur Deutung des Namens "Honter" wurden schließlich auch von Ludwig Binder "kritisch gesichtet".
      Mag sie auch von Biografen des Johannes Honterus abgelehnt werden, bleibt die angebliche Bewahrung seines gefährdeten Lebens dennoch eine ansprechende, die Phantasie beflügelnde Episode. Sie soll uns deshalb gleichsam als Paradigma bei der Erörterung verwandter Begebenheiten dienen. Aufgegriffen werden Szenen, in denen die Protagonisten des geschilderten Geschehens aus Bedrängnissen verschiedenster Art errettet werden, weil sich ihnen im richtigen Augenblick eine Stütze bietet.
      Bei derartigen Ereignissen, bei ihrer Ergründung im Leben wie in der Dichtung, wird früher oder später die Frage laut, ob es denn einen Zusammenhang zwischen der Person, zwischen der Lage, in der sie sich befindet, und ihrer Schonung, ihrem Weiterbestehen gibt. Bei dem Kirchenexponenten Honterus wird man unwillkürlich an einen Eingriff höherer Mächte denken, und tatsächlich wurde einst im heimatkundlichen Unterricht sowie während protestantischer Kathechetik, in Kanzelreden und Festansprachen auf dieses Moment verwiesen, dessen Quintessenz die Symbolgestalt des Schutzengels ist.
      Häufiger freilich mag es gewesen sein, die frappante Wendung in außergewöhnlicher Handlung mit dem Begriff "Schicksal" zu kennzeichnen und ü-ber dessen Unerforschbarkeit zu rätseln. Weiterhin gab und gibt es die Möglichkeit, eine ganze Vielzahl der Verknüpfungen zwischen außergewöhnlichen Vorgängen aufzubieten, mitunter in wahrnehmbarem Dilemma, das heißt, ohne zu wissen oder erkennen zu lassen, welche Faktoren den Ausschlag gegeben haben - angesichts komplexer, in vielem auch rätselhafter Vorfälle versagen erklärende Bestrebungen oft und lassen den sonst beredten Ausdeuter schwieriger Verflechtungen verstummen.
      Wir wollen aber nicht vorgreifen und mit interpretatorischer Theorie beginnen, so verlockend dies auch sein könnte, etwa im Anschluss an Alfred Dopplers Untersuchung Der Abgrund?, vielmehr möchten wir einzelnen Texten einiges von ihrer Spezifik im Bezirk "Halt suchen, Halt finden" ablesen.
      Zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn verfasste Hans Bergel die Erzählung Begegnung mit Treff, 1957 in einem Eigenband des Autors erschienen. Geschildert wird eine Bergbesteigung, harmlos in den Veranlassungen und den gemeinhin waltenden Umständen, höchst gefahrvoll in dem vergegenwärtigten Sonderfall.
      Anhand einiger Bezeichnungen wie Arpasch, Wasserfall-Hütte, Seekessel wird als Erlebnisraum das Bulea-Tal im Fogarascher Gebirge erkennbar. Diese dem Erzähler - wie er sagt - von früher her vertraute Gegend verliert durch Nebel, Gewitter, Dunkelheit jeglichen einnehmenden Zug und verwandelt sich für den in eine Felswand der "Kesselburg" verstiegenen Ausflügler in eine unwegsame Steile, in der unvorsichtige Bewegung verhängnisvoll sein könnte. "Jeder weitere Schritt", heißt es da, "war ein Spiel mit dem Tod".
      Ein Hirtenhund, von dem Erzähler mit dem Namen "Treff angerufen, hatte sich am Anfang der Tour zu ihm gesellt und ihn eine gute Strecke Wegs begleitet, bis ihm dies von seinem Herrn, einem "Unhold in Pelz", brutal verwehrt wurde. Viele Stunden später, in jener von Sichtbehinderung, Nässe, Kälte und Absturzgefahr gemischten Bedrängnis, ist der Hund plötzlich wieder zugegen, und diesmal ist der Erzähler erst "in Grauen und Entsetzen"8, dann in freudigem Erkennen Treff zugewandt. Abwehr und Aufgeschlossenheit, namenloses Staunen und fügsames Sich-Überantworten erfüllen den Erzähler, da er sich von der geheimnisvollen Kreatur aus der Felswand hinaus und zur Schutzhütte geleiten lässt.
      Zwiespältig bleibt das Gefühl des Geretteten Treff gegenüber auch später, als er "aus einem Angst- und Willensgefühl heraus" sich gegen die Erkenntnis empört, durch den Hund dem Lawinentod entgangen zu sein. Trotz abweisender Behandlung hält sich Treff an der Seite des heimkehrenden Touristen, bis zu dessen Ankunft im Bahnhof, ja selbst hier verhindert das Tier einen Unfall. Eine vom anfahrenden Zug herabstürzende Traverse hätte den Bergsteiger töten können, wäre der Hund nicht gewesen - nur durch dessen Zuwendung forderndes Verhalten hatte der Erzähler den Platz auf dem Trittbrett eines Güterwagens verlassen.
      Noch völlig verwirrt lässt sich der Erzähler von Mitfahrern auf den Zug helfen, und erst nach allmählicher Beruhigung empfindet er in Nähe der ihn teilnahmsvoll betrachtenden Wageninsassen, "dass ich in die Heimat gefunden hatte, deren ein jeder von uns bedürftig ist".

     
   Die Erzählung Begegnung mit Trejf enthält in ausgeprägter Weise sämtliche Bauteile der anvisierten Erzähl struktur: eindringlich geschilderte Gefahr; Hilfe in der Not, wobei als Agens des Schicksals ein Hund auftritt; Erwägungen über dessen Rolle; Annahme und Ablehnung solcher Schicksals-Einmischung; dramatisches Geschehen mit mehreren Momenten höchster seelischer Anspannung; schließlich der im Heimatgefühl gefundene Halt. Bloß bei Letzterem wollen wir verweilen, von eigenen Aussagen des Autors dazu angeregt. Spätere Lebenserfahrung brachte ihm zum Bewusstsein, die in jungen Jahren gerade auch während seiner Wanderungen und Inland-Reisen gefundene Heimat könne seinesgleichen auch wieder entzogen werden. Der anfangs als natürlich und als rechtmäßig empfundene Vorgang der Beheimatung wurde durch Zwangsmaßnahmen des erst "volksdemokratisch", dann "sozialistisch" benannten Regimes in sein Gegenteil verkehrt, in die "Entheimatung". Von dieser, von dem "Prozess der inneren Entheima-tung der Siebenbürger Sachsen", sah sich auch Hans Bergel erfasst." So wird es nicht wundernehmen, dass er den einstigen durchaus konkreten Heimatbezug nach und nach in die Zonen des Gedachten, des Vorgestellten, des Erinnerten verlegte, ihn weniger mit Landschaft und Siedlung, mehr mit einzelmenschlicher Option verbindend. "Als Siebenbürger Sachse erfuhr ich gleich vielen anderen auf bittere Weise, dass Heimat nur noch in uns selber liegen darf, wollen wir Heimat retten". Denn Heimat, ein "Erfahrungswert", istvor allem dies: die Verwurzelung des Menschen in sich selber, sein In-sich-selber-Ruhen, in seinem Erbe und in der Selbstverständlichkeit seines Verlangens, an diesem teilzuhaben und mitzuwirken.

     
   Die Heimat, deren ein jeder von uns bedürftig ist... Mit diesen Worten klingt die Erzählung aus, eine packende Schilderung aus den fünfziger Jahren. Wer damals in Siebenbürgen lebte, wird sich erinnern können, dass der Heimatbegriff zum guten Teil anhand des verkehrstechnisch noch wenig erschlossenen Hochgebirges und der abgeschiedenen Waldberge bestimmt wurde, anhand auch einer urtümlichen Lebensweise, im natürlichen Seinszusammenhang, fern der in Freizeiten gerne verlassenen urbanen Zivilisation. Das Gebirge also - in seiner Wildheit und mit seinen Gefahren, die in Bergeis Erzählung zum Erlebnis werden und am Ende gar einen seelischen Ertrag, ein wenig mehr Festigkeit in der Erkenntnis existenzieller Bedingtheit und Zielrichtung vermitteln, etwas mehr Halt in den Ungewissheiten des gesellschaftlichen Alltags.
      Wie vergänglich aber eine solche Sicherung, eine schrittweise aufgebaute Beziehung zwischen Welt und Ich sein können, wenn man die einzelnen Faktoren und ihr Regelwerk nicht beachtet und das in stetiger Bemühung erworbene Maß verliert, zeigt die Novelle Strahlenlose Sonne von Paul Schuster .
      Die dargestellte Szenerie ist die gleiche wie im Bergeischen Gebirgsbild: der Bulea-Kessel, in Schusters Schilderung durch zusätzliche Bezeichnungen wie Paltina , Gemsensattel, Bergspitze "die Jägerin" fixiert. Die Konfrontation ist jedoch eine andere: nicht jene zwischen Mensch und entfesselter Natur, zwischen Tier und Mensch wie bei Bergel, sondern zwischen zwei Auffassungen von der Gebirgswelt, zwischen zwei rivalisierenden Verhaltensweisen, die als Gegensätze umso prägnanter in Szene treten, als sie von zwei jungen Männern verkörpert werden, von Steff und Volker, den Nebenbuhlern im Verhältnis zu einem Mädchen, zu Ruth.
      Wir wollen uns auf jenen Aspekt der Problematik einer recht breit angelegten, spannend geschriebenen Novelle beschränken, den wir selbst gewählt haben: Halt verlieren, Halt gewinnen.
      Beim Identifizieren der für unseren Entwurf sprechenden Partien erkennen wir: Einer vernünftigen, eher vorsichtigen, dabei keineswegs ängstlichen Einstellung zu dem Felsmassiv und seinen Gefahren, von Steff an den Tag gelegt, steht Volkers Verhalten gegenüber, das Besonnenheit vermissen lässt. Volker stellt Waghalsigkeit über alles, so sehr, dass sämtliches daraus erfolgende Tun verantwortungslos erscheint.
      Der Autor, sichtlich auf Seiten Steffs, registriert dessen Abwehrhaltung in vielen Einzelheiten. Konsterniert nimmt Steff zur Kenntnis, was Volker äußert, was dieser sich in seiner tollkühnen Vorgangsweise herausnimmt. Abfahrten steigern sich zu regelrechten Wettläufen bzw. bravourösen Eskapaden, das heißt verdeckten kämpferischen Auseinandersetzungen. Einiges von den Volker betreffenden kritischen Einschätzungen sei hier zitiert: Der von ihm gewählte Aufstieg, über den "Westhang", ist "Tollheit", möglicherweise "bewusste Herausforderung", erklärlich durch eine fragwürdige "Leidenschaft für Wagnis und Gefahr". Volkers Auftreten wird als das Erscheinen eines "arroganten Abenteurers der Einsamkeit" bezeichnet. Seine Absicht, von der Paltina-Spitze abzufahren, "war Leichtsinn. Konnte tödlicher Leichtsinn sein". Durch die Umstände ist Steff genötigt, bei diesem Vorhaben mitzutun, wobei er "die Unmenschlichkeit Volkers ganz" erfasst, dessen "wilde, verantwortungslose Ichbesessenheit". Und die Abfahrt auf dem für winterliche Begehung ungeeigneten Sommerweg wird, weil auch Ruth im Spiel ist, nicht allein als "Wahnsinn" charakterisiert, sondern auch als "Gemeinheit".

     
   Wer solcherart Gefahren sucht und, einer heroischen Attitüde zuliebe, den erprobten Halt aufgibt, kann nicht unter jene eingereiht werden, die sich um mehr Sicherheit bemühen, denen daran gelegen ist, halbwegs feste Positionen zu erringen und zu halten.
      Trotz eventuell anderer Erwartung erweist Volker sich durchaus nicht als Personifikation stumpfen Geistes. Friedrich Hölderlins Lyrik gehört zu seinem wagemutig-kämpferischen Konzept, und das nicht von ungefähr. Denn tatsächlich kann das Werk des Dichters zu einer Apologie heroischer Lebensauffassung herangezogen werden, zumal wenn man sich - wie Volker -der im Kriegsjahr 1942 herausgebrachten Hölderlin-Ausgabe Vom heiligen Reich der Deutschen bedient.
      Im Übrigen stellt sich heraus, Volker sei während des Weltkriegs Leutnant gewesen. Seit jener Zeit, vor allem seit dem Rückzug, also "im Untergang", verherrlicht er die Gefahr und ist bedenkenlos darauf aus, im Wagnis das "starke Lebensgefühl" zu erfahren." Während des Krieges wurde einem solches Lebensgefühl zuteil, Bedingung war freilich das "dauernde, engste vis-a-vis mit dem Tod". Volker räsonniert: "[...] je größer die Gefahr, in der man lebe, desto stärker sei auch das Bewusstsein, dass man lebe. Und wenn der Krieg überhaupt einen Sinn habe, sei er nur hierin zu sehen". Er ergänzt: "Hierin allerdings ein tief ethischer".

     
   Solche Ethik ist nun nicht nach Steffs Geschmack und auch nicht im Sinne seines alter ego, des Autors. Paul Schuster lässt die, seinen eigenen Überzeugungen verwandte Hauptperson Abscheu vor Volkers Äußerungen empfinden, und er stellt Volkers Credo Werte entgegen, die eine positive Weltsicht untermauern: friedliche Arbeit, Streben nach Harmonie, humanistische Gesinnung.
      In diesen Werten, in ihrem aufs Maßhalten gerichteten Maß, lässt sich Halt finden - das suggeriert Paul Schuster seinen Lesern in Strahlenlose Sonne, dem literarischen Erzeugnis der Zeit um 1960. Die geistigen Grundlagen des "volksdemokratischen" Staates, seine sich fortschrittlich gebende Ideologie, ist das Ethos, mit dem Schuster auf das Abenteurertum einer nihilistischen, destruktiven und retrograden Weltanschauung reagiert.
      Das vom Jugenderlebnis des Johannes Honterus vorgezeichnete Schema wird überall dort verfehlt, wo die mit Not bestandene Gefahr mutwillig gesucht wird. Fragwürdiges kommt hiermit ins Spiel, und der nüchterne Sinn beurteilt die eingetretene Katastrophe als selbstverschuldet. Kopfschütteln, Stirnerunzeln, Achselzucken sind als Reaktionen der Mitwelt nicht selten. Ein Motiv im Roman Heinrich, der Wagen bricht von Andreas Birkner ist gerade dies: die provokante Leidenschaft für die Gebirgs-welt, eine auf "geborene Stubenhocker" geradezu aufreizend wirkende Sucht, das gesicherte Leben im Flachland zu verlassen und in den Bergen "alle Glücksmomente und Entzückungen" zu erleben. Die "Erdklumpen seiner provinziellen Herkunft" hindern den Geistlichen Lukas Lindert, die Begeisterung seiner Gattin für das Hochgebirge zu teilen, und so kann er - wie er sich eingesteht - ihren Lawinentod auch nicht gerecht einschätzen. In seiner Resignation, angesichts ihrer Leidenschaft und einer davon verursachten Entfremdung, verspürt er ein "stilles Einverständnis mit dem Unglück, ein Einverständnis um der toten Frau willen, die der weiße Schnee erstickt hatte"; er kann sich sagen: "Sie hat's geschafft - erreicht, was ihr das Höchste war, ganz und gar von einem einzigen Entzücken umfangen".

     
   Ungleiches Verständnis für Lust und Laune, für Glück und Zufriedenheit wirkten sich in ihrer Ehe trennend aus - "Eines hat dem anderen missgönnt, von dem es gemeint, das werde ihm vorenthalten" -, und so entwickelte sich eben die einseitige Passion der Frau für die Bergwelt. Sie empfand in der Höhe die "Herrlichkeit des Ausblicks über die Welt", und das war ihr Religionsersatz: "Darüber kann man fromm werden". Vage ist von Schuld die Rede, was an der geschilderten Ehe-Konstellation liegt, nicht etwa an dem Entrücktsein in die von menschlicher Moral gleichsam freie Bergwelt. Wie sehr diese in eine zwingende Schuld-Sühne-Relation einbezogen werden kann, hatte eine Erzählung aus älteren Zeiten , Die Schlucht von Heinrich Zillich , gezeigt.
      Die Gefahr abzustürzen lauert nicht nur in den Felsregionen des Gebirges, sie droht bisweilen auch in der Ebene, wovon denn unsere Autoren desgleichen berichtet haben.
      Ein Sturz aus dem Dachstuhl des Kirchturms auf den Boden der Glockenstube wird im Roman Das Jüngste Gericht in Altbirk von Erwin Wittstock geschildert. Die Begebenheit endet mit dem Tod des Hinabgefallenen, wohl ohne dass er, ein Schuljunge, den Unfall bewusst erlebt hätte. Ein bitteres Ereignis, gar das bitterste für ihn, doch ohne tragische Konotati-on, wenn man unter "tragisch" schuldhafte Verknüpfungen mit bedrückendem Ausgang verstehen will.
      Die Tragik betrifft vielmehr seine Angehörigen: die Mutter, obwohl sie nicht aus eigener Schuld oder durch Mitschuld den Sohn verliert. Vor allem aber richtet sich die Tragik auf den Vater, der an dieser verhängnisvollen Wende seinen Anteil hat. In dem verzweigten Geschehen ist er, Felix Moser, der einzige Verlierer, der den Verlust sühnen und als Anlass zur Buße auffassen müsste.
      Ein Fehlverhalten hatte die Handlung in Gang gesetzt. Der vom Ortsapotheker aus Birkenblättern zubereitete Pfingsttee, traditionellerweise für die meisten Bewohner von Altbirk erzeugt, wird irrtümlich mit dem Absud giftiger Pflanzen - darunter Bilsenkraut - versetzt, mit einem Extrakt, der nur in geringen Mengen nicht schadet, vielmehr als Heilmittel dienen kann. Ü-belkeit, Wahnvorstellungen, Sehtrübungen stellen sich bei jenen ein, die vom Tee genossen haben, und bewirken Massendelirien. Der einstige Lehrer Felix Moser, eine verkrachte Existenz, erkennt den Zusammenhang zwischen Trank und Besessenheit, auch weiß er, die Wirkung des unbeabsichtigt eingenommenen Giftes werde nachlassen. Dennoch klärt er die Mitbürger nicht auf, er streut im Gegenteil hier und dort das Gerücht aus, das Jüngste Gericht sei angebrochen. Moser tut das, um sich an der Gemeinde und an deren Führung für manche Zurücksetzung und Kränkung zu rächen.
      Als Urheber des vermeintlichen Jüngsten Gerichts, dieser leichtfertigen Inszenierung, erlaubt Moser sich ein Spiel mit Gesundheit und Wohlbefinden der Altbirker, gar mit ihrem Leben und Sterben, wie gerade der Tod seines Sohnes zeigt. Denn Moser war es, der einige Jungen aufforderte, die drei Kirchenglocken wie bei Feuersturm zu läuten, und der dem unvermutet an ihn herantretenden Sohn erlaubte, auf den Turm zu steigen und dort, "unter dem Turmdach, das Galgenglöckchen", die "Arme-Sünder-Glocke", zum Tönen zu bringen.

     
   Da dem lange nicht mehr verwendeten Glöckchen "Zugvorrichtung und Läuteseil" fehlten, bezog Hermann eine von Bauarbeitern zurückgelassene hölzerne Vorrichtung und "hämmerte bald mit einer eisernen Klammer auf das Glöckchen ein, bald schlug er mit dem Klöppel gegen den Glockenkranz". Hierdurch mischte sich in "das Stürmen mit den drei Glocken" ein
Klang darein, den das lebende Geschlecht von Altbirk noch nie vernommen hatte, dessen aufgeregten, schrillen Ton es nur aus den Erinnerungen der Urgroßeltern kannte, und dieser Klang war nun erst recht ein entsetzlicher Schreckensruf, der das Birkbachtal mit unsagbarer, opferheischender Wildheit durcheilte.
      Nach Hermanns Absturz waren die Freunde "der Meinung, dass sein be-wusstloser Zustand dieselbe Ursache habe wie bei den vielen anderen, die heute, wo sie gingen und standen, hinstürzten und kein Glied mehr zu rühren imstande waren", und auch Erwachsene glaubten, er sei "auf seinem Hochsitz ohnmächtig geworden", "doch sei er glücklich gefallen, man sehe, dass er unverletzt sei".,: Ein trügerischer Schluss, war doch sein Genick gebrochen.
      Das Kind Hermann Moser wird wohl bei seinem Fall aus der Höhe versucht haben, dem Unheil zu entgehen, doch gelang es ihm nicht, einen Halt zu finden. Der Autor geht auf Einzelheiten nicht ein, der Tatbestand, Hermann sei zu Tode gestürzt, zählt als solcher und scheint sich weniger auf den Verunglückten als auf seine Umgebung zu beziehen. Denn die Problematik des bedauerlichen Missgeschicks wie auch insgesamt der verhängnisvollen Verläufe an jenem turbulenten Pfingsttag wird auf die Erwachsenen übertragen, im Besonderen auf Hermanns Vater, Felix Moser.
      Wird es ihm gelingen, aus Schwäche und Verfehlung wieder herauszufinden, also sicheren Boden unter den Füßen zu spüren oder für seine zupackende Hand den sprichwörtlichen Anhalt zu erlangen? Er gilt als unbeständig und unverlässlich, als ein durch Trunksucht zum Außenseiter gewordener Mensch ohne Halt.
      So sind auch die Aussichten, in sein Leben wieder mehr Stetigkeit zu bringen, relativ gering. Die Stütze, die ihm seine einstige Gattin durch ihre unaufdringliche Hilfe bietet, ist fast das Einzige, worauf er bauen kann. Die Gemeinschaft in der Marktgemeinde Altbirk kommt da schon weniger in Betracht: Sie gewährt zwar einen festen Rahmen für solidarisches Vorgehen, für Hilfestellung, doch fordert sie im Gegenzug tatkräftigen Einsatz verschiedenster Art, und solchen bringt Felix Moser kaum mehr zuwege. Er lebt am Rand, nicht ganz preisgegeben von den Übrigen, aber auch nicht für voll genommen.
      Eine radikale Besserung wird in seiner Lage nicht zu verzeichnen sein - das gibt der Autor seinem Lesepublikum zu verstehen. Sollte aber der Wandel zum Guten eintreten, dann im Sinne christlich-humanistischer Leitsätze, die in dem Ideengeflecht des Romans mehrfach angeklungen bzw. ausgesprochen werden.
      Solche Ausrichtung ergibt sich zwanglos, vielmehr: Sie würde sich ungezwungen ergeben, und das, obwohl in dieser Frage letzte Gewissheit nicht zu erlangen ist. Zunächst einmal, allgemein betrachtet, weil die Zusammenhänge zu komplex, die Charaktere zu vielseitig sind für ein lapidares Fazit. Weiterhin aus einem kompositorisch-formalen Grund: Dem unabgeschlossenen Roman fehlt nämlich das Schlusskapitel, in dem Felix Moser mit dem Tod seines Sohnes konfrontiert werden sollte, und so kann auch die Perspektive des Werks, der Handlungen und Gestalten nicht vollends, sondern nur annähernd deutlich werden.
      Ähnliches Geschehen, nämlich einen Fall ins Innere des Kirchturms, aus ragender Höhe bis zu dem von mulmigem Staub bedeckten Boden, erzählt E-ginald Schlattner in seinem Roman Der geköpfte Hahn. Das Kapitel ist "Höllenfahrt" betitelt, im Gegensatz zu der in verfremdender Beiläufigkeit in den Text eingebrachten "Himmelfahrt Christi"13, im Kontrast freilich auch zu der mehrfach gestörten Konfirmationsfeier, die im Mittelpunkt der Schilderung steht. Bei "Höllenfahrt" sieht man sich an das ebenso benannte "Vorspiel" zu Thomas Manns Roman-Tetralogie Joseph und seine Brüder erinnert, was von Schlattner, der in seiner Prosa gerne Thomas Mann zitiert, möglicherweise beabsichtigt wurde.
      Der Ich-Erzähler, unter dem man sich einen sechzehnjährigen Jungen vorzustellen hat, ist vom Pfarrer beauftragt, während des Konfirmationsgottesdienstes, zu genau bestimmten Zeitpunkten von der Empore auf den Turm zu eilen, um dem Glöckner das Zeichen zum Beginn bzw. zum Abschluss des Geläutes zu geben, im Einklang mit Anfang und Ende der Einsegnung. Der Bursche verrichtet diesen kleinen Dienst schon seit Jahren, ein beflissener "Akteur im Hindergrund", ein "Professionist in Sachen Konfirmation"34, obwohl er selbst, als treues Mitglied der nationalsozialistischen "Deutschen Jugend" , sich nicht konfirmieren lassen will.
      Man kann nicht zwei Herren dienen, das behauptete schon die Bibel. Ja, ja, nein, nein! Was darüber ist, ist von Übel! Für mich war alles klar: Ich hatte einen Eid abgelegt auf den Führer [...].

     
   In gebotener Hast - "wie ein Fidschipfeil"* - erfüllt er den Auftrag, indes bricht in dem einen, jenem vermaledeiten Jahr die vorletzte Sprosse und lässt ihn von der Leiter abgleiten. Er versucht, sich an all dem anzuklammern, was seinen Sturz verhindern oder auch nur verzögern könnte: "Ich schnappte nach den Sprossen der Treppe, doch die Hände rutschten ab. Ich langte nach dem Geländer, das wegkippte"." Schließlich gelingt es ihm, das Seil zu fassen, an dem die Gewichte der Turmuhr befestigt sind. Das also ist der minimale Halt, der sich ihm bietet und der die Wucht des Falls und des Aufpralls nur wenig vermindern kann. Der Junge schlägt "im kirchlichen Gerumpel auf der Sohle des Turmes" zu Boden und versinkt "in einer Wolke von Moder", worauf ihm "für etliche Zeit Hören und Sehen" vergeht.

     
   Durch den jähen Niedergang gerät die Turmuhr in Aufruhr. Das Schlagwerk "hallte hektisch und wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser. Zuletzt ertönte ein Stakkato, das die Leute im Gotteshaus von den Sitzen hob und die Menschen in der Stadt in Schrecken versetzte", gilt doch das "geisterhafte Signal vom sächsischen Turm als gesicherte Information" über einen nahen Luftangriff, und es wird deshalb von den Sirenen aufgenommen und verstärkt. Die aufgescheuchte Gemeinde wiederum, zuerst von Panik erfasst, wird vom Pfarrer in die "zyklopisch gemauerten Keller des Pfarrhauses" e-vakuiert, gleichsam zu einem "Katakomben-Gottesdienst". Womit bleibt der Ich-Erzähler, welches ist der Ertrag dieser Begebenheit für ihn? Trotz Frühreife ist sein Entwicklungsgrad dennoch jener der eigenen Altersklasse, jedenfalls noch nicht der eines Erwachsenen. Demgemäss erfasst er die im Kirchenraum vernommene Glaubensbotschaft nicht als gerundete Lehre, sondern als Fülle von Einzelaspekten, von disparaten Daten, von plastischen Zitaten, die mitunter im grotesken Gegensatz dazu sind, was sich abspielt.
      Die Widersprüche werden ihm umso deutlicher bewusst, als er sich dem Vernommenen und Gesehenen verweigert und auch während der Konfirmation, bei dem ,,üppigste[n] Gottesdienst, den die evangelische Kirche in Siebenbürgen anzubieten hat"41, mehr die kuriosen Aspekte aufnimmt und ansonsten gegen eine unkritische Rezeption der Vorstellungen und Vorschriften uralter Konfession rebelliert. Vieles von dem, was er in der Kirche hört, bleibt Ausdruck eines von außen an ihn herangetragenen Denk- und Empfindungsgehalts, bleibt skeptisch aufgenommenes Wissen. Nutzbar für unsere Thematik ist auch eine andere Episode. Zur Strafe für ein angeblich begangenes Vergehen muss der Erzähler eine Hausfront in beträchtlicher Höhe entlang klettern, und er besteht die gefahrvolle Lage. Die Herausforderungen und Zumutungen der doktrinären Jugendgruppe, deren Mitglied er ist, lassen ihn nicht zur Besinnung und damit zu einem ausgewogenen Fazit der Begebenheiten gelangen. Und doch hatte er während der ihm auferlegten Mutprobe etwas begriffen "von der bewahrenden und rettenden Kraft im Leiden für andere und von der freundlichen Gegenwart der Engel Gottes".
      Er ist rezeptiv genug, der Aufforderung des Pfarrers nachzukommen, einen ihm angegebenen Psalmvers nachzulesen. So nimmt er jene Bibelstelle zur Kenntnis, die - folgerichtig im gedanklichen Zusammenhang des Geschehens - an den Schutzengel erinnert und ihm bereits zu Ohren gekommen war: Er hatte den Spruch schon während des Gottesdienstes gehört, in welchem das von ihm verehrte Mädchen konfirmiert wurde, kurz vor dem Sturz vom Turm.4'
Eine andere Art, in die Tiefe zu fallen, abweichend in den Ursachen, im deutenden und rechtfertigenden Nach Vollzug beansprucht nun unsere Aufmerksamkeit. Carmen Elisabeth Puchianu erzählt vom verunglückten Seiltänzer, vom "Strohschneider", der zur Jahrhundertmitte in Siebenbürgen - mitsamt einigen im Unfalltod aus dem Leben gerissenen Rennfahrern und Bergsteigern - zu den von jung und alt gekannten Gestalten gehört hatte. Die Autorin hebt sein Außenseitertum hervor, sie zeigt, wie sehr er durch die auf solidere Grundlage gestellten Stadtbürger oder Landbewohner abgelehnt wird. Lediglich als Unterhalter lassen sie den Artisten einigermaßen gelten. Den Auftritt auf dem Platz eines Städtchens, die letzte Vorstellung seines Lebens, beobachtet eine kleine Zuschauerin, ein Mädchen, das ihn bewundert und innerlich gegen Spott und Häme mancher Betrachter in Schutz nimmt. Die Darbietung verläuft programmgemäß, obwohl Strohschneider sich in relativ schlechter Kondition befindet, der Veranstaltung fehlt bloß ein wirkungsvoller Abschluss. Und dann sein Fall - "wie ein Stein" stürzt der Seilkünstler in die Tiefe.

     
   "Blankes Entsetzen weitete die Augen der Versammelten". Dies die Wirkung im Publikum. Das Mädchen und ihr Bruder wiederum werden wegen unpünktlicher Heimkunft schwer gezüchtigt, und darin liegt die "Moral" der Geschichte: in einer wüsten Schändung des Leibes, die dem Mädchen freilich den Tod des Akrobaten verdeutlicht. Es war dem gemaßregelten Kind, "als höre es bei jedem Schlag des Gurtes den dumpfen Aufprall des menschlichen Körpers auf dem Platz".

     
   Die durch Schmerz und Leid gepeinigte Kreatur zeichnet sich überdeutlich in den Schlusspartien der Erzählung ab. Verständlich wird hierdurch, warum Carmen Puchianu nicht wie die bisher genannten Autoren Seelentrost und Lebensstütze im Heimatgefühl, auch nicht im "volksdemokratischen" Fortschrittsglauben oder in christlich-humanistischer Überlieferung sucht. Dem Honterschen Modell ist Puchianus Erzählung Der Strohschneider nur wenig konform. Die Gefahr tritt ja nicht unversehens ein und wird nicht im letzten Augenblick abgewendet - sie wird im Gegenteil bewusst in Rechnung gestellt, ihre Tücken und schlimmen Folgen sind während der Aufmerksamkeit und Beifall heischenden Szenen marktschreierischer Sensation allgegenwärtig.
      Gleichsam ein Spiel mit Leben und Sterben wird dem Publikum vorgeführt, der Artist treibt mit den Schicksalsmächten seinen Schabernack und ist darauf aus, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen - bis dieser sich sein Opfer holt. Solches Verhalten entbehrt nicht einer gewissen Frivolität, was denn auch die Mischung von staunender Anerkennung und Missachtung unter den Zuschauern erklärt.
      Die Geringschätzung für fahrendes Volk lässt sich durch den so sehr anderen Lebensstil der Vaganten erklären, durch die von den Prinzipien der meisten Erdenbewohner abweichenden Gepflogenheiten eines "Strohschneiders". Das von ihm immer wieder eingegangene Risiko ist im Gegensatz zum Streben nach Halt und Sicherung des Durchschnittsmenschen, der ungenötigt kaum je auf die soliden Grundlagen seiner Existenz verzichtet. Zumal die Gesellschaft dem Einzelnen andauernd die Normen vorbildlichen Verhaltens kundtut, an Begriffen im Umkreis des Rechtschaffenen, Stetigen, Gediegenen, Zuverlässigen orientiert.
      Bezeichnend für eine mit derartigen Termini untermauerte Mentalität der Treue und Redlichkeit, für die in ihrem Sinne propagierte Einstellung schlichter Achtbarkeit ist ein Satz in Hans Liebhardts Skizze Zirkus Guido: "Ein Christenmensch geht in die Kirche und nicht in den Zirkus". Wie sehr zugespitzt diese Äußerung auch anmuten mag und des ironischen Untertons nicht entbehrt, bringt sie dennoch zum Ausdruck, dass gefährliche Unternehmungen oder leichtfertiger Zeitvertreib tunlich zu meiden sind.
      Von Gefährdungen im konkreten Sinn war bisher die Rede, von Notlagen, denen die gezeichneten Personen entgehen, weil sie Halt im elementaren Sinn finden, oder in denen sie aus Mangel an Stütze, an Beistand erliegen. Nun ist weiterhin jene Episodik zu berücksichtigen, in der Gefahren sich im übertragenen Sinn anzeigen. Erdachtes Geschehen, traumhaftes Erleben rücken ins Blickfeld.
      Bei Durchsicht des in diesen Bereichen angesiedelten Schilderungen zeigt sich bald: Je abstrakter und subjektiver die angepeilten, die erschlossenen Erfahrungswelten sind, je weiter sich die Begebenheiten von den Koordinaten traditioneller Realistik entfernen, desto weniger eindeutig stellt sich der Halt, die rettende Kraft dar, ja diese sind kaum mehr als solche erkennbar und praktikabel. Der überschaubare Zwischenfall aus Honters Jugend, die einfache epische Konstruktion, die sich daraus ableiten lässt, werden irrelevant im Anbetracht traumhafter Räume und freier gedanklicher Assoziation. Georg Scherg legt die aus Friedrich Müllers Sammlung Siebenbürgischen Sagen bekannte Geschichte von der riesenhaften Bassgeige einem nach Märchenart ausgesponnenen, biedermeierlichen Roman zu Grunde, betitelt Bass und Binsen.
      Ein Reisender, ein Schneider, so genannt "von namens- oder berufswegen", in der Erinnerung der Leute "alt und jung, schwarz und weiß, klein und groß, klapperdürr und gedunsen, verdrossen und heiter, verschlossen und neugierig, voreilig und unentschlossen", war in jene Stadt gekommen, in der es "eine Bassgeige gab, die die größte der Welt sein sollte" - sie war mächtig "wie ein Berg". Er bestieg die vielsprossige Leiter, um das Instrument von oben zu betrachten, und fiel dann verhängnisvoller Weise "durch das querliegende Schalloch häuptlings in den Abgrund". Nach einem nicht enden wollenden Hinabgleiten ließ er sich von einer Flaumfeder hoch tragen und kam nach drei Jahren Abwesenheit glücklich wieder oben an.
      Soweit die Geschichte eines beispiellosen Sturzes in die Tiefe, der - ein beunruhigender "Casus" - von mehreren Standpunkten aus betrachtet wird, wobei Georg Scherg in freundlicher Ironie eine Vielzahl von Personen porträtiert. Die frappante, normalen Zeit- und Raumbegriffen nicht unterworfene Abwesenheit des Schneiders erhält eine besondere - die eigentliche - Dimension, wenn man sich aus einzelnen Aussagen und Andeutungen des Autors zurechtlegt, mit jenem fahrenden Schneider sei eigentlich Schnitter Tod gemeint.
      Traumhaftes nimmt in Dieter Schlesaks Skizze Im Bodenlosen Gestalt an. Im Finale stürzt sich ein Reiter in den Abgrund. In seinen Geschichten um Stanislaus meditiert Franz Hodjak über einen bodenlosen Brunnen53, allerdings ohne dies Motiv in jenen Zusammenhang zu rücken, der uns beschäftigt.
Am Schluss meiner Ausführungen gestehe ich gerne, die behandelte Problematik habe mich seit je gefesselt. Irgendwann hatte ich notiert, die von weihnachtlicher Tradition und ihren Sinnzeichen vermittelte Geborgenheit mute trügerisch an, in Wirklichkeit gebe es "kaum Halt, allenfalls Versuche, ihn zu gewinnen"; und mir erschien es angezeigt, mich dazu aufzufordern, "einen Halt [zu] suchen, und sei er noch so von Zweifeln umlauert". Auch hatte ich in einer Skizze den Beweis zu erbringen getrachtet, selbst Widriges, beispielsweise Stacheldraht, vermöge vor Unheil schützen, wenn er sich zum richtigen Zeitpunkt darbiete. Ist man nämlich gerade im Begriff - und vorstellbar ist es immerhin -, in den offenen Schacht eines Salzbergwerks hineinzustürzen, weil sich das Erdreich des Grubenrands gelockert hat, so kann, unter besonders günstigen Umständen, der ebenfalls in Bewegung geratene Drahtzaun den Hinabgleitenden vor dem fatalen Fall bewahren. Der Stacheldraht ist dann "kein Hindernis mehr, sondern die Abhilfe von allen Hindernissen, keine Abgrenzung, kein Verbot", sondern "der einzige Zugang zum Leben".
     

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Einen  Halt  suchen  -  Episoden  siebenbürgisch-deutscher  Erzählliteratur  (I950-2000)    


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