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Der kontrapunktische dialog -im grenzbereich von literaturwissenschaft und essayistik

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Der rumänische Antichrist - Anmerkungen zur amerikanischen Romanserie Left Behind - Die letzten Tage der Erde



Während des Fluges einer Passagiermaschine über den Atlantik geschieht Unvorstellbares: Es fehlt plötzlich eine ganze Reihe von Passagieren, sie sind fort, verschwunden. Nur ihre Kleider, Schuhe, Strümpfe, Brillen und Armbanduhren blieben zurück. Dann stellt es sich heraus: Es war kein Einzelfall. In einem einzigen Augenblick verschwanden auf der Erde Millionen von Menschen. Die Welt droht in vollkommenem Chaos zu versinken. Plötzlich führerlos gewordene Kraftfahrzeuge stoßen zusammen, Flugzeuge stürzen vom Himmel, Menschen brechen verzweifelt nieder, wenn sich ihre geliebten Angehörigen vor ihren Augen scheinbar in Nichts auflösen. Manche deuten diese unfassbaren Geschehnisse als das Werk von Außerirdischen. Andere suchen nach einer rationalen Erklärung. Ein verzweifeltes Forschen nach der Ursache der rätselhaften Ereignisse setzt ein. Nur wenige Menschen beginnen die Wahrheit zu ahnen. Die dunkelsten Tage stehen der Erde aber noch hervor. Doch es heißt, ein großer Unbekannter werde bald die Geschicke der ganzen Menschheit lenken.
      Mit dem Einstieg in den Inhalt des ersten Bandes der Romanserie Left Behind von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, dessen Originalausgabe 1995 bei Tyndale House Publishers, Inc., Wheaton, Illinois, USA, unter diesem Titel erschien, startete die überaus erfolgreiche massenhafte Verbreitung der am Fließband produzierten zukunftsphantastischen trivialen Buchreihe. Inzwischen liegen zehn Einzelbände vor, auch als Buchkassetten. Deutsche Ausgaben erschienen zuerst als Blanvalet Taschenbücher im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House, unter dem Reihentitel Die letzten Tage der Erde, danach im Projektion J. Verlag, Gerth Medien, Asslar. Der als 'Millionenseller aus den USA" bezeichnete Zyklus, wochenlang Nummer eins auf der Bestsellerliste der New York Times, steht seit dem Erscheinen des ersten Bandes ständig auf den vordersten Rängen der US-Bestsellerliste. Die Gesamtauflage der Buchserie liegt bei 50 Millionen. Ihre Verfasser zählen daher zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. Der evangelikale Reverend und Religionslehrer einer freien Christengemeinde, Dr. Tim LaHaye, der die wörtliche Auslegung biblischer Prophetie vertritt, begann 1991 mit einer Propagierung seiner Lehre von der 'Entrückung vor der Trübsal". Mit 'Entrückung" bezeichnet die christliche Bibelkunde die gottgewirkte Versetzung eines Gläubigen von der Erde in die himmlischen Lebensräume, eventuell unter Umgehung des Todes , hier bezogen auf die in der Offenbarung gegebene Verheißung der leiblichen Wiederkunft Christi am Ende der Tage, zur Bewahrung seiner Gemeinde vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Weltkreis kommen wird. In seinem grundlegenden Buch No Fear ofthe Storni , jetzt neu erschienen unter dem Titel Rapture Un-der Attack, wandte sich der Fundamentalist gegen alle anderen Interpretationen dieser Bibelstelle.
      Tim LaHaye gründete gemeinsam mit Rev. Dr. Thomas Ice das 'Pre-Trib Research Center" , Arlington, Texas, das sich der Lehre des 'Prätri-bulationismus" widmet; er ist außerdem Präsident der 'Tim LaHaye Ministries". Er verfasste über 40 Bücher, die in 32 Sprachen verbreitet sein sollen. Sie sind apologetischen Inhalts und befassen sich hauptsächlich mit der Auslegung biblischer Prophetie. In hohen Auflagen erschienen: Understan-ding the Last Days; Snatched Before the Storni und die Tim LaHaye Prophe-cy Study Bible.
      Tim LaHaye gelangte im vorpolitischen Raum inzwischen in die Führungsgremien wichtiger und einflussreicher Organisationen des Netzwerks der christlichen Rechten: der 'Christian Voice" , der 'Moral Majority" und der 'American Coalition for Traditional Values" . Dazu kommt die lange Jahre von Beverly LaHaye geleitete Organisation 'Concer-ned Women for America" , die ca. 1200 Gebets- und Aktionsgruppen umfasst und über ein eigenes Radioprogramm verfügt. Koautor Jerry B. Jenkins war enger Mitarbeiter des bekannten amerikanischen Predigers Billy Graham. Auch die Ãobersetzerin der Buchreihe ins Deutsche, Eva Weyandt, gehört zu LaHayes Mitarbeiterstab.
      Der Titel der Buchreihe Left Behind bezieht sich auf diejenigen Mitglieder christlicher Gemeinden, die der wiedergekommene Jesus Christus bei der Entrückung nicht zu sich geholt, sondern auf der Erde zurück gelassen hat, weil sie ihn nicht ganz und gar im Glauben angenommen hatten. Die Zurückgelassenen, durch die Entrückung ihrer Angehörigen inzwischen zum wahren Glauben bekehrt, hoffen, dass Jesus ihnen eine zweite Chance gewähren wird.
      In ihrem historischen Hintergrund knüpft die Romanserie an die amerikanische Gegenwart an, die weltpolitisch geprägt ist vom Festhalten am Unilateralismus entgegen der Schaffung globaler Strukturen durch die Vereinten Nationen. Reflexe dieser Auseinandersetzungen durchdringen die Romanhandlung, die bestimmt ist durch den zeitlosen Kampf zwischen Gut und Böse. Die lineare Struktur lässt der dramatischen Eröffnungsszene stetig weitere gleich gerichtete Entwicklungen folgen, wobei die nach den gesellschaftlich vorgegebenen Verhaltensmustern ausgerichteten und dadurch für eine Selbstidentifikation präparierten Personen, die 'Helden" der Handlung, einen religiösen Klärungs- und Reifungsprozess erfahren, an dem die Leser teilnehmen können. Diese sind vor allem der Flugkapitän Rayford Steele und seine zwanzigjährige Tochter Chloe; seine Frau und der zwölfjährige Sohn sind entrückt worden.
      Der Journalist Cameron 'Bück" Williams, Reporter des Global Weekly, erfährt während eines Interviews mit dem israelischen Chemie-Nobelpreisträger Chaim Rosenzweig von einem beeindruckenden Mann 'aus einer E-cke, aus der man es nie vermutet hätte - aus Rumänien"3, Nicolae Carpathia, Mitglied des rumänischen Abgeordnetenhauses, der sich für den Frieden einsetzt und eine Abrüstungsbewegung ins Leben gerufen hat. Er ist 'blond und blauäugig, wie die eigentlichen Rumänen, die von Rom gekommen sind, bevor sich die Mongolen mit ihrer Rasse vermischten"4. Später hört Williams, dass Carpathia mit der mächtigsten internationalen Finanzgröße, einem amerikanischen Broker, und anderen Schlüsselfiguren konferiert hat. Die Zeitung berichtet von einer überraschenden Wende in Rumänien:
Die demokratischen Wahlen wurden außer Kraft gesetzt, als, mit der scheinbar geschlossenen Zustimmung des Volkes und sowohl des Ober- als auch des Unterhauses der Regierung, ein populärer junger Geschäftsmann und Politiker das Amt des Präsidenten des Landes übernahm. Nicolae Carpathia, ein dreiunddreißigjähriger junger Mann, geboren in Cluj, hatte in den vergangenen Monaten durch seine populären, überzeugenden Reden die Nation im Sturm erobert, Freund und Feind gleichermaßen. Die Reformen, die er für das Land vorschlug, brachten ihm Ruhm und Macht.
      Das Bild des jungen Carpathia zeigte 'einen außergewöhnlich gut aussehenden Mann mit blondem Haar, der Robert Redford in seinen jungen Jahren glich"6. In Kapitel acht wird der unwahrscheinlich rasche Aufstieg Carpathi-as geschildert: Der junge und dynamische Geschäftsmann, der seine Schäfchen ins Trockene gebracht habe, als sich der rumänische Markt vor Jahren dem Westen öffnete, und einen Sitz im rumänischen Abgeordnetenhaus einnahm, war in den Senat aufgestiegen und nun urplötzlich ohne öffentliche Wahl Präsident Rumäniens geworden, obwohl erst vor achtzehn Monaten ein neues Staatsoberhaupt gewählt worden war. Der vorige Präsident habe seinen Platz freiwillig geräumt und auf der Einsetzung Carpathias bestanden. Da Carpathia sich für die Abrüstung eingesetzt habe, sei er im Volk sehr beliebt gewesen. Dennoch habe es ziemlichen Aufruhr gegeben. Doch seien die einzigen dunklen Flecken in Carpathias Geschichte einige Gerüchte, wonach er vor einigen Jahren mit seiner geschäftlichen Konkurrenz sehr rücksichtslos umgegangen sei. Menschen hätten dabei 'ins Gras gebissen"7. Nicolae Carpathia wird eingeladen, vor den Vereinten Nationen zu sprechen. Der dreiunddreißigjährige Staatsmann wird wie folgt beschrieben:
Carpathia war über ein Meter acht/ig groß, hatte breite Schultern, er war schlank, athletisch gebaut, braun gebrannt und blond. Sein dichter Haarschopf war ordentlich geschnitten und gekämmt, und sein blauer Nadelstreifenanzug mit passender Krawatte war durchaus angemessen und konservativ. Selbst aus der Entfernung merkte man dem Mann seine Zielstrebigkeit, gleichzeitig aber auch seine Bescheidenheit an. Seine Gegenwart dominierte den Raum, und doch schien er nicht von sich eingenommen oder beeindruckt zu sein. Sein Kinn und seine Nase waren typisch rumänisch, und seine stechenden blauen Augen lagen tief unter seinen dichten Brauen.
      Seine Rede hält erin perfektem Englisch ohne eine Spur eines rumänischen Akzentes. Er zog die Worte nicht zusammen und sprach jede Silbe sehr deutlich aus. Wieder sprach er in den sechs UNO-Sprachen, die er fließend beherrschte, und jedes Mal übersetzte er sich selbst ins Englische.
      An anderer Stelle erfährt der Leser, dass Carpathia auch die drei weiteren Sprachen beherrscht, die in seiner Heimat, in Siebenbürgen, gesprochen werden: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Carpathias Rede ist ein nie da gewesener Erfolg, und kurz darauf wird er zum Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. Auf die Frage eines Journalisten, wie lange er in New York bleiben werde, antwortet Carpathia:
Wenn das rumänische Volk es gestattet, vielleicht einen ganzen Monat. Ich bin nur ungern fort von meinem Volk, doch die Rumänen verstehen, dass ich das Beste der Welt im Blick habe, und mit der heutigen Technologie und den wundervollen Menschen in einflussreichen Positionen in Rumänien bin ich zuversichtlich, dass ich mit meinem Volk in Kontakt bleiben kann und dass ihm meine kurze Abwesenheit nicht schaden wird.

     
   Aber Nicolae Carpathia kehrt nie wieder nach Rumänien zurück. Die wiedergeborenen Christen Rayford und Chloe Steele, Bück Williams und Bruce Barnes erkennen, dass Carpathia der Antichrist ist, der mit Lüge, Betrug und Mord nach der Weltherrschaft greift. Der Inhalt der folgenden Bände soll hier nicht wiedergegeben werden. Er folgt dem 'Countdown zum Finale der Welt", wie ihn Tim LaHaye und seine Mitarbeiter aus den biblischen Schriften konstruiert haben."
Biblisch bezeugt ist der Glaube, dass in der letzten Zeit der Antichrist kommt , der Gegenchristus, der Mensch der Sünde, der im Dienst Satans vor der Parusie ein unheilvolles Wirken entfaltet, dann aber durch Christus vernichtet wird .
      Während Carpathia in der originalen amerikanischen Ausgabe den rumänischen Vornamen Nicolae trägt, hat man ihn in der deutschen Ãobersetzung in Nicolai geändert. Dass der Familienname Carpathia sich vom Gebirgszug der Karpaten herleitet, wird ausführlich erklärt. Rumänien selbst spielt ansonsten für die Handlung keine Rolle. Es wird als strategisch unwichtiges Land betrachtet, das nie ein anderes angegriffen hat und nie der strategische Verbündete eines anderen Landes geworden ist. 'Dort gibt es nichts außer unwichtiger Innenpolitik"'2. Im Ãobrigen herrsche in Rumänien die Meinung, 'die Vernichtung Russlands sei das Beste, das ihm je passieren konnte"13. Wieso die Autoren von Left Behind auf die Idee gekommen sind, den Antichrist ausgerechnet aus Rumänien kommen zu lassen, ist unklar. Es hätte eigentlich näher gelegen, ihn im Sinne der Tradition in Israel oder ganz allgemein im Nahen Osten auftreten zu lassen. Die Erwartung, dass der Antichrist aus Europa kommen wird14, könnte als Indiz dafür gewertet werden, dass das Ansehen der 'Mutter Amerikas" bei diesem auf einen bis dahin nicht gekannten Tiefpunkt gesunken ist. Bei der Wahl Rumäniens als Heimatland des Antichrists mag die Erinnerung an Nicolae Ceausescu eine Rolle gespielt haben, den 'Conducator", den letzten und niederträchtigsten der kommunistischen Gewaltherrscher in Osteuropa, der sich in den demokratischen Staaten des Westens wegen seiner vermeintlichen Loslösung von der sowjetrussischen Oberherrschaft lange Zeit eines unverdienten Ansehens erfreuen konnte. Dafür spricht auch der beiden gemeinsame Vorname Nicolae. Doch dürften die Auswirkungen dieser Wahl für die Meinungsbildung der amerikanischen Ã-ffentlichkeit diesbezüglich sehr gering sein. Der Durchschnittsamerikaner weiß über Osteuropa und gar über Rumänien nur sehr wenig, man könnte auch sagen, so gut wie nichts.
      Wenn man die Inhaltsstrukturen der Buchreihe in ihrer Beziehung zu den gesellschaftlichen und politischen Realitäten der Vereinigten Staaten reflektiert, lassen sich in den Tendenzen bemerkenswerte Ãobereinstimmungen feststellen. So der Unilateralismus der gegenwärtigen Administration, der sich nicht nur im Zusammenhang mit dem Irakkrieg zeigte und in der Weigerung, sich an zahlreichen internationalen Abkommen zu beteiligen, deutlich wird. Man denke an die Aufkündigung des Kyoto-Protokolls, des ABM-Vertrages, an die Weigerung, das Statut für den Internationalen Gerichtshof sowie die Anti-Diskriminierungskonvention der UN zu unterzeichnen, und die Entscheidung, sich nicht an UN-Programmen zur Familienplanung zu beteiligen. Mit tiefem Misstrauen betrachten einflussreiche Kreise in den USA die Organisation der Vereinten Nationen als Wegbereiterin einer uniformen, säkularen Weltordnung, die durch Konferenzen, Konventionen und Beschlüsse vorbereitet wird. Sie lehnen die Programme zur Rüstungsbegrenzung und Abrüstung, zur Bevölkerungspolitik, zu den Rechten von Frauen und Kindern usw. ebenso strikt ab wie den Aufruf des Generalsekretärs an alle Religionen, den Weg zu gemeinsamen Wertvorstellungen zu beschreiten.
      Mit unüberbietbarer Schärfe charakterisiert die Buchreihe Left Behind die UNO als Instrument des Bösen und als tödliche Bedrohung, die die Menschheit ins Verderben zieht. 'Es ist doch Sache der Vereinigten Staaten, der Welt ein Beispiel für Führerschaft zu geben", sagt der amerikanische Präsident, der fürchten muss, von Carpathias 'Global Community" entmachtet zu werden, in Band 2 der 'Endzeitthriller-Serie"15. Ein Satz, den Präsident George W. Bush gesprochen haben könnte.
      Mag die literarische Wertung dieser Buchreihe auch absolut negativ ausfallen, so ist ihre politische Relevanz als nicht zu unterschätzende Gefahr für die Entwicklung einer freien demokratischen und emanzipierten Weltgesellschaft anzusehen.
     

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