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Das zwanzigste jahrhundert

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Gottfried Benn (I886-I956)



Er kommt aus einem preußisch-protestantischen Pfarrhause, studiert Medizin, wird Militärarzt, dann Privatarzt bis 1914, pflegt in dieser Zeit Freundschaft mit der Lyrikerin Else Lasker-Schüler; im Ersten Weltkriege ist er in Belgien, danach wieder Facharzt in Berlin. 1933 glaubt er einen Augenblick, der neue Staat wolle wirkliche Werte verkörpern. Als er seinen Irrtum erkennt, stellt er sich vor jüdische Freunde und erhält 1938 Schreibverbot. Um sich vor dem braunen Rock zu schützen, zieht er wieder den grauen des Sanitätsoffiziers an.
      Benns Größe ist die bis zu artistischer Meisterschaft entwickelte Kunst der nüchternen, distanzierten Weltschau. Seine ersten, unter dem Einfluß des Expressionismus entstandenen Gedichtbände — schon Titel wie 'Morgue" , 'Fleisch" und 'Schutt" sind bezeichnend — wirkten mit einer bis dahin unbekannten Schärfe in ihrer Gestaltung des Grauens und des Ekelhaften schockierend. Allmählich vollzog sich jedoch ein Umbruch, indem Benn nach neuen Aus-drucksmöglichkeiten suchte, nachdem er sich schon in verschiedenen Essays mit der Frage auseinandergesetzt hatte, wie das 'Dämonische durch die Form zu besiegen sei". Ausdruck dieses Zwiespalts ist sein Gedicht 'Verlorenes Ich":
Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären, Opfer des Ion -: Gamma-Strahlen-Lamm -Teilchen und Feld -: Unendlichkeitschimären auf deinem grauen Stein von Notre-Dame . . .
      Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten und was die Mensdiheit wob und wog, Funktion nur von Unendlichkeiten -die Mythe log . . .
      Ach, als sich alle einer Mitte neigtenund auch die Denker nur den Gott gedacht,sie sich dem Hirten und dem Lamm verzweigten,wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,und alle rannen aus der einen Wunde, brachen das Brot, das jeglicher genoß -oh ferne zwingende erfüllte Stunde, die einst auch das verlorne Ich umschloß!

In seinen späteren Gedichten hat Benn 'Ruhe in der Bewegung" gefunden. Seine Gedichte werden ihm zu einzig überlebenden, 'Unsterblichkeit" schaffenden, 'hinterlassungsfähigen Gebilden", seine Worte und Sätze zu Bausteinen eines 'Absoluten", wie etwa in dem Gedicht 'Ein Wort":
Ein Wort, ein Satz-: aus Chiffren steigen erkanntes Leben, jäher Sinn, die Sonne steht, die Sphären schweigen, und alles ballt sich zu ihm hin.
      Ein Wort-, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich-, und wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und Ich.
      Benn war wie Broch und Musil das Schicksal des Verkanntwerdens beschie: den. Erst unsere eigene Zeit hat für Benns Art des Sehens und Sagens einen offenen Sinn. Die Fortwirkung Benns in der Dichtung unserer Tage ist unverkennbar. Es ist sein Verdienst, die Situation der Gegenwart in seiner Lyrik dichterisch vorweggenommen zu haben.
     

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Gottfried  Benn  (I886-I956)    



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