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Das zwanzigste jahrhundert

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Franz Werfel (I890-I945)



war von allen expressionistischen Dichtern wohl die breiteste Wirkung beschieden. Mit allen Fasern seines Herzens war Werfel dem leidenschaftlichen Verlangen nach Verbrüderung, Menschlichkeit, Liebe und Weltfrieden hingegeben.
      Komm heiliger Geist du, schöpferisch!
Den Marmor unsrer Form zerbrich,

Daß nicht mehr Mauer krank und hart
Den Brunnen dieser Welt umstarrt,

Daß wir gemeinsam und nach oben
Wie Flammen ineinander toben!
Das weitläufige Werk des Dichters setzte mit Lyrik ein. Schon die Titel seiner Gedichtbände verkündeten ein ganzes Programm: 'Der Weltfreund" , 'Wir sind" , 'Einander" , 'Der Gerichtstag" . Sie alle kreisen um dasselbe Thema:
Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein!...
      Wolle mir, bitte, nicht widersteht!!
O, könnte es einmal geschehn,

Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!
Im Mittelpunkt seiner Dichtung steht der Mensch in all seiner Bedingtheit von äußeren und inneren Mächten, der Armut oder des Reichtums, seines Glaubens oder Irrens, seines Hoffens und seiner Verzweiflung, mit seiner Sehnsucht nach Rückkehr zur reinen Stufe der Kindheit, zur Gemeinschaft und zu Gott. Die gleiche Sehnsucht bestimmt sein soziales Pathos zum Evangelium der Nächstenliebe. Mit selbstquälerischer Unerbittlichkeit verwirft der Dichter den Zweifel des modernen Menschen und predigt Hingabe. Ausden meisten seiner Gedichte spricht ein mächtiges religiöses Erlösungsverlangen, in welchem sich seine jüdische Herkunft bezeugt.
      Werfel ist der formenreichste und formengewandteste Lyriker dieser Generation; seine Gedichte sind aber zugleich am weitesten der Tradition verhaftet. Sie zehren vom Barock und von Klopstock, dessen hohes Pathos sie noch übertreffen möchten. Sie sind fortreißend und überschwenglich wie die Oden des jungen Schiller, und sie können doch wieder so schlicht wie ein Volkslied sein.
      Ihr Völker der Erde, mich rührt

Das Bleibende, das ihr vollführt.
      Ich selbst, ohne Volk, ohne Land,

Stütz nun meine Stirn in die Hand.
      Unter den Dramen Werfeis ist - neben 'Juarez und Maximilian", 'Paulus unter den Juden" und den 'Troerinnen" - die 'magische Trilogie" Der Spiegelmensch das wichtigste. Es ist das Spiel von der Doppelnatur des Menschen. Das menschliche Ich umspannt als seine stärksten Gegensätze zwei Personen: das Seins-Ich und das Schein-Ich oder Spiegel-Ich. Erst der Tod des Spiegel-Ichs ist die Erlösung zum geistigen Menschen.
      In dem Roman 'Der Abituriententag" enthüllte Werfel die Geschichte einer Jugendschuld; in einem anderen, 'Barbara oder die Frömmigkeit", die geistigen und materiellen Fundamente seiner Epoche aus der Perspektive eines österreichischen Nachkriegsschicksals. Noch aus dem politischen Zusammenbruch nach dem ersten Weltkrieg rettete der Dichter seinen Glauben an die Menschheit und die Güte Gottes. Auf der Flucht vor den Häschern des Dritten Reiches hatte er in Lourdes die Geschichte der Bernadette Soubirous zu schreiben gelobt, wenn er gerettet würde. 'Das Lied von Bernadette" wurde ein Welterfolg. Im Schatten der kleinen Heiligen aber wandelt die arme böhmische Dienstmagd Teta Linek in dem Roman 'Der veruntreute Himmel" , die sich durch fromme Opfer gerne einen Platz im Himmel erkaufen möchte, aber belehrt wird, daß sich die Gnade nicht erzwingen läßt, wenn Liebe und Verantwortung fehlen. Am Ende seines Lebens flüchtete sich des Dichters Phantasie noch einmal in eine fremde, ihr gemäße Welt, auf den 'Stern der Ungeborenen" . Es wurde ein utopischer Reiseroman über ein Land unerhörter Lebensbedingungen, der unser atomistisches Zeitalter humorvoll widerspiegelt und ironisiert.
     

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Franz  Werfel  (I890-I945)    


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