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Schriftsteller, Verlagswesen und literarisches Feld



Frankreichs literarisches Leben wird noch immer von Paris dominiert. Trotz ihrer großen Zahl bleibt die Bedeutung der Provinz-Verleger im Vergleich mit den wichtigen, im Zentrum der Hauptstadt gelegenen Verlagshäusern gering, den auch "Dinosaurier" genannten Verlagen wie Galli-mard, Le Seuil, Grasset und Flammarion. Die richtungsweisenden Entscheidungen im Verlagswesen und bei der Herstellung fiktionaler Werke fallen in einem kleinen Bezirk der Hauptstadt, vor allem im Quartier Latin. Die folgenden Ausführungen versuchen, so klar wie möglich die Etappen nachzuzeichnen, die ein Schriftsteller, der am Beginn seiner Karriere erstmals publiziert werden möchte, durchlaufen muß, und was sich mit seinem Manuskript ereignet beziehungsweise nicht mit ihm geschieht. Insbesondere sollen die materiellen wie die psychologischen Schwierigkeiten dargelegt werden, mit denen er konfrontiert ist, wenn er in dem komplizierten und geschlossenen Universum des heutigen französischen Verlagswesens eine eigene Position aufbauen möchte.

      Nehmen wir als Beispiel einen typischen Debütanten. Einen zukünftigen Schriftsteller, der über keinerlei Beziehungen verfügt und nach einsamen Arbeitsjahren eines Morgens sein wertvolles Manuskript in einen Umschlag steckt, um es den vier oder fünf als seriös geltenden Pariser Verlagen zu senden, d.h. er wendet sich an solche Häuser, von denen es heißt, daß sie noch einen Unterschied zwischen dem Werk eines Schriftstellers und einem kommerziellen Produkt machen.
      Jeder dieser Verlage erhält täglich mehr als zehn Manuskripte. Mit Lektoren, die vom Verlag pro Manuskript bezahlt werden, beginnt hier die erste Etappe der Vorauswahl. Die Lektoren verschaffen sich ein allgemeinen Eindruck, indem sie einige Anfangs- und Schlußseiten lesen und den Rest diagonal durchblättern. Zwei Drittel aller eingegangenen Manuskripte überwindet schon diese erste Hürde nicht. Einmal abgelehnt werden sie umgehend an den Autor zurückgesandt, im allgemeinen von Standardschreiben begleitet, die aus Floskeln bestehen wie: "Ihr Werk entspricht nicht dem Profil unseres Hauses", oder "Das Lektürekomitee hat ihr Manuskript nicht akzeptieren können"; jede weitergehende Begründung fehlt.
      Nehmen wir jedoch an, unser Modell-Autor hat dieses erste Hindernis genommen. Dann liest der Lektor, dem sein Manuskript aufgefallen ist, dieses gründlicher und gibt ihm, wie ein Lehrer den Arbeiten seiner Schüler, eine in Ziffern ausgedrückte Note. Anschließend redigiert er ein Resümee, in dem er so präzis wie möglich den Text beschreibt und abschließend seine Benotung begründet. Das so vorbereitete Manuskript wird nun von einem Mitglied des Lektürekomitees gelesen, das der Auffassung des Lektors zustimmt oder sie nicht teilt. Wenn der Text auf dieser Ebene abgelehnt wird, schreibt das Mitglied des Lektürekomitees ein zweites, individuelleres Resümee, das als Grundlage eines Ablehnugsschreibens dient. Wenn das Manuskript jedoch vielversprechend scheint, wird es an einen oder mehrere Angehörige des Lektürekomitees weitergereicht, die es ihrerseits lesen. Erst wenn mehrere positive Stellungnahmen eintreffen, gelangt das Manuskript in die Konferenz des Lektürekomitees. Sie findet in geschlossener Sitzung statt, die wöchentlich oder vierzehntägig die Literarischen Ratgeber sowie die literarischen und die kaufmännischen Direktoren versammelt, um eine endgültige Entscheidung zu fällen.
      Doch dieser Modell-Weg eines Manuskrips ist eher eine theoretische Konstruktion, als daß er der Realität entspräche, das Schicksal eines Manuskrips entscheidet sich nur selten auf diese Weise. Die Manuskripte, die jedes Jahr auf dem Postwege eintreffen und denen es gelingt, in einem Verlag all diese Hürden zu nehmen, lassen sich zumeist an einer oder zwei Händen zählen. Die angenommenen Texte erreichen im allgemeinen ohne den Umweg über die Anfangsetappen direkt die Sitzung des Lektürekomitees, sie sind zuvor "empfohlen" worden. Sie müssen also nicht durch das Sieb der Anfangsauslese und haben damit weit größere Chancen, wenn nicht publiziert, so doch zumindest diskutiert zu werden. Es kommt sogar vor, daß Journalisten oder Persönlichkeiten mit bekannten Namen auf einen Roman hin angesprochen werden, d.h. der Verlag bindet sich nicht aufgrund eines Manuskripts, sondern eines Projekts.
      Das Lektürekomitee trifft seine Entscheidungen einvernehmlich. In den Wochen nach der Entscheidung erhält der Autor des Manuskripts einen Brief oder einen Anruf, in dem man ihn zu einem Gespräch bzw. der Vertragsunterzeichnung bittet. Für einen literarischen Verlagsvertrag gibt es in Frankreich zumeist die beiden folgenden Modelle:
- entweder einen kurzfristigen Vertrag für ein Buch
- oder einen längerfristigen Vertrag für dieses und die beiden folgenden Werke. In einem solchen Fall verpflichtet sich der Autor, seinem Verlag ein Vorkaufsrecht für die nächsten Manuskripte einzuräumen. Erstwenn dieser Verlag ablehnt, hat der Autor das Recht, sich an andere
Häuser zu wenden. Schon mit diesem ersten Vertrag wird der Autor, der debütiert, einem je spezifischen Genre zugeordnet. Er wird beispielsweise unter "Roman, Erzählung, Novelle" katalogisiert. Sollte es ihm einfallen, als nächstes Werk ein Theaterstück oder Gedichte zu schreiben, entspricht er nicht mehr den Bedingungen des ursprünglichen Vertrages. Er muß also sein Manuskript einem anderen Verlag senden oder einen neuen Vertrag unterzeichnen.
      Ein literarischer Vertrag sieht im allgemeinen einen zu zwei Terminen zu zahlenden Vorschuß vor: ein Teil bei Unterschrift und der Rest bei Erscheinen des Werkes. Dazu gehört ein weiterer Vertrag, in dem der Autor seinem Verlag das Recht der audiovisuellen Adaptation, der Übersetzung sowie an Kopien einräumt. Wenn sich der Roman gut verkauft, übersteigen die Autorenrechte den Vorschuß. Sie werden dann jährlich auf das Konto des Autors überwiesen. Dabei haben wir nicht jene Verlage berücksichtigt, die auf Kosten der Autoren publizieren, d.h. den Autor an den Herstellungs- und Vertriebskosten beteiligen.
      Wenn der Vertrag unterzeichnet ist, beginnt die erneute Arbeit am Manuskript, das selten ohne Veränderungen publizierbar ist. Es muß überarbeitet, gekürzt, ausgeweitet, und an vielen Stellen geändert werden. Hier wird das für das französische Verlagswesen so heikle Problem des Betreuenden Lektors aufgeworfen. Jeder Verlag ordnet, was die 'Literatur' angeht, die Betreuung der Autoren einem oder mehreren "directeurs litteraires" zu, deren Aufgabe es ist, die Texte überarbeiten zu lassen, mit den Autoren zu diskutieren, sie aufgrund eigener Erfahrungen zu beraten. Diese so wichtige, zugleich menschliche, pädagogische und symbolische Aufgabe , diese Pflicht wird gegenwärtig von den Verlagen zu häufig vernachlässigt. Sei es daß die "directeurs litteraires" zu wenige sind, sei es, daß sie als Schriftsteller oder Kritiker zu sehr mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt sind: oft haben sie nicht die Zeit und die Geduld, sich dieser Aufgabe zu widmen. So gelangt eine nicht unerhebliche Zahl von Büchern auf den Markt ohne zuvor ausreichend durchdacht und diskutiert worden zu sein. Wenn die Konzeption eines Buches das Werk eines Einzelnen ist, so ist seine Realisierung das Resultat der Arbeit einer Gruppe. Es ist eine undankbare und daher zu oft vernachlässigte Aufgabe, einen Schriftsteller zu begleiten, ihn psychologisch zu stärken, ihm zu helfen, der Presse und seinen potentiellen Lesern vorteilhaft gegenüberzutreten, und ihn sein Werk nicht a priori als abge-schlossene Arbeit betrachten zu lassen. Diese Abwesenheit wirklicher "directeurs litteraires" führt dazu, daß viele französische Schriftsteller sich selbst überlasen sind und einem unerwarteten Erfolg wie einem Mißerfolg gegenüber gleichermaßen in Schwierigkeiten geraten können.
      Sobald der Vertrag unterzeichnet ist, wird das angenommene Werk in das Jahres- oder Halbjahresprogramm aufgenommen und ein ungefährer Erscheinungstermin festgelegt: sechs Monate oder ein Jahr später, manchmal noch mehr, wenn die Überarbeitung zu umfangreich ist oder sich im Programm kein Platz mehr findet. Es ist also der Verlag, der das Erscheinungsdatum bestimmt, das ihm für das Werk geeignet vorkommt. Die literarische Saison kennt in Frankreich zwei Höhepunkte: September/Oktober und Januar/Februar. In diesen Monaten kommen besonders viele Werke heraus und die Literaturkritik ist besonders aufmerksam. Der Dezember ist demgegenüber für aufwendig ausgestattete Werke reserviert, die sich als Geschenke zum Jahresende eignen, und der Frühling ist für die 'Sommerbücher' da, historische oder psychologische Romane einfacher wenn nicht einfachster Machart für die Unterhaltung und die Träume von Urlaubern. Der Verlag stellt diese Gegebenheiten natürlich in Rechnung, wenn er einen Erscheinungstermin festlegt, nur so kann er erreichen, dem Werk eine größtmögliche Aufmersamkeit zu verschaffen. Darüber hinaus versucht er, von besonderen Gelegenheiten wie Jubiläen oder Gedenktagen, kurz von jeder eventuellen Aktualität zu profitieren, die das Interesse von Kritik und Publikum steigern könnte.
      In den Monaten bis zum Erscheinen seines Buches lernt ein Debüt-Autor die verschiedenen Abteilungen seines Verlages kennen: vor allem den technischen Bereich, der die Fabrikation übernimmt, und den Vertrieb, der sich um Werbung und Verkauf kümmert. Schließlich wird er noch einem Presseattache, in Frankreich zumeist eine Frau, anvertraut. Die Aufgabe des Presseattaches ist ebeso einfach wie wichtig. Sie ist mindestens so bedeutend, wenn nicht noch entscheidender als die des "directeur litteraire". Der Presseattache kümmert sich um den praktischen Start des Buches auf einem kaum überschaubaren und übersättigten Markt. Er ist es, der nach der Lektüre der Korrekturfahnen Strategien entwickelt, die geeignet erscheinen, den Roman bestmöglich zu lancieren. Welche Presseorgane kommen für das Werk in Frage? Welche Leser? Mit wem muß man wie über das Buch sprechen, um Aufmerksamkeit zu wecken? All diese Fragen lösen eine Serie von Telefonanrufen aus und werden bei zahlreichen Geschäftsessen mittags und abends diskutiert. Deshalb sind die persönlichen wie die intellektuellen und psychologischen Fähigkeiten des Presseattaches eminent wichtig. Ohne sich zu irren muß er spüren, wen das Buch,das man ihm anvertraut hat, interessieren könnte. Ist es die eigentliche Literaturkritik, in Frankreich die großen Tageszeitungen, die eine wöchentliche Literaturbeilage haben oder die Literaturzeitschriften {La Quinzaine litteraire, Magazine litteraire, Lire, Pages usw.)? Wenn sich das Buch eher an ein großes, vages Publikum richtet, wird er sich an die Journalisten von Wochenzeitschriften, insbesondere solchen für Frauen und mit hoher Auflage , an Jugendzeitschriften und, nicht zu vergessen, an die Provinzpresse wenden. Im allgemeinen wird diese Strategie zu dritt erarbeitet: vom Presseattache, dem "directeur litteraire" und dem Autor. Die Journalisten, von denen man vermutet, daß sie sich für das Werk interessieren könnten, erhalten ein bis zwei Monate vor Erscheinen Fahnenabzüge, die es ihnen gestatten zu überlegen, ob und unter welchen Voraussetzungen sie eine Rezension schreiben und welches Datum sie dafür vorsehen wollen.
      Währenddessen wird das Buch hergestellt. Zunächst gibt es die Fahnenkorrekturen, an Hand derer der Autor überlegen kann, inwieweit er die vom Hauskorrektor vorgeschlagenen Änderungen akzeptiert und welche letzten Korrekturen er selbst vornehmen will. Dann gibt es eine Umbruchkorrektur, die im allgemeinen der "directeur litteraire" kontrolliert und dem das "Imprimatur" folgt. Nun ist das Buch druckfertig.
      Nicht nur als Parenthese: der Autor entscheidet in Frankreich weder über den Titel seines Werkes auf dem Umschlag und der entsprechenden Seite noch über die Reihe, in der es erscheint. Diese Entscheidungen werden einvernehmlich vom Lektürekomitee getroffen. In gleicher Weise hat der "directeur litteraire" das Vorrecht, den Klappentext zu formulieren: ein kurzes Resümee des Werkes und eine möglichst eindrucksvolle Präsentation des Autors.
      Dann endlich ist der lang ersehnte Augenblick der Auslieferung des Buches da: ein präzises, endgültiges Datum. Am 9. Oktober oder am 3. Januar wird das Werk in den gut sortierten Buchhandlungen sein . Doch im Monat vor dem Erscheinen hat der Autor die beiden letzten Pflichtetappen zu absolvieren. Zunächst vor Publikum: die Präsentation seines Buches vor den Verlagsvertretern, die für die Verbreitung des Werkes in der Provinz zu sorgen haben und es den Buchhändlern gegenüber vertreten müssen. Dieser Auftritt vollzieht sich feierlich in einem großen Saal des Verlagshauses. Der Autor, von seinem Presseattache und seinem "directeur litteraire" begleitet, hat eine Viertelstunde, um sein Buch vorzustellen. Also gilt es klar und präzise zu wirken und nicht stockend auf Notizen zurückzugreifen. Eine zweite und letzte, einsame Etappe findet vierzehn Tage vor der Ausliefe-rung statt: die Vorbereitung der Rezensionsexemplare . Einen ganzen Tag ist der Autor, umgeben von Stapeln seines Buchs, das frisch aus der Druckerei kommt, in einem kleinen Raum damit beschäftigt, oft hunderte von Exemplaren zu signieren und zu widmen, die ihm unbekannten Kritikern und Medienstars zugedacht sind. Er versucht, seine Formulierungen zu variieren, er will weder banal noch aufdringlich erscheinen, und er träumt, oder besser gesagt träumte, denn Literatursendungen sind vor allem im Fernsehen selten geworden und finden zweifellos immer weniger Anklang beim Publikum, daß sein Roman Bernard Pivot oder Bernard Rapp so begeistert, daß sie ihn zu einer ihrer nächsten Sendungen einladen... Endlich ist der 9. Oktober oder der 3. Januar gekommen. Das Buch existiert. Der Autor fühlt sich enteignet. Er kauft alle Zeitungen. Manche Rezensionen, die geplant und versprochen waren, erscheinen nicht. Denn gerade in dieser Woche ist kein Platz mehr vorhanden oder Bücher von anderen, bekannteren Autoren nehmen die Zeitungsspalten in Beschlag. Wieder andere Zeitungen bringen nur eine kurze Mitteilung, ein Resümee, das eine oberflächliche Lektüre verrät, oder ein aus Banalitäten zusammengesetztes Werturteil. Und manchmal gibt es sogar die glückliche Überraschung, daß ein Kritiker das Buch wirklich gelesen hat.
      Im klein gewordenen Feld der Fiktion erscheint ein Erstlingswerk in Frankreich bestenfalls mit einer Auflage von 2.000 bis 3.000 Exemplaren. Es bleibt etwa drei Monate im Handel, danach wird es nicht mehr ausgeliefert; die Restauflage wird eingestampft. Vom Wunder eines unerwarteten Erfolges abgesehen, der zu einer raschen Neuauflage führt, und ohne die Ausnahme eines Literaturpreises, einer Filmadaptation oder einer Übersetzung, hat ein Buch nur eine kurze Lebenszeit. Allein eine Taschenbuchauflage kann manchmal nach einigen Jahren die Chance eines zweiten Lebens bieten. - Oder das hartnäckige Interesse von Lesern oder Wissenschaftlern.
      Die angesprochenen Literaturpreise werden in Frankreich überwiegend im November verliehen. Jeder weiß, daß diese Preise inzwischen mit mehr oder weniger Grund ins Gerede gekommen sind. Man spricht von Galli-Gra-Seuil, jenem dreiköpfigen Monstrum, das alle Fäden zieht, von gekauften Jurys usw. Ohne Zweifel empfiehlt es sich, vorsichtig zu sein und nicht mit den Wölfen zu heulen. Doch gewisse Preise scheinen in Frankreich a priori 'ehrlicher' als andere zu sein. Vor allem diejenigen, die von Provinzbuchhändlern oder von Leser-Jurys verliehen werden, wie jene der Leserinnen von Elle oder der Hörer von France-Inter. Aber diese beiden entscheiden nach unterschiedlichen Kriterien und richten sich nicht an das gleiche Publikum. Eins allerdings ist so sicher, daß niemand widerspricht: wenn auch ein Literaturpreis in Frankreich ein Buch so verkaufenläßt, daß sein Autor einige Zeit davon leben kann, so ist er im allgemeinen kein Qualitätsnachweis. Dennoch spielen die Preise eine Dynamisierungs-rolle: sie lösen Diskussionen aus und lassen besser kaufen und verkaufen; dies ist ihre wesentliche Funktion.
      Das französische Verlagswesen ist höchst aktiv. Doch diese überbordende Aktivität vermag weder das Unbehagen zu zerstreuen noch die Kritiken vergessen zu machen, denen es ausgesetzt ist. Für solches Unbehagen existieren innere und äußere Gründe. In den letzten fünfzehn Jahren ist die Literaturproduktion in Frankreich unaufhörlich gewachsen, häufig freilich auf Kosten der Qualität. Viele auch der größeren Verlage haben einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil sie zuviel nur aufgrund von kommerziellen Strategien publiziert haben. Man hat solche Entscheidungen damit begründet, daß das Lesepublikum dafür verantwortlich sei, weil es nach immer leichter konsumierbaren Büchern verlange. Die Franzosen, so behauptete man, läsen nicht nur immer weniger, sondern hätten auch verlernt zu lesen. Die ständig zunehmende Bedeutung der Medien, insbesondere des Fernsehens, hätte sie passiv werden lassen... Dementsprechend sind zahlreiche simplifizierende, schlecht geschriebene Bücher auf den Markt geworfen worden, deren einzige Aufgabe es war, oberflächliche Emotionen zu wecken oder sich an eine Mode zu hängen. Dieses massive Auftreten einer hingepfuschten Literatur, die für den Durchschnittsleser zunächst nur schwer von 'wirklicher' Literatur zu unterscheiden war, hat die künstlerische Verschwommenheit noch vermehrt, in der sich das Verlagswesen gefiel. So haben nach und nach die Gesetze des Marktes, Verkaufsziffern und rasche Erfolgsgarantien die Kriterien der Qualität und der langfristigen Investition abgelöst. In vielen Verlagen gibt es keine wirkliche Kooperation verschiedener Gruppen mehr. Die Kumulation oft unvereinbarer Funktionen läßt manche "directeurs litteraires" ihre eigentliche Aufgabe vergessen. Das was man mit "eine Hand wäscht die andere" bezeichnet ist fast zur Regel geworden. Die Literaturkritik hat so ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Und nicht zuletzt haben immer mehr Medienstars ihre romaneske Ader entdeckt und einen Roman 'geschrieben', der sich aufgrund ihrer Bekanntheit verkauft und derart den Auflösungsprozeß beschleunigt.
      Trotzdem ist die Verlagskrise keine Krise der literarischen Kreativität. Freilich gibt es heute nicht mehr die Mittel, die es noch vor 30 Jahren einem jungen talentierten Autor gestatteten, ruhig und konsequent die Arbeit an seinem Werk fortzusetzen. Manche Verlage scheinen dies allmählich zu bemerken. Sie reduzieren nach und nach die Zahl ihrer Veröf-fentlichungen und stellen aufs Neue die Frage nach wirklichen Auswahlkriterien. In diesem Jahr [1993] ist die Zahl der Erstlingsromane zurückgegangen. Diese Verlage entdecken neuerlich die Bedeutung der Buchhändler und beginnen, ihren ungerechterweise beschuldigten Lesern wieder zu vertrauen.
      Die französischen Schriftsteller arbeiten heute ohne wirkliche Absicherung. Nach der zu prägnanten Erfahrung des Nouveau Roman haben sie sich befreit und mißtrauen literarischen Modellen und der Reflexion in Gruppen. Oft arbeiten sie mit ihren Ungewißheiten und ihren Ängsten isoliert von anderen. Manche, und nicht die Unbegabtesten, geben nach einem zu raschen Erfolg ihren ursprünglichen Beruf, der sie ernährte, auf und werden zu Unterstützungsbedürftigen. Sie versuchen, einen Förderpreis oder ein Stipendium zu erlangen und hoffen auf Vorschüsse oder Abschläge. Dieser Mangel an Unabhängigkeit und moralischer Integrität kann nur schaden. Andere wiederum verfügen nicht über das materielle Minimum, das ihnen gestatten würde, sich ihrem Werk zu widmen. Angesichts der Mühen und Zwänge eines Berufes, von dem sie leben, kommen sie nur mühselig voran und rennen der verlorenen Zeit hinterher. Fast niemand kann von seiner Feder, d.h. den Autorenrechten, leben. Alle werden in solchen Situationen, die sie kaum beeinflussen können, infantilisiert. Sie sind Regeln, oder besser gesagt der Abwesenheit von Regeln ausgeliefert, die sie verwirren. Häufig empfinden sie das Erscheinen eines ihrer Bücher als 'Wunder', ohne jede Gewißheit, was die Zukunft angeht. Diese moralische und materielle Ungewißheit beeinträchtigt sie erheblich. Nicht wenige, die auf jeden Fall reüssieren wollen, geben schließlich der Publikumserwartung nach, d.h. jenem Bild ihrer Person, das die Leser aufgrund ihres ersten Romans gewonnen haben. So beginnt ein Prozeß des Sich-Wiederholens, der letztendlich zum künstlerischen Scheitern führt.
      Trotzdem sollten aus dem Gesagten nicht zu pessimistische Folgerungen gezogen werden. Denn seit einiger Zeit scheint sich die Situation im französischen Verlagswesen zum Besseren zu wenden. Angesichts einer immer mehr von Bildern überfluteten und durch unmitelbare Rentabilität geprägten Welt stellt man wieder die für das Überleben einer anspruchsvollen Literatur entscheidenden Fragen. Man überwindet den allgemeinen Masochismus der vergangenen Jahre, die französische Literatur als der ausländischen grundsätzlich unterlegen zu betrachten. Man entwickelt allmählich wieder Respekt gegenüber dem Schriftsteller sowie gegenüber dem Leser und entdeckt jene Geduld, ohne die eine verlegerische Tätigkeit unwiderruflich ihren Sinn verliert.
     

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