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Das höfische gesellschaftsideal

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Was ist höfische Liebe?



Definitionen
»Kann mir jemand sagen, was Liebe ist?« Die Frage nach dem Wesen der Minne wurde für die höfischen Dichter zu einem zentralen Thema. Je mehr man aber darüber nachdachte, um so klarer trat nur zutage, daß menschlicher Verstand nicht ausreichte, das Geheimnis der Liebe zu ergründen, die mit zerstö-rerischer Gewalt über die Menschen herrschte und die doch eine Quelle höchster Beseligung war. »Was kann das sein, was alle Welt Liebe nennt? Ich glaube nicht, daß irgendjemand es herausfinden könnte.« So unterschiedlich die Antworten waren, die man auf die Frage nach den Rätseln der Liebe gab, über eines waren sich die Dichter einig: Liebe war eine Sache von höchster Wichtigkeit, wenn es darum ging zu sagen, was höfisches Wesen und höfische Vollkommenheit war.
      Der Begriff »höfische Liebe« {amour courtoiS) ist erst im 19. Jahrhundert geprägt worden. Er stammt von dem französischen Romanisten Gaston Paris, der 1883 in einem Aufsatz über den >Lancelot< von Chretien de Troyes vier Merkmale herausgestellt hat:
1. Höfische Liebe ist ungesetzlich, illegitime, und daher auf Heimlichkeit angewiesen. Sie schließt die volle körperliche Hingabe ein.
      2. Höfische Liebe verwirklicht sich in der Unterordnung des Mannes, der sich als Diener seiner Dame betrachtet und die Wünsche seiner Herrin zu erfüllen sucht.
      3. Höfische Liebe fordert von dem Mann das Bemühen, besser und vollkommener zu werden, um dadurch seiner Dame würdiger zu sein.
      4. Höfische Liebe ist »eine Kunst, eine Wissenschaft, eine Tugend« mit eigenen Spielregeln und Gesetzen, die die Liebenden beherrschen müssen.
      Diese Definition von Gaston Paris hat eine große Forschungsdiskussion in Gang gebracht, die gerade in den letzten Jahrzehnten wieder mit besonderer Intensität geführt worden ist und deren Ende sich nicht absehen läßt. Was höfische Liebe ist, scheint heute weniger sicher zu sein als vor hundert Jahren. Alle Einzelheiten und die ganze Konzeption sind umstritten. Man hat sogar die These vertreten, daß die höfische Liebe nur ein Hirngespinst der Forscher sei. Mehr und mehr verbreitet sich die Einsicht, daß die Schwierigkeiten, die einer Verständigung über den Begriff der höfischen Liebe entgegenstehen, hauptsächlich darin begründet sind, daß Liebe in der höfischen Literatur auf ganz verschiedene Weise dargestellt worden ist und daß dabei gattungsspezifische Besonderheiten eine entscheidende Rolle gespielt haben. Höfische Liebe war in der


Lyrik anders als in der Epik, im Tagelied anders als in der Minnekanzone, wieder anders im Kreuzlied und in der Pastourelle, im höfischen Epos anders als in der Versnovelle oder im Schwank. Und innerhalb der einzelnen Gattungen haben die Autoren die Akzente sehr verschieden gesetzt. Höfische Liebe konnte unerfüllte Liebe sein, konnte sich aber auch im sinnlichen Genuß verwirklichen. Die Liebe konnte sich an eine Dame höheren Standes oder an eine Frau von geringerer Herkunft richten. Wenn die Frau verheiratet war, hatte höfische Liebe einen ehebrecherischen Charakter; aber auch die Liebe zur eigenen Ehefrau konnte höfisch sein, ebenso wie die Liebe zwischen Unverheirateten. Höfische Liebe forderte vielfach ein langes Dienen des Mannes; manchmal fand sie jedoch rasche Erfüllung ohne Dienst. Die meisten Versuche, höfische Liebe zu definieren, mußten eine Reihe dieser Aspekte vernachlässigen, um zu einer einheitlichen Konzeption zu gelangen. Sofern man nicht einfach die Augen vor den genannten Gegensätzen verschließt, wird man zugestehen müssen, daß das Phänomen höfische Liebe durch inhaltliche Bestimmungen dieser Art kaum hinreichend zu erfassen ist, so wichtig die Inhalte für das historische Verständnis der Liebe auch sind. Als gemeinsames Kennzeichen aller Erscheinungsformen von höfischer Liebe bleibt dann immer noch etwas sehr Wesentliches, nämlich der spezifisch höfische Charakter der Liebe, das heißt ihre Einbettung in den höfischen Gesellschaftsentwurf.
     

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Was  höfische  Liebe?    

. Eine literaturgeschichte in geschichten
. Sichtweisen der moderne iii: vernunft und logik
. Hofkritik
. Höfische feste - das protokoll der umgangsformen
. Gegenströmungen zum naturalismus (ca. 1890-1918)
. Literatur des expressionismus

 

 

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