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Das höfische gesellschaftsideal

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Tugendlehre



In der adligen Mädchenerziehung nahm die Tugendlehre breiten Raum ein. Die Frau sollte ihr ganzes Leben den Normen des sittlichen Handelns unterwerfen und sollte sich auszeichnen durch »ihre hohe Moral, ihre Keuschheit, ihre guten Taten, ihre Aufrichtigkeit und ihre Beständigkeit, ihre Preiswürdigkeit und ihre Höfischheit, ihren guten Ruf, ihre Vornehmheit und ihre Tugend«149. Das weibliche Tugendideal umfaßte alle sittlichen Werte, die auch für den höfischen Ritter verbindlich waren. Aber die Akzente wurden verschieden gesetzt. Für die Frauen bestand tugendhaftes Verhalten vor allen Dingen in der Reinerhaltung ihres guten Rufs, der sich fast ausschließlich nach ihrem sexuellen Verhalten bemaß. Schamhaftigkeit, Keuschheit, Reinheit standen in den Tugendkatalogen für Frauen obenan, gefolgt von Werten eines eher passiven Verhaltens: Sanftmütigkeit, Bescheidenheit, Barmherzigkeit, Güte und Demut. Thomasin von Zirklaere hat an einer Stelle Männertugenden und Frauentugenden einander gegenübergestellt. »Falschheit« war für jeden schädlich; aber »eine Dame soll sich noch mehr vor Falschheit bewahren als ein Mann«150. Jeder sollte »freigebig« {mutE) sein, auch die Frauen. »Dennoch ziemt Freigebigkeit den Rittern mehr als den Damen.« »Demut« zierte Männer und Frauen. »Aber den Damen steht Demut besser an.« »Tapferkeit« war eine Männertugend; »Aufrichtigkeit und Wahrheit« waren Frauentugenden. Der Ritter sollte sich vor »Geiz« hüten; »eine Dame soll vor Unbeständigkeit, Unaufrichtigkeit und Hoffart behütet sein, das ist gut. Wenn sie diese Tugenden nicht besitzt, so ist ihre Schönheit nichts wert.«


   Philippe de Novare hat an den Anfang seiner Tugendlehre für Frauen die Forderung gestellt, die jungen Mädchen müßten lernen, gehorsam zu sein, »weil nämlich unser Herrgott bestimmt hat, daß die Frau immer in Untertänigkeit und Abhängigkeit sei«154. Deswegen »soll sie in ihrer Jugend denen gehorchen, die sie ernähren; und wenn sie verheiratet ist, soll sie ihrem Mann gehorchen als ihrem Herrn«155. Auch der französische Autor hat betont, daß manche Tugenden für Frauen einen anderen Wert besäßen als für Männer. Freigebigkeit war nichts für Frauen. Junge Mädchen brauchten keine Geschenke zu machen, und für die verheiratete Frau stellte sich die Sache so: »Wenn sie freigebig ist und ihr Mann ist freigebig, dann wird ihnen nichts bleiben. Wenn aber ihr Mann geizig ist und sie ist freigebig, dann macht sie ihrem Herrn Schande.« Daraus folgerte der Autor: »Eine Frau soll nicht freigebig sein.« Nur das Almosenspenden sollte ihr erlaubt sein. Nach Philippe de Novare hatten es die Frauen einfacher als die Männer. Der Mann mußte nämlich eine Reihe von Tugenden besitzen, er sollte »höfisch, freigebig, tapfer und klug «l sein. Dagegen beschränkte sich die Vorbildlichkeit einer Frau im Grunde auf einen einzigen Punkt: »Wenn sie als anständige Frau ihren Körper bewahrt, dann bleiben alle ihre sonstigen Fehler verborgen, und sie kann immer mit erhobenem Kopf gehen.«1

   Nach Thomasin von Zirklaere besaßen die moralischen Qualitäten für Frauen einen höheren Rang als die intellektuellen. Eine Frau brauchte nur so viel Verstand, um »höfisch und gesittet« zu sein. »Wenn sie mehr Verstand hat,so soll sie den Anstand und die Weisheit besitzen, nicht zu zeigen, wieviel Verstand sie hat. Man will sie nicht als Herrscherin haben. Ein Mann soll in vielen Wissenschaften bewandert sein. Die Erziehung einer vornehmen Dame schreibt vor, daß eine Edelfrau, die anständig und von guter Abstammung ist, nicht zu viel Klugheit besitzt. Einfältigkeit steht den Damen gut an.« Ã"hnliche Gedanken begegnen, in Verbindung mit der Vorstellung, daß die Frau ihren Platz im Haushalt haben sollte, in einem Gedicht des Teichners : »Es ist unnötig, daß eine Frau viel reden kann. Wozu soll sie reden können? Wenn sie für das Ansehen des Hauses sorgt und wenn sie das Paternoster kann und wenn sie die Bediensteten tadelt und zu rechtem Benehmen anhält, dann versteht sie genug vom Reden, so daß es keiner Disputationskunst bedarf aus den sieben hohen Künsten.«

   Die moralische Unterweisung der adligen Mädchen wird hauptsächlich in den Händen von Geistlichen oder von geistlich Gebildeten gelegen haben. Nicht nur in ihrer Jugend, auch später dürften die meisten adligen Frauen mehr und engeren Umgang mit Geistlichen gehabt haben als ihre Männer. Man wird damit rechnen können - auch wenn das historisch schwer zu belegen ist -, daß die kirchlichen Lehren für das Selbstverständnis der Frauen von größerer Bedeutung waren und daß die Frauen sich mehr als die Männer bemüht haben, den sittlichen Forderungen, die an sie herangetragen wurden, gerecht zu werden, schon weil sie daran gemessen wurden und weil ihr Ansehen in der Gesellschaft weitgehend an ihren guten Ruf gebunden war.
     

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