Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Das höfische gesellschaftsideal

Index
» Das höfische gesellschaftsideal
» Scholastische Ehelehre

Scholastische Ehelehre



Auf eine Trennung von Liebe und Ehe zielte auch die kirchliche Lehre; jedenfalls konnte man sie so verstehen. Alles, was die Theologen zu diesem Thema zu sagen hatten, war geprägt durch die extrem negative Bewertung der geschlechtlichen Lust . Das asketische Ideal der unberührten Jungfräulichkeit beherrschte die Sexualethik der Alten Kirche. Außerehelicher Verkehr war allemal verpönt, weil er nur der Lustbefriedigung dienen konnte. Auch in der Ehe war der geschlechtliche Verkehr mit dem Stigma der libido behaftet. Zu heiratenwurde deswegen nur als das Zweitbeste angesehen, für alle diejenigen, die nicht die Kraft besaßen, rein von allem Geschlechtlichen zu bleiben. Aber hatte nicht Gott selber mit den Worten: »Seid fruchtbar und mehret euch« die Menschen zur Zeugung aufgefordert? Diesen Widerspruch beseitigte Augustinus durch die Theorie von der doppelten Einsetzung der Ehe, die noch von den Theologen des 12. Jahrhunderts fast ohne Einschränkung anerkannt 'wurde. Danach war zu unterscheiden zwischen der Ehe im Paradies, die von Gott mit den zitierten Worten begründet worden war, und der Ehe nach dem Sündenfall. Der Zweck der Paradiesehe war die Erzeugung von Nachkommenschaft; das geschah ohne geschlechtliche Lust, weil die Geschlechtsorgane im Paradies noch dem Willen unterworfen waren. Erst mit dem Sündenfall ist die libido in die Welt gekommen, als etwas »Böses« , als eine Strafe für die gefallene Menschheit. Dadurch änderte sich der Charakter der Ehe grundlegend; sie diente zwar weiterhin der Fortpflanzung, wurde aber hauptsächlich zu einer Institution zur Eindämmung der bösen Sinnenlust, wie es der Apostel Paulus im Ersten Korintherbrief festgelegt hatte: »Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben, und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine eheliche Pflicht gegenüber der Frau leisten und ebenso die Frau gegenüber dem Mann.« Zur Rechtfertigung der Ehe nach dem Sündenfall, die immer mit dem malum der Geschlechtslust behaftet war, diente die Lehre von den Ehegütern. Auch in diesem Punkt folgte die Theologie des 12. Jahrhunderts im wesentlichen Augustinus, der drei Güter der Ehe genannt hatte: die Nachkommenschaft , die Treue und das Sakrament . Die Zeugung von Kindern blieb auch nach dem Fall ein hohes Gut. Die »Treue« der Eheleute wurde meistens im Sinne eines »Heilmittels gegen Begehrlichkeit« verstanden. Das Sakrament der Ehe wurde nicht in der Gnadenspendung gesehen, sondern in dem abbildhaften Charakter der Ehe: im Verhältnis des Ehemanns zur Ehefrau spiegelte sich, nach einem Pauluswort , auf geheimnisvolle Weise das Verhältnis Christi zur Kirche. Den ersten beiden Ehegütern korrespon-dierten vom subjektiven Standpunkt aus als Motive für den ehelichen Verkehr die Hoffnung auf Kinder und die gegenseitige Pflichtleistung der Ehegatten {debituM). Ãober die Bewertung dieses zweiten Punktes gingen die Ansichten im 12. Jahrhundert auseinander. Wenn die Bereitschaft zum Verkehr dazu diente, den Ehepartner vor Unenthaltsamkeit zu bewahren, galt sie allgemein als sündenfrei, ebenso wie der Verkehr zur Zeugung von Kindern. Wenn aber der eheliche Verkehr aus Furcht vor der eigenen Unenthaltsamkeit gesucht wurde, sah man darin meistens schon eine Sünde, wenn auch eine läßliche. Der Verkehr, der nur der Lustbefriedigung diente, wurde auch zwischen Eheleuten als Sünde verdammt. Selbst der strenge augustinische Standpunkt, daß der eheliche Verkehr niemals ohne Sünde sei, fand im 12. und 13. Jahrhundert noch zahlreiche Anhänger. »Die Geschlechtslust, ohne die kein Koitus stattfinden kann, wird wahrlich immer eine Sünde sein.«1


   Die subjektiven Ziele beim ehelichen Verkehr konnten zugleich auch als Heiratsmotive angesehen werden. In den Ehetraktaten des 12. und 13. Jahrhunderts wurden außer der Hoffnung auf Kinder und der Vermeidung von Unzucht öfter auch sekundäre Ehemotive genannt, sicherlich nicht zuletzt deswegen, weil die Diskrepanz zwischen der kirchlichen Ehelehre und den tatsächlichen Verhältnissen in der Laiengesellschaft allzu groß war. Walter von Mor-tagne unterschied in seiner Schrift >Ãober das Sakrament der Ehe< aus der Mitte des 12. Jahrhunderts die sekundären Motive in »ehrenwerte Gründe« und »weniger ehrenwerte Gründe« . Ehrenwerte Heiratsmotive waren für ihn »die Versöhnung von Feinden« und »die Wiederherstellung des Friedens« . Hier ist die Bezugnahme auf die feudalen Ehen unverkennbar. Diesen öffentlichen Interessen gegenüber besaßen die privaten und persönlichen Gründe eine geringere Achtung. Zu den weniger ehrenwerten Motiven zählte der Verfasser »die Schönheit des Mannes oder der Frau, die häufig die von der Liebe Entflammten bewegt, die Ehe einzugehen, damit sie ihr Verlangen erfüllen können«131, ferner »den Gewinn und die

Liebe zum Reichtum«132. Petrus Lombardus hat diese Bestimmungen wörtlich in sein >Sentenzenbuch< übernommen und hat ihnen dadurch eine weite Verbreitung gesichert. Den zusätzlichen Ehemotiven entsprechend hat Walter von Mortag-ne auch die Liste der Ehegüter erweitert. Er zählte dazu auch »die Freundschaft zwischen Mann und Frau, die aus der ehelichen Gemeinschaft erwächst« und »den Frieden zwischen Menschen, die vorher verfeindet waren«134. - In dem anonymen Ehetraktat >Sacramentum coniugii non ab homine

 Tags:
Scholastische  Ehelehre    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com