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Das höfische gesellschaftsideal

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Minnegeselligkeit



Man kann die höfische Liebe als ein Gegenprogramm zu den Verhältnissen der Wirklichkeit interpretieren. Hier war alles anders: statt Gewalt und Hemmungslosigkeit ein ausgesuchtes Benehmen nach den Vorschriften der höfischen Etikette; statt einer Sexualität, die nur auf körperliche Befriedigung aus war, eine erotische Kultur, in der musikalische Begabung, Redegewandtheit und literarische Bildung einen hohen Stellenwert besaßen; statt Benachteiligung und Ausnutzung der Frau ein neues Rollenspiel, bei dem die Dame den Part der Herrin übernahm und der Herr zum Diener wurde, der nach höfischer Vollkommenheit streben mußte, um der Huld der Frau teilhaftig zu werden. Die Konzeption einer neuen, besseren Gesellschaft mit Liebe als zentralem Wert war ihrem Wesen nach eine poetische Idee, die von den Dichtern ausformuliert und wohl auch zum großen Teil von ihnen erdacht worden ist.

      Aber hat es nicht noch eine andere Seite der Wirklichkeit gegeben? War nicht auch der höfische Frauendienst eine gesellschaftliche Realität? Wie schwierig es ist, diese Frage klar zu beantworten, veranschaulicht folgender Fall. Der französische
Hofkaplan Guillaume le Breton hat in seinem großen lateinischen Epos über die Taten König Philipps IL August . »Alle guten Taten werden deswegen vollbracht. «2

   Früher hat man es für selbstverständlich gehalten, daß die Liebesbeteuerungen der Trobadors und Minnesänger von einer erlebten Wirklichkeit motiviert waren. Als Kronzeuge für praktizierten Frauendienst ist Ulrich von Liechtenstein angesehen worden. Seine poetische Selbstdarstellung im >Frauendienst< bot alles, was man von einem Minneritter erwarten konnte: jahrelanges entsagungsvolles Werben um die Gunst einer gesellschaftlich höherstehenden Dame, in deren Dienst der Dichter ritterliche Fahrten veranstaltete und zu deren Verherrlichung er seine Lieder sang. Heute ist man sich einig, daß der historische Zeugniswert dieser Darstellung im Hinblick auf die Wirklichkeitsgrundlage des Minnesangs sehr gering ist. Selbst wenn alles wahr ist, was Liechtenstein von seinen Taten im Dienst der Minne erzählt hat, so hat er doch nur nachgespielt, was die höfische Dichtung ihm vorgegeben hatte. Seine Minnesänger-Autobiographie ist fast gänzlich aus literarischen Motiven zusammengesetzt. Die Wirklichkeit der höfischen Liebe ist nicht in der Echtheit der Gefühle des einzelnen Sängers zu finden. Um dem Charakter der Liebe als einer gesellschaftlichen Veranstaltung gerecht zu werden, muß man eine andere Ebene der Wirklichkeit aufsuchen: die der höfischen Geselligkeit. Die Liebe hatte ihren Platz unter den Unterhaltungsformen der adligen Gesellschaft.
     

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