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Das höfische gesellschaftsideal

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Lehren für Frauen. Erziehung und Bildung



Weil die weibliche Natur so schwach war, mußten Frauen sorgfältiger belehrt und angeleitet werden als Männer. Das hatten bereits die Kirchenväter festgestellt, die in zahlreichen Schriften die Frauen zur Keuschheit gemahnt und vor den Verlockungen der Welt gewarnt hatten. Vor allem die Briefe des hl. Hierony-mus an verschiedene Damen der römischen Gesellschaft mit Ratschlägen für die Erziehung ihrer Töchter waren eine Hauptquelle der christlichen Frauenlehre. Wie aktuell die Ansichten und Anweisungen der alten Kirchenlehrer noch in der höfischen Zeit waren, zeigt die Schrift >Ãober die Erziehung königlicher Kinder< von Vinzenz von Beauvais, die König Ludwig IX. von Frankreich gewidmet ist. In den letzten Kapiteln hat der Verfasser zusammengestellt, was bei der Erziehung adliger Mädchen zu berücksichtigen war. Dabei konnte er das meiste wörtlich aus den Sprüchen Salomos und aus den patristischen Schriften zitieren. Das erste Gebot lautete, daß die Mädchen einer strengen Bewachung unterworfen sein sollten, um ihre Jungfräulichkeit nicht zu gefährden. Am besten hielt man sie ständig im Haus; auf dem Weg zur Kirche sollte die Mutter die Tochter begleiten. Zuhause mußten die Mädchen beschäftigt werden, sonst kämensie auf schlimme Gedanken. Sie sollten arbeiten, beten und lernen. Arbeiten hieß spinnen, weben und nähen; aber nicht modische, weit ausgeschnittene Kleider, sondern Gewänder aus dik-kem Stoff, die vor Kälte schützten. Die Mädchen sollten auch lesen lernen und sich viel mit dem Psalter und den heiligen Schriften beschäftigen. Außerdem sollten sie »in guten Sitten und Bräuchen« unterwiesen werden. »Vier Dinge sind es besonders, über die sie belehrt und unterrichtet werden sollen, nämlich [1.] Schamhaftigkeit und Keuschheit, [2.] Demut, [3.] Schweigsamkeit und [4.] Würde der Sitten und Gebärden.« Schamhaftigkeit und Keuschheit zeigten sich darin, daß alle unnütze Ergötzung des Fleisches unterblieb. Die Mädchen sollten nur essen und trinken, um den Hunger zu stillen; sie sollten nicht zu viel schlafen und auch nicht baden. Zu diesem Punkt wurde aus dem Brief des Hie-ronymus an Laeta zitiert: »Mir mißfallen Bäder sehr bei einer erwachsenen Jungfrau, die über sich selbst erröten muß und die sich nicht nackend soll sehen können.« Die größten Gefahren drohten der Schamhaftigkeit und Keuschheit der Mädchen nach Vinzenz von Beauvais durch ihre weltliche Putzsucht und durch schlechte Gesellschaft. In ihrer Kleidung sollten sie alles meiden, was dazu diente, Wollust zu entzünden. Denn das Kleid »ist ein Zeichen der Seele«83. Sie sollten keine eng anliegenden Gewänder mit Schleppen und Schlitzen, keine Seide und Purpur, keine kostbaren Gürtel und Haarbänder tragen, und vor allem sollten sie sich nicht schminken und nicht die Haare färben: das war sündhaftes Teufelswerk, weil dadurch Gottes Schöpfung verfälscht würde. Statt mit leichtfertigen Mädchen und geschwätzigen Weibern umzugehen, sollten sie Witwen und Jungfrauen von erprobter Reinheit zur Begleitung wählen. - Demut, Schweigsamkeit und Sittenreinheit bewährten sich im gesellschaftlichen Auftreten. Das Mädchen sollte nicht viel reden, nicht viel lachen, sich einfach kleiden, einen ehrbaren Gang haben und vor allem nicht die Augen herumschweifen lassen. »Die Mädchen sollen in jeder Gebärde Würde bewahren, vor allem aber in ihren Blicken, denn darin wird ihre

Keuschheit und auch das Gegenteil, ihre Unkeuschheit, am meisten deutlich.« In einem eigenen Abschnitt hat Vinzenz von Beauvais zusammengestellt, was ein Mädchen wissen mußte, wenn es in den Stand der Ehe trat. Ihre Eltern sollten sie darüber belehren, daß sie den ehelichen Verkehr nicht aus Lust suchen sollte, sondern aus Gehorsam und um Kinder zu bekommen. Außerdem sollten die Eltern sie anweisen, wie sie mit ihrem Mann leben sollte: »Ihre Schwiegereltern ehren, ihren Mann lieben, das Gesinde befehligen, das Haus verwalten und sich selbst tadellos halten.« Die Liebe zu ihrem Mann sollte sich darin beweisen, daß sie ihm gehorsam war, ihn ehrte und fürchtete, ihm zu gefallen suchte, sowohl um sich seiner Liebe zu erfreuen als auch um ihn davon abzuhalten, andere Frauen zu lieben, und daß sie seine Fehler und Schwächen geduldig und liebevoll ertrug. Mit einer Abhandlung über Witwenschaft und einem Lob der Jungfräulichkeit beschloß Vinzenz von Beauvais diesen Teil seines Werks, der ein ausgezeichnetes Bild davon vermittelt, mit welchen Fragen die Erziehung adliger Mädchen im 13. Jahrhundert hauptsächlich beschäftigt war. Das meiste davon findet man in der volkssprachlichen Literatur der Zeit wieder. In Deutschland hat Thomasin von Zirklaere in seinem >Wälschen Gast< am ausführlichsten über die Erziehung adliger Mädchen gehandelt.
      Wie der Unterricht für junge Damen praktisch organisiert war, entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis. Was die praktischen Fertigkeiten betraf, dürfte er in der Hand von Frauen gelegen haben; für die literarische Ausbildung wird in der Regel ein Hofkaplan oder ein eigens dafür angestellter Hauslehrer zuständig gewesen sein. Oder man gab das junge Mädchen zur Erziehung in ein geistliches Stift. Ulrich von Dachsberg schenkte im Jahr 1223 dem Chorherrenstift in Understorf ein Grundstück mit der Auflage, daß seine Tochter Ottilia dort »so lange verköstigt werde, bis sie den Psalter gelernt habe«86.
     

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