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Das höfische gesellschaftsideal

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Kaiserbilder und Fürstenbilder



Der Grundtyp des mittelalterlichen Kaiserbildes zeigt den Herrscher in strenger Frontalität auf dem Thron sitzend, angetan mit den Insignien seiner Macht. Die wesentlichen Elemente dieses Bildaufbaus, in dem der universale Anspruch und die Erhabenheit der kaiserlichen Majestät zur Anschauung kamen, waren bereits am Ende des 4. Jahrhunderts, unter Kaiser Theo-dosius , fertig ausgebildet und haben ein ganzes Jahrtausend lang die Herrschaftsauffassung mitgeformt, sowohl im byzantinischen Reich als auch im abendländischen Westen. Hier hat diese Bildform ihre bedeutendsten künstlerischen Ausprägungen zuerst im 9. Jahrhundert, am westfränkischen Hof Kai-ser Karls des Kahlen, und dann an der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert, unter den letzten Ottonen, gefunden. Die Kaiserbilder Ottos I

II.

und Heinrichs

II.

stellten in der Pracht und Kostbarkeit ihrer Ausführung und in der sakralen Stilisierung der Herrschermajestät einen Höhepunkt dar, der später nicht wieder erreicht worden ist. Das feierliche Thronbild wurde auch im 12. und 13. Jahrhundert weiterbenutzt. Die ganzseitigen Bilder Kaiser Heinrichs in den Liederhandschriften B und C bezeugen, daß diese Bildtradition noch am Ende der höfischen Zeit lebendig war. Meistens war das Thronbild in dieser Zeit jedoch weniger aufwendig, kleiner in den äußeren Dimensionen und privater in der Aussage. Das zeigt zum Beispiel das Bild Kaiser Friedrichs I. in der Fuldaer Handschrift der >Historia Welforum< vom Ende des 12. Jahrhunderts. Wie auf den älteren Kaiserbildern ist der thronende Herrscher hier in feierlichem Ornat mit Krone, Szepter und Globus abgebildet; aber rechts und links von ihm stehen seine Söhne Heinrich und Friedrich, die mit lebhaften Handgebärden den Kaiser ansprechen, und dieser wendet den Kopf leicht nach rechts, die strenge Frontah-tät damit aufhebend, seinem ältesten Sohn Heinrich zu . Das Thronbild ist zum Familienbild geworden. Unverändert blieb der alte Bildtyp der thronenden Majestät jedoch auf den Siegeln der Kaiser und Könige.

      Andere Typen des Herrscherbildes wurden seltener verwendet: das Belehnungs- oder Krönungsbild, auf dem die Krönung des Kaisers durch die Hand Gottes dargestellt war; das Devotionsbild, das den Herrscher oder das Herrscherpaar in anbetender Haltung zu Füßen Christi zeigte; und das Dedikations-oder Widmungsbild, auf dem der Kaiser das Modell einer von ihm gestifteten Kirche dem Heiligen überreichte, auf dessen Name sie geweiht wurde. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts traten daneben neue Bildmotive in Erscheinung, durch die die Herrscherdarstellung eine bis dahin unbekannte Vielgestaltigkeit gewann. Dabei verschob sich der Akzent von der Symbolik der universalen Kaisermajestät zu einem mehr erzählenden Bildstil, der den Herrscher auch handelnd zur Erscheinung brachte, wie es die zahlreichen Bilder in der Berner Handschrift des Ãober ad honorem Augusti< von Petrus de Ebulo belegen. Mit den Inhalten änderten sich auch die Darstellungsmittel. Neben gemalten Miniaturen findet man kolorierte Federzeichnungen; in Regensburg wurde bereits im 12. Jahrhundert das große


Wandbild zur Herrscherdarstellung benutzt. Außerdem begannen plastische Gestaltungen verschiedener Form. Auf dem von Kaiser Friedrich I. gestifteten Aachener Armreliquiar Karls des Großen ist der Kaiser zusammen mit seiner Gemahlin Beatrix, seinem Vater, Herzog Friedrich von Schwaben, und seinem Onkel, König Konrad I

II.

, in Gestalt von Halbfiguren dargestellt. Kleinfiguren aus Stein gibt es von Kaiser Friedrich I. im Kreuzgang des Klosters St. Zeno in Reichenhall und - wieder zusammen mit Beatrix - am Westportal des Doms in Freising. Eine der großartigsten Kaiserfiguren des 12. Jahrhunderts ist der Cappenberger Barbarossakopf, den Friedrich I. dem Grafen Otto von Cap-penberg zum Geschenk gemacht hat. Die steinerne Großplastik begegnet erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts in Bamberg, in den Figuren Kaiser Heinrichs IL und seiner Gemahlin Kunigunde, und wenig später in Magdeburg.
      Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts wurden auch weltliche Fürsten bildlich dargestellt. Altere Fürstenbilder hatte es nur ganz vereinzelt gegeben, wie das eigenartige Bild des bayerischen Herzogs Heinrich des Zänkers im Regelbuch des Klosters Niedermünster. Dieser Heinrich war der Vater Kaiser
Heinrichs

II.

und ist selber, nach dem Tod Ottos

II.

, als Gegenkönig aufgetreten. So erklärt es sich vielleicht, daß ein Bild von ihm angefertigt wurde. Er ist ohne Herrscherinsignien dargestellt, aber mit einem Nimbus: ein ganz ungewöhnliches Motiv in der weltlichen Malerei . Die Fürstenbilder des 12. Jahrhunderts waren Dokumente des neuen Selbstbewußtseins der großen Fürstenhäuser. Das belegen die Bilder Heinrichs des Löwen, mit denen die Geschichte des Fürstenbildes in Deutschland begann. Heinrich der Löwe hat im Kloster Heimarshausen , dessen Vogt er war, mehrere Handschriften bestellt, die mit kostbaren Bildern geschmückt wurden. Das sogenannte Gmunder Evangeliar, das für die Kirche St. Blasius und Ã"gidius in Braunschweig bestimmt war, enthält ein Widmungsbild, das dem Typus des kaiserlichen Dedikationsbildes folgte: der Herzog, gekleidet in einen Purpurmantel, überreicht dem hl. Blasius das Buch, während der hl. Ã"gidius daneben die ebenso kostbar gekleidete Herzogin Mathilde begrüßt. Das Krönungsbild in derselben Handschrift schloß an den alten Kaisertyp des Belehnungsbil-des an: zwei aus den Wolken herabreichende Hände setzen dem

Herzog und der Herzogin die Kronen auf, und hinter ihnen stehen ihre vornehmen Ahnen: auf der Seite des Herzogs sein Vater Heinrich der Stolze und dessen Frau Gertrud sowie deren Eltern, Kaiser Lothar I

II.

und Kaiserin Richenza , auf der Seite der Herzogin ihr Vater, König Heinrich IL von England und dessen Mutter Mathilde, die mit Kaiser Heinrich

V.

verheiratet gewesen war . Ein drittes Bild des Herzogspaares, im sogenannten Londoner Psalter, der ebenfalls aus Heimarshausen stammte, setzte den Typ des Devotionsbildes fort: Heinrich der Löwe und Mathilde knien zu Füßen des gekreuzigten Christus. In allen drei Fällen haben die Maler Bildformeln benutzt, die in der Geschichte des Kaiserbildes schon eine lange Tradition hatten.
      Nicht alle Formen des Kaiserbildes wurden von den Fürsten übernommen. Der thronende Herrscher mit den Insignien seiner Macht ist ein Reservat der gekrönten Häupter geblieben, wie die Siegelpraxis zeigt. Während die Könige im 13. Jahrhundert - auch die Könige von Böhmen - immer mit dem majestas-Bild gesiegelt haben, haben die Fürsten dieses Bild auf ihren Siegeln so gut wie nie benutzt. Eine Ausnahme machte der
Landgraf Konrad von Hessen , der Sohn Hermanns I. von Thüringen und Hochmeister des Deutschen Ordens, der 1232/33 mit einem Thronbild gesiegelt hat. Wie er zu dieser Bildwahl kam, ist unklar; auch in seiner Eigenschaft als Ordensmeister hat Konrad ungewöhnliche Siegelbilder benutzt. Sonst gibt es nur noch zwei mecklenburgische Thronsiegel aus dem späteren 13. Jahrhundert. Danach haben erst um 1500 wieder die Kurfürsten von Brandenburg das Thronbild auf ihren Siegeln verwendet.
      Anders verhielt es sich mit den Münzbildern. Heinrich der Löwe hat Münzen prägen lassen, auf denen ein thronender Herrscher mit Lilienzepter und Schwert abgebildet ist; und ähnliche Darstellungen gab es gelegentlich auf anderen Münzprägungen, sogar von nicht-fürstlichen Personen: eine Münze des Grafen Berthold von Ziegenhain zeigt den thronenden Herrscher mit Schwert und fünfblättriger Rose. Wie diese Münzbilder zu interpretieren sind, muß vorerst offenbleiben. Die Auswertung der Münzen für die Geschichte des mittelalterlichen Herrscherbildes hat noch kaum begonnen. Vielleicht spiegelte sich in den Münzbildern das Bewußtsein, daß das Recht zur Münzprägung ursprünglich nur den Königen zustand.
      Das älteste erhaltene deutsche Fürstensiegel ist das des Herzogs Heinrich V

II.

von Bayern aus dem Jahr 1045 . Es zeigt den Herzog stehend , mit Lanze und Schild, ein Bildtyp, der schon am Ende des 10. Jahrhunderts von Kaiser Otto I

II.

und dann in den Jahren

1028-1038 von Kaiser Konrad IL benutzt worden war. Solche Standbildsiegel sind noch in der höfischen Zeit von den Askaniern in Brandenburg, von den Piasten in Schlesien und auch von den Zähringern verwendet worden. Zu den ältesten Fürstensiegeln gehörte ferner das Brustbildsiegel des Grafen Adalbert von Anhalt aus dem Jahr 1073, das ebenfalls einem kaiserlichen Bildtyp folgte. Bereits am Ende des 11. Jahrhunderts trat als charakteristische Form des Fürstensiegels das Reitersiegel in Erscheinung. Das älteste Siegel dieser Art stammte vom Jahr 1083 ; es folgten die Reitersiegel des Herzogs Heinrich I

II.

von Kärnten , des rheinischen Pfalzgrafen Siegfried , des Markgrafen Leopold I

II.

von Ã-sterreich , des Markgrafen Konrad von Meißen , des Herzogs Heinrich des Schwarzen von Bayern usw. Das Reitersiegel, das den Siegelführer als schwergepanzerten Ritter zu Pferd darstellte, war ein typisches Fürstensiegel, das nie von Kaisern geführt worden ist. Der Anstoß dazu kam aus Frankreich, wo die ersten Reitersiegel von Graf Geoffroi IL Martell von Anjou und von dem normannischen Herzog Wilhelm dem Eroberer geführt wurden. Im 12. und 13. Jahrhundert haben auch Mitglieder gräflicher Familien in Deutschland Reitersiegel geführt: Florentin I

II.

von Holland , Balduin

V.

von Hennegau , Dietrich

V.

von Kleve , Adolf I

II.

von Holstein , Wilhelm

II.

von Jülich usw. Es handelte sich jedoch durchweg um Angehörige des höchsten Adels, vor allem aus den westlichen Reichsteilen. Nur vereinzelt habenspäter, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, auch kleinere Adlige ein Reitersiegel geführt. Die Siegel zeigten immer ein typisches und idealisiertes Ritterbild, das in den Einzelheiten der Haltung und Bewaffnung dem Ritterbild der Dichter entsprach. Eine ausgesprochen höfische Haltung wiesen auch die Jagdsiegel auf, die den ungerüsteten adligen Herrn zu Pferd darstellten, mit dem Jagdvogel auf der behandschuhten Hand. Dieser Typ, der auch als Frauensiegel vorkam, ist allerdings nur selten verwendet worden.
      Die reiche Entfaltung des Fürsten- und Adelsbildes im 13. Jahrhundert ist noch gänzlich unerforscht. Die einzige Arbeit von Steinberg und Steinberg über diesen Gegenstand endet mit dem Jahr 1200. Bei diesem Forschungsstand ist noch nicht einmal eine skizzenhafte Charakterisierung der weiteren Entwicklung möglich. Es soll hier aber wenigstens auf die künstlerisch bedeutendste Darstellungsform hingewiesen 'werden, auf die Grabplastik. Figürliche Darstellungen des Toten auf seinem Grabmal hatte es schon früher gegeben; vor allem die Gräber von Bischöfen und Ã"bten sind auf diese Weise geschmückt worden. Es gab auch schon das figürliche Königsgrab. Angeblich soll bereits Karl der Große auf seinem Grab abgebildet gewesen sein; davon ist jedoch nichts erhalten. Das erste Figu-rengrab eines deutschen Königs ist das Grabmal des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden im Merseburger Dom. Die gegossene Grabplatte mit dem Flachrelief des Toten ist kunstgeschichtlich von großer Bedeutung. Eine Tradition hat dieses Königsgrab jedoch nicht begründet. In der Folgezeit sind die Könige wieder in bildlosen Tumben beerdigt worden. Erst das Grabmal Rudolfs von Habsburg im Speyerer Dom zeigt wieder das Bildnis des Toten. Als es geschaffen wurde, stand jedoch das figürliche Adelsgrab bereits in hoher Blüte.
      Das Zentrum der weltlichen Grabmalskunst lag im 13. Jahrhundert im thüringisch-sächsischen Raum. Die Adelsgräber konnten an die sakrale Grabplastik anknüpfen, die in der Zeit um 1200 dort besonders hoch entwickelt war. Das Grab des Magdeburger Ministerialen Hermann von Plothe in Altenplathow, mit einem sehr altertümlichen Bild des Toten, gehört zu den ältesten Beispielen des figürlichen Adelsgrabes. Bald nach 1200 setzte sich ein anderer, ganz moderner Stil durch, und damit begann die Blütezeit der mitteldeutschen Grabplastik. Zu den wichtigsten Arbeiten gehört das

Doppelgrab Heinrichs des Löwen und seiner Frau Mathilde im Braunschweiger Dom , das Grab Wiprechts von Groitzsch in der St. Lorenz-Kirche in Pegau , das Doppelgrab des Wettiner Markgrafen Dedo und seiner Frau Mechthild in der Schloßkirche von Wechselburg , der Rittergrabstein im Merseburger Dom und das interessante Drillingsgrab des Grafen von Gleichen mit seinen beiden Frauen im Dom von Erfurt . Die meisten dieser Grabmäler zeigen das Bestreben, in der figürlichen Ausformung der adligen Damen und Herren ein Schönheitsideal zur Geltung zu bringen, das sich unmittelbar den Schönheitsvorstellungen der höfischen Dichter vergleichen läßt. Ffeinrich der Löwe war 65 Jahre alt, als er 1195 starb, und er hatte in den letzten Jahren seines Lebens unter verschiedenen Altersbeschwerden zu leiden. Das Grabmal im Braunschweiger Dom , das seine Nachfahren ihm errichten ließen, zeigt ihn jedoch in fast jugendlicher Schönheit mit glattem, faltenlosem Gesicht, bartlos, mit langem, offenem, leicht gelocktem Haar und in reicher Gewandung. Mit der rechten Hand greift er in den Mantel und hält zugleich ein Modell der von ihmerbauten Braunschweiger St. Blasius-Kirche; in der Linken liegt, als einziges Attribut seiner Macht, das Schwert. Seine Frau Mathilde neben ihm trägt einen pelzbesetzten Tasselmantel mit reichem Faltenwurf. Unter dem Mantel sieht man ein in der Taille gegürtetes Kleid mit enganliegenden Ã"rmeln, die bis auf die Hände reichen. Noch stärker höfisch akzentuiert ist das prächtige Doppelgrab des Grafen und Minnesängers Otto von Botenlouben-Henneberg und seiner Frau Beatrix in dem von ihnen gestifteten Kloster Frauenroth bei Kissingen .
      In diesem Zusammenhang sind auch die zwölf überlebensgroßen Stifterfiguren im Westchor des Naumburger Doms zu nennen, denen unter den Fürstenbildern des 13. Jahrhunderts aufgrund ihres hohen künstlerischen Rangs eine Sonderstellung zukommt. Es handelt sich um Mitglieder des Wettiner Fürstenhauses und der mit ihnen verschwägerten Ekkehardinger, den Vorfahren der im 13. Jahrhundert regierenden Markgrafen von Meißen und auch des Bischofs Dietrich von Naumburg , unter dessen Episkopat diese Plastiken aller Wahrscheinlichkeit nach geschaffen worden sind. Die Verbindung der Naumburger Stifterfiguren mit der Grabplastik ergibt sichdaraus, daß alle figürlich Dargestellten tatsächlich im Westchor der Naumburger Kirche begraben waren. Ungewöhnlich ist dieser Figurenzyklus auch deswegen, weil hier Mitglieder einer hochadligen Familie in einer Form dargestellt worden sind, die sonst nur Heiligen und Kaisern vorbehalten war.
     

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