Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Das höfische gesellschaftsideal

Index
» Das höfische gesellschaftsideal
» Ideal und Wirklichkeit

Ideal und Wirklichkeit



Das höfische Ritterideal und die gesellschaftliche Realität des adligen Lebens standen zueinander im Verhältnis krasser Gegensätzlichkeit. Die Diskrepanz zwischen dem hohen moralischen Anspruch, der sich mit dem Namen Ritter verband, und der gelebten Wirklichkeit ist am deutlichsten von Klerikern ge-sehen worden, die das Hofleben und die Hofgesellschaft aus eigener Erfahrung kannten. Petrus von Blois war als Prinzenerzieher am sizilianischen Königshof tätig und gehörte als Hofkaplan zum engsten Kreis um den englischen König Heinrich IL In seinem Brief Nr. 94 an den Archidiakon Johannes schrieb er: »Der Orden der Ritter besteht heute darin, keine Ordnung zu halten. Denn derjenige, der am meisten seinen Mund mit unflätigen Worten besudelt, der am abscheulichsten flucht, der am wenigsten Gott fürchtet, der die Diener Gottes verächtlich macht, der die Kirche nicht ehrt, der wird heute im Kreis der Ritter als der tüchtigste und berühmteste geachtet.« »Früher verpflichteten sich die Ritter durch das Band des Eides dazu, daß sie für die öffentliche Ordnung eintreten würden, daß sie in der Schlacht nicht fliehen würden und daß sie ihr Leben für das allgemeine Wohl hingeben würden. Auch heute empfangen die Ritter ihre Schwerter vom Altar und sollen geloben, daß sie Söhne der Kirche sind und daß sie das Schwert empfangen haben zur Ehre der Priester, zum Schutz der Armen, zur Bestrafung der Ãobeltäter und zur Befreiung des Vaterlandes. Aber diese Sache hat sich ins Gegenteil verkehrt. Denn sobald sie mit dem Rittergürtel geschmückt sind, erheben sie sich gegen die Gesalbten des Herrn und wüten im Erbland des Gekreuzigten. Sie plündern und berauben die unbemittelten Diener Christi und, was schlimmer ist, sie unterdrücken erbarmungslos die Armen und sättigen am Schmerz der anderen ihre eigenen verbotenen Gelüste und ihre außerordentlichen Begierden.« »Die im Kampf gegen die Feinde des Kreuzes Christi ihre Kräfte beweisen sollten, die liegen lieber mit ihrer Trunkenheit im Streit, geben sich dem Nichtstun hin, erschlaffen in Völlerei, und durch ihr verderbtes und unanständiges Lebenschänden sie den Namen und die Pflichten des Rittertums.« »Wenn unsere Ritter zuweilen einen Feldzug unternehmen müssen, werden die Lastpferde nicht mit Waffen, sondern mit Wein beladen, nicht mit Lanzen, sondern mit Käse, nicht mit Schwertern, sondern mit Schläuchen, nicht mit Wurfspeeren, sondern mit Bratspießen. Man meint, daß sie zu einem Gelage ziehen, nicht in den Krieg. Sie tragen herrlich vergoldete Schilde mit sich und sind mehr auf die Beute der Feinde aus als auf den Kampf mit ihnen; ihre Schilde bringen sie sozusagen jungfräulich und unberührt zurück. Auf ihre Sättel und Schilde lassen sie Kriegsszenen und Reiterschlachten malen, damit sie sich im Bild der Phantasie an den Kämpfen erfreuen, die sie in Wirklichkeit nicht zu bestehen oder mitanzusehen wagen.« Die Einseitigkeit der klerikalen Perspektive, die in dieser Stellungnahme zum Ausdruck kommt, sollte nicht dazu verleiten, den Zeugniswert der Aussage zu verkleinern. Das Urteil von Petrus von Blois wird von anderen zeitgenössischen Ã"ußerungen bestätigt; und es waren nicht nur die Kleriker, die so geurteilt haben. Die höfischen Dichter selber haben dadurch, daß sie das poetische Idealbild des Rittertums in eine ferne Vergangenheit verlegt haben - in die Zeit, als König Artus und die Ritter seiner Tafelrunde am Leben waren -, den Abstand zwischen diesem Ideal und den Gescllschaftsverhältnissen ihrer eigenen Gegenwart ins Bewußtsein gerufen. Auf der anderen Seite ist der Appellcharakter des höfischen Ritterideals nicht zu übersehen. Die poetischen Schilderungen waren offensichtlich nicht nur auf literarische Erbauung der adligen Zuhörerschaft angelegt, sondern sie wollten auch auf die gesellschaftliche Praxis Einfluß nehmen. Ob das gelungen ist, wird sich nur schwer feststellen lassen. Man kann aber angeben, in welchen Bereichen der Wirklichkeit eine Orientierung an den idealen Forderungen stattfand. Das gilt insbesondere für die Erziehung der jungen Adligen.

     

 Tags:
Ideal  Wirklichkeit    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com