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Das höfische gesellschaftsideal

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Historische Voraussetzungen. Die Rolle der Hofkleriker



Wenn es zutrifft, daß im Idealbild des höfischen Ritters traditionelle Herrschervorstellungen sich mit dem religiösen Ritterbegriff der Reformbewegung, mit christlichen Tugendforderungen und mit dem modernen Kodex des feinen Benehmens verbunden haben, dann müssen geistlich Gebildete an der Ausformulierung dieses Ideals maßgebend beteiligt gewesen sein; denn nur die Gebildeten hatten Zugang zu den verschiedenen literarischen Ãoberlieferungen. Die Bedeutung der Kleriker und Hofkapläne für die Entstehung der höfischen Kultur ist bereits von Hennig Brinkmann und Reto R. Bezzola gesehen worden; in jüngster Zeit hat C. Stephen Jaeger diesen Gesichtspunkt besonders betont.

      Die Wörter »höfisch« und »Höfischheit« sind seit dem Ende des 11. Jahrhunderts dazu benutzt worden, eine besondere Qualität des gesellschaftlichen Auftretens zu bezeichnen, die bei Bischöfen und Hofgeistlichen angetroffen wurde. Bischof Meinwerk von Paderborn war »aus königlichem Geschlecht geboren und durch die Feinheit seiner Sitten für den Königsdienst geeignet«168. Der Kardinal Guido von Crema war »ein Mann von hoher Abstammung,sehr höfisch und angesehen und von angenehmer Beredtsam-keit«169. Bischof Gardolf von Halberstadt war »von angeborenem Edelmut und außerordentlicher Freigebigkeit, geschmückt mit der Höfischheit seiner Sitten und der vornehmen Art vollkommener Rechtschaffenheit«170. Allerdings hat es auch Widerstände dagegen gegeben, daß einem geistlichen Würdenträger höfische Umgangsformen lobend zugeschrieben wurden. Wenn in der Abtsgeschichte des Klosters St. Bertin von Abt Leonius gesagt wurde, er sei »höfisch erzogen und in höfischen Sitten unterrichtet gewesen«171, so war das, aus der Sicht des Verfassers, alles andere als ein Kompliment. Der Reformkardinal Petrus Damiani hatte bereits im 11. Jahrhundert von »höfischen Bischöfen« gesprochen, denen die wahre Frömmigkeit fehlte. Wo die curialitas der geistlichen Herren positiv bewertet wurde, manifestierte sie sich in hoher Bildung, Leutseligkeit, Redegewandtheit, in der Schönheit der äußeren Erscheinung und vor allem in der Beherrschung feiner Umgangsformen. »Anstand der Sitten« , »Vornehmheit der Sitten« , »Feinheit der Sitten« , »Liebenswürdigkeit der Sitten« : mit diesen Begriffen wurde in den Bischofsviten des 12. Jahrhunderts die neue Qualität des gesellschaftlichen Benehmens umschrieben. Ein Musterbild höfischen Anstands war Bischof Otto von Bamberg , der unter Kaiser Heinrich

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der Hofkapelle angehörte und der auch als Baumeister hohen Ruhm genoß. »In seiner ganzen Handlungsweise nämlich besaß er - was selbst den Ungläubigen rühmenswert erschien - als eine Gabe des Heiligen Geistes, wie ich sicher glaube, eine einzigartige Lauterkeit und, möchte ich sagen, ein so vornehmes und feines Benehmen, daß er niemals etwas Ungeziemendes, Unpassendes oder Unehrenhaftes gestattete, sei es beim Essen und Trinken, in seiner Redeweise, in seinen Gebärden oder in seiner Kleidung. Vielmehr bewies er in jeder äußeren Verrichtung eine innere Haltung, ausgezeichnet durch Gü-te, Erziehung und umsichtige Klugheit.« Herbords Werk ist vor 1160 abgefaßt.
      Bereits vor der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde das neue mrialitas-ldeal auch auf Personen weltlichen Standes angewandt. Ekkehard von Aura schrieb über den Grafen Konrad von Beichlingen , er sei »einer der großen Herren gewesen, ausgezeichnet mit allem, was dem Menschen zur Würde gereicht, durch Geburt, Bildung, Tapferkeit und Reichtum hervorragend, durch vornehmes Wesen und Be-redtsamkeit allen Rechtschaffenen liebenswert und angenehm«174. In der um 1150 verfaßten >Vita Paulinae< des Mönchs Sigeboto hieß es über den Sohn der Klostergründerin Paulina , er habe »sich in höfischer Lebensweise und in herrlicher Erlauchtheit so sehr ausgebildet, daß er sich unter Hofleuten und unter den durch weltlichen Ruhm besonders ausgezeichneten Männern nichts an bäurischer Einfältigkeit zuschulden kommen ließ und allen rühmenswert erschien«173. In diesen Lobesworten waren wesentliche Aspekte des höfischen Ritterund Herrscherbildes angelegt, das die Dichter später zu reicher Entfaltung gebracht haben. Daß die höfischen Prädikate von den geistlichen Autoren jedoch nicht ohne Vorbehalte vergeben wurden, beleuchtet die Bemerkung Gerhohs von Reichersberg über Herzog Friedrich IL von Schwaben , »den wir als einen höfischen Menschen kennen, gänzlich ergeben der vornehmen Lebensweise, um nicht zu sagen: der Eitelkeit der Welt«176.
      Gebildete Kleriker waren es, die die ersten Hoflehren verfaßt haben. Am Anfang dieser neuen Literatur stand die >Disciplinaclericalis< des spanischen Arztes Petrus Alfonsi, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts tätig war. Darin hat der Verfasser ein komplettes höfisches Erziehungsprogramm zusammengestellt. Auf die Bitte seines Sohnes: »Lieber Vater, gib mir die richtige Definition dessen, was Adel heißt«177, antwortete dieser mit dem Verweis auf den Brief des Aristoteles an seinen Schüler Alexander: »Nimm einen Mann, der in den sieben freien Künsten ausgebildet, in den sieben weisen Regeln erzogen und in den sieben Fertigkeiten geübt ist. Das halte ich für den vollendeten Adel.« Unter den »sieben weisen Regeln« wurden in der Hauptsache höfische Anstandsiehren verstanden: »Man soll kein Fresser sein, kein Säufer, nicht ausschweifend, nicht gewalttätig, kein Lügner, nicht geizig und nicht von schlechtem Lebenswandel.« Die »sieben Fertigkeiten« {Septem probitateS) bezogen sich auf die ritterliche Erziehung und umfaßten »reiten, schwimmen, Bogenschießen, boxen, jagen, Schachspielen und Verse machen«180. Die hier vorgenommene Verbindung von ritterlich-sportlichen Fertigkeiten mit höfischen Umgangsformen und einer literarischen Ausbildung umfaßte wesentliche Aspekte des höfischen Gesellschaftsideals, das in der Schrift von Petrus Alfonsi seine erste Ausformulierung erlebt hat.
      Im weiteren Verlauf des 12. Jahrhunderts sind zahlreiche lateinische Werke in Vers und Prosa entstanden, die das richtige Verhalten am Hof und vor allem das gute Benehmen bei Tisch zum Gegenstand hatten. Am bekanntesten sind der >Urbanus< und der >FacetusDer heimliche BoteFacetus< sagt uns genug von guter Minne«181), während der zweite Teil sich mit einer Hofzucht an die Ritter wandte: »Wenn einer tut, was ich ihm rate, so ist sein Ansehen grün und beständig.« Eine komplette Hoflehre in deutscher Sprache hat der italienische Kanoniker Thomasin von Zirklaere im ersten Buch des >Wälschen Gasts< gegeben. Nach seiner eigenen Aussage stützte er sich dabei auf einen Text, den er selbst »in romanischer Sprache« verfaßt hatte.
      Als Erzieher am Hof haben die Kleriker sicherlich einen bedeutenden Einfluß auf die Gesellschaftsvorstellungen des weltlichen Adels ausgeübt. Der Gedanke, daß die Ritter das feine höfische Benehmen und die Kunst der Liebe von den Klerikern lernen konnten, war im 12. Jahrhundert unter den Gebildeten weit verbreitet. »Vom Kleriker ist der Ritter zum Minnediener gemacht worden.« Dieser Satz stammte aus dem poetischen Streitgespräch zweier junger adliger Damen, Phyllis und Flora, über die Frage, ob ein Ritter oder ein Kleriker als höfischer Liebhaber den Vorzug verdiente, ein Thema, das im 12. und 13. Jahrhundert in lateinischen und französischen Gedichten wiederholt behandelt worden ist. Fast immer ist die Entscheidung zugunsten der Kleriker ausgefallen, die sich in den Augen der Damen durch ihr feines Benehmen, durch ihre gepflegte Rede, durch ihre Liebenswürdigkeit, aber auch durch ihren Wohlstand und ihre Freigebigkeit auszeichneten. »Wir wissen, daß die Kleriker freundlich, anmutig und liebenswürdig sind. Sie besitzen curialitas und Rechtschaffenheit. Sie verstehen sich nicht auf Täuschung und böse Rede. In der Liebe haben sie Erfahrung und Klugheit. Sie machen schöne Geschenke und halten ihr Wort.« Die Ritter dagegen wurden in diesen Gedichten meistens als ungeschlacht, kampfbesessen, grob und ärmlich hingestellt. Allerdings haben die Damen, die lieber einen Ritter als Liebhaber wollten, auch positive Eigenschaften der Ritter genannt: ihren Mut, den Glanz ihrer Waffen, ihre


Dienstbereitschaft, und manchmal -wurde ihnen sogar ein höherer Grad an elegantia zuerkannt . Am deutlichsten ist diese Wertung in dem berühmten Brief aus der Tegernseer Briefsammlung des 13. Jahrhunderts formuliert, der mit den deutschen Versen: Du bist min, ich bin din endet. Dort antwortete die Schreiberin ihrem geistlichen Freund und Lehrer auf dessen Warnung, »sich vor den Rittern wie vor Ungeheuern zu hüten«185; sie versicherte, daß sie sich vor deren Liebesanträgen in acht zu nehmen wüßte, wollte jedoch den Rittern ihren Wert nicht absprechen: »Denn sie sind es, möchte ich sagen, durch die die Gesetze der curialitas herrschen. Sie sind die Quelle und der Ursprung aller gesellschaftlichen Achtung.«

  

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