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Das höfische gesellschaftsideal

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Fürstenspiegel



Im höfischen Ritterbild sind alte und neue Vorstellungen von adliger Vorbildlichkeit zusammengekommen. Mit den modernen Forderungen der Courtoisie verbanden sich der religiöse Rittergedanke aus der Gottesfriedens- und Kreuzzugsbewe-gung sowie Elemente eines christlich geprägten Herrscherideals, das sich bis in die Spätantike zurückverfolgen läßt. Dieses traditionelle Herrscherbild hat einen vielfältigen literarischen Niederschlag gefunden: in der lateinischen Geschichtsschreibung des Mittelalters ebenso wie in den Krönungsordines der Kaiser und Könige, in Herrscherakklamationen und liturgischen Gebeten, in Mahnschreiben von Päpsten und Bischöfen an weltliche Große, in der panegyrischen Dichtung und vor allem in den Fürstenspiegeln, die zumeist aus den praktischen Erfordernissen der Prinzenerziehung entstanden sind und die den zukünftigen Herrscher über seine Aufgaben und Pflichten belehren sollten. Fürstenspiegel dieser Art hat es zuerst im 9. Jahrhundert gegeben, und die Schriften aus dieser Zeit waren alle für Mitglieder des karolingischen Herrscherhauses bestimmt: >Der Weg des Königs< von Smaragd von St. Mihiel, >Ãœber das Königtum< von Jonas von Orleans, >Das Buch über die christlichen Herrschen von Sedulius Scottus sowie verschiedene Werke von Hincmar von Reims. Nach längerer Pause und ohne Kenntnis der karolingischen Vorläufer ist die Gattung der Fürstenspiegel im 12. Jahrhundert zu neuer Bedeutung gelangt. Am Anfang dieser neuen Entwicklung stand der >Policra-ticus< von Johannes von Salisbury, der allerdings über die engere Thematik der Herrschererziehung hinaus eine allgemeine Gesellschafts- und Staatslehre bot. Der >Policraticus< hatte einen großen Einfluß auf die Fürstenspiegel des späten 12. und des 13. Jahrhunderts, zu denen die Schriften >Ãœber die Erziehung des Fürsten< von Giraldus Cambrensis, >Ãœber die gute Herrschaft des Fürsten< von Helinand von Froidmont, >Die Erziehung der Könige und Fürsten< von Gilbert von Tournai und >Ãœber die Erziehung königlicher Kinder< von Vinzenz von Beauvais gehörten. Die meisten Werke stammten aus England, Frankreich, Spanien und Italien. Erst an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert begann auch in Deutschland die Fürstenspiegelliteratur mit den Schriften des Abtes Engelbert von Ad-mont: >Ãœber die Regierung der Fürsten< und >Spiegel der sittlichen Kräfte< . Der Verfasser stand in enger Verbindung zum Habsburger Königshof unter König Albrecht I. . An den Fürstenspiegeln kann man den Wandel des Herr-scherbildes vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit verfolgen. Es gab jedoch auch Aspekte des Herrscherbildes, die fast unverändert weitergegeben wurden. Dazu gehörten die christlichen Grundpflichten, die bereits von den Kirchenvätern formuliert worden waren und die das ganze Mittelalter hindurch ein unverzichtbarer Teil jeder Schrift über die Fürstenerziehung geblieben sind. Einen sehr wirkungsstarken Ausdruck haben diese Gedanken in der Pseudo-Cyprianschen Schrift >Ãœber die zwölf Mißstände der Welt< aus dem 7. Jahrhundert gefunden, besonders im neunten Kapitel, das vom »ungerechten König« handelte, dem das positive Gegenbild des »gerechten Königs« entgegengestellt wurde. »Die Gerechtigkeit des Königs besteht darin, niemanden durch Gewalt ungerecht zu bedrücken; ohne Ansehen der Person über die Menschen zu richten; ein Verteidiger der Fremden, der Waisen und der Witwen zu sein; Diebstahl zu unterbinden; Ehebruch zu bestrafen; die Ungerechten nicht zu erheben; die Schamlosen und die Spielleute nicht zu versorgen; die Gottlosen zu vernichten; Mördern und Meineidigen nicht zu leben gestatten; die Kirchen zu schützen, die Armen mit Almosen zu speisen; die Gerechten mit den Reichsgeschäften zu betrauen; erfahrene, weise und besonnene Ratgeber zu haben; sich nicht nach den abergläubischen Bräuchen der Zauberer, Wahrsager und Wahrsagerinnen zu richten; Zornesausbrüche zu unterdrücken; das Vaterland tapfer und wirksam gegen Feinde zu verteidigen und in allem auf Gott zu vertrauen.« Dieser Text ist in vielen Fürstenspiegeln benutzt oder wörtlich zitiert worden. Seine weiteste Verbreitung erhielt er durch die Aufnahme in die berühmte Dekretaliensammlung von Gratian . Im 15. Jahrhundert ist die Schrift auch mehrfach ins Deutsche übersetzt worden. Auf knappstem Raum sind hier die Hauptmotive der christlichen Herrschervorstellung zusammengefaßt. Die Forderungen, daß der König gerecht in seiner Herrschaft sei, daß er die Frevler bestrafe und die Würdigenerhebe, daß er Witwen und Waisen schütze, die Armen nähre, die Kirche verteidige, daß er im Krieg tapfer sei und im Urteil weise, daß er sich mit guten Ratgebern umgebe und auf Gott vertraue: diese Forderungen bildeten den Kernbestand eines Herrscherbildes, das viele Jahrhunderte hindurch gültig blieb.

      Im Mittelpunkt des traditionellen Herrscherbildes stand der Gedanke, daß Gerechtigkeit und Friedenswahrung die vornehmsten Pflichten des Herrschers seien. Das Ideal des »gerechten und friedenstiftenden Königs« , das sich sowohl auf Cicero als auch auf Augustinus berufen konnte, ist auch die Grundlage des höfischen Herrscherbildes geworden. Ebenso bedeutsam wie die begriffliche Koppelung von pax und iustitia war die Verbindung von iustitia und pietas, die aus antiken Quellen stammte und in den Krö-nungsordines des hohen Mittelalters begegnet, wo dem Herrscher »die Krone der Gerechtigkeit und Frömmigkeit« verheißen wurde. Pietas bedeutete in diesem Zusammenhang auch Gnade und Barmherzigkeit, schloß den Schutz der Kirche ein und das richtige Verhalten zu Gott. Im mittelalterlichen Bild vom guten Herrscher sind antike und christliche Vorstellungen und Formulierungen zusammengetroffen. Das gilt besonders für den Begriff »Tugend« , der einerseits in Verbindung mit dementia , iustitia und pietas der römisch-augustäischen Tradition angehörte - im >Monumentum Ancyranum< berichtete Augustus, daß diese vier Begriffe auf dem goldenen Schild gestanden hätten, den der römische Senat ihm zu Ehren aufstellen ließ -, und der andererseits, zusammen mit sapientia , zu den »zwei Namen Christi« gehörte, von denen Paulus im Ersten Korintherbrief sprach: »Christus, göttliche Kraft und göttliche Weisheit«2.
      Für das höfische Herrscherbild ist noch ein anderer Aspekt der antiken Herrscherverherrlichung wichtig geworden: der »Glanz des Herrschers« , in dem seine •Tugend« und sein »Heil« offenbar wurden. Konkrete Gestalt gewann der Herrscherglanz im Nimbus des Kaisers und in seiner Krone. Im prunkvollen Auftreten bezeugte sich die »Majestät« des Herrschers, seine Erhabenheit und seine »Hoheit« . In diesem Zusammen-hang war die Herrschertugend der »Freigebigkeit« von besonderer Bedeutung, die sich christlich im Almosenspenden , in der liebenden Fürsorge für die Bedürftigen und in kirchlichen Stiftungen manifestierte. Ihre weltliche Erscheinungsform war die Aufwendigkeit der kaiserlichen Bewirtungen und Geschenke. Man konnte sich auch auf die Bibel berufen, um zu belegen, daß der gute Herrscher nicht geizig sein durfte. In den Sprüchen Salo-mos wurde der »gerechte König« dem »geizigen Mann« gegenübergestellt .
     

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