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Das höfische gesellschaftsideal

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Frauenverehrung und Frauenverachtung



Das Frauenbild der höfischen Dichter wirkt wie ein Gegenentwurf zu der übermächtigen Tradition christlicher Frauenfeindlichkeit, die in der weltverneinenden und weltverachtenden, körper- und sinnenfeindlichen Grundeinstellung des Christentums ihre Wurzel hatte. Nur in der Gestalt unberührter Jungfräulichkeit war die Frau, im Schmuck ihrer Keuschheit und Reinheit, für die Christen ein Gegenstand der Verehrung. Als Geschlechtswesen dagegen wurde sie verdächtigt, den sündhaften Begierden des Fleisches leichter zu erliegen als der Mann. Den Beweis dafür fand man in den heiligen Schriften der Bibel, vor allem in den Lehrbüchern des Alten Testaments. »Alle Bos-heit ist gering gegen die Bosheit der Frau. Schaue nicht auf die schöne Gestalt der Frau und begehre nicht die Frau beim Anblicken. Groß ist der Zorn der Frau und ihr Ungehorsam und ihr Vergehen. Von der Frau hat die Sünde ihren Ursprung genommen.« »Ich fand die Frau bitterer als den Tod, sie, die die Falle der Jäger ist, deren Herz ein Netz ist und deren Arme Fesseln sind.« »Drei Dinge sind unersättlich: die Hölle, der Mund der Gebärmutter und das Land, das nicht satt wird an Wasser.« Auf Grund solcher Bibelstellen konnte der Kirchenvater Hieronymus lehren: »Alles Böse kommt von den Frauen.« Im Lichte dieser Auffassung ließ sich die Geschichte vom Sündenfall interpretieren, indem man Evas Handlungsweise als Offenbarung der weiblichen Natur verstand, ihres angeborenen Ungehorsams und ihrer Schwachheit gegenüber den Verführungen des Bösen. Auch der Schöpfungsbericht wurde als Beweis für die Minderwertigkeit der Frau herangezogen; denn dort stand, daß Gott die Frau nur »dem Mann zur Hilfe« geschaffen habe; das ließ sich als eine Bestimmung zu Dienstbarkeit und Untertänigkeit interpretieren. Diesen Gedanken hat der Apostel Paulus in seinen Briefen in den Mittelpunkt gestellt. »Die Frauen sollen ihren Männern untergeordnet sein wie Gott dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau.« »Die Frauen sollen in der Gemeinde schweigen; denn es wird ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie es das Gesetz fordert.« »Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Zu lehren aber erlaube ich einer Frau nicht, und auch nicht, über ihren Mann zu herrschen.« Die Verdrängung der Frauen aus dem kirchlichen Amt, aus dem

Lehrberuf und überhaupt aus dem öffentlichen Leben fand in diesen Sätzen ihre biblische Rechtfertigung. Auf dem Weg über die Kirchenväter wurde diese Anschauung zu einem festen Bestandteil der christlichen Gesellschaftslehre. Im Grundbuch des Kirchenrechts, dem >Decretum< von Gratian , wurde sie festgeschrieben: »Wegen ihres Standes der Dienstbarkeit soll die Frau dem Mann in allem unterworfen sein.« Die scholastische Theologie des 13. Jahrhunderts hat die überkommenen christlichen Wertungen mit der neu rezipierten aristotelischen Naturlehre vereinigt und war so in der Lage, die Minderwertigkeit der Frau auch wissenschaftlich zu begründen. Nach Thomas von Aquin war die Frau, auf Grund ihrer feuchteren und wärmeren Beschaffenheit, zwar in der Lage, die genossene Nahrung in Blut zu verwandeln, aber die Weiterverwandlung des Bluts in Sperma gelang nur dem Mann. Bei der Zeugung wirkte das männliche Sperma als der aktive Teil, als Werkzeug, während dem Mutterblut nur die passive Funktion eines Werkstoffs zukam. Eigentlich müßte ein Mann immer männliche Kinder erzeugen, weil jede Wirkungsursache etwas ihr Ã"hnliches hervorbringt. Nur wenn »widrige Umstände« bei der Zeugung einwirkten , wurden Mädchen gezeugt. Das Mädchen war danach nichts anderes als »ein mißglücktes Männchen« imas occasionatuS). Allgemeiner gesagt: »Die Frau ist ein unvollkommener Mann.« Die mangelnde Vollkommenheit der Frau bezeugte sich nach Thomas von Aquin sowohl in der geringeren Körperkraft als auch in der geistigen und moralischen Minderwertigkeit der Frau. »Die Frau ist von Natur aus geringer an Tugend und Würde als der Mann.« Auf Grund dieses Mangels war die Frau der sündhaften Begehrlichkeit der Sinne mehr ausgesetzt als der Mann: »In den Frauen ist nicht genügend Kraft des Verstandes, um den


Begierden zu widerstehen.« Deswegen bedurfte die Frau in jeder Beziehung der Leitung des Mannes. Sowohl im Hauswesen als auch im gesellschaftlichen Zusammenleben sollte der Grundsatz gelten: »Die Frau wird regiert, der Mann regiert.« Diese Stellung der Geschlechter zueinander verpflichtete den Mann, die Frau gegebenenfalls »mit Worten und mit Schlägen« zu strafen. Mit solchen Anweisungen arbeitete die scholastische Theologie den zeitgenössischen Rechtsvorstellungen in die Hand.
      Nicht weniger wirksam -war die profane Tradition der frauenfeindlichen Literatur, die sich auf die römischen Klassiker berief. Man zitierte Vergils Vers: »Schillernd und wankelmütig ist immer die Frau.« Man las in Ovids >Heilmitteln gegen die Liebe«, wie man sich zum Ekel vor den Frauen erzog: »Wo du es kannst, verkehre die Vorzüge des Mädchens in Nachteile und verfälsche dein Urteil ein wenig. Aufgeschwollen nenne sie, wenn sie üppig ist; ist sie dunkel, nenne sie schwarz. Ist sie schlank, so kannst du ihr Magerkeit zum Vorwurf machen.« In Juvenals sechster Satire fand man ein ganzes Arsenal von Vorwürfen gegen den Stolz, den Hochmut, die Zanksucht, die List, die Herrschlust, die Heuchelei und vor allem gegen die unbezähmbare Sinnlichkeit und Lüsternheit der Frau, aber auch gegen den Bildungsanspruch von Frauen, die sich anmaßten, über Literatur mitreden zu wollen: »Lästiger noch ist jene, die eben zum Mahle gekommen, gleich Vergil preist und Didos Freitod verteidigt, Dichter paart und vergleicht, in die eine Schale Vergil legt und Homer in die andre. Grammatiker räumen das Feld gleich, Redner strecken die Waffen, es schweigt die ganze Gesellschaft.« Aus solchen Quellen haben sich die gelehrten Autoren des Mittelalters zu frauenfeindlichen Dich-tungen, Exkursen und Abhandlungen in lateinischer Sprache inspirieren lassen und hatten damit viel Erfolg. Dieser Strang der Literatur ist über Jahrhunderte nicht abgerissen.
      Frauenschelte und Frauenlob lagen nicht so weit auseinander, wie man denken möchte. Wenn man zwischen guten und schlechten Frauen unterschied, konnte man die einen preisen und die anderen tadeln; und sowohl der Preis als auch der Tadel ließen sich so formulieren, als sei das ganze Geschlecht gemeint. Der Bischof Marbod von Rennes hat in seinem >Buch in zehn Kapiteln< in dem Abschnitt »Ãober die Hure« von »dem bösen Geschlecht, der lasterhaften Saat« der Frauen gesprochen und im nächsten Abschnitt »Ãober die ehrwürdige Frau« gehandelt, die »schöner als Silber und kostbarer als rotes Gold ist«35. Von demselben Autor stammten Huldigungsgedichte auf hochgestellte Damen der Zeit, die schon den Ton höfischer Frauenverehrung anklingen ließen. Besonders interessant ist das Gedicht >An die englische Königin< - gemeint war Mathilde von Schottland , die Gemahlin Heinrichs I. -, in dem nicht zuletzt die körperliche Schönheit der Königin gefeiert wurde. Mathilde von England war auch die Adressatin eines großen Preisgedichts von Hildebert von Lavardin , der außerdem ihre gleichnamige Tochter und die Gräfin Adele von Blois , die Schwester Heinrichs I. von England, in Gedichten besungen hat. Hildebert von Lavardin war aber zugleich der Verfasser des im Mittelalter sehr beliebten Gedichts >Wie schädlich die Frau, der Geiz und die Prunksucht für heilige Männer sindÃober die Liebe< von Andreas Capellanus vom Ende des 12. Jahrhunderts. Während im ersten Buch, im Gespräch der adligen Gesellschaft, das höfische Konzept vorgetragen wurde, wonach die Frau »Grund und Ursprung des Guten sein soll«37, hat der Autor im dritten Buch einen langen Katalog der Frauenlaster zusammengetragen, in welchen der ganze Vorratan traditionellen Anschuldigungen und Verdächtigungen eingegangen ist.
      Auch die volkssprachliche Dichtung kannte diese Doppelgesichtigkeit. In der Limburger Chronik des Tileman Elhen von Wolfhagen wurde erzählt, daß Herr Reinhart von Westerburg in Gegenwart Kaiser Ludwigs des Bayern ein Schmählied auf seine Dame vortrug, das mit den Worten begann: »Wenn ich mir ihretwegen den Hals breche, wer kommt dann für den Schaden auf?« In dem Bericht der Chronik hieß es weiter: »Als der vorgenannte Kaiser Ludwig das Lied hörte, tadelte er den Herrn von Westerburg dafür und sagte, er wolle, daß der Dame Genugtuung geschehe.« Da sang der Herr von Westerburg zur Buße ein Minnelied im höfischen Stil der Frauen Verehrung: »In kummervollen Schmerz bin ich gestoßen von einer so liebenswerten Frau.« Je nach den Wünschen des Publikums konnte der adlige Sänger scheinbar beliebig zwischen Frauenschelte und Frauenpreis wechseln.
      Tatsächlich haben auch in der höfischen Dichtung die negativen Akzente der Frauendarstellung eine viel größere Rolle gespielt, als man auf den ersten Blick vermutet. Das neue Frauenbild vertrug sich überraschend gut mit den alten Vorstellungen von der Minderwertigkeit der Frau, denen es nach außen hin so vehement widersprach. Dabei ist allerdings die Einschränkung zu machen, daß die frauenfeindlichen Töne der provenzalischen und französischen Dichter im Prozeß der Rezeption vielfach abgeschwächt oder gänzlich getilgt worden sind, so daß das Frauenbild der höfischen Dichtung in Deutschland im ganzen positiver wirkt. Typisch dafür ist der Kommentar Hartmanns von Aue zu dem raschen Sinneswandel der Königin Laudine, die den Entschluß faßte, den Mann, der ihren Mann getötet hatte, zu heiraten, als dieser noch kaum begraben war. Chretien de Troyes bemerkte in diesem Zusammenhang, »daß eine Frau tausenderlei Launen hat«41, und tadelte an Laudine »eine Untugend« {unc foloR), die sie mit anderen Frauen gemein habe: »Beinahe alle tun so, daß sie ihre Torheiten nicht wahrhabenmögen und laut verdammen, was sie eigentlich wünschen.« Hartmann von Aue nahm wörtlich auf diese Stelle Bezug: Lau-dine »tat doch wie die Frauen nun einmal tun. Aus bloßer Laune widersprechen sie dem, was ihnen doch oft eigentlich sehr gut erscheint. « Aber dann wies er diesen Vorwurf zurück und wandte sich damit direkt gegen seine literarische Vorlage: »Der tut Unrecht, der sagt, das liege an ihrer Launenhaftigkeit. Ich weiß besser, woher es kommt, daß man sie oft so wankelmütig findet: es kommt von ihrem weichen Herzen.« Die Argumentation des deutschen Dichters ist nicht besonders überzeugend. Aber sie zeigt sein Bemühen, einen Tadel der Frauen in das Gegenteil zu wenden. Der Grund dafür lag sicherlich nicht darin, daß man in Deutschland allgemein positiver über die Frauen geurteilt hätte. Man war in Deutschland offenbar mehr an der idealen Komponente des Frauenbildes interessiert.
      Die negativen Züge fehlten jedoch auch in der deutschen Dichtung nicht. In den Liedern Kürenbergs, des ersten namentlich bekannten Minnesängers, gab es die Frau, die den Mann ihrem unbändigen Liebesverlangen zu unterwerfen suchte und die den geliebten Mann verfluchte, der nachts an ihrem Bett stand, ohne sie zu wecken . Der latente Spott, der in dieser Darstellung mitschwang, trat offen zutage, wenn der Mann sich herausgefordert fühlte, den Stolz der starken Frau zu brechen: »Frauen und Jagdvögel lassen sich leicht zähmen. Wenn man sie richtig anlockt, fliegen sie auf den Mann.«

   Die erste Frauenscheltstrophe des höfischen Minnesangs stammte von Friedrich von Hausen , der dabei dem Ton provenzalischer Absagelieder gefolgt ist. »Niemand darf mirdas als Unbeständigkeit anrechnen, wenn ich die hasse, die ich vorher geliebt habe. Ich wäre ein Dummkopf, wenn ich ihre Torheit für gut hielte. Das wird mir niemals mehr passieren.« Hausen hat damit wenig Nachfolge gefunden, und auch das sumerlaten-Lied von Walther von der Vogelweide, das der hartherzigen Dame Schläge »mit jungen Zweigen« androhte, blieb ein Einzelfall. Stilbestimmend wurde in der deutschen Lyrik die Haltung Reinmars des Alten, der die Klage über den ungelohnten Dienst unterdrückte, weil man über Frauen nur Gutes sagen sollte: »Ich könnte euch die größte Not klagen, nur daß ich von den Frauen nicht schlecht reden kann.« Erst als sich mit Neidharts Bauernliedern, den Minneparodien Tannhäusers und den Herbstliedern Steinmars und Hadloubs ein komisch-satirischer Stil in der Lyrik durchsetzte, wurden abfällige Ã"ußerungen über das Minnewesen und auch über die Frau als Repräsentantin dieser Kultur häufiger.
      In der höfischen Epik hat es solche Schranken nicht gegeben. Die Frauendarstellung dieser Gattung wirkt vielfach realistischer, weil hier die Hochstilisierung der höfischen Dame öfter mit negativen Motiven verbunden wurde. »Frauen sind eben immer Frauen.« Diese tiefsinnige Feststellung war keineswegs als Kompliment gemeint. »Eine Frau tut selten das beste.«3-Denselben Gedanken konnte man auch schärfer formulieren: »Ich habe selten eine Frau gesehen, die an Herz und Leib untadlig gewesen wäre, gleich ob es eine Jungfrau oder eine Ehefrau war.«' Wo zwischen guten und schlechten Frauen unterschieden wurde, waren nach dem Urteil einiger Dichter die schlechten meistens in der Mehrzahl: »Es stimmt mich traurig, daß so viele >Frau< genannt werden. Sie haben alle eine hohe Stimme. Aber viele überlassen sich der Falschheit, wenige sind frei von Falsch.« »Der weise Salomo spricht, daß unter zehn

Frauen kaum eine ist, die rein und wirklich beständig ist.« Nicht selten war in der höfischen Epik von Eva und ihrer verderblichen Rolle beim Sündenfall die Rede, und daran ließen sich wenig schmeichelhafte Kommentare über die Frauen im allgemeinen knüpfen, über ihre moralische Schwäche, ihren Ungehorsam und ihre Begehrlichkeit. Gottfried von Straßburg hat Evas Handlungsweise mit dem höfischen Thema der huote, der Bewachung von Frauen, in Zusammenhang gebracht: Es sei sinnlos, Frauen zu überwachen und ihnen Verbote aufzuerlegen, weil sie dadurch nur zur Ãobertretung aufgereizt würden. Sie lehnten sich gegen jedes Verbot auf, »weil es von ihrer Wesensart herrührt und die Natur es an ihnen bewirkt«56. Die höchste Aufgabe für die Frau sei es daher, ihre Natur zu überwinden und moralisch »zum Mann« zu werden: »Denn wenn eine Frau gegen ihre Wesensart tugendhaft ist und gegen ihre Anlage ihren Ruf, ihr Ansehen und ihre Persönlichkeit freudig bewahrt, dann ist sie nur noch mit Namen eine Frau, ihrer Gesinnung nach aber ein Mann.« »Eine Frau mit männlichem Geist«58: das war das höchste Lob für eine Frau, das Dichtern und Geschichtsschreibern einfiel. Nur an körperlicher Kraft sollte die Frau den Männern nicht gleichkommen. Sonst wurde sie ihnen unheimlich, wie die starke Brünhild im >Nibelungen-liedDu mantel mautaillieLai du cornLanzelet< von Ulrich von Zatzikhoven das erste Beispiel. Ein Zaubermantel wurde König Artus als Geschenk einer Meerfee überbracht, und alle Damen am Hof mußten ihn anprobieren. Der Königin Ginover, die ihn als erste anzog, reichte er nur bis an die Fußknöchel: sie hatte zwar keinen Fehltritt begangen, sich aber unlauterer Gedanken schuldig gemacht. Den übrigen Damen erging es viel schlechter: der einen stand der Mantel hinten hoch, der anderen vorne. Die frauenverachtende Tendenz dieser Szene wurde noch dadurch verstärkt, daß es eine Frau war, die Botin der Meerfee, die den jeweiligen Befund der Anprobe im Sinne der traditionellen Lasterkataloge auslegte: die eine Dame war zu gierig nach Männern, die andere gab sich zu schnell hin, die dritte war unfreundlich zu ihrem Ehemann, die vierte war schwatzsüchtig, die fünfte einfältig. In der >Krone< von Heinrich von dem Türlin kommentierte der Truchseß Keie, der für seine scharfe Zunge gefürchtet war, einen entsprechenden Vorgang und labte sich mit Spott und Verachtung daran, daß jede Frau bloßgestellt wurde. Bei allen diesen Proben war das fatale Ergebnis, daß sämtliche Damen am Artushof, die sonst als Inbegriff höfischer Tugendhaftigkeit dargestellt wurden, mit Makeln behaftet waren und sich gegen die Gebote der Keuschheit vergangen hatten.
      Nicht selten wurde im höfischen Epos davon erzählt, daß Frauen benachteiligt, entwürdigt, gequält und geschlagen wurden. Diese Motive standen in einem merkwürdigen Kontrast zu der offiziellen Frauenverherrlichung der Gattung. Aber es scheint so, als hätten die Erzähler diesen Gegensatz gar nicht bemerkt. Wenn es um Erbangelegenheiten ging oder um die Verfügung über persönlichen Besitz, war die Schlechterstellung der Frau ganz normal. Es konnte auch keine Verwunderung erregen, wenn Frauen wie eine Sache behandelt wurden. Ohne männlichen Beistand waren sie den gröbsten Ungerechtigkeiten ausgesetzt. Das mußte Cunneware erfahren, die als Schwester des Herzogs Orilus zu den vornehmsten Damen am Artushof gehörte, die aber von dem Truchsessen Keie, dem obersten Hofbeamten, brutal verprügelt wurde, als sie scheinbar gegen ein ihr auferlegtes Verbot verstieß. »Da faßte der Seneschall Keie Frau Cunneware de Lalant an ihrem lockigen Haar. Er wickelte ihre langen schönen Zöpfe um seine Hand und hielt sie wie mit einem Eisenband fest. Mit dem Stock stabte er keinen Eid auf ihren Rücken, sondern ließ ihn herabsausen, bis vondem Stock nichts mehr übrig war: es ging ihr durch das Kleid und durch die Haut.« Am Artushof fand niemand ein Wort des Tadels für diese Mißhandlung, außer dem bäurischen Toren Parzival. Ebenso schutzlos war Enite den Zudringlichkeiten des Grafen Oringles preisgegeben, als Erecs Scheintod sie des männlichen Schutzes beraubte. Der Graf war von Enites Schönheit so geblendet, daß er sie sofort heiraten wollte und dabei alle Rücksichten vergaß. Als Enite sich weigerte, im Angesicht ihres tot daliegenden Mannes zum fröhlichen Hochzeitsmahl Platz zu nehmen, griff er zu Beschimpfung und Gewalt und »schlug sie mit der Faust, so daß die Edle heftig blutete. Er sagte: >Ihr eßt jetzt, böse Haut!Ihr Herren, ihr seid wunderlich, daß ihr mich für das tadelt, was ich mit meiner Frau tue. Es steht niemandem zu, Gutes oder Schlechtes darüber zu reden, was ein Mann seiner Frau tut. Sie gehört mir und ich ihr; wie wollt ihr mich daran hindern, mit ihr zu tun, was mir gefällt?< Damit brachte er sie alle zum Schweigen.«

   Für die fast unbeschrankte Verfügungsgewalt des Ehemannes über seine Frau bietet die höfische Epik viele Beispiele. Daß der Mann seine Frau verließ, um auf Abenteuer auszuziehen, und daß die Frau manchmal jahrelang auf seine Rückkehr warten mußte, war noch harmlos. Der Mann konnte seine Frau auch einschließen und bewachen lassen, er konnte sie öffentlich bloßstellen und erniedrigen, sie mit Verdächtigungen quälen. Der Ehemann konnte seiner Frau auch das Reden verbieten, am wirkungsvollsten gleich mit Androhung der Todesstrafe, wie es der jungen Enite geschah, als kaum die Flitterwochen in Kar-nant zuende waren. Enite mußte es auch erdulden, daß ihr Mann sie Knechtsdienste tun ließ und ihre eheliche Gemeinschaft willkürlich aufhob. Daß sie dies alles nicht nur ertrug,sondern auch noch guthieß, zeigte ihre Qualität als Ehefrau. »Was immer mein Gefährte mir antut, ich dulde es von Rechts wegen. Ob er mich zur Frau, zum Knecht oder wozu immer haben will, ich bin ihm in allem Untertan.« Wenn der Ehemann einen Verdacht auf Untreue gegen seine Frau hegte, waren seiner Strafgewalt keine Grenzen gesetzt. Jeschute wurde von ihrem Mann, Herzog Orilus, mit Entbehrungen gequält, bis sie ganz ausgemergelt und zerschunden war und ihr das Kleid in Fetzen vom Leib hing. Als sich nach einem Jahr herausstellte, daß der Verdacht unbegründet gewesen war, mußte Orilus zwar zugestehen, daß sein Verhalten falsch war ; aber für seine Frau hatte er kein Wort der Entschuldigung oder des Bedauerns. Und auch der Erzähler tadelte nur den Fehler, den Orilus gemacht hatte, nicht aber sein Vorgehen.
      Körperliche Züchtigung durch den Ehemann war auch bei anderen Anlässen üblich. Nicht ohne Stolz erzählte Kriemhild davon, wie Siegfried das Hausrecht über sie ausgeübt hat, nachdem sie beim Frauenzank vor dem Münster öffentlich die bur-gundische Königin beleidigt hatte. »Es hat mich seither sehr gereut, sagte die edle Frau. Er hat mich deshalb auch tüchtig durchgeprügelt.« Die Frau selber von den Schwächen ihres Geschlechts sprechen zu lassen, war ein besonders wirkungsvolles Darstellungsmittel. »Eine Frau sagt doch leicht etwas, was sie nicht sagen sollte. Wer alles bestrafen wollte, was wir Frauen sagen, der hätte viel zu strafen. Wir Frauen bedürfen doch täglich der Nachsicht wegen törichter Reden, denn was wir sagen, ist oft verletzend, aber doch ohne Arglist, verfänglich, aber ohne Haß: wir können es leider nicht besser.«

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