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Das höfische gesellschaftsideal

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Feudale Ehepraxis



Für den Laienadel war die Ehe primär eine politische Institution, ein Instrument der dynastischen Politik. Der wichtigste Zweck der Ehe war die Fortsetzung des eigenen Hauses, also die Erzeugung legitimer Erben, vor allem legitimer Söhne. Dieses dynastische Prinzip erforderte, daß nur der Ehemann die Frau schwängern durfte. Das war einer der Gründe dafür, daß der Ehebruch der Frau nach weltlichem Recht als Verbrechen gewertet wurde, während die außerehelichen sexuellen Beziehungen des Mannes keinen strafrechtlichen Tatbestand darstellten. Die Qualität der Ehefrau bemaß sich zunächst nach ihrer Fähigkeit, Kinder zu gebären. Unfruchtbarkeit der Frau war einer der häufigsten Scheidungsgründe. Außer der Fortsetzung des eigenen Geschlechts hatte die feudale Ehe auch den Zweck, verwandtschaftliche Beziehungen zu anderen Familien herzustellen. Dabei ging es fast immer um Hauspolitik, das heißt um die Absicherung oder Erweiterung des eigenen Herrschaftsbe-reichs, um die Befestigung politischer Bündnisse, um die Versöhnung alter Feindschaften oder um die Einheirat in Familien von höherem Rang. Von entscheidender Bedeutung war dabei die Auswahl des Ehepartners und die vertragliche Absicherung des Ehebündnisses. Wo ein großes Erbe auf dem Spiel stand, erfüllte sich der politische Zweck einer dynastischen Eheverbindung meistens erst in der nächsten Generation; denn erst die Kinder begründeten die angestrebte Verwandtschaft zwischen den beteiligten Familien. So war die feudale Ehe auch unter diesem Gesichtspunkt auf Nachkommenschaft angelegt. Andererseits lag es im Interesse der adligen Familien, daß die Möglichkeit bestand, Ehen zu trennen. Die Hauspolitik ließ sich nicht immer auf eine ganze Generation im voraus planen. Manchmal bot sich nachträglich eine politisch günstigere Heiratsgelegenheit, die sich nur 'wahrnehmen ließ, wenn eine bereits bestehende Ehe aufgelöst wurde.

      Die Heiratsaussichten waren nicht für alle Kinder gleich. Im Mittelpunkt der politischen Ãoberlegungen stand die Ehe des ältesten Sohns, der die dynastische Tradition fortsetzen sollte. Dagegen war das Familieninteresse an der Verheiratung der jüngeren Söhne eher gering. Wenn sie einen eigenen Hausstand gründeten, ging ihre Versorgung zu Lasten des Familienbesitzes, es sei denn, daß es ihnen gelang, eine reiche Erbin zu heiraten und einen eigenen Herrschaftsbereich zu begründen. Sonst wurden sie vielfach für eine geistliche Laufbahn bestimmt: in hohen kirchlichen Ã"mtern konnten sie später wieder den Familieninteressen nützlich sein. Diese Einstellung führte jedoch zu einer Verzerrung des Heiratsmarkts: der großen Zahl heiratsfähiger Töchter stand dann nur eine kleine Anzahl heiratsbereiter Söhne gegenüber. Das drückte den Wert der Frauen im Rahmen der Ehepolitik. Nur wenn die Familie von sehr hohem Rang war, machte die Verheiratung der Töchter keine Schwierigkeiten, weil es für viele von Vorteil war, eine Verwandtschaft mit einer solchen Familie zu begründen. Sonst standen die Kosten der Mitgift oft in keinem kalkulierbaren Verhältnis zu dem zu erwartenden Nutzen. Häufig wurden die Töchter mit Männern verheiratet, die ihrem adligen Rang nach eine Stufe tiefer standen. Das konnte durchaus im dynastischen Interesse der Familien liegen, weil die Ehemänner auf diese Weise stärker an das Haus der Frau gebunden wurden. Den Töchtern, die nicht zu verheiraten waren, blieb meistens nur der Weg in ein geistliches Stift.
      Man kann nicht erwarten, daß in Ehen, die unter solchen Bedingungen zustande kamen, die Liebe eine große Rolle gespielt hat. In der Regel wurden die Ehebedingungen und Eheverträge zwischen den Familien ausgehandelt, allenfalls zwischen dem Bräutigam und dem Vater der Braut. Manchmal wurden die Kinder schon im Säuglingsalter miteinander verlobt. Es kam auch vor, daß die Brautleute sich bei ihrer Hochzeit zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht sahen. Eine freie Gattenwahl ließen die dynastischen Interessen nicht zu. Besonders benachteiligt waren dadurch die Frauen, die selten einen Einfluß auf die Auswahl ihres Ehepartners nehmen konnten. Der Satz des hl. Ambrosius: »Es steht jungfräulicher Scham nicht an, den Ehemann zu erwählen«113, der im 12. Jahrhundert in Gratians >Decretum< zitiert wurde , entsprach den tatsächlichen Verhältnissen. Wenn einmal ein Mädchen aus großem Haus dagegen verstieß und sich nicht den politischen Plänen ihrer Familie unterwarf, war das ein Fall, der Aufsehen erregte und in die Geschichtsschreibung einging. Agnes, die Kusine Kaiser Heinrichs

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und Tochter seines Onkels, des Pfalzgrafen Konrad , heiratete im Jahr 1194 heimlich den Herzog Heinrich, den ältesten Sohn Heinrichs des Löwen. Angeblich hatte der Kaiser vor, sie mit dem französischen König zu verheiraten. Aber Agnes »blieb fest in ihrer Liebe zu dem Herzog, den sie sich erwählt hatte«114. Die heimliche Eheschließung gelang nur mit Hilfe von Agnes' Mutter, die die Verbindung mit dem Weifen begünstigte. Der Kaiser soll von seinem Onkel verlangt haben, daß die Ehe wieder gelöst wurde, hatte damit aber keinen Erfolg.
      Die Familieninteressen haben oft keine Rücksicht darauf genommen, ob die Eheleute zueinander paßten. Weif

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war siebzehn Jahre alt, als er die vierzigjährige reiche Erbin Mathilde von Tuszien heiratete. Noch krasser war der Altersunterschied zwischen König Ottokar IL von Böhmen, der 1252, zum Zeitpunkt seiner Eheschließung, etwas über zwanzig Jahre alt war, und seiner fast fünfzigjährigen Ehefrau Margarete von Ã-sterreich, der Schwester des letzten Babenber-ger Herzogs von Ã-sterreich. Die Ehe blieb ohne Kinder, und Ottokar IL ließ sich wieder scheiden, nachdem er Ã-sterreich, das Erbland seiner Frau, eingenommen hatte. Aber seine Herr-schaft dort war nicht von Dauer. Dieser Fall zeigt, wo die Grenzen der Rücksichtslosigkeit solcher Eheverbindungen lagen. Da der politische Zweck der Eheschließung erst erreicht war, wenn Kinder geboren wurden, mußte wenigstens ein Minimum an Bereitschaft zu persönlichem Kontakt der Ehepartner vorhanden sein.
      Wenn bei der Partnerwahl einmal persönliche Motive den Ausschlag gaben, erwies sich das nicht selten als ein politischer Nachteil. Gislebert von Mons berichtete, daß der junge Graf Balduin IL von Hennegau mit der Nichte des Grafen Robert von Flandern verlobt war. Als er sie jedoch zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht sah, »verschmähte und verachtete er ihr durch übergroße Häßlichkeit entstelltes Aussehen«115. Er heiratete statt dessen die Tochter des Herzogs Heinrich IL von Brabant . Diese Sinnesänderung kostete ihn den Besitz der Festung Douai, die der Graf von Flandern zur Sicherung des Eheversprechens in seine Gewalt genommen hatte und die er nun nicht wieder herausgab. Ein ähnlicher Fall hat sich im 12. Jahrhundert in Sachsen zugetragen. Markgraf Udo von der Nordmark wollte die Tochter des letzten Billunger Herzogs Magnus heiraten, »kehrte aber ein im Hause des Grafen Helprich von Ploceke, und als er dessen sehr schöne Schwester, Ermengarda, sah, führte er diese heim«116. Auch hier hatte die Rücksicht auf das Aussehen der Braut negative politische Folgen, denn »seine Vasallen waren sehr entrüstet, weil sie gleichrangig waren mit Helprich, einige sogar höher standen«117.
      In den meisten Fällen fand man sich irgendwie mit den Verhältnissen ab und lebte zusammen oder getrennt. Uta von Calw, die Gemahlin Herzog Welfs

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, hielt sich die längste Zeit auf ihren Besitzungen jenseits der Schwäbischen Alb auf und hatte wenig Kontakt mit ihrem Mann, »zumal seine Liebe zu ihr gering war und er den Verkehr mit anderen Frauen vorzog«118. Besonders unerfreulich war die Situation für die Ehefrau, wenn ihr Mann sich eine Konkubine hielt, mit der erin Liebe verbunden war. Von Landgraf Albrecht von Thüringen , der mit einer Tochter Kaiser Friedrichs IL verheiratet war, wurde berichtet: »Im Jahre des Herrn 1265 setzte dieser Albrecht die Frau Margarete großem Unrecht aus wegen einer Hofdame mit Namen Kunigunde von Isenberg, die seine Konkubine war und die er liebte.« Albrecht hat diese Hofdame übrigens später, nach dem Tod seiner ersten Frau, in rechtmäßiger Ehe geheiratet. Eine lebendige Schilderung von der Persönlichkeit und dem politischen Einfluß der Mätresse König Wenzels

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von Böhmen verdanken wir Ottokar von Steiermark. Agnes war »eine schöne Frau, die musizieren und singen konnte und sich dabei höfisch und verständig anstellte; sie besaß auch genügend Klugheit in allem, womit Frauen sich bei Männern lieb und wert machen«120. Der König war ihr so sehr zugetan, daß er sie auch mit wichtigen diplomatischen Missionen betraute. »Sie überbrachte vertrauliche Botschaften von ihm an hohe Fürsten und sie war so geschickt, daß er sie häufig als Botschafterin in andere Länder sandte, und dadurch wurde sie ihm so lieb und teuer und so vertraut, daß die adligen Herren alle anfingen, sie deswegen zu hassen.«

   Eine Folge dieser Praxis war, daß an manchen Höfen eine große Zahl von Bastarden aufwuchs. Von Graf Balduin

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von Hennegau berichtete sein Biograph Gislebert von Mons, er habe vor seinem Tode »seinen Kindern, die nicht von seiner Ehefrau, sondern von adligen Damen geboren waren, bestimmte Güter zugewiesen«122. Kaiser Friedrich IL war viermal verheiratet und hatte von seinen vier Ehefrauen zehn Kinder. Außerdem gab es noch mindestens neun weitere Kinder, die den Verbindungen mit acht verschiedenen Frauen entstammten.
     

Typisch für die feudalen Eheverhältnisse war der Fall der Margarete de Rivers, Tochter des Chamberlains des englischen Königs und Witwe des Earl Baldwin von Albemarle. Sie wurde, wie Matthäus von Paris berichtete, im Jahr 1215 von König Johann I. mit dem Söldnerführer Fawkes de Breaute verheiratet, einem der am meisten gefürchteten und verabscheuten Männer seiner Zeit. Als er 1224 vom König verbannt wurde, erbat Margarete vom König und vom Erzbischof die Auflösung ihrer Ehe und »erklärte, daß sie niemals zugestimmt habe, mit ihm ehelich verbunden zu werden«123. Anläßlich ihres Todes im Jahr 1252 schrieb Matthäus von Paris mit Blick auf diese Ehe: »Es war die Heirat einer Edlen mit einem Unedlen, einer Frommen mit einem Unfrommen, einer Schönen mit einem Schändlichen, gegen ihren Willen und unter Zwang.« Dazu zitierte der Geschichtsschreiber ein paar Verse, die das Wesen der feudalen Ehe beleuchten. »Das Gesetz hat sie vereinigt, Liebe und Eintracht im Bett. Aber was für ein Gesetz? Welche Liebe? Welche Eintracht? Ein gesetzloses Gesetz, eine Liebe, die Haß war, eine Eintracht aus Zwietracht.«1

   Natürlich hat es auch glückliche Ehen gegeben. König Andreas IL von Ungarn verlobte im Jahr 1208 seine Tochter Elisabeth, die gerade ein Jahr alt war, mit dem ältesten Sohn des Landgrafen Hermann I. von Thüringen. Mit vier Jahren kam sie an den Thüringer Hof, mit vierzehn feierte sie Hochzeit mit Ludwig

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. Als Elisabeth zwanzig Jahre alt war, starb ihr Mann. Vier Jahre später war sie selber tot. Die Quellen berichteten, daß die Eheleute »sich mit außerordentlicher Zärtlichkeit geliebt haben«126. Im Jahr 1186 heiratete der dreizehnjährige Graf Balduin

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von Hennegau die zwölfjährige Marie, Tochter des Grafen Heinrich I. von Champagne . Nach dem Bericht von Gislebert von Mons hatte Marie schon in früher Jugend große Frömmigkeit bewiesen, wie auch »ihr Mann Balduin, der junge Ritter, ein keusches Leben führte, alle anderen Frauen verschmähte und nur Marie in heißer Liebe liebte, was bei den Männern sonst selten angetroffen wird, daß einer sosehr einer einzigen Frau zugetan und mit ihr alleine zufrieden ist«127.
      Es gab noch andere Fälle von ehelicher Liebe. Die Tatsache, daß darüber in den Chroniken berichtet wurde, und der erstaunte und bewundernde Ton, in dem die Geschichtsschreiber davon sprachen, sind jedoch Indizien dafür, daß es sich um Ausnahmefälle gehandelt hat. Die Umstände, unter denen damals Ehen geschlossen wurden, haben der Liebe meistens nicht viel Platz gelassen. Liebe ist daher auch kaum der geeignete Maßstab, um die Qualität einer feudalen Ehe zu ermessen. Der Erfolg einer Ehe ließ sich eher daran ablesen, ob Mann und Frau bei der Durchsetzung der dynastischen Interessen, die der Eheverbindung zugrunde lagen, fruchtbar zusammengewirkt haben. Im 12. und 13. Jahrhundert hat es viele adlige Frauen gegeben, die an der Seite ihrer Männer oder an ihrer Stelle und in ihrem Namen mit großer Energie und großem Geschick die Interessen ihrer Häuser wahrgenommen haben. Diese Seite der historischen Wirklichkeit - der öffentliche und politische Handlungsspielraum, den die feudale Ehe den Frauen eingeräumt hat -, ist noch nicht genügend gewürdigt worden. Ein erfolgreiches Zusammenwirken der Eheleute hat sicher in vielen Fällen auch ein engeres persönliches Verhältnis zwischen ihnen begründet oder vertieft: darüber ist aus den historischen Quellen so gut wie nichts zu erfahren. Solche eheliche Zuneigung dürfte jedoch ihrer Substanz nach etwas ganz anderes gewesen sein als die leidenschaftliche Liebe von zwei Geliebten.
     

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