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Das höfische gesellschaftsideal

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Erfüllte und unerfüllte Liebe



Die Vorstellung, daß höfische Liebe in ihrer höchsten Form unerfüllte Liebe sei, wurde aus dem Gedanken entwickelt, daß die läuternde und veredelnde Wirkung der Liebe sich nur dann entfalten könnte, wenn das Liebesverlangen des Mannes ohne letzte körperliche Erfüllung bliebe. Die erzieherische Rolle der Frau und ihre Unnahbarkeit standen danach in einem engen Zusammenhang. Man sah sich in dieser Ansicht von den Troba-dors und Minnesängern bestätigt, deren Lieder mit den Klagen über die Erfolglosigkeit ihres Liebeswerbens angefüllt sind. Vor allem aber berief man sich auf Andreas Capellanus, der die unerfüllte Liebe als »reine Liebe« definierte und von der niedrigeren Form der »erfüllten« oder »vermischten Liebe« abgehoben hat. Im achten Dialog erklärte der hochadlige Herr seiner Dame, »daß es eine reine Liebe gibt und eine, die man vermischt nennt. Rein ist die Liebe, die die Herzen zweier Liebender durch das vollkommene Gefühl der Liebe verbindet. Sie besteht in der Anschauung der Seele und dem Gefühl des Herzens und geht bis zum Kuß, zur Umarmung und bis zur keuschen Berührung der nackten Geliebten, wobei das letzte Vergnügen unterlassen wird; denn denen, die rein lieben wollen, ist dies nicht erlaubt.« Diese Liebe ist nach Ansicht des adligen Sprechers von so hohem Wert, »daß aus ihr der Quell jeglicher Tugend hervorgeht«23. Vermischte Liebe dagegen sei eine Liebe, »die in allen Freuden des Fleisches ihre Wirkung erweist und die mit dem letzten Liebesakt endet«24. In dieser Unterscheidung von amor purus und amor mixtus hat man geradezu ein Grundgesetz der höfischen

Liebe sehen wollen. Dabei wurde außer acht gelassen, daß der adlige Sprecher bei Andreas Capellanus diese Begriffe im Zusammenhang einer Ãœberredungsstrategie benutzte, die darauf abzielte, die Gesprächspartnerin zur Liebe zu verführen. Bezeichnenderweise antwortete die Dame darauf, für sie seien dies »unerhörte und unbekannte Worte« , und eine solche reine Liebe würde »von allen Menschen für widernatürlich gehalten«25. Auch die Tatsache, daß Andreas Capellanus in einem anderen Zusammenhang auf diese Begriffe zurückgekommen ist und dort erklärt hat, daß »jedoch in richtiger Betrachtung amor purus seinem Wesen nach für dasselbe gehalten wird wie amor mixtus«26, spricht nicht eben dafür, daß damit eine grundsätzliche Kategorienbildung beabsichtigt war. Das, was Andreas Capellanus unter »reiner Liebe« verstand — eine Beziehung, die sexuelle Kontakte erlaubte, aber die vollständige Hingabe ausschloß -, kam in der höfischen Literatur nur selten vor. Eine provenzalische Tenzone zwischen Aimeric de Peguilhan und Elias d'Uisel nahm darauf Bezug, daß Aimerics Dame dem Sänger eine Nacht mit ihr verheißen hatte, wenn er sich dabei mit einem Kuß begnügen wollte. Gestritten wurde nun darüber, ob der Mann sich daran halten sollte oder nicht. Ein ähnlicher Fall wurde in einem französischen »jeu-parti« zwischen Guillaume le Vinier und Gilles le Vinier verhandelt. Eine Dame hatte ihrem Liebhaber versprochen, als Lohn für treue Dienste eine Nacht lang mit ihm »ganz nackend« zusammenzuliegen, sich dabei aber mit Küssen und Umarmungen zu begnügen. Die Streitfrage lautete hier: Wer tut mehr für den anderen bei dieser Enthaltsamkeit, der Mann oder die Frau? Im deutschen Minnesang gab es bei Dietmar von Aist die Vorstellung des »törichten Beilagers«, die offenbar ähnlich gemeint war. Wie bei Andreas Capellanus war es die Dame, die diese Art der Liebesbeziehung ablehnte: »Was half es, daß er in Torenweise bei mir lag? Ich bin niemals seine Frau geworden!« In anderer Wendung findet man diesen Gedanken auch bei Reinmar dem Alten, der in einem Lied von der Erwartung sprach, daß ihm die Erfüllung seiner Liebe versagt bleiben würde, und der seine Dame bat,doch wenigstens »einmal so zu tun, als ob es Wirklichkeit wäre, und mich bei ihr liegen zu lassen und mir eine Zeitlang die Zärtlichkeiten zu erweisen, als ob es ernst wäre«29. Diesem Gedanken haftete jedoch überall etwas Skurriles und Hypothetisches an.
      In der erzählenden Literatur erscheint das Motiv des keuschen Beilagers manchmal mit komischen Akzenten. Als Parzi-val und Condwiramurs Hochzeit hielten, hinderte ihre Uner-fahrenheit sie daran, sich einander ganz hinzugeben. »Er lag so sittsam da, wie es heutzutage vielen Frauen nicht genügen würde.« Dieses Verhalten seines Helden nahm der Dichter zum Anlaß, sich boshaft über die Frauen auszulassen, die ihr Liebesverlangen hinter gesellschaftlicher Etikette versteckten. Damit kontrastierte Wolfram das Verhalten eines treuen Liebhabers, der endlich seinen Lohn erhielt und nun, während er bei der geliebten Frau lag, so zu sich sprach: »Diese Frau, der ich viele Jahre um Lohn gedient habe, hat mir Gewährung geschenkt. Jetzt liege ich hier. Bisher bin ich immer zufrieden gewesen, wenn ich mit meiner bloßen Hand ihr Kleid berühren durfte. Wenn ich jetzt meiner Begierde folgen würde, so wäre das eine Ungehörigkeit. Sollte ich sie jetzt nötigen und uns beiden Schande machen? Ein zärtliches Gespräch vor dem Schlaf, das ist edlen Frauen angemessen.« Diese Haltung des schüchternen Liebhabers läßt sich mit dem vergleichen, was Andreas Capellanus als amor purus beschrieben hat. Aber im Kontext der Erzählung von Parzivals Hochzeit war damit offenbar ein komischer Effekt beabsichtigt.
      In der erzählenden Dichtung führte höfische Liebe fast immer zur körperlichen Vereinigung. Unerfüllte Liebe begegnete hier nur in Ausnahmefällen, wenn die Dame die Liebe des Ritters nicht erwiderte (Ulrich von Liechtenstein: >FrauendienstHerzmaereParzival

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