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Das höfische gesellschaftsideal

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Ehebruch in der Literatur



Welche Bedeutung der Ehebruch als literarisches Motiv besaß, wird unterschiedlich bewertet. Die Ansicht, daß höfische Liebe in ihrer typischsten Form ehebrecherische Liebe gewesen sei, konnte sich auf Aussagen aus der höfischen Zeit berufen. Eine satirische Versdichtung des Stricker mit dem Titel >Die Minnesängen begann mit den Worten: »Früher, als man die Aufpasserei sehr tadelte und als mancher Hausherr es teuer bezahlte, daß er seine Ehefrau ohne Bedenken den Gästen vorführte, wenn sie dann nämlich ihre Treue vergaß und ihre Pflicht verletzte und ihre Ehe brach, da nannte man das hohe Minne.« Es wurde dann genau beschrieben, wie es zuging, wenn ein Minnesänger bei einem gastfreundlichen Herrn zu Tisch geladen war. »Während dieser dafür sorgte, daß es dem Gast an nichts fehlte, warb der Gast um die Ehefrau und machte sie ihrem Mann abspenstig.« Um die Frau seinen Wünschen geneigt zu machen, pries der Minnesänger ihr die veredelnde Wirkung der heimlichen Liebe: »Die heimliche hohe Minne, der wohnt so große Kraft inne, daß sie alle Tugenden vermehrt: sie adelt das Benehmen, sie vertreibt alles Bedrückende, sie verleiht den Gedanken Größe, sie gibt dem Leben Würde, sie ist ein Vorklang der Glückseligkeit.« Von dem Verfasser wurden derartige Aus-führungen, die nur den Zweck hatten, die Frau zum Ehebruch zu verleiten, als »Afferei und Betrug« verurteilt. Als Gegenmittel wurde dem Ehemann empfohlen, seine Frau, falls sie solchen Werbungen keinen entschiedenen Widerstand entgegensetzte, einzuschüchtern und streng zu überwachen. Die Minnesänger aber sollte er so bewirten, wie sie es verdienten. »Wenn ein Gast das für Höfischheit hält, daß dem Wirt von einem höfischen Mann eine Schmach an seiner Frau angetan wird, so wäre es ein guter Gegenzug, wenn der Wirt den Gast so behandelte, wie er es verdient, und ihm zu verstehen gäbe, was seine Höfischheit wert ist. Wenn er sich nämlich zu Tisch setzte und gerne essen und trinken würde, so wäre es sehr passend, daß man ihm schöne Blumen, Laub und Gras auftrüge, die immer die Freude der Höflinge waren; dazu einen Vogel, der schön singen kann und einen Quell, der unter einer schönen Linde entspringt. Dann könnte er merken, wie große Freude das alles macht, wovon er ständig singt.« Dieselben Vorwürfe wurden in einer Strophe aus dem D.Jahrhundert erhoben, die von einer Dichterin oder einem Dichter namens Gedrut oder Geltar stammte. Der Verfasser warnte die Herren von Mergers-dorf vor den Verführungskünsten, die ihren Ehefrauen durch einige namentlich genannte Sänger drohten: »Wenn ich einen Knecht hätte, der von seiner Herrin sänge, der müßte mir deutlich ihren Namen nennen, damit niemand glauben müßte, es wäre meine Ehefrau. Alram, Ruprecht, Friedrich, wer hätte euch das zugetraut, daß ihr die Herren von Mergersdorf so betrügt? Würde Gericht gehalten, so ginge es euch ans Leben. Ihr seid zu feist, als daß man euch glauben könnte, daß ihr die Liebesschmerzen erleidet, von denen ihr klagt. Wenn es jemand ernst wäre mit so großer Minnesehnsucht, der wäre in Jahresfrist tot.« Welchen Zeugniswert solche Aussagen im Hinblickauf die Wirklichkeitsgrundlagen der Minnelyrik besitzen, ist schwer auszumachen. Wenn man die Liebesbeteuerungen der Minnesänger wörtlich nahm, ließ sich das Motiv der Heimlichkeit der Liebe leicht zum Verdacht ehebrecherischer Beziehungen ummünzen. Vielen Trobadors sind in den Biographien und Liedkommentaren , die nachträglich aus ihren Liedern kompiliert worden sind, ehebrecherische Liebesverhältnisse angedichtet worden. In Konrad Bollstatters >Losbuch< aus dem 15. Jahrhundert sind drei bekannte Minnesänger der höfischen Zeit - Heinrich von Morungen, Wolfram von Eschenbach und Reinmar von Brennenberg; dazu als vierter der sonst unbekannte Fuß der Buhler - unter der Ãoberschrift »Die vier Buhler« in Bildern dargestellt: alle vier sind damit beschäftigt, Frauen zu verführen.


      Die Minnelieder selber boten solchen Verdächtigungen nur wenig Nahrung. Von den Trobadors wurde gelegentlich »der Ehemann« oder »der Eifersüchtige« erwähnt: in diesen Fällen war die umworbene Dame offenbar als verheiratet gedacht. Ein offenes Bekenntnis zum Ehebruch hat es nur in den französischen »Liedern der schlecht-Verheirateten« gegeben. »Mein Ehemann ist zu eifersüchtig, zu eingebildet, tückisch und anmaßend. Aber er wird bald ein Hahnrei sein, wenn ich meinen süßen Freund treffe, der so höfisch und so zärtlich ist.« In der deutschen Minnelyrik ist diese Thematik vollständig ausgespart worden. Charakteristisch für die Liebesdarstellung in der Lyrik ist hier die gewollte Unbestimmtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse. Nicht einmal die Tagelieder, für die das Motiv der Heimlichkeit und Gefährlichkeit der Liebe gattungskonstitutiv war, haben darin eine Ausnahme gemacht. Die persönlichen und familiären Verhältnisse der adligen Frau, die den Ritter nachts in ihrer Kemenate empfing, blieben unberührt; die merkwürdige Vertrautheit der Dame mit dem Wächter auf der Zinne der Burg blieb unerklärt. Wenn man die Tageliedsituation realistisch deuten wollte - wiees Ulrich von Liechtenstein im >Frauendienst< getan hat -, dann konnte man sich fragen, ob das Komplott des Wächters mit den Liebenden nicht dessen Untreue gegenüber dem Burgherrn bezeugte. Liechtenstein hat deswegen den Wächter durch ein Hoffräulein ersetzt, das nur seiner Herrin gegenüber loyal zu sein brauchte. Dieser Einfall zeigt aber nur, daß eine realistische Interpretation der Liebessituation den besonderen Gegebenheiten in der Lyrik nicht gemäß war. Gerade das Verschweigen der konkreten gesellschaftlichen Bedingungen hat den eigenen poetischen Charakter der Liebe in den Liedern der Minnesänger hervorgebracht.
      In der erzählenden Literatur dagegen hatte der Ehebruch einen festen Platz. Er begegnet vor allem dort, wo in einer unernsten Weise von der Liebe erzählt wurde, hauptsächlich in den Schwankerzählungen, die bereits im 13. Jahrhundert zu den beliebtesten Formen der Literatur gehörten. In vielerlei Varianten war der Ehebruch geradezu das komische Hauptmotiv dieser Gattung. Dagegen ist in der ernsthaften Literatur eine deutliche Zurückhaltung gegenüber diesem Thema zu bemerken, in Deutschland noch mehr als in Frankreich. In den höfischen Versnovellen war öfter von der Liebe eines adligen Ritters zu einer verheirateten Dame die Rede. Dabei war die Sympathie der Autoren immer auf Seiten des Liebespaares, und die moralischen Aspekte ihrer Handlungsweise wurden ausgeklammert. Der Akzent lag in diesen Erzählungen fast immer auf der Reinheit und Größe der Liebe, die sich gegen die Verdächtigungen und Nachstellungen durch den Ehemann und die Gesellschaft behaupten mußte. Dabei wurde der Ehebruch selbst in den meisten Fällen mit auffallender Scheu behandelt. Entweder kam es überhaupt nicht dazu, weil der Geliebte sein Leben ließ, bevor sich eine Gelegenheit zur körperlichen Vereinigung der Liebenden ergeben hatte: so war es zum Beispiel in der >Frau-entreue< und im >Herzmaere< von Konrad von Würzburg. Oder die ehebrechende Frau war mit einem Ungläubigen verheiratet - so war es in der >Heidin< - und heiratete anschließend ihren christlichen Geliebten; dann konnte der Bruch der Ehe geradezu als eine verdienstvolle Tat gewertet werden. Oder der Ehebruch spielte sich - wie im >Moriz von Craün< - als eine Art Vergewaltigung ab, gegen den Willen der Frau, die zwar zunächst bereit gewesen war, dem Geliebten den vollen Lohn ihrer Liebe zu gewähren, sich dann jedoch anders besonnen hatte und nun von dem enttäuschten Liebhaber durch das ge-waltsame Beilager bestraft wurde. Häufig ging es in diesen Erzählungen um einen bestimmten Fall, um ein bestimmtes Problem des Minneverhaltens. Im >Moriz von Craün< lief die Handlung auf die Frage zu, wie eine Frau sich verhalten sollte, wenn sie beim verabredeten Stelldichein den Geliebten schlafend antraf. In der >Heidin< wurde die Frage aufgeworfen, welchen Teil der Ritter wählen sollte, wenn seine Geliebte ihm die Wahl zwischen ihrer oberen und ihrer unteren Hälfte ließ. Solche Minnekasuistik erfreute sich offenbar großer Beliebtheit beim höfischen Publikum. Im Rahmen derartiger Erörterungen wurde der Ehebruch zu einem theoretischen Fall, den man durchspielen und diskutieren und episch ausgestalten konnte, ohne auf die moralischen Implikationen einer solchen Situation eingehen zu müssen.
      Im höfischen Roman war der Ehebruch ein seltenes Motiv; und er wurde, wo er vorkam, meistens negativ bewertet. In Ottes >Eraclius< zum Beispiel hat die Kaiserin Athanais ihre ehebrecherische Liebe zu Parides selber als »Untat« verurteilt. Immerhin stand das Ehebruchmotiv im Mittelpunkt von zwei der berühmtesten Epen aus dem Stoffkreis der keltischen Sagen, des Lancelot- und des Tristanromans. Der Prominenz dieser beiden Geschichten ist es zuzuschreiben, daß der Eindruck entstand, als sei der Ehebruch ein zentrales Thema der höfischen Epik gewesen. In Wirklichkeit hat man sich jedoch dieser heiklen Thematik gegenüber sehr vorsichtig verhalten, besonders in Deutschland. Der >Lancelot< von Chretien de Troyes, der die ehebrecherische Liebe des Helden zur Königin Guenievre zum Gegenstand hatte, war das einzige Werk des großen französischen Epikers, das nicht ins Deutsche übertragen worden ist. Ob das mit der Ehebruchthematik zusammenhing, ist nicht zu entscheiden. Jedenfalls wurde schon am Ende des 12. Jahrhunderts von Ulrich von Zatzikhoven ein anderer französischer Lancelotroman übersetzt, in dem das Ehebruchmotiv fehlte. Ãober die Interpretation von Chretiens >Lancelot< gehen die Ansichten in der Forschung heute weit auseinander. Wollte der Dichter die höfische Liebe verherrlichen, die stärker war als alle Gebote der Moral? Oder wollte er sich von einer solchen Liebe ironisch distanzieren? Die Tatsache, daß das Werk unvollendet geblieben ist, macht die Antwort auf diese Fragen nicht leichter. - Der französische >Tristan

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Ehebruch  der  Literatur    





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