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Das höfische gesellschaftsideal

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Ehebruch in der Gesellschaft



Wie häufig Ehebruch in der adligen Gesellschaft vorkam, ist nicht leicht zu entscheiden. Einige berühmte Fälle sind in die Geschichtsschreibung eingegangen, vor allem wohl wegen der drakonischen Strafen, die der betroffene Ehemann in Selbstjustiz verhängte. Auf Befehl Herzog Ludwigs

II.

von Bayern wurde im Jahr 1256 seine Frau, Maria von Brabant, auf den bloßen Verdacht des Ehebruchs hin enthauptet. Diese Tat, die dem Herzog den Beinamen »der Strenge« eintrug, ist in vielen Geschichtswerken vermerkt und meistens negativ kommentiert worden. Besonders scharf war der Protest des Spruchdichters Stolle, der die Herzogin als »Märtyrerin« verherrlicht und der heiligen Katharina an die Seite gestellt hat. Im Jahr 1175 überraschte Graf Philipp von Flandern seine Frau, Elisabeth von Vermendois , mit dem Ritter Gautier de Fontaines und ließ diesen, wie Benedikt von Peterbo-rough berichtete, fesseln und foltern, mit Knütteln und Schwertern schlagen und »den Halbtoten mit dem Kopf nach unten über einer Kloake aufhängen«148, bis der Tod eintrat. Zum Jahr 1230 meldeten die Annalen von Worcester: »Llewellyn lud zu Ostern Wilhelm von Braose, den er des Ehebruchs mit seiner Frau verdächtigte, hinterlistig ein, schnitt ihm die Gliedmaßen ab und hängte ihn am Galgen auf.« Das Abschneiden der Geschlechtsteile war offenbar als Strafe für den Ehebruch be-liebt. Matthäus von Paris berichtete zum Jahr 1248, daß der Ritter Godfrey de Millers das Haus eines anderen Adligen betrat, »in der Absicht, bei dessen Tochter zu liegen«150. Dabei wurde er, mit Hilfe des Mädchens, »die fürchtete, als Kebse betrachtet zu werden«151, ertappt, geschlagen und kastriert. Der Chronist nannte das Mädchen eine »kleine Hure« und bewertete die Bestrafung als »unmenschliches Verbrechen«153. Der König verfügte, daß alle, die daran beteiligt waren - darunter der Vater des Mädchens -, unter Einzug ihres Vermögens verbannt wurden. Es hat noch weitere Fälle gegeben, und entsprechend größer dürfte die Zahl der Ehebrüche gewesen sein, die nicht ans Tageslicht gekommen sind. Im ganzen gewinnt man jedoch den Eindruck, daß derartige Skandale so selten waren, daß es für wert gehalten wurde, darüber in Chroniken zu berichten. Man möchte vermuten, daß es sich mit dem Ehebruch nicht viel anders verhielt als mit den Fällen ehelicher Liebe, die ebenfalls, als bestaunenswerte Ausnahmefälle, von den Geschichtsschreibern verzeichnet worden sind. Eine Toleranz gegenüber dem Ehebruch hat es in der Adelsgesellschaft dieser Zeit nicht gegeben. Das Risiko, das die Ehefrau, aber auch der Liebhaber dabei eingingen, war im Gegenteil so groß, daß vermutlich nur wenige dazu bereit waren.


      Für die Häufigkeit des Ehebruchs könnte noch geltend gemacht werden, daß dieser Fall in den Bußbüchern der Zeit so oft besprochen worden ist. Die Verfasser solcher Bücher haben dabei an alle möglichen Paarungen gedacht: daß die Ehebrecher beide verheiratet waren oder nur einer von ihnen, daß der Ehebruch mit einem Kleriker oder einer Nonne begangen wurde, mit einem Witwer oder einer Witwe, mit der Schwester der Ehefrau, mit einer Jungfrau, mit einer Magd, mit der Ehefrau oder der Tochter des Nachbarn, mit einer Jüdin oder einer Heidin und so weiter. Schon diese Aufzählung zeigt, daß es in den meisten Fällen um die sexuellen Freizügigkeiten der Männer ging. Obwohl die Bußbücher den Grundsatz vertreten haben, daß Unzucht des Mannes nicht anders zu beurteilen sei als Unzucht der Frau, ist aus manchen Einzelbestimmungen zu erkennen, daß die tatsächlich bestehenden Unterschiede der Sexualmoral auch von den Theologen in Rechnung gestellt wur-den. So hieß es zum Beispiel in der Bußordnung der aus Deutschland stammenden Handschrift Codex Vaticanus 4772 über eine verbotene Stellung beim Geschlechtsverkehr: »Hast du deiner Ehefrau oder einer anderen Frau von hinten beigeschlafen, wie es die Hunde tun? Wenn du es getan hast, sollst du zehn Tage bei Wasser und Brot büßen.« Der Formulierung nach war es in dieser Sache von zweitrangiger Bedeutung, ob der Mann seiner eigenen Frau oder einer anderen beigewohnt hatte. Entsprechende Formulierungen in bezug auf das Verhalten der Frauen sind in den Bußbüchern nirgends zu finden.
     

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Ehebruch  der  Gesellschaft    





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