Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Das höfische gesellschaftsideal

Index
» Das höfische gesellschaftsideal
» Die Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe

Die Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe



Seit man sich mit dem Phänomen Höfische Liebe beschäftigt, gilt der Gedanke, daß diese Liebe sich nur außerhalb der Ehe voll verwirklichen könne, als ein besonders auffallendes und besonders anstößiges Merkmal. Man hat geradezu vom ehebrecherischen Charakter der höfischen Liebe gesprochen und hat die Lyrik der Trobadors und Minnesänger als Ehebruchspoesie charakterisiert.

      Die These von der Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe beruft sich in erster Linie auf Andreas Capellanus, speziell auf den siebenten Dialog, in dem der hochadlige Herr und die adlige Dame darüber stritten, ob die Liebe einer verheirateten Frau zu ihrem Ehemann ein hinreichender Grund sei, um einen Liebhaber abzuweisen, was von der Dame bejaht, von dem Herrn dagegen mit folgenden Worten bestritten wurde: »Ich bin doch sehr erstaunt, daß ihr für die eheliche Zuneigung, die alle Verheirateten nach der Hochzeit füreinander haben sollen, den Namen der Liebe in Anspruch nehmen wollt, da doch klar ist, daß zwischen Ehemann und Ehefrau die Liebe keinen Platz beanspruchen kann.« Zur Begründung dieser Ansicht führte der adlige Herr aus, daß der »ehelichen Liebe« die Heimlichkeit fehle und daß es zwischen Ehemann und Ehefrau keine Eifersucht gebe. Dem moralischen Einwand der Frau, daß nur in der Ehe Liebe »ohne Sünde« möglich wäre, hielt der Mann entgegen, daß auch in der Ehe das geschlechtliche Vergnügen, das »über den Wunsch nach Kindern und die Ableistung der ehelichen Pflicht« hinausginge, »nicht ohne Sünde sein kann«94. Die Streitfrage, »ob wahre Liebe zwischen Verheirateten einen Platz haben könne«95, wurde schließlich der Gräfin von Champagne vorgetragen, die darauf - in einem auf den 1. Mai 1174 datierten Brief - mit dem berühmten Urteilsspruch antwortete: »Wir verkünden und setzen unverrückbar fest, daß die Liebe zwischen zwei Eheleuten ihre Macht nicht entfalten kann.« Die Gräfin begründete diesen Spruch damit, daß nur Liebende sich einander freiwillig hingäben, während Eheleute unter dem Gebot gegenseitiger Pflichtleistung stünden. Ferner könnte durch den Vollzug des ehelichen Verkehrs »keiner von beiden an Tugendhaftigkeit zunehmen«97. Außerdem gäbe es keine Eifersucht zwischen Eheleuten. In demselben Sinn 'wie die Gräfin von Champagne hat sich,nach Andreas Capellanus, auch die Vizegräfin Ermengarde von Narbonne geäußert, als sie mit dem Fall befaßt wurde, daß eine Dame nach ihrer Eheschließung eine frühere Liebesbeziehung nicht fortführen wollte. »Das falsche Verhalten dieser Frau wurde von Frau Ermengarde von Narbonne mit den Worten verurteilt: Ein neu eingegangener Ehebund beendet nicht eine frühere Liebe.« Am Schluß des zweiten Buches von >De amo-re< hat Andreas Capellanus 31 »Regeln der Liebe« zusammengestellt, die der Gott der Liebe erlassen hatte. Die erste Regel lautete: »Die Ehe ist kein zureichender Grund, sich der Liebe zu entziehen.« Welche Bedeutung diese Aussagen von Andreas Capellanus besitzen, ob sie eine Auffassung widerspiegeln, die damals in der adligen Hofgesellschaft verbreitet war, oder ob sie eher als Ausdruck eines skurrilen Geistes zu verstehen sind, ist - wie so vieles in der »amour-courtois«-Forschung - heftig umstritten. Andreas Capellanus stand mit seiner Ansicht jedenfalls nicht ganz alleine.
      Abaelard berichtete in seiner >Leidensgeschichte< , daß seine Geliebte Heloise, nachdem sie ein Kind von ihm geboren hatte, sich weigerte, seine Ehefrau zu werden, indem sie sagte, »daß es ihr lieber sei und für meinen Ruf besser, wenn sie meine Geliebte und nicht meine Ehefrau heiße, damit ich alleine durch Liebe ihr erhalten bliebe und nicht der Zwang des Ehebands mich an sie bände«101. In ihrem ersten Brief an Abaelard - die Frage der Authentizität der Briefe wird hier ausgeklammert - hat Heloise diese Auffassung bestätigt: »Gott ist mein Zeuge, ich habe in dir niemals etwas anderes gesucht als dich; dich alleine habe ich begehrt und nicht deinen Besitz.« »Auch wenn der Name Ehefrau heiliger und höher scheint, süßer war mir immer der Name der Freundin oder - wenn du es nicht für unwürdig hältst - der Name einer Konkubine oder Dirne.« Unter den Gründen, »warum ich der Liebe vor der

Ehe den Vorzug gegeben habe und der Freiheit vor der Fessel«104, standen für Heloise Freiwilligkeit und Selbstlosigkeit der Liebe obenan.
      Nach Richard de Fournival gab es verschiedene Arten von weltlicher Liebe. »Es gibt eine weltliche Liebe, die aus der Gewalt der Natur kommt, und eine Liebe, die einfach aus dem Willen des Herzens erwächst.« Die Liebe als Zwang der Natur war für den Autor die Liebe zwischen Verwandten und Eheleuten. »Es ist die Liebe unter Angehörigen, wie man seinen Vater liebt und seine Mutter, seine Brüder, seine Eltern, seine Verwandten und seine Ehefrau.« Diejenige Liebe dagegen, die im freien Willen des Herzens wurzelte, war die geschlechtliche Liebe »zwischen Mann und Frau«107. Diese Liebe war es, die die Liebenden, wenn ihr Herz voll hohem Edelmut •war, mit allen höfischen Tugenden begabte. »Die eheliche Liebe ist eine Liebe der Pflicht; die Liebe, von der ich hier spreche, ist eine Liebe der Gunst. Obwohl es höfisch ist, zu bezahlen, wozu man verpflichtet ist, ist es dennoch keine Liebe, für die man so viel Dank schuldet wie für die Liebe, die aus der Gunst und aus der reinen Freimütigkeit des Herzens kommt.«

   Ähnliche Argumente begegnen in einigen provenzalischen und französischen Streitgedichten, in denen es um die Frage ging, ob es besser sei, der Geliebte oder der Ehemann der verehrten Dame zu sein. Zugunsten der Ehe wurden meistens die praktischen Vorteile ins Feld geführt; zugunsten der Liebe wurde in dem Partimen zwischen Gui d'Uisel und Elias d'Uisel vorgebracht, daß nur die freischenkende Liebe den Mann in seinem Wert erhöhe. »Die Sache, durch die man sich bessert, Herr Elias, halte ich für besser, und die für schlechter, durch die man immer tiefer sinkt. Wegen der Dame wächst der Wert und wegen der Ehefrau verliert man an Wert;wegen der Verehrung einer Dame wird man geschätzt und wegen der Verehrung einer Ehefrau verspottet.«

   Aus Deutschland gibt es nichts Vergleichbares. Das hat wohl daran gelegen, daß die Textsorten, die sich zur Erörterung derartiger Fragen anboten - minnetheoretische Schriften und Streitgedichte - in Deutschland kaum rezipiert worden sind. Daß aber auch hier die Trennung von Liebe und Ehe bekannt war, bezeugt die komische Variante dieses Motivs im >Frauen-dienst< von Ulrich von Liechtenstein. Der Sänger, der sich im Dienst für seine Dame verzehrte, war nebenher auch ein glücklicher Ehemann, wenn auch die Strapazen des Minnedienstes es ihm nur selten erlaubten, mit seiner Frau zusammen zu sein. Eine solche Gelegenheit bot sich, als er im Jahr 1227 als Frau Venus verkleidet durch das Land zog und in die Nähe seines Stammsitzes kam. »Ich machte mich sogleich heimlich auf und ritt voll Freude dahin, wo ich meine herzensgeliebte Ehefrau antraf. Sie war mir die liebste.« Drei Tage lang genoß er »die Bequemlichkeit und das Glück« des ehelichen Lebens, bis ihn der Minnedienst wieder abberief. An anderer Stelle hat Liechtenstein gesagt, daß seine Ehefrau ihm »über alles ging, obwohl ich doch zur Herrin über mich eine andere Frau hatte«112.
      Liechtensteins komische Selbstdarstellung zeigt, wie die These von der Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe zu verstehen ist. Nicht in dem Sinn, daß man zwischen Liebe und Ehe wählen müßte. Liechtenstein war ein vorbildlicher Minnediener und zugleich ein glücklicher Ehemann. Beides ließ sich offensichtlich sehr gut miteinander vereinbaren. Gemeint war vielmehr, daß die freischenkende Liebe einen anderen Charakter, eine andere Qualität besaß als die geschuldete eheliche Liebe: dieser Gedanke fand offenbar weithin Zustimmung. Darauf zielte auch der Urteilsspruch der Gräfin von Champagne: zwischen Eheleuten war Liebe aus freiem Herzen, wie zwischen Liebenden, nicht möglich. Darin lag eigentlich keine Aufforderung zum Ehebruch und keine Rechtfertigung des Ehebruchs, son-dem nur die Anerkennung der grundsätzlichen qualitativen Verschiedenheit der Beziehung zwischen Mann und Frau innerhalb und außerhalb der Ehe. Daraus konnte abgeleitet werden, daß es Verheirateten offenstand, eine Liebesbeziehung einzugehen. Anders gesagt: eine Liebesbeziehung wurde nicht davon berührt, ob die Liebenden verheiratet waren oder nicht. Die Frage, ob beides Liebe genannt werden sollte oder ob man das Wort Liebe nur für die freiwillige Liebe in Anspruch nahm und die Bindung der Eheleute als »eheliche Zuneigung« bezeichnete, war demgegenüber von sekundärer Bedeutung und wurde verschieden beurteilt. Richard de Fournival hat treffend von einer »Liebe der Pflicht« und einer »Liebe der freien Gunst» gesprochen. Auch eine eheliche Beziehung konnte höfisch sein. Die charakteristischen Qualitäten der höfischen Liebe traten jedoch nur da zutage, wo die Liebe aus freiem Herzen gewährt wurde.
     

 Tags:
Die  Unvereinbarkeit  Liebe  Ehe    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com