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Das höfische gesellschaftsideal

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» Die ungleiche Geschlechtsmoral

Die ungleiche Geschlechtsmoral



»Man soll es den Männern erlauben, aber nicht den Frauen.« Diese Worte aus einem Minnelied von Albrecht von Johansdorf könnten als Motto über einer Darstellung der mittelalterlichen Sexualethik stehen. Von der Hochzeitsnacht des Kaisers Focasmit Athanais wurde erzählt: »Er legte die schöne junge Dame in sein Bett, und dann spielte er auf ihr den höchsten Einsatz eines Spiels, auf das er sich gut verstand, während sie das vorher nie getan hatte.« Es schien selbstverständlich zu sein, daß der Mann mit sexuellen Erfahrungen in die Ehe ging, während von der Frau erwartet wurde, daß sie unberührt war. König Herwig von Seeland wollte seine Braut Kudrun gleich nach der Verlobung als seine Frau heimführen. Kudruns Mutter widersetzte sich dieser Absicht jedoch mit dem Argument, sie wolle die Tochter erst noch auf die neue Rolle als Königin vorbereiten. »Man gab Herwig den Rat, die Braut dort zu lassen und sich ein

Jahr lang die Zeit anderswo mit schönen Frauen zu Vertraue

   ben.«
Hinter solchen Ansichten stand die Lehre der Moraltheologen und Dekretisten, daß Männer und Frauen aufgrund ihrer verschiedenen körperlichen Beschaffenheit ein unterschiedliches Sexualverhalten zeigten und daher auch unterschiedlichen Normen des Handelns unterworfen seien. Bei den Männern galt der Geschlechtstrieb als »natürliches Verlangen« . Der Rechtslehrer Huguccio schrieb am Ende des
12. Jahrhunderts: »Der Mann wird nämlich durch das natürliche Verlangen der Sinnlichkeit dazu bewegt, daß er sich fleischlich mit der Frau vereint.« Bei den Frauen dagegen wurde das geschlechtliche Begehren aus ihrer schwächeren Konstitution erklärt und mit ihrer geringeren Widerstandskraft gegenüber den Versuchungen der Sünde in Zusammenhang gebracht. Der Satz des Kirchenvaters Hieronymus: »Die Geschlechtslust erregt in Jungfrauen eine größere Begierde, weil sie für süßer halten, was sie nicht kennen«167, wurde im
13. Jahrhundert von den Dekretisten zitiert. Der Kardinal Ho-stiensis sprach von »der Frau, deren Gefäß immer bereit ist«168. Deswegen sollte die Frau einer strengen Aufsicht unterliegen. Auf die Frage, »warum von der Frau mehr gefordert wird als vom Mann«169, antwortete Papst Innozenz

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, daß dem Ehemann erlaubt sei, mit mehreren Frauen zu verkehren, der Ehefrau dagegen nicht der Umgang mit mehreren Männern. »Es schadet nicht, wenn ein Mann sein Fleisch unter vielen teilt. Wenn aber eine Frau ihr Fleisch unter vielen teilt, erlischt in ihr das Sakrament.« Für diese Ungleichheit hatte bereits Augustinus eine biblische Rechtfertigung genannt: unter den Patriarchen habe ein Mann mehrere Frauen gehabt, aber nicht eine Frau mehrere Männer. »Und das verstößt nicht gegen die Natur der Ehe. Mehrere Frauen können nämlich von einem Mann befruchtet werden, aber nicht eine Frau von mehreren Männern.«

   Diese doppelte Moral ist von Andreas Capellanus auf die höfische Liebe angewandt worden. Andreas wandte sich gegen »die alte Auffassung«172, »daß ganz dasselbe gelten sollte im Fall einer Frau, die einen Treuebruch begeht, wie für einen ungetreuen Liebhaber«173. Auch in der höfischen Liebe sollte die Ungleichheit der Geschlechter bestehen bleiben. »Wir werden niemals zugestehen, daß einer Frau vergeben werde, die sich nicht schämt, sich in fleischlicher Lust mit zwei Männern zu vereinen. Bei Männern wird dies wegen des häufigen Vorkommens gestattet und wegen des Vorrechts des männlichen Geschlechts, das den Männern zugesteht, alles natürlich Sittliche in dieser Welt freier zu begehen. Bei Frauen wird es, wegen der Schamhaftigkeit ihres sittsamen Geschlechts, so sehr für eine Untat gehalten, daß eine Frau, die mehrere Liebesverhältnisse eingegangen ist, als eine unreine Hure angesehen wird und nach allgemeinem Urteil unwürdig ist, sich dem Kreis der übrigen Damen zuzugesellen.« Im dritten Buch von >De amore< hat


Andreas Capellanus diesen Gedanken noch ironischer formuliert: »Während bei Männern, wegen der Dreistigkeit ihres Geschlechts, ein Ãobermaß an Liebe und Unzucht toleriert wird, wird es bei Frauen für ein verdammenswürdiges Verbrechen gehalten.«

   Der ungleiche Standard der Beurteilung schlug sich im gesellschaftlichen Ansehen nieder. Die Didaktiker haben gewußt, »wie sehr die Sitte der Frauen und der Männer unterschieden ist: ihre Schande ist unsere Ehre. Was die Frauen herabwürdigt, das betrachten wir als Krönung. Wenn ein Mann sehr viele Frauen erobert, so tut das seinem Ansehen keinen Abbruch. Dagegen verzichten Frauen, die auf ihr Ansehen achten und die Schande meiden, wenn sie einen guten Freund haben, gewöhnlich auf andere Männer.« Von den Minnesängern wurde dieser Gedanke den Frauen in den Mund gelegt: »Wenn ich euch Gewährung schenkte, würdet ihr den Ruhm davon haben und ich den Spott.«1

  

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